MOSKAU, Mittwoch, der 20. August 2014
Stefan Scholl

Panik und Scham

Fast täglich melden die Agenturen aus Donezk neue schwere Artilleriebeschüsse – und neue Todesopfer. Aber Nachrichten sind bekanntlich laut, der Alltag in der belagerten und bombardierten Stadt ist viel leiser. Donezk ist nicht Berlin im Bombenhagel des 2. Weltkrieges, Donezk ist nicht Verdun, nicht Stalingrad, kein Stahlgewitter. Stunden- ja nächtelang schweigen alle Geschütze, und dieses Schweigen hört sich fast drückender an, als die hastigen ferne Abschüsse und das krachende Echo der Einschläge bei einem Feuerüberfall.

Aus dem Himmel stürzende Bomben und Raketen haben etwas Übermenschlich-Schicksalhaftes, auch als Einzelstücke. Die Angst vor ihnen ist abstrakt, die Angst vor einem Volltreffer in der Lotterie des Todes, die Angst vor dem Blitzschlag bei einem Gewitter. Dieses Gewitter hängt wolkenlos über Donezk, es dauert schon Wochen, man gewöhnt sich an sein Donnern und hoffst, dass der Blitz nicht ausgerechnet einen selbst erwischt.

Das Gerücht, heute Nachmittag um 3 beginne ein fürchterlicher Beschuss, treibt einem mehr Panik-Adrenalin ins Blut. Auch wenn es meist ein Gerücht bleibt.

Ich habe die Panzerweste, die ich aus Moskau mitgebracht habe, nie angezogen. Sicher auch aus Bequemlichkeit, das Stück wiegt 18 Kilo, kein Vergnügen, es bei 38 Grad Hitze mit sich herum zu schleppen. Aber noch etwas anderes hat mich davon abgehalten, sie anzuziehen: Das Gefühl der Scham. Scham vor den alten Frauen, den kleinen Kindern, überhaupt vor den Menschen, die sich schutz- und wehrlos durch Donezk, durch Gorlowka oder Lugansk bewegen. Und das vielleicht noch Monate lang.Nach einem Artilleiebeschuss im Stadtzentrum

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