GENF, Donnerstag, der 4. Juli 2013
Marc Engelhardt

Tageszeitung montags geschlossen

Es ist Montagmorgen. Ich krame in meinem elektronischen Briefkasten nach der Tageszeitung. Den Courrier habe ich abonniert, weil er das Versprechen „l’essentiel autrement“ – das Wesentliche anders erzählt – jeden Tag aufs Neue einlöst. In Genf, der drittteuersten Stadt der Welt, berichtet nur der Courrier etwa von der wachsenden Bewegung des „Freeganisme“ – von denjenigen also, die aus wirtschaftlichen wie aus ideologischen Gründen in den Müllcontainern der Supermärkte das ‚ernten‘, was die Konsumgesellschaft weggeschmissen hat. Von den Rentnern, die ihre Geburtsstadt wegen der hohen Mieten verlassen müssen. Und vom Irrsinn der Pläne, einen guten Teil der Genfer Altstadt abzureißen, um den Bahnhof zu erweitern. Allerdings sind solche Nachrichten nicht einmal 8.000 Genfern (und Westschweizern generell) 2,70 Franken am Tag wert.

Immer wieder wird orakelt, dass der Courrier nicht mehr lange zu leben hat. Und an diesem Montagmorgen scheint es so weit zu sein: kein Courrier. Ich checke bei Google, ob im Waadtland (ein Teil der Redaktion sitzt in Lausanne) Feiertag ist – in der Schweiz wie beinahe alles kantonal geregelt. Fehlanzeige. Gedankenverloren schaue ich auf die Ausgabe vom vergangenen Samstag. Und sehe auf einmal diesen kleinen Hinweis auf der Titelseite:

courrier

Wie jeden Sommer seit 2001, heißt es da, erscheint der Courrier bis Ende August am Montag nicht. Als Sparmaßnahme. Ein paar Hefte vorher war auf einer Seite die Bilanz des abgelaufenen Geschäftsjahres abgedruckt: 106.801 Franken Miese. Für 2013 ist schon in der Planung ein Defizit von fast 11.000 Franken prognostiziert. Doch anders als die Zeitungen der großen Medienholdings, die in der Schweiz den Markt weitgehend unter sich aufgeteilt haben, spart der Courrier nicht an den Autorengehältern. Es gibt keine Entlassungswelle, und Freie werden so bezahlt wie früher auch schon – nicht üppig, aber immerhin. Stattdessen ist meine Genfer Lieblingszeitung zwei Monate lang montags geschlossen.

Während die Kaffeemühle surrt und der zweite Kaffee des Tages in die Tasse läuft, denke ich: irgendwie ist das okay so. Lese ich heute halt ein Buch.

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