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Worte zählen mehr als Taten

Der nordeuropäische Börsenverbund OMX sieht seine Zukunft im internationalen Geschäft. Das wurde einmal mehr klar, als Aufsichtsratschef Urban Bäckström und Vorstandsvorsitzender Magnus Böcker heute zur Pressekonferenz riefen, um sich zu den Plänen der Börsen Nasdaq und Dubai mit OMX zu äußern. Zwar gab es keine abschließende Bewertung, um man nun von der Dubaier Börse gekauft werden will, nur um gleich danach an die Nasdaq weitergereicht zu werden, doch Böcker und Bäckström hielten sich nicht zurück, Vorteile dieser Lösung zu preisen. Schließlich will man international gerne weit vorne mitspielen. Das OMX – das bis auf Oslo alle nordischen Handelsplätze betreibt – aber weiterhin noch sehr Nordeuropa zentriert ist, offenbarten die beiden ungewollt: Nur kurz nachdem Böcker gelobt hatte, dass die Nasdaq dazu führen würde, dass nordische Unternehmen international mehr gesehen werden würden, begann die Fragerunde der über das Internet international ausgesendeten Pressekonferenz. Und plötzlich vergaßen die OMX-Vertreter ihre Internationalität und wechselten ins Schwedische. Das dürfte das internationale Image nicht unbedingt gefördert haben.

Aber vielleicht haben die zwei auch nur daran gedacht, die wichtige Rolle der Auslandskorrespondenten zu unterstreichen. Solange es wichtig ist die Sprache der Region zu verstehen, macht das Internet diese nämlich nicht überflüssig.

 

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Kein Spaß mit Hitler-Pizza

Dass die Neuseeländer so entspannt sind und alles sehr locker sehen, ist angenehm. Unangenehm wird es jedoch, wenn sie auch die jüngere deutsche Geschichte auf die leichte Schulter nehmen. Adolf Hitler hat im angelsächsischen Raum zuweilen den Status eines grotesken, bösen Comic-Helden. Das demonstrierte bereits Prinz Harry, als er mit Hakenkreuz-Binde auf einer Kostümparty erschien. Was immer wir Deutschen Schreckliches mit dem Nazi-Herrscher verbinden, verblasst, je weiter man sich von Europa entfernt. Der Durchschnittskiwi ist davon eher unbeleckt, zumal Geschichte auch kein Pflichtfach an neuseeländischen Schulen ist. Als Scherzfigur taugt „the Fuehrer“ allemal.

Britische Nachbarn von uns fanden es witzig, eine Figur in ihrem Fenster stets nach Jahrestagen oder Festen zu dekorieren: Mal als Osterhase, mal als Weihnachtsmann. Der beste Gag kam am Anzac-Day, als der Truppen gedacht wurde, die in der Dardanellen-Schlacht gegen die Deutschen kämpften: Prompt wurde aus der kleinen Schaufensterpuppe ein Kerl mit Hitler-Bart – egal, dass die Schlacht im ersten Weltkrieg stattfand. Deutsch bleibt deutsch bleibt Nazi. Und wer sich daran stört, hat halt keinen Humor – besonders die „Germans“ nicht.

Besondere Geschmacklosigkeit in Sachen „WWII“, wie der 2. Weltkrieg gerne abgekürzt wird, bewies eine Werbeagentur: „Hell Pizza“ startete letzte Woche eine Plakat-Kampagne, die unter anderem Hitler mit einem Stück Pizza in der ausgestreckten Hand zeigt. Als die Pizza-Kette im letzten Jahr Kondome in Briefkästen verteilte, um für ihre „Lust“-Pizza zu werben, rief sie einen Proteststurm hervor: Die Katholiken im Lande forderten, die Höllen-Pizza fortan zu boykottieren.

Doch als in den vier größten Städten Hitler-Plakate aufgehangen wurden, blieb es erstaunlich ruhig. Erst, als sich einige jüdische Mitbürger bei der Werbeaufsicht beschwerten, wurde das Plakat abgehängt – um es an anderer Stelle wieder anzubringen. Der Chef der Werbeagentur fragte öffentlich, warum sich die Juden denn so aufregen würden – Hitler sei doch schließlich deren „Aushängeschild“. Was einen wirklich ausgeprägten Sinn für Humor verrät.

 

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Erwischt! Bertrand Delanoë wütet vor meiner Haustür

August ist traditionell der Monat der Bauarbeiten in Paris. Wenn sich die Einwohner an der Küste sonnen, herrscht in der Stadtbaubehörde Hochbetrieb. Das geringe Verkehrsaufkommen wird genutzt, um die Stadtautobahn Périphérique auszubessern, Kanalisationsarbeiten durchzuführen oder um ganz still und heimlich des Bürgermeisters Verkehrspolitik durchzusetzen. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2001 hat Bürgermeister Bertrand Delanoë über 3000 Parkplätze in Paris gekillt. Er schuf stattdessen Sonderbuchten für Lieferanten, Bus- und Taxispuren, breite Gehsteige und vor allem neue Sackgassen und Einbahnstraßen. Klingt gut, aber für Autofahrer ist es die Hölle. Denn es kann passieren, dass man nach dem Urlaub seine eigene Wohngegend nicht wieder erkennt. Genau das ist mir passiert. Um nach einer Woche Urlaub zu meinem Auto zu gelangen, musste ich um rund 15 neue Bauzäune herumgehen, über aufgerissene Löcher in den Straßen steigen und vor allem gegen die anschwellende Panik ankämpfen, dass mein Auto längst nicht mehr dort steht, wo ich es vor dem Urlaub abgestellt hatte. Ich hatte Glück, es war noch da. Der Bauzaun und das nigelnagelneue Halteverbotsschild endeten wenige Meter vor meiner Stoßstange. Wütete Delanoë bisher nur in der Innenstadt und in den nördlichen Wohnvierteln, so hat er nun seine Fühler auch in mein Arrondissement ausgestreckt – einem einstigen Paradies der kostenlosen Parkplätze. Einziger Trost: Nicht nur in der armen Stadtrandvierteln werden die Straßen aufgerissen, sondern angeblich gegen Herbst hin auch in den reichen Vierteln links der Seine. Na, wenigstens herrscht Gerechtigkeit.

 

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Radl-Notstand

"Stimmt es, die Dinger sind unauffindbar?" Auf die Frage des Motorrad-Typen neben mir nicke ich nur. Ich stehe an der Straße wie bestellt und nicht abgeholt. Mein eigenes Fahrrad in der einen Hand, ein Velib (www.velib.paris.fr) in der anderen. Ich warte. Auf meinen Freund, für den ich das Velib gemietet habe und der nun – per Handy über meinen Aufenthaltsort informiert – zu mir rennt. Fünf Stationen bin ich abgeradelt, um das letzte Leihfahrrad im Viertel zu mieten. Sieg! Der hinter mir hatte Pech.

Bereits zwei Wochen nach dem fulminanten Start ist das neue Leihfahrrad-System in Paris das Opfer seines eigenen Erfolgs. An der Seine herrscht Radl-Notstand. Wer bei schönem Wetter noch ein Velib will, muss früh aufstehen. Gestern zum Beispiel, am zweiten schönen Wochenende überhaupt in diesem Sommer in Paris, hieß es: Rien ne va plus. Kein Velib weit und breit. Und die, die eines ergattert hatten, gaben es nicht mehr her.

Normalerweise werden Velibs nach einer kurzen Fahrt innerhalb einer halben, kostenlosen Stunde wieder an eine Station angeschlossen und sind dann frei für einen neuen Mieter. Bei 30 Grad im Schatten jedoch hört die Mitmenschlichkeit auf. Sollen doch die anderen laufen. Dass ein Velib nach der dritten halben Stunde 4 Euro pro 30 min. kostet, juckte niemanden mehr. Auch uns nicht. Wer bitte, will bei dem Wetter schon die Metro nehmen. Heute übrigens regnet es seit den Morgenstunden. An den Velibstationen stehen die Räder und warten. Auf die Sonne und die Mieter.

 

 

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Sex im Weltall

Haben Sie schon einmal Kokusnuss-Brandy von den Malediven getrunken? Wahrscheinlich nicht, denn die Flasche wird derzeit für eine Million Dollar angeboten – zusammen mit einem Besuch in der Destillerie und Unterkunft in einem Fünf-Sterne-Ressort. Das Ganze ist eine Werbemaßnahme. Wenn das Getränk im Herbst dieses Jahres auf den indischen Markt kommt, wird es vermutlich ein bisschen billiger sein.

Willkommen in der Welt der Neureichen Indiens! Frisch gegründete Lifestyle-Magazine namens „Envy“ oder „Spice“ überschlagen sich derzeit auf dem Subkontinent mit Tipps für Neo-Millionäre, wie sie ihre frisch erworbenen Rupien wieder ausgeben können: Sex im Weltall gehört ebenso dazu wie ein vergoldeter Grill. Nicht zur vergessen: Wein und Spargelessen – sündhaft teuer und den meisten Indern unbekannt. Dabei verdienen auch die Medien nicht schlecht: jeder Verlag hat inzwischen eine Lifestyle-Beilage. „Vogue“ will Ende des Jahres mit einer eigenen Ausgabe herauskommen.

Für das Land Mahatma Gandhis ist das ein völlig neues Phänomen. Bisher übte sich die Mittelklasse in Bescheidenheit. Geld wurde gespart, um den Kindern eine Ausbildung zu finanzieren und höchsten bei deren Hochzeit unter die Leute gebracht. Linke Publizisten betrachten den zur Schau gestellten Reichtum daher als Perversion in einem Land, in dem noch immer 80 Prozent der Menschen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen.

Die Journalistin Madhu Trehan etwa wirft ihren Hochglanzkollegen vor, „Gehirnwäsche“ zu betreiben, damit „die Menschen Dinge kaufen, die sie nicht brauchen.“ Der Werbefilmer Prahlad Kakkar hingegen analysiert kühl. „Diese Magazine bereiten den Markteintritt von Marken wie Dolce & Gabbana, Hermès und Gucci vor.“

In der Tat ist Indien mit einem Wirtschaftswachstum von neun Prozent ein riesiger Markt. Nach einem Bericht von Time Asia, verdienen 1,6 Millionen Haushalte in Indien rund 100.000 Dollar im Jahr und geben ein Zehntel davon für Luxusgüter aus. „Die Leute haben mehr Geld zur Verfügung. Warum sollten sie es nicht ausgeben dürfen?“, fragt A.D. Singh, Besitzer des Luxusrestaurants „Olive“ in Neu-Delhi.

Ja, warum eigentlich nicht? Es gehörte zu den sympathischen Seiten Indiens, dass die Kluft zwischen Arm und Reich für ein Entwicklungsland relativ klein war. Die hitzige Diskussion über die Lifestyle-Magazine ist ein kleiner Rest des Gandhi’schen Ethos. Er ist vom Aussterben bedroht.

 

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Ein Riesen-Spaß (oder: das ist ja zum Auswandern!)

Danke, danke, wir haben es mitbekommen, selbst an entlegenen Globusrändern wie Australien wissen wir: Deutschland wandert aus was das Zeug hält. Von deutschen TV-Sendern auf allen Kanälen begleitet, von jeder anderen Medienart beschrieben und erzählt, von Unrast getrieben. Und wir? Wir, die wir an denen angeblich so begehrten Fluchtzielen leben, können dann wohl einfach sehen, wie wir damit klar kommen, wie? Naja, das geht schon ok. Auch wenn ich mich zuweilen insgeheim frage, wie es wird, demnächst nach Deutschland zu kommen – und peng: da ist keiner mehr. Alle futsch. Good-bye und Tschüs. Logisch, ich weiß, ein paar bleiben. Muss ja. Schon allein die, die all die Serien schreiben und filmen oder angucken müssen. Und die nämlich, die haben super viel Spaß in Deutschland zur Zeit. Eine Riesengaudi. Monsterjux.

Woher ich das weiß? Auch dank des Auswanderer-Booms. In Deutschland wird nämlich längst nicht mehr für Geld gearbeitet. Kein Scherz. Gerackert wird aus lauter Spass an der Freude, aus schierer, purer Lebenslust! Lohn, Honorar, Bezahlung? Pah, das ist doch was für Nörgler und Auswanderer. Oder für Korrespondenten am Ende der Welt, die noch nix von der neuen deutschen Spass-Gesellschaft gehört haben. Für Hinterwäldler wie mich. Die angemailt, angerufen,  angetextet werden um den deutschen Medienauswandererboom zu füttern. Mit frischen Fällen. “Sind Sie doch bitte so nett, bis Anfang der Woche bräuchten wir ein Single aus Bayern …”  “Würden Sie bitte mal schnell… – Ah, nee, Sydney hatten wir schon so oft, können Sie nicht wen auftreiben, der ins Outback  gezogen ist?” “Na, das klingt doch super, aber wäre schon besser, wenn die Familie auch Haustiere hätte… “ Lustige Recherche-Arbeit eben. Durch den Kontinent telefonieren, Leute überreden, Kontakte auswringen, wieder telefonieren. Mach ich ganz gern mal zwischendurch. Vorher teile ich den deutschen TV-Mitarbeitern meinen Tagessatz für derlei Dienste mit. Und dann hört der Spass ganz abrupt auf. Oder fängt so richtig an, wie man’s nimmt. Bezahlen ist nämlich (siehe oben) von gestern. “… haben wir eigentlich leider nicht die Möglichkeiten, Honorare zu zahlen…” lese ich dann, oder “…teile ich Ihnen mit, dass wir Vermittlungen dieser Art in der Regel nicht vergüten…” Und zuletzt höre ich: “Wir sind auf die Mitarbeit von Kollegen angewiesen, die Spaß an der Sache haben und uns gerne unterstützen möchten.” Einen Riesenspass hatte ich. Danke, Channel X! Selten so gelacht. Sorry, aber unter uns: Wenn ich Spaß brauche, geh ich dann doch lieber surfen als für deutsche Sender honorarfrei am Telefon zu hängen (auch Telekommunikation ist übrigens in Australien noch gebührenpflichtig). 

PS: Mit welchen Spaß-Moneten, in welcher Lach-Währung bestreiten deutsche Fernsehredakteure eigentlich inzwischen ihren Alltag? In Sydney, falls das eine der Auswanderer-Serien interessiert, werden altmodische Sachen wie zB Miete – total vorsintflutlich – immer noch in Dollar gezahlt. 

 

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Napoleon hat wieder verloren

Das waren noch Zeiten, als die Völker Europas noch nicht im Ministerrat in Brüssel aufeinander losgingen, sondern 20 Kilometer vor der Stadt, drüben bei Waterloo. Manchmal machen sie das heute noch, vor einigen Tagen zum Beispiel. Da pflanzten die Preußen die Bajonette auf und rannten auf die Franzosen los, denen auf der anderen Seite die Engländer und die Holländer mit ihren Kanonen schwer zusetzten.

Es ist erstaunlich, wieviel Tausende von Menschen ihre Wochenenden damit verbringen, in sengender Hitze oder auch mal im knietiefen Schlamm alte Schlachten zu schlagen. Es wird weit mehr gekämpft auf Europas Wiesen als das Fernsehen übertragen will. In Waterloo werden Napoleons Truppen alle fünf Jahre niedergemacht, immer so um den 18. Juni herum. Dazwischen wird anderswo belagert und gemetzelt. Die meisten Hobby-Soldaten kennen sich von Valmy, von Austerlitz, von Jena und Auerstedt und frühstücken zusammen, bevor sie schweres Geschütz aufeinander richten.

Auf die Nationalitätenkennzeichen kann man sich so wenig verlassen wie damals, als die Söldner anheuerten, wo das Essen besser war. Heute entscheidet eher die Uniform. Charles-Henry, der daheim in Brandenburg Karl-Heinz heißt, hat vor langer Zeit bei einer Kostümauktion eine französische Uniform ergattert und muss jetzt immer bei Napoleon mitmarschieren. Obwohl er im Herzen Preuße ist. Sein Freund Pierre aus Sachsen dagegen hat auch innerlich angeheuert und denkt manchmal sogar in französisch, sagt er, was nicht leicht ist, wenn man nur 30 französische Wörter zur Verfügung hat.

Für die Zuschauer ist das Spektakel eher beschaulich. Manche sagen auch langweilig, weil es doch Stunden dauert, bis Blücher seine Truppen den ganzen Bogen von Wavre raufgeführt hat. Da versteht man den Herzog von Wellington, der gesagt haben soll: „Ich wünschte es wäre Nacht und die Preußen kämen endlich.“ Richtig aufregend ist es allerdings für die Hauptdarsteller. Beim letzten mal musste Napoleon morgens um sechs mit Herzinfarkt vom Platz getragen werden. Die Schlacht ging trotzdem aus wie immer: Napoleon hat wieder verloren.

 

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Seid freundlich zueinander!

Gestern war in Paris der Tag des Tourismus. Die Aktionen richteten sich vor allem an Tourismusprofis und nicht an die Touristen, die davon ja nichts wussten. Das ist ja schon mal sehr zielgerichtet! In der Stadt tummelten sich ein paar, in Orange gekleidete Abgesandte (Die Farbe Orange macht gute Laune), die bei der Bevölkrung dafür warben, zu Touristen freundlicher zu sein. Eine gute Initiative, schließlich ist Paris eine der unfreundlichsten Städte der Welt. Nur, war soll diese Aktion? Nach einem Tag wird kein Pariser plötzlich lächeln und dem Touristen ein akzentfreies "'ello, 'au arrrr yuuuu?" zuflöten. Vor allem nicht, wenn es dabei aus Kübeln regnet und Gewitter Kurzschlüsse erzeugen. Seit nunmehr zwei Monaten leben die Pariser im Dauerregen, die Stimmung ist auf dem Nullpunkt, alle wollen nur noch eines: Flüchten aus der Stadt und diesem Sommer. Der erste Schwung ist in die Ferien bereits abgereist. Die Stadt leert sich und die Abreisenden rufen den orange gekleideten Tourismus-Propheten zum Abschied hinterher:"Sollen doch die anderen freundlich sein, wir hauen ab!" Die anderen, die Übriggebliebenen, das sind die armen Tröpfe ohne Villa an der Küste und die Touristen selbst. Okay, Touristen seid also freundlicher zueinander, wenn ihr in Paris Station macht. Ist es das, was die Stadt will? Fazit: Diese Aktion der Tourismusbehörde ist im wahrsten Sinne ins Wasser gefallen. Tomber à l'eau, sagt man dazu übrigens auch im Französischen.

 

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Rollmops und Rollenkoffer für Europa

Der Rollmops und die Bratzwiebel liegen mir immer noch im Magen. Dafür habe ich jetzt eine hellblaue Krawatte, ein Geschenk von Deutschland. Von Finnland hängt noch eine schrill-grüne im Schrank und eine orangerote vom Großfürstentum Luxemburg. Im Dezember kommt wahrscheinlich eine portugiesische dazu, mit Korkeichenmuster oder so.

Krawatten gelten offensichtlich als Zuwendungen unterhalb der Bestechungsgrenze. Früher haben die Regierungen bei den EU-Gipfeln noch richtige Geschenkpakete für die Journalisten geschnürt. Aus Amsterdam sind alle mit einem schicken Rollenkoffer nach Hause gekommen, die Iren haben uns Whiskey und Wildlachs mitgegeben, und in Wien haben einige im Hotel festgestellt, dass sie am Flughafen den falschen Koffer vom Rollband genommen hatten. Da hatten viele noch die Koffer aus Amsterdam, die alle gleich aussahen.

Die Geschenkhuberei war Teil des Reisezirkus, der die Brüsseler Journalisten alle halbe Jahre zum Europäischen Rat in irgendeine Hauptstadt lotste. Seit die EU-Gipfel der Einfachheit halber alle in Brüssel stattfinden, gibt es keinen Grund mehr für großartige Gastgeschenke. Eine Krawatte oder ein Halstuch, ein paar Schreibblocks und Gummibärchen, das ist es dann. Die wenigsten Journalisten sind darüber traurig. War doch etwas peinlich, wenn man im Pressesaal so in der Schlange stand, um den Rucksack oder die Aktentasche abzuholen. Aber liegenlassen wollte es auch niemand.

Der Rollmops und die Bratzwiebel sind von der Reisetradition übriggeblieben. Für die Gipfelverpflegung ist die jeweils gerade amtierende EU-Präsidentschaft zuständig, und die deutsche Regierung hat sich auf Rollmops festgelegt. Für 2000 Journalisten mit Zwiebel, für 27 Regierungschefs mit grüner Soße. Wird in der Gegend um Frankfurt viel gemacht: Ein paar Kräuter in den Mixer, draufdrücken, fertig ist das Hessen-Pesto.

Kulinarisch gab's schon schlimmere Präsidentschaften. Vor drei Jahren haben die Holländer in der Disziplin Miese-Küche sogar die Briten geschlagen. Den Haag ist zum Glück erst wieder 2016 dran, die Briten 2017. Die Sache ist ohnehin entschärft, seit die Gipfel in Brüssel tagen. Die EU-Präsidentschaft bestimmt, was auf den Tisch kommt, gekocht wird es von belgischen Köchen. Und richtig schlecht kochen, das können die Belgier nicht mal nach Rezept.

 

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Der lügende Holländer

Zuerst die schlechte Nachricht. Belgien hat jetzt die internationalen Vorfahrtsregeln eingeführt. Bislang galt zwar auch in Belgien rechts vor links. Aber das Gesetz sagte auch, wer zögert, verliert die Vorfahrt. Diese etwas vage Regelung passte gut zum belgischen Gemüt: Die Entschlossenen sollen schon mal losfahren, die Zauderer brauchen sowieso noch etwas Zeit zum Überlegen. Viele Belgier fürchten, dass die kalte Rechts-vor-Links-Regel Unheil bringen wird.

Jetzt die gute Nachricht: Zwei von drei Belgiern finden, dass sie keine Ahnung vom Kochen haben. Auf den ersten Blick ist das kein Grund für Lob. Auf den zweiten schon. Denn die Umfrage wurde auch in Holland durchgeführt, und dort haben fast die Hälfte der Befragten behauptet, sie könnten lecker kochen. Dass nördlich der Schelde besser gekocht würde als im Gourmetparadies Belgien widerspricht nicht nur dem gesunden Menschenverstand, sondern auch meiner Erfahrung in den letzten 15 Jahren.

Die einfachste Erklärung wäre, dass die niederländischen Geschmacksnerven schlimmer degeneriert sind als wir alle bisher angenommen haben und den Unterschied nicht mehr erkennen. Oder es verhält sich so, dass die Niederländer, wenn sie leckere Matjesfilets auswickeln, das schon für Kochkunst halten.Weil ich aber auch nette Holländer kenne, weise ich solche Erklärungen zurück. Ich habe mir deshalb die Küchenumfrage noch einmal angeschaut. Und da steht, dass Belgier der Selbsteinschätzung zum Trotz am gesündesten kochen.

Im Gegensatz zu allen europäischen Nachbarn, Deutsche eingeschlossen, bringt der Durchschnittsbelgier mindestens dreimal die Woche frische Zutaten auf den Tisch. Außerdem kochen 86 Prozent der Belgier mit viel Olivenöl, was schon mal beweist, dass 86 Prozent tatsächlich kochen und nicht nur Fertigsuppen einrühren.

Die Auflösung kann deshalb nur heißen: Belgier stellen einfach höhere Anforderungen an ihr Können. Das wird auch durch Verkehrsumfragen gestützt: Belgier sind die einzigen Europäer, die zugeben, dass sie nicht gut Auto fahren können. Deshalb sind viele Belgier überzeugt, dass es Unheil bringt, wenn sie auf der Kreuzung keine Zeit mehr zum Nachdenken haben.