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Paris kurz vor Weihnachten

Während die Metrostationen überquellen…

 

 

 

 

 … bietet das Luxus- und Palasthotel Plaza Athenée für seine kleinen Gäste einen eigene Schlittschuh-Bahn an. Die Kinder reicher Hotelgäste müssen sich also nicht auf den öffentlichen Eisplätzen wie am Hôtel de Ville Schlange stehen. 

    

  

 

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Keine Busen, keine Bilder? Das italienische Fernsehen zensiert “Brokeback Mountain”

Eigentlich wollte ich am Montag früh ins Bett gehen, doch ich schaltete nochmal den Fernseher an. Es lief Brokeback Mountain, aha, der Film mit den schwulen Cowboys, dachte ich. Ich kannte ihn noch nicht. Ich schaute ein bisschen, er gefiel mir gut, ich blieb dran, sogar über die Werbepausen hinweg, machte mir einen Tee, schaute weiter und irgendwann um ein Uhr nachts war er beendet. Hmm, dachte ich mir, ein guter Film. Aber teilweise komisch geschnitten. 

Am nächsten Morgen machte ich den Computer an und wurde in meinem Gefühl bestätigt: "Brokeback
Mountain zensiert!" schrieb schon morgens um acht die Internet-Ausgabe der römischen Tageszeitung "La Repubblica" und stellte neben einen kurzen, empörten Artikel die herausgeschnittenen Szenen, und tatsächlich, die Szenen, die ich jetzt sah, passten genau dahin, wo ich irgendwie nicht mitgekommen war. Es waren Szenen, bei denen die beiden Hauptdarsteller Sex haben oder knutschen; ganz persönlich konnte ich auf die Szenen auch verzichten, aber für die Handlung sind sie schon wichtig. Ohne sie versteht man nämlich nicht, dass plötzlich etliche Personen, darunter die Hauptdarsteller, anders ticken.

Die Empörung vieler war jedenfalls groß, denn die Sache schien ja sonnenklar: Irgendwelche reaktionären Kräfte der italienischen Gesellschaft wollen verhindern, dass Italien schwul wird. Ganz vorne in der Verdächtigenliste: Der Vatikan und die konservative Berlusconi -Regierung. Sie hatten sich offenbar verbündet und die schwule Liebe aus dem Abendprogramm geschnitten. Schließlich hatten sich Vatikan-Mitarbeiter im letzten Monat gleich zwei Mal gegen Homosexualität ausgesprochen – oder waren zumindest so verstanden worden – und das Staatsfernsehen ist sowieso politisch gelenkt.  Ein perfides Komplott von Heteros gegen Homos?

Sogleich wurde  protestiert, an die Spitze stellte sich einmal mehr Vladmir Luxuria, die sich "Transgender" nennt, sie ist vom Körperbau ein Mann, aber lebt als Frau. Erst vor drei Wochen gewann die ehemalige Parlamentsabgeordnete der italienischen Kommunisten das italienische Dschungelcamp, die "Insel der Berühmten", weshalb Zeitungskommentatoren verwundert die italienische Toleranz feierten; nun rief Vladimir Luxuria umgehend
den Senderchef von "RaiDue" an und beschwerte sich: "Den Film ohne die beiden Szenen zu zeigen, wäre so, wie die Mona Lisa ohne Kopf: Ein Kunstwerk muss man respektieren. "Homosexuellen-Verbände wie "Arcigay", "Gaynet", sogar die "Vereinigung für die Rechte von Verbrauchern" legten nach und schimpften über "Homophobie"

Das italiensiche Fernsehen reagierte kleinlaut: "Alles Zufall": Versehentlich, so der Senderchef, sei jene Version gesendet worden, die auch für Kinder unter 14 Jahren geeignet ist. "Wir haben den Filmverleih gebeten, uns beides zu schicken, die zensierte wie die volle Version", heißt es in einer Presseerklärung der Rai." Als dann der Sendeplan gemacht wurde, habe keiner mehr auf die Kassettenhülle geschaut. Sogar der Präsident der RAI, sozusagen ZDF-und ARD-Chef in einem, Claudio Petruccioli, entschuldigte sich. Ein Reporter von "La Repubblica" fragte am Donnerstag noch einmal argwöhnisch nach: "Es gab keinen Druck aus dem Vatikan, den Film zu schneiden?" – "Nein", antwortete Claudio Petruccioli, "kein Druck vom Vatikan, kein Druck von irgendwo." Als prüde kann man das italienische Fernsehen auch eigentlich nicht bezeichnen: Angefangen vom Frühstücksfernsehen werden mit Fortschreiten des Tage die Röcke der Moderatorinnen auf allen Programmen kürzer und die Posen deutlicher. (Maßstäbe setzt dabei schon kurz nach den Abendnachrichten die Klamauksendung "Striscia la notizia", bei der zwei junge Damen auch mal lasziv über den Schreibtisch der Moderatoren krabbeln.)

Ist dauerhafte Beschallung mit Busen moralischer als schwule Cowboys? Der Fall "Brokeback Mountain" ist noch nicht ausgestanden. "Die peinlich berührte Erklärung der Rai kann meiner Meinung nach nicht den Vorwurf der Zensur entkräften", meinte am Mittwoch Senator Luigi Vimercati, der in einem Rai-Kontrollgremium sitzt, "ich werde das Thema auf die Tagesordnung im Parlament setzen lassen."

Das soll er.  Ich bin eh immer etwas langsam, wenn es darum geht, Filme zu verstehen. Da sollte man es mir nicht noch schwerer machen, indem man alles mögliche rausschneidet.

 

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Zweiklassen-Gesellschaft in Paris

Seit es in Paris das Leihfahrrad-System Vélib gibt, ist Fahrradfahren "in". Nur leider sind nicht alle dieser Meinung. Taxifahrer machen längst gezielt Jagd auf die Zweiräder und das Hotel Costes in Paris will vor seiner Eingangstüre die Drahtsessel einfach nicht sehen. Dieses Schild brachten die Hotelmanager auf dem öffentlichen Gehsteig an. 

 

 

 

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Australier, wer seid Ihr…?

Endlich. Heute abend ist es soweit: “Australia” (The Movie) feiert Weltpremiere in Sydneys George Street. Mit rotem Teppich, Nicole, Hugh, gesperrter Innenstadt etc. Die (wenn’s gut geht) breiteren Massen werden das 150 Millionen Dollar teure Werk erst nächste Woche sehen, der europäische Rest der Welt zu Weihnachten. Aber wir hier unten wenigstens, haben den Hype dann hinter uns, hopefully. Denn dieser arme Film muss Unglaubliches leisten, auf jeden Fall wenn man hiesigen Medien folgt, die seit Wochen über kaum anderes mehr berichten (ok, für Obama gab's eine kurze Unterbrechung). Wird der Film fertig? Stirbt Hugh am Ende? Wird der Film nicht fertig? Mag Oprah Winfrey ihn? (Antwort: ja) – es ist wie im Film… Vermutlich sind alle so aufgeregt, weil Baz Luhrman den Namen des kompletten Kontinents für sein 165-Minuten-Epos vereinnahmt hat. Aber der Streifen über Drama, Rinder und Liebe zu Zeiten des zweiten Weltkriegs im Outback müsste eigentlich schon vor Erstaufführung unter der Last der Verantwortung reißen. Ehrlich, dies ist nur eine kurze Liste der Dinge, die der Film leisten soll: Er muss neue Touristenströme nach Australien locken (die Tourismus-Behörde hat Regisseur Baz 50 große Scheine extra gegeben um auch noch einen Werbespot im Stil des Films zu drehen). Er soll die ‘müde australische Filmindustrie vor dem endgültigen Einschlafen bewahren’ (Sydney Morning Herald). Er muss über Australiens Rolle im Zweiten Weltkrieg aufklären (AP). Er muss Nicole Kidman eine Rolle geben, in der sie ausnahmsweise Leute sehen wollen (jj). Er muss Hugh Jackman richtig berühmt machen (mit und ohne Gesichtshaar). Und last but not least so der ‘Herald Sun’ muss der Film den “Australiern zeigen, wer sie sind… “ Au weia, that’s asking for a lot. Ich bin eigentlich schon froh, wenn er mich gut unterhält.

 

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Drogenerziehung auf Indonesisch

Gestern bekam ich eine ungewöhnliche SMS: „Drogen zerstören die Zukunft der jungen Generation. Hört jetzt auch auf, Drogen zu nehmen, damit Eure Zukunft nicht dunkel und hoffnungslos ist. Sender: Präsident der Republik Indonesien.“ Da ich mich als drogenfreie Langweilerin davon nicht angesprochen fühlte, werde ich diese fürsorgliche Nachricht heute einem Freund weiterleiten, der wegen eines Joints seine nähere Zukunft im Gefängnis verbringen wird. Dass er eines und nicht fünf Jahre im Knast verbringen wird, hat er übrigens den Ordnungskräften dieser fürsorglichen Republik zu verdanken. Für mehrere hundert Euro Bestechungsgeld hat die Polizei das zunächst völlig übertriebene Verhaftungsprotokoll in einen Bericht umgewandelt, der – zumindest in groben Zügen – der Realität entspricht. Für ein paar hundert Euro mehr haben sich Richter und Staatsanwalt dann auch noch erbarmt, ein normales Strafmaß anzusetzen. Ein anderer Bekannter hatte weniger Geld. Er hat nun vier Jahre Zeit, um sich wegen ein paar Gramm Hasch seine Zukunft im Gefängnis aufzubauen: Er holt seinen Schulabschluss nach, den er sich – ebenfalls wegen Mangel an Geld und staatlicher Unterstützung – „draußen“ nicht leisten konnte.

 

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Was war los mit “Niko”? Vor meinem Haus in Rom steht ein neuer Liebesschwur

Vor meinem Nachbarhaus hat jemand heute Nacht drei Worte geschrieben, in goldener Schrift: „Mi manchi Niko“, steht dort, „Du fehlst mir, Niko“. Die Buchstaben sind jeweils eineinhalb Fußlängen groß, jemand muss sie heute Nacht in aller Eile aufgesprüht haben. Nun versuche ich herauszufinden, wer „Niko“ ist und wer ihn oder sie vermisst, und vor allem, warum.

Meine Straße in Rom ist ohnehin schon voller Liebesschwüre. Wenn ich mein Haus verlasse und den kleinen Fußgängerweg entlanglaufe, der die von der Straße abseits liegenden Häuser verbindet, dann liegt mir als erstes „TI AMO“ zu Füßen, „ICH LIEBE DICH“. Das steht dort ungefähr in der Größe eines Bettlakens, in einem Gelb, das Straßenbauarbeiter auf den Asphalt kleben, wenn sich kurzzeitig die Straßenführung ändert. Ein paar Häuser weiter hat ein Verliebter rechts an einem Haus „Ti amo principessa“ in schwarzer Schrift aufgesprüht, fährt man weiter, überrollt man ein „6 la mia vita“, wobei „6“ für „sei“ steht und das bedeutet „du bist“. „Du bist mein Leben“, also.  

Dass ganz Rom voll ist von Liebesschwüren junger Römer liegt an Autor Federico Moccia. Der  Römer und Bestseller-Autor beschreibt in seinen Büchern Romanzen zwischen Teenagern, die von der großen Liebe träumen und dafür alles tun: Sie sprühen Liebesschwüre an Hauswände und sie  kaufen Vorhängeschlösser, schreiben mit Edding ihre Namen drauf und klicken sie an das Geländer der alten römischen Tiberbrücke „Ponte Milvio“. Nachdem das Buch „ Ho voglia di te“ erschienen war – auf deutsch heißt es  „Ich steh auf dich“, kamen innerhalb von Wochen tausende Jugendliche an die Brücke und befestigten Vorhängeschlösser am Geländer und an den Laternen der Brücke. Doch weil einige der Laternen unter der Last wegknickten und der römische Stadtrat den Wert der Liebesschwüre gegen den Wert der Laternen aufrechnete, montierte die Stadt auf der Brücke eigens Metallstangen, an die man nun legal seine Vorhängeschlösser befestigen kann – den Schlüssel wirft man danach übrigens in den Tiber.

Ob „Niko“ auch ein Vorhängeschloss an die Ponte Milvio befestigte, als die Liebe noch groß war und es noch kein mahnendes „Mi manchi Niko“ brauchte? Ich weiß es noch nicht, doch ich werde mich auf die Lauer legen, um „Niko“ zu finden. Hat „Niko“ Hausarrest und kann nicht zu den Freuden? Oder hat „Niko“ Schluss gemacht und die goldene Schrift soll ihn zurückholen?

Eine ältere Dame, die heute morgen mit Blick auf „Mi manchi Niko“ ihre Wäsche aufhing, fragte ich, wie sie das denn fände, dass da jemand auf die Straße sprühe – ich rechnete mit „diese jugendlichen Schmierer“ und mit „man sollte die Polizei holen.“ Doch die Frau sagte zu meiner Überraschung: „Ich finde es wunderschön.“ Und es sei doch wunderbar, dass so eine Schrift einen wieder daran erinnere, wie großartig „l´amore“, „die Liebe“ sei. Fragt sich nur, ob die goldene Schrift „Nikos“ Herz erweichen wird. Ich werde weiter ermitteln.

 

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Mit der Kanzlerin auf Reisen

Wenn Angela Merkel Außenpolitik macht, ist das für Berliner Journalisten die beste Gelegenheit, Einblick in das Innenleben der Großen Koalition zu erhalten. Die Mitreise-Möglichkeiten bei ihren Reisen sind bei Reportern begehrt, weil die Kanzlerin im Verlauf des Hin- und Rückfluges zu improvisierten Gesprächsrunden in der Regierungsmaschine lädt. Auf ihrer jüngsten China-Reise etwa konnte man erfahren, wie sie mit Steinbrück zusammen das Finanzsystem zu retten versucht und was sie von der Arbeit ihrer Minister hält. Zitieren darf man das zwar nicht, aber die politischen Einblicke sind meist sehr erhellend. 

Was für andere Minister als lästige Pflicht erscheint, macht der Kanzlerin offenkundig auch noch Spaß. Sie schätzt nicht nur den intellektuellen Disput, sondern auch die politische Deutungshoheit. Entsprechend viel Zeit nimmt sie sich für diese "briefings", trotz des wie immer dichten Terminplans vor, während und nach ihren Reisen. Diesmal 3-einhalb Tage Peking, davon nur 2 Nächte in einem richtigen Bett, vor dem Abflug noch der Bildungsgipfel in Dresden, dazwischen schnell nach Hause in die Berliner Wohnung Am Kupfergraben, um ihren Koffer selbst zu packen. Sie dürfte die einzige unter den angereisten ASEM-Regierungschefs sein, die das selbst erledigt hat. 

Von Erschöpfung dennoch keine Spur. Am Ende einer solchen Journalistenrunde, es geht gegen Mitternacht, die Pekinger Zeitverschiebung steht in allen müden Gesichtern geschrieben, nur die Kanzlerin ist noch topfit. Noch einen "Absacker" trinken? Da kann selbst der Regierungssprecher nur noch seufzen. Von "übermenschlicher Fitness" murmelt er und folgt dem Ruf der Chefin. Übermenschlich wohl nicht, aber deutlich mehr als ihre Berater. 

 

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Sentimentaler Gouverneur

Der Gouverneur von Jakarta, Fauzi Bowo, ist nicht gerade bekannt für sein Mitgefühl für die arme Bevölkerung der indonesischen Hauptstadt. Wie sein Vorgänger Sutiyoso lässt er Slumbewohner ohne gültigen Personalausweis vertreiben. Die Ordnungskräfte gehen dabei nicht zimperlich vor: Hütten werden eingerissen und samt der armseligen Innenausstattung abgebrannt; wer sich wehrt oder um sein Hab und Gut kämpft, bekommt die Schlagstöcke zu spüren. Als Fauzi Bowo gestern eine Ausstellung von Indonesiens Vorzeigekünstlerin Dolorosa Sinaga eröffnete, zeigte er jedoch auf einmal seine sentimentale Seite: Er wollte eine Bronzeskulptur mit dem Titel „I will fight“ kaufen, die ein Gruppe vertriebener Slumbewohner darstellt. Als die Künstlerin – bekannt für ihr soziales Engagement – fragte, warum er denn ausgerechnet diese Skulptur wolle, antwortete der Gouverneur: „Ich habe Mitleid mit diesen Menschen.“

 

 

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Indische Selbstkritik (II)

Vor kurzem habe ich an dieser Stelle auf die bewundernswerte Fähigkeit zur Selbstkritik in Indien aufmerksam gemacht ("Gottverlassen", 6.8.2008). Dies könnte nun eine Serie werden, die ich anderen Nationen ans Herz legen möchte. Der neueste Fall: Ein unbekannter Kolumnist der "Hindustan Times" echauffiert sich über eine Aussage des Generalsekretärs der regierenden Kongress-Partei, wonach bei staatlichen Wohlfahrtprogrammen von einer ausgegebenen Rupie nur etwa fünf Paisa die Adressaten erreichen – der Rest des Geldes verschwindet in den Taschen der mit der Durchführung beauftragten Bürokraten.

Der Kolumnist schreibt: "Der neueste Korruptions-Perzeptions-Index von Transparency International wird einer aufstrebenden Macht wie Indien nicht gerecht. Dass Indien auf Platz 85 von 180 Ländern landet, ist eine Beleidigung für das wahre Potenzial des Landes. Wir brauchen bessere Methoden um das Phänomen zu messen. Denn, einfach ausgedrückt, Indien ist 100 Prozent korrupt. Unser wahrer und angemessener Platz ist 180, an der Seite von Somalia."

 

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Ein Lob der Inflation

Es gibt Situationen, die sind so absurd, dass es eigentlich zum Lachen wäre. Das einzige Problem: In Tschechien spielen sich solche Begebenheiten vor allem in der Politik ab, so dass alle gleichmäßig darunter leiden müssen.

Es gibt zwei Konstanten im öffentlichen Leben von Tschechien, so viel muss man vorab wissen: Erstens der unbedingte Willen, in Sachen Wohlstand und Lebensqualität an den Westen aufzuschließen (was auch sehr gut gelingt: die ersten alten EU-Staaten hat Tschechien schon abgehängt). Und zweitens der nationale Stolz auf Rekorde aller Art, sei es bei den Olympischen Spielen, sei es bei den jährlichen Miss-Wahlen.

In einem Bereich treffen diese beiden Konstanten mit fatalem Ergebnis aufeinander: bei der Preisgestaltung. In Paris ist das Metro-Ticket teurer als bei uns, also müssen wir auch die Preise erhöhen – eine Argumentation, die bei den Prager Verkehrsbetrieben ernsthaft zu hören ist, ganz ungeachtet aller Kaufkraftunterschiede. Deshalb hat sich eine Einzelfahrt inzwischen im Preis verdoppelt – innerhalb von drei Jahren. Oder die Post: Das Porto für einen einfachen Brief ins Ausland ist heute doppelt so teuer wie noch 2005.

Mich erstaunt dabei am meisten, dass die Tschechen das alles mit stoischer Ruhe hinnehmen. Ein halber Volksaufstand, wie er in Deutschland losbricht, wenn die Bahn ihre Preise um 3,9 Prozent erhöht, ist völlig undenkbar.

Und damit sind wir bei der tschechischen Politik: Dort wird nämlich gerade diskutiert, die Autobahnvignetten im nächsten Jahr teurer zu verkaufen. Und wie immer in der tschechischen Politik wird geklotzt und nicht gekleckert – statt 1.000 Kronen sollen sie künftig 1.500 Kronen kosten, satte 50 Prozent mehr. Die Begründung dafür ist so überzeugend, dass die Politiker wohl auch diesmal auf öffentlichen Rückhalt zählen dürfen: „Die Inflation in Tschechien ist derzeit so hoch“, so sagten sie der größten Zeitung des Landes, „dass wir uns dieser Entwicklung nicht verschließen dürfen.“