LOS ANGELES, Dienstag, der 9. Juli 2013
Kerstin Zilm

Die Magie der Welle

Venice Beach
Als ich vor zehn Jahren als ARD-Radiokorrespondentin nach Kalifornien kam war ich sicher: ich gehe jeden Tag ins Meer. Ich lerne surfen. In ein paar Monaten stehe ich sicher auf einem Surfbrett. Denkste Puppe! wie Freunde in Berlin sagen würden. Erstens hatte ich gar nicht genug Zeit, jeden Tag zum Meer zu gehen und zweitens – war es viel zu kalt! Kälter als verregnete Urlaube in der Nordsee! Ich bin im März in Kalifornien angekommen: weitgehend sonnig, angenehme Lufttemperaturen – und gefühlte Pazifiktemperatur von höchstens 15 Grad. War also erstmal nichts mit jeden Tag Schwimmen und Eroberung der Surfwelt. Doch es bestand Hoffnung: es wurde wärmer, draußen und im Meer. Im Juli versuchte ich es wieder. Ich hatte komplett die Unterströmungen, die Wellen und überhaupt die Gewalt des Wassers unterschätzt. Das war anders als Urlaub am Mittelmeer oder Konfrontation der dunklen Nordsee an Vaters Hand.
Es ist nie was geworden mit mir und dem Surfen obwohl ich es noch mehrmals versucht habe. Ich geh zum Schwimmen ins öffentliche Schwimmbad, zum Rumspielen, abkühlen und boogieboarden ins Meer. Die kleinen Boogie Boards sind perfekt für mich. Im Geschwindigkeitsrausch düse ich in der Gischt zum Strand.
Ein Interview hat jetzt allerdings wieder Surf-Sehnsüchte geweckt – vielleicht sollte ich mich doch mehr anstrengen. Norman Ollestad saß mir gegenüber, erzählte aus dem Leben mit seinem Vater, der ihn permanent und vorsätzlich in Extremsituationen brachte beim Surfen und beim Skifahren. Schon als Baby musste Norman auf den Rücken des Vaters geschnallt mit aufs Surfbrett. Als Vierjähriger sauste er eisige Pisten in Sankt Anton hinunter. Als er elf Jahre alt war stürzte Norman in einem kleinen Flugzeug in den vereisten Bergen bei Los Angeles ab. Sein Vater starb bei dem Absturz. Norman musste allein von der Bergspitze runter ins Dorf kommen, in einem Schneesturm, bei Minustemperaturen, ohne Handschuhe und Mütze, in Stoffturnschuhen. Er hat es geschafft weil er Extremsituationen kannte. Während Norman sich an all das erinnerte, erzählte er auch von einem Erlebnis mit seinem Vater an der Küste von Mexiko – als er zum ersten Mal in einer Welle surfte, wie sich dieser Tunnel vor ihm öffnete, wie er gleichzeitig Frieden und eine ungeheuerliche Kraft fühlte in der Mitte von gezähmter Energie. Er beschrieb es so eindrücklich, dass ich plötzlich wieder surfen lernen wollte. Wieder zu Hause wurde mir schnell klar: ich bin zu verweichlicht, um durch all den „shit“ zu gehen, der laut Norman notwendig ist, um diese wahren goldenen Momente zu erleben. Ich wollte doch unbedingt diese garndiose Beschreibung der Magie des Surfens in einer Welle zu Gehör bringen für alle die, die wissen wollen, wie sich das anfühlt und vielleicht gerade noch einen Schubs brauchen, es selbst zu versuchen:

Norman Ollestad erzählt von der transformierenden Kraft des Wellentunnels

Normans Erlebnisse werden übrigens derzeit von Sean Penn verfilmt.

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