CHRISTCHURCH, Donnerstag, der 12. Februar 2015
Anke Richter

Katastrophensex im Büro

In all meinen Korrespondentenjahren hat es nur drei große Weltnachrichten aus meiner Region gegeben. Also solche, wo Redaktionen einen nachts anrufen, damit man schnell was ins Telefon raunt, was als „Live-Bericht“ in den deutschen Abendnachrichten läuft. Internationale Schlagzeilen produziert der terrorfreie Südpazifik selten. Ich muss nur alle Jubeljahre auf Zack sein. Dann aber richtig.

Zum Glück – oder leider – habe ich die größte Katastrophe, die das kleine, feine, aber wackelige Aotearoa 2011 ereilte, immerhin live miterlebt. Als Erdbebenopfer mit demoliertem Haus funktionierte ich in all dem Chaos journalistisch nur rudimentär, aber ich war vor Ort. Nach drei Wochen war unser Drama in Deutschland schon keine Nachricht mehr, denn dann passierte Fukushima.

Ein Jahr später und erdbebentechnisch noch längst nicht aus dem Gröbsten raus dann der zweite Schocker: Kim Dotcom, unsereins noch als Kim Schmitz bekannt, wird in seiner Villa in Neuseeland verhaftet. Große Razzia mit Helikoptern, das FBI mischt mit. Und wer erfährt als Letze im ganzen Land davon? Genau. Denn ich hatte mich den Sommer über mit Kind, Kegel, Knarre und Kanus in die Wildnis der Westküste abgesetzt. Kein Handy-Empfang, kein Internet: perfekt. Der nächste Außenposten der Zivilisation 12 Kilometer entfernt: Punakaiki. Dort bekommt man mit etwas Glück die Zeitung vom Vortag zu lesen.

So stand ich an jenem Sommertag im Café, nassgeschwitzt vom Fahrradfahren und stinkend vom Feuer, über dem meine Jungs Marshmallows geröstet hatten, und ahnte nach dem Blick in „The Press“, dass gerade eine bescheidene Korrespondentenlaufbahn ihr jähes Ende nahm. Denn die Nachricht der hollywoodreifen Verhaftung des dicken Deutschen war bereits zwei Tage alt. Und ich nicht in der Lage, mich aus dem Busch mal eben ins zwei Flüge entfernte Auckland abzuseilen. Seitdem kennt man mich in Punakaiki gut und gibt mir stets mitleidig Rabatt auf meinen Kaffee. Denn ich schlug dort für zwei Tage mein Hauptquartier auf, hängte mich ans Telefon und bekam irgendwie doch noch etwas Druckbares zustande, wenn auch nicht direkt aus Kims Epizentrum.

Und jetzt die dritte Katastrophe. Fast zwei Wochen ist es her, dass an einem Freitagabend zwei Angestellte der Versicherungsfirma Marsh in Christchurch eine wilde Nummer im hell erleuchteten Büro schoben, genau gegenüber einer großen Kneipe.

office romp

Dort wurde gejohlt und gefilmt, das Ganze landete auf Facebook und ging als „office sex romp“ um die Welt. Ich war zu dem Zeitpunkt ohne Internet-Empfang auf einem Musik-Festival und bekam das voyeuristische Nachbeben erst einen Tag später mit. Typisch.

„Braucht Marsh Ltd. einen neuen Pressesprecher?“, schrieb mir ein Kollege aus 18.000 Kilometer Entfernung. Schließlich meldete sich auch RTL, die sich diesen Happen nicht entgehen lassen wollten. Nach all der Medienfurore waren aber weder Pub-Betreiber noch Paarungspaar zu Interviews bereit. Ich war zu spät dran. Vielleicht brauche ich ein Satellitentelefon, wenn’s wieder irgendwo knallt.

 

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