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Kein Fest für Fische

Große Christen sind sie nicht, die Tschechen – nirgendwo anders in Europa ist die Quote der Nicht-Gläubigen höher als hier. An der liebsten Weihnachtstradition ihrer Vorfahren halten sie dennoch eisern fest: an den Festtags-Karpfen.

Und so ändert sich ein paar Tage vor dem Heiligen Abend das ganze Stadtbild in Prag: An fast allen Straßenecken bauen Händler ihren Stand auf, der aus zwei oder drei großen Wannen besteht und einem Campingtisch. Über dicke Schläuche fließt vom nächstgelegenen Hydrant, den die Stadt zu diesem Zweck freigegeben hat, frisches Wasser in die Becken. Darin tummeln sich dicht gedrängt die Fische; stattliche Exemplare sind es von beachtlichem Gewicht.

Die eigentliche Weihnachtstradition nun geht so: Man erwirbt einen solchen Karpfen, trägt ihn lebendig in einer mit Wasser gefüllten Plastiktüte nach Hause und lässt ihn dort die Badewanne beziehen. Ich habe von Familien gehört, in denen sich einige Tage vor Weihnachten niemand duscht, weil ja die Wanne blockiert ist. Und an Heiligabend ist es die vornehme Pflicht des Familienvaters, zuerst die kleinen Kinder aus dem Raum zu schicken und dann den Karpfen zu meucheln. Die Mutter muss anschließend die Schuppen abschaben und den Fisch pfannenfertig zubereiten, damit das Abendessen gesichert ist.

Soweit die Tradition. Bei den Tschechen jedenfalls löst der Anblick der mächtigen Wannen an den Straßenecken allein schon weihnachtliche Gefühle aus. Nur einen Fehler sollte man nicht machen: auf die Preisschilder an den Verkaufsständen schauen. Darauf sind die Einzelposten aufgelistet: Ein Kilo so und so viele Kronen, eine Plastiktüte so und so viel. Und dann, gewissermaßen als Zusatzangebot: „Zbavení zivota“ – das „Entledigen vom Leben“. Fünf Kronen wollten sie im vergangenen Jahr dafür. Mal schauen, ob die Inflation vor diesem Weihnachtsfest auch den Karpfentotschlag erfasst hat.

 

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Kampf dem Weihnachtsbaum

Im Geburtsland Jesu ist das Weihnachtsfest Anlass zum Kulturkampf. Denn im jüdischen Staat wird fast zeitgleich das jüdische Lichterfest Chanukka gefeiert. Mit einer Chanukkiah, die Platz bietet für acht Kerzen plus eine, einem Kreisel (Sevivon), auf dem die Buchstaben Nun, Gimel, Hej und Pej (für „ness gadol hajah poh“, „ein großes Wunder ist hier geschehen“) eingeprägt sind, und natürlich Sufganiot, süßen Schmalzkrapfen. Für Weihnachtszauber ist da kein Platz. Jedenfalls nicht im öffentlichen Raum.

Die „Lobby für jüdische Werte“ hat jetzt den Weihnachtsbäumen den Kampf angesagt. Sie hat Briefe an Restaurants und Hotels verschickt, in denen sie androht, jegliche Zurschaustellung christlicher Symbole mit dem Entzug des Kosher-Zertifikats zu ahnden. Eine Sanktion, die einen Hotelier oder Restaurant-Besitzer teuer zu stehen kommen kann. Außerdem verteilt die Werte-Lobby Flyer, in denen sie zum Boykott dieser Einrichtungen aufruft: „Das Volk Israel hat über alle Zeiten hinweg seine Seele dafür gegeben, die Werte der Torah und der jüdischen Identität zu bewahren. Sie sollten diesem Weg der jüdischen Tradition treu bleiben und sich nicht der närrischen Atmosphäre hingeben, die am Ende des säkularen Jahres um sich greift. Und vor allem sollten Sie nicht die Geschäfte unterstützen, die diese albernen christlichen Symbole verkaufen.“

Die Modekette Zara musste kürzlich ihre Schaufenster im ganzen Land umdekorieren. Kunden hatten sich über die vielen Weihnachtsbäume in den Auslagen beschwert. Hierzulande sei schließlich Chanukka angesagt und das könne Zara aus dem katholischen Spanien nicht einfach so ignorieren, hieß es. Daraufhin hat Zara eine interreligiöse Schaufensterdekoration kreiert: Friedlich glitzern jetzt die Lichter am Plastik-Weihnachtsbaum neben den elektrischen Flammen auf der Chanukkiah.

 

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Weihnachten kam mit einem Knall

Da saß ich gemütlich bei einer Tasse Tee mit einem Diplomaten zum Hintergrundgespräch in einem Café, als wir plötzlich von einem fürchterlichen Knall aufgeschreckt wurden. Es klang wie eine heftige Explosion – und mehrere weitere folgten. Bestürzt liefen die Kellner zur Tür, um hinauszusehen. Statten die Israelis uns zu Weihnachten einen unangekündigten Besuch ab? Oder sind irgendwelche Terroristen am Werk? Als die Kellner strahlend wieder rein kamen und Entwarnung gaben, wurde klar: Es war ein mächtiges Feuerwerk. Wenn der Krieg nicht zu uns kommt, dann sorgen die Libanesen eben selbst für entsprechenden Lärm. Es hat mich immer zutiefst verwundert, warum die Menschen in einem Land, das so viele Kriege ertragen musste, Knaller und Feuerwerke so sehr lieben. Sind wir sensiblen Ausländer die einzigen, die sich dann immer wieder erschrecken und an das Schlimmste denken? Ich kann es mir kaum vorstellen.

Doch sei es wie es ist. Wir hatten also gestern mal wieder das Vergnügen eines massiven Feuerwerks im Zentrum Beiruts. Es erleuchtete den Nachthimmel zwischen dem Märtyrer-Denkmal und der Mohammed el-Amine-Mosche, besser bekannt als Hariri-Moschee (weil Rafic al Hariri  diese überdimensionierte Moschee vor seinem Tod hatte errichten lassen – als Symbol der sunnitischen Macht im Libanon, heißt es) in allen denkbaren Farben und war wunderschön. Der Grund: Saad al Hariri, der Sohn Rafics und Libanons neuer Premierminister, eröffnete die Weihnachtssaison in Beirut. 

Der Märtyrerplatz ist nun dekoriert mit 86 kleineren Weihnachtsbäumen und einer Riesentanne, bestehend aus 500 eigens dafür abgeholzten Nadelbäumen. An dieser Stelle ein Gruß von Beirut nach Kopenhagen, wo gerade die weltweite Klimaveränderung beklagt und vielleicht sogar bekämpft wird. Hariri wird Anfang der Woche auch dorthin kommen und sicher besorgte Worte finden. Aber jetzt und hier zu Hause erfreuen wir uns der Weihnachtssaison, denn die Konjunktur soll ja auf Hochtouren laufen. Um das zu erleichtern brennen auch auf den Weihnachtsbäumen auf dem Märtyrerplatz 1150 Lampen während 20 Projektoren die Mega-Tanne mit verschieden farbigem Licht zusätzlich anstrahlen. Tag und Nacht versteht sich. Minus drei Stunden täglich, denn für diese Zeitspanne fällt in Beirut jeden Tag der Strom aus, weil die Electricité du Liban nicht genug Strom produzieren kann. Wie das alles zusammenpasst, fragt man sich im Libanon besser nicht. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Die Libanesen sind also ganz auf’s Fest eingestimmt, alle Geschäftsstrassen sind weihnachtlich dekoriert, übrigens auch im überwiegend moslemischen Westen der Stadt. In den Läden wimmelt es von Festtags-Schnäppchen – der Kommerz ist König! Sozusagen als vorweihnachtliches Präsent bekamen die Libanesen auch noch kurz vor Jahresende endlich eine neue Regierung – nur sechs Monate nach den Parlamentswahlen im Juni. Die neue Mannschaft der nationalen Einheit wurde vom Parlament nach einer Marathondebatte von knapp 99 Prozent der Abgeordneten bestätigt – ein Rekord.

Und das, obwohl die pro-westlichen Christenparteien allesamt gegen Paragraph 6 der Regierungserklärung waren, der besagt: Der Libanon, sein Volk, seine Regierung, seine Armee und sein Widerstand (d.h. Hisbollah) haben das Recht, das gesamte libanesische Territorium mit allen legitimen Mitteln zu befreien. Mit anderen Worten: Niemand rührt die Waffen der Hisbollah an. Das finden nicht alle im Zedernstaat klasse, aber das ist nun erneut Regierungspolitik. Die Zeichen stehen auf Ruhe und Ausgleich, vorerst jedenfalls. Nach Ansicht des Abgeordneten Fadi al-Awar ist die allgemeine Atmosphäre so gut, dass einer Arbeit im Interesse der Bürger eigentlich nichts im Wege steht. Na, das sollte einem schon ein lautes Feuerwerk wert sein.

 

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Ho! Ho! Ho! I'm hot.

Auch nach fast acht Jahren in Sydney fällt mir schwer, Santa ernst zu nehmen. Ich fürchte, das liegt an etwas peinlich Oberflächlichem wie seinem Outfit. Santa (eigentlich Santa Claus, aber wir kürzen hier unten gern ab), sind jene Herren, die in rotem Samtvelours gewickelt mit dichtem weißem Bart und kuschlig warmer Mütze seit ein paar Wochen umherwandern, in Shopping Malls sitzen und Geschenke verteilen. Dazu rufen Santa Clause zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit “HO!HO!HO!”

Das ist australische Mundart, aber was es heißt hat mir noch kein Einheimischer erklären können. Meine alltagskulturelle Beraterin Christine sagt: “Santa kommt samt zwölf Rudolph (Rudy) genannten Rentieren vom Nordpol. Mit Hohoho vermeidet er Smalltalk, für den er keine Zeit hat, weil er ja um die ganze Welt muss.” Mehr weiß sie über den dröhnend dargebotenen Dreisilber auch nicht. Das “Australian Phrasebook” des bekanntlich immerschlauen Lonely Planet bemüht sich erst gar nicht um eine Erklärung.

Ich glaube, das dreifach-Ho ist mitnichten ein Lachen, sondern Santas Art uns mitzuteilen, dass er es santafeindlich findet, bei über 30 Grad in dicken roten Mänteln rumzulaufen: “HO!HO!HO ist mir heiss!” “Ho-ho-hot is it here…” Nach gut 220 Jahren weißer Besiedlung des Kontinents könnten wir doch eigentlich klimatisch passendere Kleidung für den Hochsommergast vom Nordpol finden.

Immerhin – Dieses Jahr zieren die allgegenwärtigen, bunten Advents-Straßenbanner in Sydney nicht wie sonst die beliebten Eissterne-Motive und Schneemänner. Diesmal schmücken die im Dekorations-Rausch befindliche Innenstadt lokale Flora und Fauna.

Das gibt Hoffnung. Wer weiß, in ein paar Jahrhunderten darf sicher auch der australische Santa Surfshorts tragen. Vielleicht in Dunkelrot mit weißem Puschelrand. 

 

 

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Hoffnung und Verzweiflung

Die Hoffnung war mit Händen zu greifen, vor wenigen Wochen noch. Erstmals seit Ausbruch des PKK-Krieges vor 25 Jahren schien eine friedliche Lösung des Kurdenkonfliktes in der Türkei möglich. Erstmals brachte eine türkische Regierung den Mut auf, die Probleme beim Namen zu nennen und statt auf immer weitere Gewalt auf demokratische Reformen zu setzen, auf mehr kulturelle Rechte für die Kurden und mehr Freiheitsrechte für alle. Und erstmals seit Ausbruchs des Konflikts hattte sie dafür einen Großteil der Gesellschaft hinter sich, bis hin zum vom Dauerkrieg frustrierten Militär.

Jetzt liegt das alles in Scherben. Drei schwere Schläge hintereinander hat die neue Kurdenpolitik der Regierung Erdogan in den letzten Tagen versetzt bekommen. 1) Den Ausstieg der kurdischen Nationalisten aus dem Projekt – angekündigt von der Co-Vorsitzenden der Kurdenpartei DTP mit dem Satz „Für uns ist die Sache vorbei“ und vollzogen von der PKK am vergangenen Montag mit der Tötung von sieben Wehrpflichtigen im nordtürkischen Tokat, fernab vom Kurdengebiet. 2) Das Verbot der DTP durch das Verfassungsgericht wegen übermäßiger Nähe zur PKK und mangelnder Distanz zu deren Terror und Gewalt am gestrigen Freitag. 3) Den heutigen Abzug all ihrer Abgeordneten aus dem Parlament durch die DTP, die mit ihrer letzten Amtshandlung zumindest symbolisch die Spielregeln der Demokratie kündigte – so lückenhaft diese in der Türkei sein mag.

Wie es jetzt weitergehen soll, das fragen sich Millionen Menschen in der Türkei. Für viele von ihnen, vor allem im Westen des Landes, ist es eine theoretische Frage, eine politische Frage, eine ideologische Frage. Für Millionen andere geht es dabei aber um Leben und Tod, um Not, Elend und Ausgrenzung oder ein menschenwürdiges Leben. Für sie sind die Entwicklungen der letzten Tage eine Katastrophe. Ich denke an Figen in Diyarbakir und an Abdullah in Sirnak, ich denke an Kasim Tokay und seine Leute in Aziziye, ich denke an den Eselsattler Fevzi und den Milizionär Ali, und ich denke an Zehra und all die anderen Mütter, die ihre Söhne jeden Tag auf dem Friedhof besuchen. Ich denke an all die von dem Konflikt betroffenen Menschen, die mir in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten ihr Vertrauen und ihre Gastfreundschaft geschenkt haben, die nichts anderes wollen als Brot, Frieden und ein menschenwürdiges Leben für ihre Kinder, und die in den letzten paar Monaten erstmals Hoffnung schöpfen konnten.

 

 

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Geburtshaftanstalt an der Wolga

Als wäre ich in eine missglückte russische Filmkomödie geraten: Ich stehe auf der Bordsteinkante zwischen einem steif gefrorenen Rasen und einem Asphaltweg und spähe hinauf in die Abenddämmerung. Genauer auf eine dunkle Silhouette im hell erleuchteten Fenster 4 Stockwerke über mir. Die Silhouette ist der Kopf meiner Frau, die seit heute Vormittag im Roddom, im „Geburtshaus“, eingesperrt ist. Sie blickt zu mir herab, ihre Miene ist nicht mal zu ahnen. „Wir sind jetzt nur noch zu dritt im Zimmer“, ihre Stimme klingt unverdrossen, „einem Mädchen ist schon Wasser gekommen, die haben sie abgeholt, zum Kaiserschnitt.“ Ich frage nicht, was für Wasser ihrer Schicksalsgenossin gekommen ist, ich frage, ob die Einkaufstüte Obst gut bei ihr angekommen ist. „Soviel Obst, das kriege ich gar nicht mehr alles aufgegessen“, antwortet es tapfer von oben.

Ich aber fühle mich plötzlich sehr sowjetisch. Ein argloser Westler, vom russischen Schicksal gepackt und zurück geschossen in trübsten sowjetischen Alltag: Der Schweinegrippe haben wir es zu verdanken, dass das eigentlich hochmoderne „Republikanische Natale Zentrum“ in der Wolga-Stadt Tscheboksary die totalitären Regeln sowjetischen Quarantänewahns wiedereingeführt hat: Keine Schwangere, keine Wöchnerin darf aus dem Geburtshaus, kein Verwandter, kein Vater rein. Man kommuniziert durchs Fenster, fuchtelt und winkt, wenigstens gibt es Handys, man muss nicht mehr schreien wie die traurigen Heldinnen und Helden des Sowjetkinos, dessen Drehbuchautoren zugesperrte Gebärhaftanstalten zu einem der unwitzigsten Komödienklischees Russlands gemacht haben. 

Mann ist draußen. Das sich anbahnende Wunder findet drinnen statt, hier draußen scheint es beiläufig zu werden und fremd, man ist ihm so fern wie jeder fröstelnd vorbei eilende Passant. Übermorgen kommt meine Tochter zu Welt, sehen werde ich sie erst Tage später, auf dem Bildschirmchen einer digitalen Kamera, die meine Frau drinnen voll geschossen hat.  Meine Tochter liegt verpackt wie ein Paket auf einem Blechregal, mit einem Pappzettel dran. Adressiert, weiß Gott, an wen. Manchmal ist das Leben in Russland zum Heulen lieblos.

 

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Skaten und Skaten lassen

Er sieht aus wie ein stinknormaler Skatepark. Doch ich vermute dahinter ein geheimes städtisches Testgebiet. Tief im Süden der Stadt gelegen ist die Anlage. Sie ist eine der ältesten in London. Bisher war sie ein mäßig besuchter Abhängtreff für Schulschwänzer, mit schlechten Graffiti und miesem Beton. Doch dann wurde der Park geschlossen, Bauarbeiter rückten an und rissen die alte, gescheiterte Gemeindetristesse heraus. Plötzlich wuchsen dramatisch die Hügel aus Beton in die Höhe und stürzten wieder hinab in tiefe Becken. Ein Skaterparadies im Stile der endlosen Sommer im Kalifornien der Siebziger. Oder so in etwa war es wohl angedacht.

Und je neuer und steiler der Beton sich in seinem eingegrenzten städtischen Territorium gefiel, desto auffälliger ändert sich seitdem allmählich auch das Publikum. Leute aus Londons kreativem, viel zu coolem Osten setzen sich in die U-Bahn, um ganz freiwillig in den uncoolen Süden zu fahren und hier skaten zu können. Und vielleicht hat auch die Finanzkrise ihren kleinen Beitrag dazu beigetragen, denn plötzlich bekommt man als Anwohner in der Nähe des Skateparks ab mittags keinen Parkplatz mehr. Alles wird blockiert von Familienkutschen, aus denen lässige Endvierziger mit ein bisschen mehr Zeit steigen. Manche von ihnen schleppen alibimäßig ihre Söhne mit, andere trauen sich allein auf den Beton. Unterm Arm tragen sie die alten Boards aus der harmlosen Teenagerzeit, auf das sich zwanzig Jahre lang der Staub des Vergessens legen konnte.

An ein Testgebiet muss ich denken, weil man sich jeden Tag fragt, ob das auf Dauer gut gehen kann, wenn Väter plötzlich ihre eigenen Jugenderinnerungen auf dem Terrain ihres Nachwuchses ausleben wollen. Dort, wo heftig pubertierende Jungs vor den weiblichen Zuschauern eigentlich reichlich Testosteron loswerden wollen. Stattdessen müssen sie höflich bremsen, ihr Tempo drosseln und geduldig warten, wenn sich ein Mann im Alter ihres Vaters vor ihnen nicht traut, in den Pool hinab zu fahren. Doch die jungen Männer regen sich nicht einmal mehr auf, sondern tolerieren die graumelierten Gäste. So sieht sie also aus, die aktuelle Form von pubertärer Abgrenzung, Version 2009. Selbst jeden jugendlich-vernichtenden Zynismus verkneift man sich hier, wenn ein Boarder von Mitte fünfzig seine üppige Schutzausrüstung anlegt. Skaten und skaten lassen.Die Jugend präsentiert ihre Schürfwunden wie Schmuckstücke, und die Älteren schnallen ihre Knie- und Ellbogenschoner an. Wie eine Knautschzone zwischen der Sehnsucht nach Leichtsinn und einer ganz realistischen Angst vor der Arbeitsunfähigkeit.

 

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China: Internetnutzer jagen falsche Armeeoffiziere

Es gibt keinen so rohen Ort wie Chinas Straßen. Dort gilt uneingeschränkt das Recht des Stärkeren (und Größeren und Teureren). Ganz oben in der Hackordnung stehen die Autos mit den weißen Nummernschilden, denn die sind vom Militär. Oder sollten es zumindest sei

Die weißen Kennzeichen beginnen mit einem roten Schriftzeichen je nach Zulassungsort und Militärdistrikt. Es folgt ein roter Buchstabe, ein Gedankenstrich und eine fünfstellige Zahl, die das Fahrzeug identifiziert.

Mit einem weißen Nummernschild darf man auf Chinas Straßen: alles. Denn nie würde sich ein Verkehrs-Polizist trauen, einem möglicherweise einflussreichen Offizier einen Strafzettel auszustellen. Früher habe ich mich in Peking immer über die Militärfahrzeuge und Polizeiautos amüsiert, die man an Wochenenden beim Familienausflug beobachten konnte. Oder die Umzüge im Krankenwagen.

Jetzt haben chinesische Internetnutzer die Militär-Nummern miteinander verglichen. 

 

 

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Zeitschriften zum Schleuderpreis

Was mir an den Polen schon immer gefallen hat, ist deren Sinn fürs Improvisieren und fürs Geschäft. Sobald es ein paar Stunden regnet, verkaufen Strassenhändler direkt vor den grossen internationalen Einkaufstempeln am der Warschauer Marszalkowska-Strasse auf ihren Klapptischen Regenschirme und Ponchos aus Plastik. Beginnt es zu schneien, werden die Schirme von bunten Handschuhen, Mützen und Schals verdrängt. Schnürsenkel und Bettbezüge sind immer angesagt.

 

Private und staatliche Sicherheitsorgane versuchen diesem grassroot- kapitalistischen Treiben seit über zehn Jahren Herr zu werden und die fliegenden Händler zumindest aus der Innenstadt zu vertreiben. Doch gelungen ist dies bisher höchstens für ein paar Wochen. Der Anblick improvisierter Verkaufstische zieme sich einer europäischen Hauptstadt nicht, wird immer wieder von Neuem argumentiert. Doch das Volk kauft weiter Schirme und Schnürsenkel auf der Strasse.

 

Für Korrespondenten und andere Leseratten besonders interessant sind dabei die Bahnhöfe. Unverkaufte Wochenmagazine und Fachzeitschriften landen in Polen nämlich nicht im Altpapier sondern bei den Strassenhändlern. Diese verkaufen dann die letzt-, vorletzt- und vorvorletzwöchigen Politmagazine Wprost, Newsweek Polska oder Polityka für rund einen Drittel des Preises. Gleiches gilt für polnische Monatszeit- und Quartalszeitschriften. Wer also wie ich wegen der kleinen EU-Normbriefkästen der Polnischen Post (www.poczta-polska.pl) kein Jahresabo hat, spart bei jeder Rückkehr aus dem nicht-polnischen Berichtsgebiet gleich dreimal. Es sei denn er erwerbe den letztwöchigen SPIEGEL – der kostet höchstens noch einen Fünftel.  

 

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Pollo, Res und Aguacate – Werbung als Sprachunterricht in Los Angeles

Einmal die Woche liegt Werbung meines Supermarktes um die Ecke im Briefkasten. Auf den ersten Blick sieht die aus, wie jede andere Supermarkt-Werbung in den USA. Bunt, viele Bilder und natürlich super, super günstige Angebote. Bei genauerem Hinsehen, ist aber alles anders.

 

Die Werbung ist die perfekte Ergänzung zu meinem Spanischunterricht bei Makela, Tangotänzerin aus Bunos Aires

Ist schon praktisch, wenn man an einem Ort wohnt, wo man neu erworbene Sprachkenntnisse direkt anwenden kann. Da lerne ich also ganz anschaulich beim Frühstück: naranja = Orange, aguacate = Avocado und elotes blanco = weißer Mais. Obwohl, da frag ich besser Makela nochmal. Mir kommt es vor, als müsste es elotes blancos heißen… 

Alle sind super-freundlich im Supermarkt, abgesehen davon, dass sie nur ungern mit mir spanisch sprechen. Bin wohl zu langsam. Vor allem an der Kasse kommen sie lieber auf englisch schneller zur Sache. Manche freuen sich aber auch, wenn ich erkläre, daß ich spanisch lerne und üben muss. Die Gespräche auf spanglisch plus Zeichensprache verkürzen das Warten in der Schlange ungemein. Ich schau mit Begeisterung dem Supermarkt-Bäcker zu, der von morgens bis abends am sprichwörtlich laufenden Band Tortillas produziert und zwischendurch vor Kitschfarben strotzende rechteckige Cremetorten verziert. Überwältigt bin ich vom Bohnen-Angebot. Frijoles gibt es in viel mehr Farben und Formen, als ich mir je hätte träumen lassen. Die Kunden bedienen sich mit Riesenschaufeln aus Riesencontainern. Für das Einkaufen an der Fleischtheke bin ich nicht hartgesotten genug. Die Massen an Hühnerbrustfilet (pechuga de pollo sin hueso) und Steak (troso de res – müsste das nicht trozo heißen, Makela?), die da zu super-günstigen Preisen übereinander liegen, bereiten mir spürbares Unwohlsein. Irgendwie halte ich es besser aus, nicht über die Herkunft supergünstiger Limonen nachzudenken als über die Lebensbedingungen der Sparpreis-Hühner und -Rinder. Leider darf ich im Supermarkt keine Photos machen. Das würde ich gerne mal zeigen. Die Bohnen und die Fleischtheke und die verzierten Torten des Tortilla-Bäckers.

Makela möchte ja lieber, dass ich Zeitungen auf spanisch lese als Werbung. Am liebsten El Pais oder ähnlich Anspruchsvolles, weil deren Sprache besser ist als La Opinion aus Los Angeles. Ich lese lieber La Opinion. Weil es einfacher ist und ich besser mitbekomme, was die Latinos in Kalifornien und den USA beschäftigt. Da finde ich gleich Stoff für die nächste Geschichte!