ROM, Samstag, der 15. November 2014
Julius Müller-Meiningen

Begegnung im Goldenen Käfig

Ein Besuch beim Papst beginnt für Wahlrömer schon in den Tagen zuvor. Von der italienischen Verwandtschaft bekommt man zu segnende Rosenkränze zugesteckt und detaillierte Gebetswünsche übermittelt. Römische Mütter versehen den vom vatikanischen Pressesaal Auserwählten mit Fotos ihrer Kinder. Mit prall gefüllten Hosentaschen und allerlei Talismanen macht man sich an einem Herbstmorgen also auf zu Seiner Heiligkeit in den Apostolischen Palast.

Papst Franziskus. Quelle: presidencia.gov.ar

Bekanntlich hat Papst Franziskus nicht den Apostolischen Palast, sondern das vatikanische Gästehaus Santa Marta als Wohnsitz und Büro gewählt, und man versteht jetzt auch warum. Staatsgäste empfängt er dennoch im Apostolischen Palast. An diesem Tag ist der Österreichische Bundespräsident Heinz Fischer zum Staatsbesuch da. Das vatikanische Hofzeremoniell gibt zu diesem Anlass eine unvergessliche Kostprobe seiner Opulenz.

Die Schweizer Garde mit ihren bunten Michelangelo-Uniformen hat sich im Damasus-Hof zum Ehrenspalier aufgestellt, der Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein nimmt den Gast freundlich in Empfang. Dann geleitet ein Diener in Livree die Besucher in einem knarzenden, holzvertäfelten Lift in die zweite Loggia des Apostolischen Palastes. Das päpstliche Appartement im Stockwerk darüber steht seit mehr als eineinhalb Jahren leer. Franziskus sagte, er brauche Menschen um sich. Den Hofstaat und sein Zeremoniell bezeichnete er als „Lepra des Papsttums“. Seinem Vorgänger Benedikt XVI., so behaupten nicht wenige, wurde das päpstliche appartamento zum goldenen Käfig.

Gemeinsam durchschreitet die Delegation berühmte und mit Fresken ausgeschmückte Säle, darunter die Sala Clementina, in der sich Benedikt XVI. nach seinem Rücktritt von den Kardinälen verabschiedete. Vor dem Zug bewegen sich im würdigen Gleichschritt zwölf päpstliche, mit Orden und Frack herausgeputzte Ehrenmänner voran, sogenannte Gentiluomini. Die Mitglieder der Delegation bekommen ebenfalls einen päpstlichen Begleiter zur Seite gestellt. Das Protokoll sei lockerer geworden unter Franziskus, heißt es im Vatikan. Für Außenstehende wirkt es so überirdisch wie eh und je. In den weiten Hallen huschen Monsignori über die Gänge. Schweizergardisten schlagen laut die Hacken zusammen. Man ist hin und hergerissen zwischen dem Blick auf die prachtvollen Marmorböden und die eindrucksvollen Fresken an den Decken.

Dann steht rechts der Papst. Beinahe unbemerkt ist Franziskus in den Saal gekommen. Er wirkt eher klein, sein Bauch wölbt sich gemütlich unter der weißen Soutane. Der Blick ist auf den Gast gerichtet. Händeschütteln, Blitzlichtgewitter. Es ist in diesem Moment trotzdem nicht schwierig, sich den einfachen Priester Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien vorzustellen. Selbst in diesem hoch offiziellen Moment wirkt das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken nahbar, irgendwie zum Anfassen. Wahrscheinlich ist es dieser milde Blick, der ihn in der unmittelbaren Begegnung so wenig furchtbar macht. „Herzlich Willkommen“, sagt der Papst auf Deutsch.

Als er nach seinem Alltag gefragt wird, antwortet Franziskus wieder auf Deutsch: „Viel, viel Arbeit“, sagt er. Müde wie auf manchen offiziellen Terminen wirkt der 77-Jährige an diesem Morgen nicht, eher bedächtig und geduldig. Aus dem Vier-Augen-Gespräch mit dem Staatspräsidenten wird berichtet, Franziskus habe sich „sehr zufrieden“ über den Verlauf der viel beachteten Bischofssynode gezeigt, in der vor wenigen Wochen konservative und weniger konservative Bischöfe über den Kurs der katholischen Kirche stritten.

Die versilberten Telefone in der päpstlichen Bibliothek, die auf ein rotes Samtkissen gebetteten Rosenkränze und die mit päpstlichen Wappen versehenen Lichtschalter fallen am Ende kaum noch auf. Drei Gummibäume stehen etwas verwaist im Raum, auch so etwas gibt es im Vatikan. Dann begrüßt Franziskus die Presse. Brav wird Schlange gestanden. Der Handschlag Seiner Heiligkeit ist eher sanft, der Blick freundlich, beinahe etwas schüchtern und aufmerksam.

Am linken Handgelenk trägt der Papst eine Uhr mit schwarzem Plastikarmband. Unter der Soutane ragen die berühmten schwarzen Orthopädie-Schuhe heraus. Wieder wirkt der mächtige Franziskus wie der freundliche Priester von nebenan. Ob er den Lesern eine Nachricht übermitteln wolle? „Große, große Hoffnung“, dies solle man ausrichten, kann Franziskus noch sagen. Dann bricht der Protokollchef die Begegnung ab. Der Blick des Papstes bleibt. Er lächelt und hebt die Hand zum Gruß.

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