TOKIO, Montag, der 14. Oktober 2013
Roland Hagenberg

Olympiade 2020: Kampf der greisen Giganten

Schon jetzt fliegen die Fetzen. Zwar bekrittelt niemand öffentlich (noch nicht), dass die gebürtige Irakerin „Dame“ Zaha Hadid das Stadion in Tokio bauen wird (siehe Blog 9. September 2013), doch Unmut über Grösse und Location wird lauter.

Befürworter des protzigen Projekts ist der ehemalige Boxer, Pritzker Preisträger und Beton-Purist Tadao Ando,72. Er hat als Jurymitglied die Entscheidung massgeblich beeinflusst und letzten November Hadids Sieg verkündet. Sein Gegenspieler, Fumihiko Maki, 85, sieht in dem Projekt Geldverschwendung und Umweltzerstörung. Deshalb schart der suave Harvard Absolvent – ebenfalls ein Pritzker Preisträger – eine Protestgruppe japanischer Architekten um sich. Unter anderem gehören ihr Toyo Ito, Kengo Kuma, Taro Igarashi und Sou Fujimoto an.

Am Wochenende bin ich durch das zuküftige Olympia-Viertel spaziert.

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Last Tange: Für die olympischen Spiele 1964 baute Kenzo Tange (1913-2005) zwei Stadien im Yoyogi Park. Auch 2020 sollen sie zum Einsatz kommen. Doch der Hadid Bau wird sie erdrücken.

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Lachend in die Zukunft? Yoyogi ist eine der wenigen grünen Lungen Tokios und mit seinen angrenzenden Vierteln Harajuku, Aoyama und Shibuya Freizeitspielplatz der Jugend. Grünanlagen werden dem Hadid-Bau zum Opfer fallen. Die Skyline hinter den beiden Gebäudespitzen von Kenzo Tange dominiert dann das neue Stadion.

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Der Kritiker: Fumihiko Maki will retten was zu retten ist. Er prangert Grösse, Umweltbelastung und fehlendes Einfühlungsvermögen an. Hadids Stadion wird ca. eine Milliarde Euro kosten (Umrechnungskurs 130 Yen) und drei mal so gross werden, wie das Hauptstadion bei den Spielen in Londen. „Viel können wir nicht mehr ändern“, gesteht Maki, „aber zumindest verkleinern. 85,000 Sitzplätze sind nicht notwendig.“ In der Yomiuri Shinbun warnt ein Beamter davor, dass die Kosten explodieren würden. Korruption ist aber nicht auf Japan beschränkt, wie wir das bei den Flughäfen Berlin und Wien gesehen haben.

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Fahrradhelm im CG-Grün: Hadids Olympia Stadion täuscht vor, friedlich in der Natur eingebettet zu sein. Zu sehen sind aber weder die geopferten Grünflächen, noch die breitspurigen Auswirkungen auf das Gesamtstadtbild. Hadid hat 400 Angestellte und Projekte in 55 Ländern, einige davon Diktaturen. (Einen interessanten Fotobericht von Hadids Heydar Aliyev Center in Baku, Aserbaidschan, gab es am 11. Oktober 2013 in der New York Times. Heydar Aliyev war der ehemalige KGB-Chef des Landes. Am Ende des Artikels betont die Times, dass die Fotos von Hadid zwar beauftragt, aber nicht von ihr vor Veröffentlichung abgesegnet wurden.)

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Habt acht beim Strippenzieher: Tadao Ando findet, dass Hadids Design Japans Zukunft interpretiert. Er war in Osaka immer schon ein kompromissloser Einzelkämpfer gewesen, dem die Elite in Tokio suspekt erschien. Die internationale Olympia-Ausschreibung für 2020, wo hochkarätige japanische Architekten aus Tokio teilgenommen haben (Toyo Ito und das SANAA Team), wirkt unter diesem Blickwinkel unglaubwürdig. Zudem hätte der Wettbewerb – meiner Meinung nach, ohnehin nur unter japanischen Architekten stattfinden sollen. Japan ist nicht China, dass mit Leuten wie Koolhaas und Co. Anerkennung im Ausland erheischen muss.

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Obdachlosen-Architektur: Die bisher stillschweigend geduldeten Zeltlager im Yoyogi Park werden ebenfalls dem Hadid Stadion weichen müssen.

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