LOS ANGELES, Mittwoch, der 6. August 2014
Kerstin Zilm

Honeckers Bibliothek in Los Angeles

Utopia Palast der Republik small

Wenn diese Bücher sprechen könnten – oder erst das Geschirr auf dem Couchtisch!

Goldumrandete Teller, Tassen, Milchkännchen und Zuckerdose sind aus dem inzwischen abgerissenen Palast der Republik. Die Literatur stammt aus Erich Honeckers Nachlass.

Alle Objekte sind Teil einer Ausstellung über Utopien im Richard Neutra Museumshaus von Los Angeles. Sie stammen aus dem Archiv des Wende Museums, das mehr als 100 tausend Dokumente, Artefakte, Filme, Statuen, Brigadebücher und andere Hinterlassenschaften aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion katalogisiert, Künstlern und Wissenschaftlern als Inspiration und Forschungsgrundlage zur Verfügung stellt.

Das Haus hat der aus Österreich stammende Architekt Richard Neutra für sich und seine Familie entworfen. Viel Glas, klare Linien, Blick auf Palmen und einen unter kalifornischer Sonne glitzernden Stausee.

Derzeit findet hier die experimentelle Installation „Competing Utopias‘ statt – konkurrierende Utopien von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Das Erstaunliche: Methoden und Ästhetik, Form und Funktionalität beider Kulturen waren einander sehr ähnlich. Auf den ersten Blick ist kein Designbruch erkennbar. Grenzen zwischen Ost und West verschwimmen, scheinbar Bekanntes erscheint in neuem Licht.

Sarah Lorenzen, Architektur-Expertin und Direktorin des Neutra-Hauses nennt die Mischung von Vertrautheit und Verwirrung, die Besucher erfasst einen ‚Alice im Wunderland’-Effekt. „Es geht nahtlos ineinander über und so entsteht dieser besonders seltsame, fast surreale Effekt. Alle Teile passen perfekt ins Haus. Und das obwohl keines dieser Objekte jemals in diesem Haus hätte existieren können.“

Utopia Living Room small

Hollywood ist nicht weit entfernt und natürlich hat sich Kurator Patrick Mansfield vom Wende Museum ein ‚Drehbuch‘ ausgedacht für die Ausstattung des Hauses. Bei der Auswahl der Objekte stellte er sich eine Familie aus der DDR vor: Vater, Mutter und Tochter, die nur für einen Moment das Haus verlassen haben. Handtücher und Sandalen liegen auf der Dachterrasse, Indianer und Cowboy-Figuren sind auf dem Wohnzimmerboden in Kampfstellung, eine Pilotenuniform liegt neben einem offenen Koffer auf dem Bett.

Mansfield beschreibt die Geschichte, die er sich für die Installation ausgedacht hat: Der Vater ist Interflug-Pilot – Deshalb kann er auch in Kalifornien sein! Er bereitet seinen Abflug nach Kuba vor: ein Spanischwörterbuch und ein Interflug-Ticket nach Kuba liegen auf dem Tisch. Im Gegensatz zu US-Bürgern kann er direkt nach Kuba fliegen! Tochter Hannelore lernt russisch und englisch und hat einen Wecker mit Kosmonaut Yuri Gagarin auf dem Zifferblatt. Sie liebt Western und hat die Szene im Wohnzimmer aufgebaut. Hannelore lässt natürlich anders als ihre kalifornischen Freundinnen die Indianer gewinnen.

Utopia Indians small

Schaut man in den Kleiderschrank der Mutter, denkt man, sie ist eine joggende Haufrau mit Hang zu sexy Nachthemden. Der erste Eindruck täuscht! Mutti ist Stasi-Spionin und versteckt ihre Ausrüstung im Penthaus zwischen Kunstrasen und Cocktaillounge. Ein Bildschirm im Abstell-Kabuff zeigt Besucher, die ahnungslos in versteckte Kameras schauen.

Dieser Anblick erzeugt Gänsehaut und den Bezug zur Gegenwart. Denn niemand weiss, ob nicht von Häusern auf der anderen Seite des Sees oder vorüberfliegenden Polizeihubschraubern Kameras auf die Utopien gerichtet sind.

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