ZüRICH, Donnerstag, der 10. Juni 2010
Stephan Hille

Was soll nur aus Vater und Mutter werden?

 Die Stadt Bern, so war kürzlich zu lesen, zieht alle Fussgängerstreifen aus dem Verkehr. Zum Glück aber müssen keine Markierungen von den Strassen gekratzt werden, auch künftig können die Berner und Bernerinnen auf den speziell gekennzeichneten Flächen die Strasse sicher überqueren. Diese Orte sollen ab sofort „Zebrastreifen“ statt „Fussgängerstreifen“ heissen, denn das ist geschlechterneutral und damit absolut politisch korrekt. Die Stadtverwaltung hat ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angewiesen, im Amtsdeutsch künftig auf neutrale Formulierungen zu achten.

Die Schweiz hält ihre Neutralität seit Jahrhunderten hoch, jetzt soll auch die Sprache geschlechterneutral werden. Was auf die Berner zukommt haben die Winterthurer schon lange. Dort wird seit bald zehn Jahren auf politisch korrekte Sprache geachtet. In Winterthur heisst es nicht mehr „Anfängerkurs“ sondern „Einstiegskurs“, und kein Mitarbeiter und keine Mitarbeiterin käme mehr auf die Idee, in einem „Benutzerhandbuch“ nachzuschlagen, denn es gibt ja auch das „Bedienungshandbuch“.

Natürlich fragen sich nun Spötter (und Spötterinnen?), ob da nicht gerade wieder mal Steuergelder sinnlos verprasst werden, und ob sich Frauen durch „Fussgängerstreifen“ tatsächlich diskriminiert fühlen.

Tatsächlich aber schreibt auch ein drei Jahre altes Bundesgesetz vor, dass in der Schweiz künftig in Formularen Neutralität zwischen Frau und Mann gewahrt werden muss. Wer ein Auto fahren will, braucht dafür qua Gesetz einen „Fahrausweis“ und eben nicht den „Führerausweis“. Eine geschlechterneutrale Sprache ist, wie man – Verzeihung, wie Lesende lesen können, gar nicht so schwierig. Schreibende müssen sich nur daran gewöhnen. Es gibt sogar einen 192-Seiten langen Leitfaden, damit sich alle Beamten und Beamtinnen auf sprachlich und politisch korrekten Terrain bewegen können.

Seltsamerweise wird dort auch empfohlen, „Mutter“ und „Vater“ durch „Elternteil“ oder gar „das Elter“ zu ersetzen. Hm, das scheint ein wenig zu weit zu gehen, oder? Und was machen nun wir zum Beispiel mit „Staubsauger“, „Waschmaschine“, „Büstenhalter“ oder der „Trinkerleber“. Hoffentlich kümmert sich jemand darum. Bitte um Formulierungsvorschläge…

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