MADRID, Dienstag, der 29. September 2015
Reiner Wandler

Der Spanier und sein Auto

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“Das Auto nicht” heisst ein Song der Madrider Hip Hop Band Def con Dos, der das Verhältnis der Spanier zu ihrem fahrbaren Untersatz auf den Punkt bringt: “Ich werde dich nicht zurückhalten, wenn Du meine Kinder verhaust, (…) ich werde es dir nicht krumm nehmen, wenn du mein Haus abbrennst (…), hab Spass daran, meine Frau zu quälen (…), aber Vorsicht, mach keinen Fehler, egal was du tust, verkratz mir nicht den Wagen, das Auto nicht, nein, nein, nein.”

Der Spanier kann noch so pleite sein, der PKW ist wichtig und heilig. Selbst wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut ans Ziel käme, bevorzugt es im Auto zu fahren. Alleine versteht sich. Der Nachbar, obwohl an der gleichen Arbeitsstätte tätig, fährt ebenfalls im eigenen Wagen. Was sollen denn die anderen denken? Durchschnittlich geben die Spanier 18 Mal soviel für den Unterhalt ihres PKWs aus, wie für öffentliche Verkehrsmittel.

Dabei wird nicht etwa der Tank gefüllt und dann leergefahren. Viele haben bis heute die Angewohnheit für zehn Euro zu tanken, und das muss dann für die Woche reichen. Vor der Währungsumstellung waren es 1000 Peseten. Am Monatsende, wenn Schmalhans Küchenmeister ist, füllen sich die öffentlichen Verkehrsmittel. Viele merken dann plötzlich, dass die Reise im Nahverkehrszug oder der U-Bahn billiger kommt, zumal die Parkgebühr entfällt. Warum sie nicht den restlichen Monat über sparen und das Geld für z.B. einen längeren Ausflug mit Familie am Wochenende im stolzen Wagen ausgeben? Gute Frage. Nur eine Antwort darauf kennt leider niemand.

Der durchschnittliche Spanier liebt einfach seinen PKW. Er war einst in den letzten Jahren der Franco-Diktatur das Symbol für etwas Wohlstand, für ein Leben wie nördlich der Pyrenäen. Bis heute ist für viele ein Leben ohne eigenes Fahrzeug undenkbar.

Junge Paare – vor allem in ländlichen Gegenden – verbringen ihre Freizeit damit, durch die Landschaft zu fahren. Mangels eigener Wohnung dient der Untersatz auch für das Schäferstündchen. Ein Blick auf den Boden jedes lauschigen Waldparkplatzes reicht als Beleg.

Ein ganz besonderes Phänomen ist zu beobachten, wenn es regnet. Ein paar Tropfen am Morgen reichen und der Verkehr kollabiert in den großen Städten vollends. Statt wie gewohnt zur U-Bahn zu gehen, nur eben halt mit einem Regenschirm, greift dann auch noch der Letzte zum Fahrzeugschlüssel, um trocken zur Arbeit zu kommen.

Die meisten Spanier erleben eine seltsame Metamorphosis, sobald sie sich hinters Lenkrad klemmen. Aus dem gutmütigsten Menschen wird ein aggressiver Rennfahrer – eine Art Hoby-Fernando-Alonso und ein radikaler Anarcho. Es wird mit dem Handy telefoniert trotz Verbot, viele nutzen den Sicherheitsgurt bis heute nicht. Sie rasen, drängeln, vergessen das Blinken, überholen rechts und hupen ständig.

Die Spanier sind sich ihrer Fahrkünste durchaus bewusst. Dies zeigt eine Umfrage einer Automobilzeitschrift. 87 Prozent geben offen zu, die Geschwindigkeitsbegrenzung zu ignorieren, 63 Prozent setzt den Blinker beim Überholen oder Abbiegen nicht, 62 Prozent fahren gerne zu dicht auf, 60 Prozent fahren bei einer dreispurigen Autobahn grundsätzlich in der Mitte und 59 Prozent sind die Geschwindigkeitsbegrenzungen selbst bei Baustellen egal.

Und 64 Prozent hupt regelmässig. Es geht dabei nicht darum, den anderen wegen eines Fehlers auszuschimpfen. Nein, die Logik des Hupens auf der iberischen Halbinsel ist eine andere. “Achtung jetzt komm’ ich, und egal wie die Regeln lauten, jetzt komm’ ich!” möchte uns das Hupkonzert sagen.

Reicht das nicht, werden 62 Prozent gerne ausfallend und beleidigend, 19 Prozent gibt unumwunden zu, auch schon einmal auszusteigen, um die eigene Interpretation der Verkehrsregeln so richtig von Mann zu Mann zu klären. Bei solchen Zeitgenossen reicht es schon, dass sich ein Fussgänger am Überweg beschwert, weil er mit voller Absicht übersehen wurde. Vorsicht! Eine erhoben Hand kann schon als Beleidigung empfunden werden. Der Mannesstolz dieser aggressiven Machos auf Rädern kann nur in einer ordentlichen Diskussion, oder gar einer Handgreiflichkeit wieder hergestellt werden.

Doch auch Spanien ist nicht mehr das, was es einmal war. Auch hier andern sich die Zeiten. Sehr zum Leidwesen der Automobilindustrie – alle großen Marken produzieren in Spanien – verlieren immer mehr junge Menschen das Interesse an einem eigenen Wagen. Studien zeigen, dass das nicht nur an der Jugendarbeitslosigkeit liegt. Es ist vielmehr, wie in anderen europäischen Ländern und den USA auch, ein grundsätzlicher Wandel der Prioritäten. Die jungen Spanier steigen aufs Fahrrad um, nutzen Bus, Bahn oder online Mitfahrzentralen. Wenn sie unbedingt einmal einen Wagen brauchen, wird er geliehen. Viele machen nicht einmal mehr ihren Führerschein. Ende 2014 nannten 395.000 Spanier zwischen 18 und 20 eine Fahrerlizenz ihr eigen. Vor sechs Jahren waren es noch 567.000. In den 1980er Jahren stellten die Altersgruppe zwischen 18 und 24 20 Prozent aller Fahrer. Heute sind es noch ganze 8 Prozent.

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