ZüRICH, Montag, der 10. Mai 2010
Stephan Hille

Wie gföhrlich isch Schwyzertütsch?

Gföhrlich? Naja, en Westschweizer Parlamentarier hät neulich sinngmäss gseit, das Schwyzertütsch oder vielmeh de vmehrti Gebruch vo Schwitzer Mundart es Probläm seg, wil die Schwitzer, wo das nüd chönnt, also d‘ Romands und d‘ Tessiner, nümä drus chömet, was di meinet, wo Schwyzerdütsch schwätzet. Somit seget die, wo nüt Schwyzerdütsch chönnt, usgeschlosse von denne, wo ebbe Mundart schnurret. Daher sig’s Schyzertütsch hüt es nationals Problem.

Ein Riss geht durch die Schweiz, der sogenannte Röstigraben. Das heisst, eigentlich gibt es den schon seit langem, nämlich seit dem Bestehen der Schweiz: Der Röstigraben, so heisst die Sprachgrenze, die die Deutschschweiz vom Welschland, also von den französischsprachigen Schweizern – auch Romands genannt – trennt.

Das Leiden der Westschweizer am Schwyzertütsch ist nichts Neues. Und eigentlich können die Welschen dem neutralen (deutschen) Beobachter auch Leid tun. Da mühen sie sich jahrelang in der Schule damit ab, ein einigermassen passables Deutsch zu lernen und kaum wollen oder müssen sie es im Kontakt mit ihren Deutschschweizer Landsleuten anwenden, so fliegt ihnen eine der zahlreichen Varianten vom Schwyzertütsch um die Ohren. Frustrierend für Jean oder Pierre, denn Reto und Urs reden nun mal grundsätzlich lieber in ihrer Muttersprache und die hat mit der Sprache Schillers, der den Schweizern immerhin zu ihrem Nationalhelden Tell verhalf, nun nicht viel zu tun.

Meine Westschweizerische Schwiegermutter, die seit Jahren im Thurgau lebt und deutsch mit deutlich französischem Akzent spricht, würde vermutlich – wenn sie denn nur wollte – inzwischen perfekt Schweizerdeutsch reden, weigert sich aber beharrlich: „Diese Barbarensprache lerne isch nischt.“

Das Schweizerdeutsch als unverständliche Halskrankheit bereitet also nicht nur dem gemeinen Gerd aus Gelsenkirchen, der zugereist ist und nun sein Geld in Franken verdient Probleme, sondern auch der grössten Sprachminderheit im eignen Land.

Es ist ein helvetisches Paradox: Die erste Landessprache Deutsch gilt für keinen Eidgenossen als Muttersprache, sondern für die Welschen wie auch für die Deutschschweizer als Fremdsprache. Und nicht wenige Deutschschweizer, die wiederum jahrelang Französisch gepaukt haben, versuchen, das Französische partout zu vermeiden. Oder noch schlimmer: Sie müssen sich, wie im Fall meines Deutschschweizerischen Schwiegervaters auf Familienfesten in der Westschweiz wegen schlechter Aussprache und kleinen Fehlern von der welschen Verwandtschaft auch noch auslachen lassen.

Glücklicherweise führen Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede im Schmelztiegel Schweiz nicht zu jugoslawischen Verhältnissen, sondern allenfalls zu Debatten in den Feuilletons, wie erst kürzlich von dem oben erwähnten welschen Nationalrat (Parlamentarier), der eben fürchtet, dass Erstarken der Deutschschweizer Dialekte ein nationales Problem sei.

Das spätestens seit dem letzten Weltkrieg erstarkte Schweizerdeutsch ist sicher auch eine Art geistiger Teil der Landesverteidigung gegenüber dem „grossen Kanton“ im Norden und heute auch gegenüber den vielen Gerds und Jürgens, die es seit längerem schon in die Schweiz zieht.

Ein wirkliches Problem aber ist das Schweizerdeutsche nicht. Wenn’s drauf ankommt, haben sich die Eidgenossen noch immer verstanden – notfalls reden Westschweizer und Deutschschweizer halt Englisch miteinander.

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