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Klima, Kunst und Kopenhagen

Klima, Klima, Klima – in Kopenhagen ist kein Entrinnen. Der am morgigen Montag beginnende Klimagipfel COP15 ist schon seit Monaten auf Bussen, in Zügen, auf Taxen und und und angekündigt worden. In letzter Zeit bekomme ich täglich gefühlte 23 500 Pressemitteilungen und –einladungen, die mit dem Klimagipfel zu tun haben. Die neuen Elektro-Renaults soll ich ebenso probefahren wie den Tesla, mir die Bürgermeister anschauen, die sich zum eigenen Klimagipfel treffen ebenso wie die Kinder. Gleich eine hand voll der bedeutendsten Museen locken mit Klimaausstellungen, mal mehr mal weniger deutlich wird die Kunst in den Dienst genommen, um auf den drohenden Klimawandel aufmerksam zu machen. Nicht ganz unwichtig dabei ist auch, Kopenhagen zu Markte zu tragen. Zu den zurückhaltenderen Ausstellungen gehört „The world is yours“ im Kunstmuseum Louisiana vor den Toren Kopenhagens:

Vier Worte prangen in Leuchtbuchstaben auf dem Museumsdach: „The world is yours“. Garde Einar Einarssons Werk hat der aktuellen Großausstellung mit zeitgenössischer Kunst den Titel gegeben. Die Welt gehört Dir wird für gewöhnlich als „Du hast alle Möglichkeiten“ verstanden. Die Kuratoren von Louisiana und ihre 24 Künstler jedenfalls nutzen sie.

Gleich im ersten Raum endlich einmal ein Eliasson, der begeistert. Der Island-Däne attackiert mehr als nur den Sehsinn. Hinter einer schweren Tür in einer auf minus zehn Grad gehaltenen Kältekammer steht sein für BMW hergestelltes Werk „Your mobile expectations: BMW H2R“. Das Fahrzeug ist kaum zu erkennen, eine filigrane Eisstruktur umschließt es – ein ästhetischer Genuss. Beim Eintreten gibt es einen Kälteschock. Das Objekt visuell wahrnehmend kommt die Erkenntnis: hier hat Eliasson BMW ein Schnippchen geschlagen. Er ist kein Futurist, der der Schnelligkeit des Automobils huldigt. Nein, Eliasson zeigt, dass diese Art der Fortbewegung – auch wenn wasserstoffbetrieben – von gestern ist, als stamme sie von vor der letzten Eiszeit. „The world is Yours“ hat er sich wohl gedacht: Nimm die Chance wahr, die BMW dir bietet, und zeig den Autobauern, was Sache ist.

Das alle Träume haben, illustriert die Chinesin Cao Fei. Sie filmt monoton in einer chinesischen Osram-Fabrik arbeitende Arbeiter. Dann treten die gleichen Menschen plötzlich als Tänzer oder Sänger auf – sie haben für Fei gezeigt, dass sie mehr als Fabrikmenschen sind. Die dänische Künstlergruppe Superflex zeigt in einem Film, wie ein McDonald’s Restaurant langsam überflutet wird. Auch die Überflussgesellschaft ist unsere Welt. Wie der Titel verspricht, gibt die Ausstellung Einblicke in die Tendenzen unserer Zeit.

Das Museum verlassend hat man Garde Einar Einarssons Leuchtbuchstabensatz „The world is Yours“ im Rücken. „The world is Yours“ ist eben auch eine Mahnung, die man im Hinterkopf haben sollte: Die Welt gehört Dir, mach was draus!

 

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Ich weiß nicht, was soll es bedeuten?

Im Kühlregal vom Supermarkt mache ich eine Entdeckung. Das neue Klimasiegel – ein grüner Baum und das Kürzel „CO2“ – ziert einen Yoghurt-Becher. Erstaunlich, denn die Kuh an und für sich steht nicht im Ruf, dem Klima gut zu tun. Das Rindvieh pupst Methan in die geplagte Atmosphäre. Wo es sein Gras rupft, wächst kein Regenwald. In Schweden haben sich die vermeintlichen Zeichen des Fortschritts und der Aufklärung rasant vermehrt. Sie prangen auf Lebensmitteln im Supermarkt und auf den Menükarten von Restaurants. Und in Zukunft wird dort genau aufgelistet sein, wieviel Treibhausgas eine Ware produziert, versprechen die Zertifizierungsfirmen Svenskt sigill und KRAV, die der Bauernkooperative nahe stehen.

Für mich als gemeinen Verbraucher wird die Lage nicht übersichtlicher. Allerhand Tabellen zu Kalorien, Fett und Zusatzstoffen gilt es zu studieren. Hinweise zur sozialen und politischen Verträglichkeit der Ware wollen beachtet sein. Und nun also soll ich auch noch den Planeten retten. Die allmächtige Lebensmittelbehörde empfiehlt mir, lieber Mohrrüben als Gurken und Tomaten zu essen, weil die in nördlichen Breiten in beheizten Gewächshäusern aufwachsen. Fisch ist zwar gesund, wird aber nur in Maßen beworben, weil die Fischgründe Europas leergeplündert sind.

Die Idee zum Klimasiegel geht auf eine Studie des Umweltrats zurück. Dessen Forscher hatten berechnet, dass sich in einem Industrieland wie Schweden rund ein Viertel der Kohlendioxid-Emissionen auf die Produktion und Transport von Nahrungsmitteln entfallen. Mit einem Ablass in Form von Pflanzungen im Regenwald wirbt in Schweden seither sogar eine Fastfood-Kette. Da erfährt man, dass uns der Burger mit drei Kilo Kohlendioxid belastet, das Truthahn-Sandwich wäre unter dem Aspekt, unser Überleben zu sichern, die bessere Wahl gewesen. „Die Telefone stehen nicht still. Ihre Kollegen rennen uns die Bude ein“, frohlockt ein Sprecher auf Anfrage.

Die Musterschweden haben es mal wieder geschafft: So kurz vor dem Gipfel in Kopenhagen ist ihr Klimasiegel in aller Munde. ARD, BBC, New York Times, alle stürzen sich auf die Geschichte. Da spielt es kaum noch eine Rolle, dass Umweltorganisationen wie der Naturschutzbund größte Zweifel hegen. Vergessen wird auch, dass die allermeisten Ökolabels in erster Linie das eine Ziel verfolgen: zweifelhafte Produkte auch in Zukunft unter die Leute zu bringen. So war es schon als uns die Schweden ihre hochtourigen und tonnenschweren Volvos und Saabs – Saurier des fossilen Zeitalters – urplötzlich als Zukunftsgefährte mit Biopower anpriesen. Getreu dem verlogenen Motto: „Pack die Wälder in den Tank!“

Ohnehin  neigt der gemeine skandinavische Verbraucher im Winter kaum zum sparsamen Gebrauch von allerhand Trocknern, Saunen und elektrischen Heizlüftern. Die Lichter brennen die ganze Nacht. Der Pro-Kopf-Verbrauch der Schweden zählt zu den höchsten der Welt. Die Prasserei fällt nur deshalb in den Statistiken nicht auf, weil man über sprudelnde Wasserkraft, verlässlich desolate Atommeiler und Bäume in großer Zahl verfügt.

Wie man – ganz ohne Ökolabel – Verantwortung übernehmen kann, hat der britische Forscher Anthony Allan schon vor Jahr und Tag am Beispiel des Wassers aufgezeigt. Vegetarier begnügen sich im Alltag mit der Hälfte des benötigten Wassers, das vor allem in der Nahrung steckt. 2500 statt 5000 Liter Wasser pro Tag. Durch eine schlichte Änderung der Gewohnheiten, lässt sich die Hälfte sparen. Das gilt auch für die ganz privaten Emissionen.  

 

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Malaria

Das schönste an unserem Beruf ist es ja, immer wieder Neues kennen zu lernen. Nicht ganz so schön sind die Dinge, die man kennen lernt. Seit anderthalb Wochen lerne ich beispielsweise eine Krankheit kennen, die ich in den sechs Jahren seit meiner Ankunft in Afrika erfolgreich vermieden habe: Malaria. Allen Besuchern habe ich immer im Brustton der Überzeugung versichert, dass eine Prophylaxe Quatsch ist, weil sie im Fall der Erkrankung die Entdeckungs- und Behandlungschancen herabsetzt. Stattdessen reise ich stets mit einer Packung Doxycyclin im Gepäck, dem von der WHO empfohlenen Stand-by-Medikament. Vorvergangene Woche habe ich sie erstmals geöffnet.

Um kaum eine andere Krankheit ranken sich bei Expats in Afrika so viele Mythen wie um Malaria: wer sie einmal hat, bekommt immer sie immer wieder (stimmt nicht, jedenfalls nicht in unseren kenianischen Breiten), die Leber wird im Nullkommanichts zerstört (stimmt auch nicht, wenn man rechtzeitig behandelt) und man ist wochenlang geschwächt und kommt zu nix mehr (das stimmt, auch wenn dieser Blog eine rühmliche Ausnahme darstellt). Fast schon zynisch die Tatsache, dass ich mir den entscheidenden Mückenstich vermutlich bei der Recherche zu einer Geschichte über eine anstehende Malaria-Impfung geholt habe – die Mücken am Viktoriasee sind für ihre Aggressivität besonders berüchtigt.

Können Sie sich vorstellen, nach so wenig Zeilen schon wieder müde zu sein? Ich auch nicht. Ist aber so. Noch ein paar Tage, sagt der Doktor, dann ist auch das vorbei. Dann lesen wir wieder mehr voneinander. Bis dahin: lassen Sie sich nicht stechen!

 

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Der Pawlowsche Reflex des Nachrichtenredakteurs

Mediensoziologen machen ja vor nichts und niemandem Halt. Manche setzen sich mitten in den Newsroom und beobachten, nach welchen Kriterien Journalisten Informationen auswählen, die sie dann als Nachricht in die Zeitung, ins Fernsehen oder wohin auch immer bringen.

Hin und wieder, das hat Gaye Tuchman 1973 mit eigenen Augen beobachtet, landet auf dem Schreibtisch des Nachrichtenredakteurs ein besonders ungewöhnliches, wunderbar saftiges Informationshäppchen, das in die Kategorie ‘What a story!’ (Was für eine Geschichte!) fällt. Was dann passiert, liest sich bei Tuchman später so:

“Das Ausmaß, in dem diese Typologie selbst Routine ist, zeigt sich symbolisch in der fast stereotypen Art, in der verbale und nonverbale Gesten den Ausruf ‘Was für eine Geschichte!’ begleiten. ‘Was’ wird betont. Der Sprecher verstärkt diese Betonung, in dem er langsamer als normal spricht. Er verstärkt sie noch weiter, indem er langsam mit dem Kopf nickt. Dabei grinst er und reibt seine Hände.”

Nur sabbern tut er nicht, jedenfalls nicht unter Beobachtung…

 

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DER SCHRANK, DER RETTER

Der Hörfunkarbeiterin fern der Heimat fällt es besonders schwer einen guten Ton  zu zaubern, der die Arbeitgeber überzeugt. Denn das, was in Deutschland „über den Sender geht“, entsteht in Hausarbeit.

Die üppigen, gut gepolsterten, muckmäuschenstillen Studios des NDR und WDR, in denen die Radiotöne entstehen, gehören längst der Vergangenheit. Auch die Butzen von Radio Belgrad, die man hier Studio nennt, sind nicht mehr aktuell.  Denn: kein Schwein geht mehr ins Studio.

Der Radiomensch, vor allem wenn er in der Auslandspampa sitzt, macht heutzutage alles selbst. Der erste Schritt des entstehenden Radiobeitrags beginnt wie eh und je: die Person, die etwas zu sagen hat, wird interviewt. Doch ab hier ist alles anders, als es einmal war: kein Tontechniker steht bereit, der Toningenieur auch nicht. Und von einem Studio kann man nur noch  in den stillen Nächten träumen. Der Reporter macht sich an die Arbeit, speichert das Gespräch im Computer ab, wählt aus den Tönen aus, was in die Reportage eingebaut wird, schnippelt das Ganze mit einem entsprechenden Schnittprogramm ab, schreibt den dazugehörigen Text, druckt ihn aus.

Der Text soll nun gesprochen werden, möglichst, eben, in Studioqualität der Heimatsender.

Leichter gesagt, als getan.

Denn, die Aufnahme findet in den heimischen vier Wänden statt, zwischen Klo und Küche, je nachdem, welcher Raum die bessere Akustik vorzuweisen hat. Mein Belgrader Domizil hat große Atelierfenster und keine Gardinen, hohe Wände und keine „raumschluckenden“ Gegenstände. Am Schreibtisch surrt der Laptop, in Klo und Küche hallt es wie in den Alpen.

Was tun?

In den Schrank gehen. Das Mikrofon zwischen Wintermantel und Sommerhose placieren, Klemmlämpchen einschalten, loslegen und hoffen, dass die Katze nicht in diesem Moment in den Schrank will.

Geschafft.

Die Tonqualität wird gelobt, die Methode In-den-Schrank-gehen hat sich mittlerweile rumgesprochen. Die Kollegin vom Deutschlandradio lacht sich schlapp: „Nee, so was habe ich noch nicht gehört. Von Eierkartons war schon die Rede, von dicht zugezogenen Gardinen, aber diese Variante ist mir bis jetzt unbekannt gewesen“.

Ja, mir auch, aber Not macht eben erfinderisch.

 

 

 

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Armes Deutschland

“Junger Mann, müssen Sie zufällig nach Essen?” Ich stehe am Düsseldorfer Flughafen und will mir gerade am Fahrkartenautomaten einen Fahrschein ins Ruhrgebiet kaufen als wie aus dem Nichts ein freundlicher älterer Herr auftaucht und mich anspricht. Ich stutze. “Naja, ich muss schon Richtung Essen, aber eigentlich noch weiter”, antworte ich irritiert. Der Herr ist auffällig fein gekleidet, mit Jackett und rot gestreifter Krawatte. Warum er sich für mein Reiseziel interessiere, will ich wissen. “Isch kann Sie mitnehmen”, sagt der Kauz im feinen Zwirn und in breitem rheinländischen Dialekt. “Also isch bin Kölner, wie man vielleischt hört, und isch kann Sie mitnehmen wohin Sie wollen.”

Ich verstehe noch immer nicht und höre mich sagen: “Aber Sie wissen doch gar nicht, wohin ich will.” “Dat spielt doch jar keine Rolle, isch fahr Sie dahin, wohin Sie wollen”, antwortet er. Als ich ihn noch immer verständnislos anschaue, wird er deutlich: “Auch wennet für Sie nit danach ussieht, aber isch bin Rentner, kann aber nit davon leben.”

Er zückt seinen Behindertenausweis und schlägt mir vor, dass ich ihm neun Euro gebe statt für zehn Euro einen Fahrschein zu ziehen. Dafür würde er mich bis zu meinem Endbahnhof begleiten. “Sie müssen sisch keine Sorjen machen, dat is serijös. Hundertprozentisch,” sagt er und erklärt mir, dass er mit seinem Ausweis noch eine zweite Person mitnehmen könne.

“Also gut”, sage ich. Schweigend gehen wir zum Bahnsteig. Ich bin völlig erstaunt und innerlich entsetzt. Dass in Deutschland ein Rentner noch Geld dazu verdienen muss, um über die Runden zu kommen, hätte ich nicht gedacht. Zweimal pro Woche, so erzählt er mir, würde er das tun, was er soeben bei mir erfolgreich gemacht hat: Wildfremde Leute ansprechen und darauf hoffen, dass es klappt. Sein Kapital: Der Schwerbehindertenausweis. Und um gleich einen guten Eindruck zu machen, zwängt er sich mit Jackett und Krawatte in feine Schale. Denn, das weiss er: Wenn er jemanden anspricht, ist der erste Eindruck entscheidend.

Aber häufig klappe es eben nicht. Viele Leute würden ablehnend reagieren, sagt er. “Sie glauben ja gar nicht wie erniedrigend dat für mich is. Dat halt isch selbst im Kopp nit us.” Dann erzählt er mir seine Lebensgeschichte: Hans, 69 Jahre alt, alleinstehend, 40 Jahre im Strassenbau malocht, 1995 den Job verloren. Das Arbeitsamt habe ihn dann in den Vorruhestand geschickt. Gegen seinen Willen, sagt er. Sonst hätte man ihm die Arbeitslosenhilfe gestrichen. Heute lebt er von 612 Euro Rente und 109 Euro Wohngeld. Nach Miete und Nebenkosten von 340 Euro bleibt ihm also nicht mehr viel zum Leben.

“Dit is ja eijentlisch Bettelei, wat ich da jetzt mache”, sagt Hans verschämt, nachdem wir in Witten, meinem Reiseziel, angekommen sind. Ich drücke Hans zehn Euro in die Hand, spendiere ihm noch einen Cafe und lasse ihn am Bahnhofsbuffet zurück.  Armes Deutschland.

 

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Traumstädte mit Strom und Wasser

Mein neues Zuhause liegt im English Village, im englischen Dorf, eines der unzähligen Neubauviertel, die im nordirakischen Erbil derzeit wie Pilze aus dem Boden wachsen. Während Dream City, das amerikanische Dorf, die New Zealand City oder wie sie sonst alle heißen noch mehr einer Baustelle gleichen, ist das English Village bis auf einige Häuser fast fertig. Wie Stadtvillen sehen die eng aneinander stehenden Gebäude aus. Innen sind sie geräumig, nach oben offen, einstöckig. Ein von der Hitze des Herbstes ausgebrannter Rasen zieht sich wie ein Handtuch um jede Villa. Eine englische Baufirma war hier federführend und hat dem Ensemble einen Vorstadtcharakter gegeben. Doch mit der gewohnten britischen Vorstadtidylle hat das British Village in Erbil nicht viel gemein. Hinter der Umzäunung wachsen wilde Müllkippen, die ein vermehrtes Fliegen- und Mückenaufkommen hervorbringen. Es gibt keine Einkaufsmöglichkeiten im Dorf, nicht einmal ein Pub. Trotzdem zieht es immer Menschen hierher, denn der ausschlaggebende Punkt hier zu wohnen, ist ein in Europa zur Selbstverständlichkeit gewordenes Phänomen: Es gibt 24 Stunden Strom und ausreichend Wasser.

Wer in den letzten Jahren im Irak gelebt hat, weiß dies zu schätzen. Mehrere Stunden werden täglich nur damit verbracht, Generatoren in Gang zu halten, das zuweilen rare Diesel auf dem Schwarzmarkt zu besorgen, Ersatzteile für die verschleißten Maschinen zu beschaffen und jemanden aufzutreiben, der den Generator zum fünfundzwanzigsten Mal repariert, bevor man sich einen neuen leistet. Nirgendwo im Irak gibt es derzeit eine lückenlose Stromversorgung. Mit Wasser sieht es nicht besser aus. Erbil, die Hauptstadt der drei nordöstlichen Provinzen, die schlechthin als Irak-Kurdistan gelten und weitgehende Autonomie genießen, ist seit dem Sturz Saddam Husseins um fast das Doppelte gewachsen. Heute wohnen hier 1,3 Millionen Menschen. Der rasante Zuzug vor allem aus dem vom Terror geplagten Bagdad und den an die Hauptstadt angrenzenden Provinzen, hat die Stadtplaner vor schier unlösbare Probleme gestellt. Strom und Wasser wurden aufgeteilt und in einigen Vierteln so knapp, dass eine Welle des Protestes über die Stadtväter hereinbrach. Inzwischen ist ein neuer, privater Stromerzeuger aufgetreten und ans Netz gegangen. Doch die technischen Voraussetzungen für die alten Stadtviertel müssen erst noch geschaffen werden, um die Zufuhr zu gewährleisten. Für die neu entstehenden „Traumstädte“ ist dies schneller wahr zu machen.

 

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Schwarzer Peter im Glashaus

Als ich am Morgen des 6. Juli, einem Montag, ins ARD-Hörfunkstudio Kairo kam, fragte mich eine ägyptische Mitarbeiterin, ob ich von dem Mord an Marwa El-Sherbini im Dresdner Landgericht gehört hätte und warum die deutschen Medien und deutsche Politiker die Tat immer noch verschweigen würden. Tun sie sicher nicht, erwiderte ich und schaute später in den Archiven nach. Ich wollte der Kollegin das Gegenteil zu beweisen. Es gelang mir nicht, sie hatte recht. In den fünf Tagen nach dem Mord an der Ägypterin, der am Mittwoch zuvor stattfand, waren Meldungen außerhalb der Vermischtes-Seiten oder des Polizeireports die Ausnahme, vom Tathintergrund ganz zu schweigen.

Noch am selben Tag produzierte ich einen Hörfunkbericht mit O-Tönen, der die Reaktionen in ägyptischen Talkshows, Zeitungen und von Passanten auf Kairos Straßen zusammenfasste. Eine knappe Woche nach der Tat meldete sich dann endlich auch die Bundesregierung in Gestalt des Regierungssprechers zu Wort, mit enttäuschend hinhaltender Rhetorik: Sollte es sich herausstellen…, so werde man… aufs Schärfste verurteilen… usw… Andrea Dernbach fragte im Berliner »Tagesspiegel«: »Warum ist der Tod einer Kopftuchträgerin, die nicht Opfer eines Ehrenmords wurde, eine Woche lang nur eine kurze Meldung in den Nachrichtenagenturen und für die politischen Institutionen kein Grund, auch nur zu zucken?«

Ebenso Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, der bestürzt wissen wollte, warum es keine »Solidaritätsadressen von Vertretern der deutschen Mehrheitsgesellschaft« gegeben habe. Immerhin sei der Mord »ganz offensichtlich das Ergebnis der beinahe ungehinderten Hasspropaganda gegen Muslime von den extremistischen Rändern der Gesellschaft bis hin in deren Mitte«. Sind etwa die Protestnoten deutscher Politiker nach antisemitischen Straftaten, so könnte Kramer sich weiter gefragt haben, womöglich nichts anderes als ein hohles, pflichtbewusstes Routineritual?

Der Täter ist inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilt worden, am Ende eines Prozesses, den der »Spiegel« zu Recht als Sternstunde des deutschen Rechtsstaates bezeichnet, ein Prozess, der die besondere Schwere der Schuld feststellte und auch in ägyptischen Medien gelobt wurde. Leider zu selten wurde allerdings die Frage gestellt, ob der Mord an Marwa El-Sherbini nicht Ausdruck einer Atmosphäre des Islamhasses ist, der bis in die Mitte der deutschen Gesellschaft reicht. Auch scheint es kaum jemanden zu beunruhigen, dass die deutsche Öffentlichkeit in diesem Fall reagiert hat, wie ich es normalerweise von der ägyptischen gewohnt bin.

Da waren zum einen die späten deutschen Reaktionen, die von der arabischen Presse als Todschweigen oder, schlimmer noch, gelegentlich als heimliche Komplizenschaft gedeutet wurden. Wenn Ihr nicht alle Terroristen seid, fragt der Westen seit 9/11 die muslimische Welt (zu Recht), wo sind dann Eure kritischen und gemäßigten Stimmen? Nun mussten sich dieselbe Frage die Deutschen gefallen lassen: Wenn Ihr nicht alle Rassisten seid, wo blieben dann Eure Verurteilungen und Solidaritätsnoten?

Wie in der arabischen Welt nach Terrorattentaten, so suchte man auch in Deutschland die Schuld bei anderen. Warum soll die Tat für uns relevant sein, wo Alex W. doch erst 2003 aus Russland nach Deutschland kam? Nicht ungelegen kamen offenbar die emotionalen Reaktionen in der muslimischen Welt, die Proteste und Drohungen. Brennen bald deutsche Botschaften, fragte ZEIT Online. Dass in Ägypten Protestaktionen die Ausnahme waren, spielte keine Rolle. 2000 Ägypter beim Trauerzug in Alexandria hinter Marwas Sarg, bei dem einige Hitzköpfe »Nieder mit Deutschland« grölten, drei Dutzend stumme Transparenteträger vor der Deutschen Botschaft in Kairo, ein Mordaufruf im Internet, der dort allerdings von Durchschnittsusern kaum gefunden werden konnte und von einem Wirrkopf stammte. All das reichte aus, um die anderen schlecht, fanatisch oder, besser noch, als Täter dastehen zu lassen.

Wie praktisch auch, dass es unter Muslimen (aber nicht nur unter ihnen) Ehrenmorde gibt. Diese Retourkutsche ließ man sich nicht entgehen. Laut Bundeskriminalamt wurden zwischen 1996 und 2005 pro Jahr im Schnitt fünf Frauen Opfer eines Ehrenmordes in Deutschland – jeder einzelne eine grausame Tragödie. Dennoch ist es an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten, angesichts der Proteste gegen den Mord an Marwa El-Sherbini zu fragen, wo denn die Proteste gegen Ehrenmorde bleiben? So geschehen in Kommentaren und Berichten in den letzten Monaten. Das erinnert mich daran, wie man in arabischen Ländern den Schwarzen Peter zurückgibt, indem nach Terrorattentaten gern auf Guantanamo, den Krieg gegen den Irak, die zivilen Opfer in Afghanistan oder den Palästinensergebieten verweist.

Besonders nervös wiesen die Deutschen in der Berichterstattung zum Marwa-Mord, in Leserbriefen und in Kommentarspalten den Generalverdacht von sich, dem man sich ausgesetzt sah. DIE Deutschen sind natürlich keine Rassisten, auch wenn das manche ägyptischen und arabischen Medien in den Wochen und Monaten nach dem Mord suggerierten. Aber ist der Generalverdacht nicht ein Instrument, das weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit bekannt vorkommen müsste, weil sie es jahrelang auf Muslime angewandt haben?

Unterm Strich war zu erleben, dass die deutschen Reaktionen auf den Mord in Dresden zu oft aus Verdrängen, Verharmlosen, Relativieren und Dämonisieren bestanden. Im Grunde haben sich weite Teile der deutschen Öffentlichkeit verhalten wie die arabischen Gesellschaften in spiegelgleichen Situationen. Und das sollte, angesichts der Tatsache, dass wir in einer demokratischen Zivilgesellschaft leben, nun wirklich beunruhigen.

 

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Über fietsen und Teilzeit

Die Leichtigkeit, mit der sie sich auf den Rücksitz eines Rades schwingen – seitlich, wohlgemerkt, mit elegant wippenden Beinen – das fasziniert mich noch immer. Und keine Frage: Sobald sie ein Kind bekommen haben, landet auch das auf dem fiets. Holländische Frauen sind wahre Akrobaten auf dem Sattel. Noch ein Kind? Einkaufstaschen? Alles kein Problem: Der Nachwuchs sitzt ganz hinten und ganz vorne, die Einkaufstaschen baumeln rechts und links – und schon stürzt sich die holländische Mutter kühn und unerschrocken in den Verkehr, vorzugsweise zu den Stosszeiten, denn die kleintjes müssen ja zur Schule gebracht und abgeholt werden. 

Inzwischen macht zwar das bakfiets Furore, das so genannte Wannenrad, in dem neben Sprösslingen und Einkaufstaschen auch noch problemlos der Weihnachtsbaum Platz findet. Aber dennoch stehen insbesondere deutschen Müttern allein bei der Vorstellung vor Grauen alle Haare zu Berge: Erstens ist der Nachwuchs Auspuffgasen ausgesetzt, zweitens setzt man sich grundsätzlich nur mit Helm auf ein Rad. Und drittens, so finden auch andere Nicht-Holländerinnen, mutet die Rollenverteilung aus emanzipatorischer Sicht etwas seltsam an: manlief, wie der Ehemann liebevoll genannt wird, begibt sich majestätisch im dicken leeren Auto zur Arbeit, vrouwlief, wie die Gattin heisst, lässt sich samt kids und Einkäufen mit dem fiets abspeisen. „Wäre es“, gab meine kolumbianische Freundin Evelyn einst zu bedenken, „umgekehrt nicht logischer?“

 Neulich musste ich an ihre Worte zurückdenken. Da sah ich einen Mann auf dem fiets, der sämtliche akrobatischen Sattel-Künste der holländischen Frauen in den Schatten stellte: Auch er hatte ein Kleinkind vorne, eines hinten, Einkaufstaschen rechts und links, aber er setzte noch eins drauf, denn er hatte auch noch einen Hund an der Leine, der fröhlich neben dem fiets trabte.

 Sollte man diesen Mann nun als Symbol eines fortgeschrittenen Emanzipationsprozesses sehen? Guten Willen kann man Hollands Männern schliesslich nicht absprechen, sie arbeiten sogar Teilzeit, sonst könnten sie sich mit dem Nachwuchs ja nicht mitten in der Woche aufs Rad schwingen. Zwar könnten es ruhig mehr sein, aber ein Anfang ist gemacht, in den Nachbarländern sind es weit weniger. Wahrscheinlich, weil ein Arbeitnehmer in den Niederlanden ein Recht auf Teilzeit hat, im Ausland hingegen oft gar nicht erst vor diese Wahl gestellt wird.

 Womit wir bei einem Thema wären, über das ich mich mit meinen niederländischen Freundinnen jedes Mal in die Haare kriege. Nämlich die Tatache, dass die Niederländerinnen Weltmeister im Teilzeitarbeiten sind, obwohl das bekanntlich eine Karrierebremse ist. Mit der Folge, dass sie ihrem Image als moderne, emanzipierte Frauen bei weitem nicht gerecht werden und – was Führungspositionen anbelangt – sich auf dem selben Niveau befinden wie die Frauen in Pakistan oder Botswana.

 Bloss: Sie finden das gar nicht weiter schlimm, selbst meine beste Freundin Ina nicht: „Wir können unseren Einfluss auch indirekt geltend machen, wir brauchen nicht direkt an den Knöpfen der Macht zu drehen“, pflegt sie zu. Sie droht mir bei solchen Gesprächen regelmässig die Freundschaft zu kündigen, weil ich gerne nachfrage, inwieweit das vielleicht etwas mit Bequemlichkeit oder mangelndem Ehrgeiz zu tun haben könnte.

 Denn Teilzeit ist ja schön und gut und die beste Erfindung auf der Welt, solange es darum geht, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Aber in den Niederlanden arbeiten auch Frauen, deren Kinder längst aus dem Haus sind oder die überhaupt keine Kinder haben, vorzugsweise Teilzeit. Finanzielle Abhängigkeit vom Ehemann – nur eine kleine Minderheit von Hollands Frauen ist wirtschaftlich  selbständig – scheinen sie freiwillig in Kauf zu nehmen. Weil das Leben viel angenehmer und stressfreier ist, wenn man zwei oder sogar Tage für seine Hobbies hat und für seine Freundinnen. „Viel leuker“, sagt Ina. Trotz abgeschlossenen Hochschulstudiums, aus dem man eigentlich viel mehr hätte machen können.

 Ist das schlimm? Und stimmt es, was meine holländischen Freundinnen behaupten:  dass auch deutsche Frauen ohne Kinder, die erzogen werden müssen, sofort auf ihre Karriere und Unabhängigkeit pfeifen und reihenweise Teilzeit arbeiten würden, wenn sie es denn nur könnten?? Würde mich echt interessieren….

 

 

 

 

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Opfer-Mahl

Idul Adha, das islamische Opferfest, gilt in den meisten muslimischen Ländern als höchster Feiertag: Es ist der Höhepunkt der Hadsch-Pilgerfahrt. Das Fest erinnert an die Geschichte Abrahams, der auf Gottes Geheiß bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern. Angesichts dieser Gehorsamkeit schickte Gott einen Widder, den Abraham anstelle seines Kindes opfern konnte. Eine Geschichte, die für Christen, Juden und Muslime gleichermaßen von Bedeutung ist. In Indonesien, immerhin dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt, kommt Idul Adha erst an zweiter Stelle nach Idul Fitri, dem Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan. Nichtsdestotrotz wird natürlich ausgiebig gefeiert, gebetet und – geschlachtet.

 

Schon seit zwei Wochen haben sich die Vor- und Hinterhöfe der Moscheen in Schaf- und Ziegenställe verwandelt. Mitten in der Stadt wehten einem Misthaufenschwaden entgegen, denn in den letzten Tagen kamen auch immer mehr Kühe dazu (die von reicheren Gemeindemitgliedern gespendet wurden). An manchen Moscheen standen die Leute seit dem frühen Morgen Schlange und es kam in vielen Städten zu gewalttätigem Gerangel um Fleisch, das gratis verteilt wurde. Wer sich nicht rechtzeitig aufgemacht hat, wird nur noch die blutverschmierten Reste des Massenopfers vorfinden. Oder das ergatterte Fleisch als Eintopf auf dem Tisch – oder als Sate-Spießchen auf dem Grill. Ein harter Tag für Vierbeiner und Vegetarier.