LOS ANGELES, Mittwoch, der 10. September 2014
Kerstin Zilm

„Mein Sohn wurde von Polizisten ermordet.“

Ich wusste, dass es ein emotionsgeladener Termin werden würde: ein Treffen der Gemeinde mit Vertretern der Polizei wenige Tage nachdem in South Los Angeles ein unbewaffneter junger Afroamerikaner von Polizisten erschossen wurde.

Was ich nicht erwartet hatte ist, dass ich noch Wochen später an ein Zufallsinterview von diesem Abend denken würde.

10615676_806657772699690_72532202_n

Die Kirche füllte sich langsam bis kurz vor Beginn des Treffens die Bänke fast vollständig besetzt waren. Bilder von Polizeigewalt und Demonstrationen in Ferguson waren noch frisch im Gedächtnis und der Vergleich offensichtlich: ein junger schwarzer Mann, abends unterwegs in den Straßen seines Viertels, angehalten von der Polizei, was dann geschah unklar, Zeugenaussagen widersprüchlich, nur eins sicher: der junge Mann war unbewaffnet und ist nun tot.

Michael Brown in Ferguson. Ezell Ford in Los Angeles.

„Wir haben gelernt aus der Geschichte von Rodney King, dass Gewalt nichts bringt und wir friedfertig bleiben müssen,“ erklärte mir ein Mann Mitte 40 auf die Frage, warum in Kalifornien nach dem Tod von Ezell Ford keine Unruhen ausbrachen. Er erzählte mir auch, dass er seinem Sohn beibringt, seine Hände nicht in den Hosentaschen zu vergraben und dass er sich unwohlt fühlt, wenn er abends auf der Treppe vor seinem Haus sitzt und die Polizei vorbeifährt. „Sie fahren langsam und schauen mich an, als hätte ich etwas verbrochen. Das ist mein Viertel! Da stimmt doch was nicht!“

„Wir haben lange versucht, friedfertig Veränderungen zu erreichen. Es wird noch immer auf uns geschossen.“ sagten mir zwei Studentinnen. Sie hätten Angst um ihre Brüder und männlichen Freunde. Manche von ihnen seien athletisch gebaut, manche leicht zu provozieren. Sie schienen sicher: „Eine Revolution wird kommen.“

Ich beschloss, die letzten Minuten vor Beginn des Treffens mit einer Frau zu verbringen, die mich an Maya Angelou erinnerte: würdevoll, ernsthaft, elegante Kleidung und warmes Lächeln. Diantha Black wollte erst nicht interviewt werden. Als sie es sich anders überlegte, hielt ich den Atem an:

„Am 4. Juli 2006 wurde mein Sohn von Polizisten erschossen.“

Ein paar Sekunden Stille, in denen ich nichts anderes wahrnahm als Dianthas ernsthafte Augen und meine Unfähigkeit, eine angemessene Reaktion zu finden.

„Danach habe ich nichts als Lügen gehört. Mein Sohn hatte keine Waffe. Es tut noch immer weh.“

Sie sei gekommen, um der Familie von Ezell Ford Mitgefühl zu zeigen und sich für Nächstenliebe auszusprechen und für Gerechtigkeit. Was das für sie bedeute, fragte ich sie. Ihr Lächeln machte wieder Platz für Ernsthaftigkeit. Sie schaute mir direkt in die Augen und sagte, jedes Wort deutlich betonend:

„Lebenslänglich ins Gefängnis für die, die unschuldige Menschen töten. Sie müssen keine tödlichen Schüsse auf Unbewaffnete abgeben. Lebenslänglich. Das ist es, was andere Mörder bekommen. Warum nicht sie? Ich meine es ernst.“

Das Treffen begann bevor ich weiter fragen konnte.

Die meisten Redner am Mikrofon drückten Frust und Wut aus über Diskriminierung, Erniedrigung, Verschleierung und Rassismus. Als eine junge Frau fragte, wer im Raum einen Verwandten oder Freund durch Polizeigewalt verloren habe standen etwa ein Drittel der Anwesenden auf.

Der Polizeichef versprach transparente Untersuchungen und angemessene Konsequenzen. Seine Antworten wurden meist mit Buhs, später mit sarkastischem Lachen kommentiert.

Diantha Black hatte dem Polizeichef Respekt gezollt dafür, dass er sich Zeit nahm für dieses Treffen und dafür, dass er regelmäßig mit Vertretern ihrer Gemeinde spricht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie mit seinen ausweichenden Antworten zufrieden war. Doch ich konnte sie nicht mehr fragen. Sie war verschwunden bevor das Treffen zu Ende war, hatte keine Frage gestellt, keinen Kommentar gemacht.

Bis heute habe ich weder ihr würdevolles Auftretten, ihr warmes Lächeln noch ihre ernsten Worte vergessen.

Sie erinnern mich daran, wie wichtig es ist Ungerechtigkeiten ins Auge zu sehen, sie anzusprechen und aufzuheben selbst wenn es viel Zeit, Nerven und Energie kostet.

Außerdem werde ich immer darauf achten, Fremden mit Offenheit und Freundlichkeit zu begegnen.

Man kann nie wissen, welche Geschichte sie zu erzählen haben.

Kommentare (0) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE
Bücher von Kerstin Zilm
Newsletter abonnieren

Immer aktuelle Themenangebote