ISTANBUL, Samstag, der 14. August 2010
Susanne Güsten

Wo die Wahrheit nicht zu finden ist

Schon wieder verbrannte Erde dort, wo ich gerade noch stand. Die PKK jagte in dieser Woche die Erdöl-Pipeline zwischen Midyat und Idil in die Luft – genau an der Stelle, wo ich letztes Jahr mit einer Patrouille kurdischer Milizionäre unterwegs war. Die Jungs sind unverletzt, ich habe sie erreicht, aber drei andere Menschen hatten weniger Glück.

Das geht mir immer öfter so. Letzte Woche wurden in der Provinz Batman vier Menschen auf einer Straße in die Luft gesprengt, die ich schon öfter gefahren bin – eine Sprengfalle der PKK, in der es diesmal allerdings vier kurdische Aktivisten erwischte. Vorletztes Jahr ging eine Bombe vor dem Hotel hoch, in dem ich in Diyarbakir normalerweise absteige; die PKK ließ anschließend ausrichten, es sei ein Versehen gewesen, aber den sechs Toten und 67 Verletzten nützte das auch nichts mehr. Wiederum eineinhalb Jahre zuvor stand ich in einer heißen Augustnacht lange vor dem Eingang zum Kosuyolu Park in Diyarbakir, in dem ich mich mit einem untergetauchten kurdischen Deserteur getroffen hatte, und plauderte mit Bekannten; wenige Tage später detonierte genau an der Stelle eine gewaltige Bombe und tötete zehn Menschen.

So geht das nun, seit ich im türkischen Kurdengebiet unterwegs bin – das sind fast 20 Jahre. Von den Straßensperren und den Maschinenpistolenläufen unter der Nase will ich gar nicht anfangen, auch nicht von den langen Stunden auf Polizei- und Militärwachen oder den nächtelangen Fahrten durch gebirgiges Konfliktgebiet, und schon gar nicht von extremer Hitze, drei Meter tiefem Schnee und den Körben voller abgehackter Schafsköpfe auf den Märkten.

 Ich mache es ja auch gern, und vor allem: Es gibt keine Alternative dazu, wenn man vernünftig über den Kurdenkonflikt in der Türkei berichten will. Der Krieg zwischen der PKK und dem türkischem Staat wird ebenso stark in den Medien ausgefochten wie in den Bergen von Südostanatolien. Da ist den türkischen Behörden und den ansonsten recht ordentlichen Medien des Landes ebensowenig zu glauben wie der PKK und deren hochprofessionellem Propaganda-Apparat. Es hilft also nichts, die Wahrheit ist nur vor Ort zu finden.

Ärgerlich ist nur, dass diese Wahrheit nicht viel zählt, wenn es um Schlagzeilen geht. So machte die „taz“ diese Woche mit einer Geschichte Furore, die vom deutschen Schreibtisch aus mit eher trüben Quellen „recherchiert“ war: Die Türkei setze möglicherweise chemische Waffen gegen Guerrillakämpfer ein. Um Bilder ging es da, die ungenannten „kurdischen Menschenrechtlern“ demnach von ungewisser Seite „zugespielt“ wurden, bevor sie ihren Weg nach Deutschland fanden. Aber immerhin war die „taz“-Geschichte selbst noch sauber geschrieben – was man von den eskalierenden Abschriften anderer Medien nicht behaupten kann. Man beachte im Folgenden vor allem, wie das Zitat des Hamburger Arztes durch die Berichte mutiert:

 So berichtete die „taz“:

In den letzten Wochen hat das rechtsmedizinische Institut der Uniklinik Hamburg-Eppendorf im Auftrag der taz die Bilder untersucht. Zwar besitzen solche Fotos nur einen sehr begrenzten Beweiswert. Doch die Ergebnisse des Eppendorfer Forensikers Jan Sperhake stützen die kurdische Darstellung: Eine der Leichen wies „hochgradige Zerstörungen“ auf, wie sie an „den Zustand nach Bahnüberfahrungen erinnern“, schreibt Sperhake. Teils quellen Leber, Darmschlingen und andere Organe aus den Körpern, die Muskulatur liege teils großflächig frei, Gliedmaßen seien enorm zerstört. Neben vermutlichen Stich- und Schussverletzungen weisen die Toten auch Verletzungen auf, die auf eine Explosion zurückgehen könnten. Vor allem aber zeigen zwei der abgebildeten Leichen eigentümliche großflächige Hautdefekte. So etwas kann theoretisch auch durch Hitze entstehen. Doch dies schließt Sperhake weitgehend aus: Kopfhaare, Lider, Brauen und Bart wiesen, soweit beurteilbar, keine Hitzeeinwirkungen auf. Sein Fazit: „Angesichts des Zustands der Leichen muss deshalb in Betracht gezogen werden, dass chemische Substanzen eingesetzt worden sein könnten.“

Daraus wurde bei „Spiegel Online“ (unter Berufung auf die „taz“):

Ein rechtsmedizinisches Gutachten des Hamburger Universitätsklinikums bestätigt den ursprünglichen Verdacht: Die acht Kurden starben mit hoher Wahrscheinlichkeit „durch den Einsatz chemischer Substanzen“.

 Und daraus wiederum wurde bei der „Zeit“ (unter Berufung auf Spiegel Online“):

Die Ärzte gingen davon aus, dass die acht Kurden „mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den Einsatz chemischer Substanzen“ starben.

Stille Post statt Recherche. Entsprechend steigerten sich auch die Überschriften: 

taz: „Hat die Türkei C-Waffen eingesetzt?“ 

Spiegel: „Türkei soll Kurden mit Chemiewaffen getötet haben“ 

Zeit: „Türkei gerät wegen möglichen Giftgasangriffs unter Druck“ 

Türken, Kurden, Chemiewaffen: Klar, dass Politiker von Claudia Roth bis Rupert Polenz da sofort für Forderungen nach internationalen Untersuchungen zu haben waren, was die Geschichte natürlich wiederum aufwertete. Den PKK-Medien war das am nächsten Tag einen Aufmacher wert: „Deutsche Medien berichten über Chemiewaffenvorwürfe gegen die Türkei“.

Ein gelungener Coup war das, Hut ab! Aber ich nähre mich lieber redlich.

  

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