Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Japan Haushalt 2014: Angst fressen Seele auf

Das japanische Budget für 2014 liegt vor. Ich bin Optimist und kein Miesmacher (obwohl Wiener). Und so habe ich zum Thema Haushalt beide Seiten zu Wort kommen lassen.

Zunächst aber: Happy New Year und danke an alle, die Weltreporter „verfolgen“. Egal was wir uns 2013 vorgenommen hatten, erreichen konnten, auf die lange Bank schieben mussten oder fallen liessen – eins hat ermutigt: Die Aufdeckung der NSA-Affäre unter Beteiligung von Glenn Greenwald. Warum dem freien Journalisten der Coup gelungen ist? Snowden vertraute ihm. Glenn sollte Ehrenmitglied unseres Netzwerks werden.

2014 card hagenberg

Ein Jahr ohne „eyes in the skies“? Für meine Neujahrskarte hat mich Gerhild Nieberg in Raiding fotografiert.

Und nun zum japanischen Haushalt.

Nippon steht mit 15 Nullen in der Kreide: Eine Billiarde Yen. Das sind fast 250% des Bruttoninlandsprodukts. Die höchste Staatsverschuldung der Welt. (Zum Vergleich: Griechenland „nur“ 180%, USA 112%, Deutschland 82%). Um diesen Schuldenberg abzubauen, müssten sämtliche Japaner 2500 Jahre lang ihren gesamten Verdienst an die Gläubiger abliefern.

Für 2014 sind die Staatsausgaben der drittgrössten Weltwirtschaft mit 95 Billionen Yen veranschlagt (12 Nullen). 43% davon decken neue Kredite ab, Steuereinnahmen allein reichen nicht aus. Der Wahnsinn: Ein Viertel vom Haushalt fressen Zinsen weg – und da könnte man wie Rainer Werner Fassbinder sagen „Angst fressen Seele auf“. Was bleibt sind 32% für Sozialausgaben, 5% für die Armee und 6% für Ausbildung und Forschung (Zahlen abgerundet) –der Rest dient der Systemerhaltung.

Fassbinder Berlin poster hagenberg event 1979

Budget-Angst fressen Seele auf: Rainer Werner Fassbinder mit Einladung zu meinem Japan Event, Berlin 1980.

Der Budget-Optimist sagt:

Bis 2020 (rechtzeitig zur Olympiade in Tokio) sind alle Schulden abbezahlt – wie die Regierung verkündet. Japan hat sich neu erfunden, erobert die Welt mit Exporten zurück. Reissend Absatz finden Roboter für Katastrophendienst, Alten- und Krankenpflege. AKWs stehen in Japan still, werden deshalb umso mehr im Ausland verkauft. Wundersam schrumpfen weltweit die Energiekosten (Japan importiert 80% seines Bedarfs). Investitionen in Alternativenergien tragen Früchte, angespornt durch die Stilllegung der AKWs. In der Aufschwungeuphorie strömt ausländisches Investitionskapital in den Inselstaat. Die angehobene Mehrwertsteuer (im April 2014 von 5 auf 8 Prozent) hat die Wirtschaft nicht gedrosselt, wie befürchtet. Die Zahl von derzeit einer Million ausländischer Touristen vervielfacht sich. (Zum Vergleich: Österreich hat jährlich 23 Millionen Besucher aus dem Ausland). Die meisten Reisenden kommen dann aus China, Korea und Taiwan. Denn Japan hat sich ein für allemal für seine Weltkriegsgreuel entschuldigt (allerdings nicht unter Abes rechtslastiger Regierung). Das Arbeitsalter wurde auf 75 Jahre angehoben, um die Sozialausgaben in den Griff zu bekommen. (Ein Viertel der Bevölkerung ist derzeit über 65 Jahre alt. Bis 2060 werden es 40 Prozent sein).

Der Wiener sagt:

Die Regierung Abe druckt Geld wie verrückt. Bis 2020 verfällt der Wechselkurs auf den Stand von 1985: 250 Yen für einen Dollar. (2012 kostete der Greenback nur 76 Yen, ein Jahr später bereits 105 Yen). Energieimporte werden unerschwinglich. Eine „export-driven-economy“ materialisiert sich nicht, denn die von Abe angekündigten Reformen und Innovationen bleiben aus. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer 2015 auf 10% (von derzeit 5%) drosselt den Konsum. Atomkraftwerke werden dazugebaut und laufen auf Hochtouren. Das wiederum reduziert Forschungsinvestitionen für Alternativenergien und deren Spin-offs). Mit der rasant alternden Bevölkerung explodieren die Sozialkosten. Die bisher pazifistisch ausgerichtete Konstitution hat die Regierung umgeschrieben, die Armee darf nun ausserhalb Japans operieren. Das Land sitzt weiterhin auf einem Vorrat von 44 Tonnen Plutonium – genug für 5000 Atombomben. Territorialstreitereien mit Nachbarländern intensivieren sich und das Verteidigungsbudget steigt (dieses Jahr um 2.1 Prozent). Am Ende kann Japan seine Schulden nicht mehr finanzieren, macht bankrott und reisst die Weltwirtschaft mit sich.

 

Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Der Früh-Weihnachtsbaum

Der Weihnachtsbaum beim Nachbarn steht schon und leuchtet. Seit Anfang Dezember. Das Paar auf der anderen Straßenseite schaltet die Elektro-Baumkerzen immer abends zum Fernsehen ein. Ich muss zugeben, dass dieser Früh-Weihnachtsbaum auf mich seit Wochen einen subtilen Druck ausübt. Immer abends, beim Blick in die Gasse vor dem Haus, strahlt mich der hübsche Baum von gegenüber an mit der Botschaft: Du Deutscher, wenn Du nicht bald auch Deinen Baum kaufst, kriegst Du keinen mehr.

Viele Franzosen stellen den Baum schon Wochen vor Weihnachten auf. Ich dagegen habe mal wieder mit dem Kauf bis heute gewartet und ahne nun, dass ich bestraft werde mit einer Baumqualität minus fünf. Mein Wecker klingelt früh. Ich will bald dran sein und fahre zum großen Supermarkt vor den Toren der Stadt, weil es dort sicher noch Bäume gibt. Auf dem Parkplatz kommen mir Franzosen mit prall gefüllten Einkaufswägen entgegen: Wein- und Champagnerflaschen, Gänseleberpastete, Geflügel, Lachs und Packungen voller Muscheln und Austern. Trotz der Krise wird beim Weihnachtsschmaus nicht gespart: Durchschnittlich gibt eine französische Familie dafür zwei Prozent mehr aus als im vergangenen Jahr, nämlich 175 Euro.

Es gibt noch Bäume. Aber sie schauen mich traurig an und ich weiß sofort: Ihr Armen seid übrig geblieben. Habt Lücken, die keine Christbaumkugel füllen kann. Seid verwachsen, als ob Euch jemand die Äste verknotet hätte. Dabei sind meine Baumansprüche enorm hoch, auch weil ich Wachskerzen statt elektrische habe. “Ah, Sie sind bestimmt Deutscher, wenn Sie echte Kerzen haben”, sagt der Verkäufer. “Echte Kerzen und spät den Baum kaufen – das sind die Deutschen.”

Während ich kritisch auf die Nordmann-Tannen schaue, frage ich ihn, warum viele Franzosen eigentlich solche Früh-Baumaufsteller sind. “Isch weiß, isch weiß”, sagt er auf Deutsch. Seine Schwester lebt bei Köln und er weiß, dass dort der Weihnachtsbaum erst an Heiligabend seinen großen Auftritt hat. “Bei uns ist das Weihnachtsfest einfach kommerzieller, nicht so besinnlich”, meint er. Seit Wochen sei Weihnachten in der Werbung, da wolle man halt auch seinen Baum schon genießen. Andere fahren an Weihnachten in die Skigebiete, dann kann man zu Hause den Baum ja gar nicht mehr anschauen – also tut man das vorher. Die Kassiererin schaltet sich ins Gespräch ein und meint, bei ihr zu Hause achte man sehr wohl auf den Unterschied zwischen Vorweihnachtszeit und Heiligabend. “Wir stellen unseren Baum zwar auch schon Mitte Dezember im Wohnzimmer auf und schmücken ihn, aber meine Mutter hängt erst am Heiligabend den großen Strohstern an die Baumspitze.”

Apropos Heiligabend (Réveillon de Noël). In Frankreich ist der noch ein normaler Arbeitstag, die Geschäfte haben vielerorts bis 19 Uhr auf, man kriegt für 18 Uhr sogar noch einen Arzttermin. Nach Geschäftsschluss aber rasen alle in ihre Familien, dann kann das mehrgängige, stundenlange Festessen (Réveillon) beginnen, manche gehen noch in die Christmette. Geschenke gibt es meistens erst am 25. Dezember. Einen zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es hierzulande leider nicht. Der Umtauschtrubel geht hier also früher los als in deutschen Landen…

So, jetzt wird der Baum geschmückt. Schon am 22. Dezember? Naja, mal sehen. Joyeuses fêtes!

 

Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Mitleid mit Santa

IMG_0634Generell wird Santa (australisch kurz für: Weihnachtsmann) hier auch bei derzeit 26 ºC in seine traditionelle Kluft gesteckt: langer Mantel, Mütze und Fellstiefel. Er muss hinterm Bart in Filz und Fell vor Shoppingzeilen schwitzen und legt sogar volle Montur an, wenn er im Lifesaver-Boot übers blaue Meer zum jährlichen “HoHoHo” an den Strand gefahren wird. Um so erleichterter war ich, eben im Frisörladen ums Eck zu sehen, dass jemand Mitleid mit dem Herrn der Geschenke hatte und ihm eine jahreszeitlich etwas passendere Uniform erlaubt. Steht ihm gut finde ich.

 

Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Trauerspiel um Mandela

Wir befinden uns bei Nelson Mandelas Gedenkfeier. Die ganze Welt trauert um den größten Held Afrikas. Die ganze? Nein. Ein von unbedeutenden Sübhalbkugelinsulanern bewohntes kleines Land leistet Widerstand. Oder hat es sich gedrückt? Falsch. Es fiel nur einfach niemandem auf, schon gar nicht der „New York Daily News“. Auf den Aufnahmen der Tageszeitung aus dem FNB-Stadion in Johannesburg ist Englands Premierminister David Cameron zu sehen, der bei der gewichtigen Veranstaltung – 91 Staatsoberhäupter! Bill Clinton! Bono! Wo war Naomi Campbell? – mit einem „nicht identifizierten Gast“ scherzte. So steht’s in der Bildunterschrift. Doch wir haben den unbekannten Nebenmann sofort entlarvt. Es war Neuseelands Premierminister John Key. Hoffentlich wusste zumindest Cameron, mit wem er da fröhlich plauderte.
Den Slogan „Unidentified Guest“ über dem Grinsefisch-Konterfei John Keys kann man sich seit gestern auch als T-Shirt drucken lassen. Die Häme hat er allemal verdient, wenn nicht gar einen Arschtritt. Denn seit Tagen gab es eine unschöne Rangelei darum, welchem Kiwi denn die Ehre gebühre, offiziell nach Südafrika reisen zu dürfen.
Was der Rest der Welt kaum weiß, da man ja nicht mal unseren Obersten in New York erkennt: 1981 flogen in Aotearoa wegen der Apartheid die Fetzen. Es ging um die Tournee der Springboks. Die weiße südafrikanische Rugby-Mannschaft stieß damals im bikulturellen Neuseeland auf heftigste Proteste. Das ganze Land, sonst eher im friedlichen Dauerschlaf, war plötzlich gespalten. Eine Hälfte ging auf die Barrikaden, warf Steine, brüllte in Megaphone. Die andere Hälfte wollte einfach nur in Ruhe Rugby gucken. Oder schwang Polizeiknüppel.
Eine historische Zäsur, so wie den Deutschen ihre 68. Jeder weiß bis heute, auf welcher Seite er oder sie stand – auch wenn man jetzt so tut, als sei man schon immer ANC-Unterstützer gewesen. John Key war damals 20jähriger Student, aber zu „Studentenprotesten“ kein bisschen aufgelegt. Als er danach gefragt wurde, was er 1981 vertrat, winkte er unwirsch ab: „Das interessiert mich jetzt nicht.“
Nelson Mandela interessierte es jedoch sehr. Er hat Neuseeland nie vergessen, dass es sich gegen die Apartheid in die Bresche warf. Das habe ihm im Gefängnis Kraft gegeben, sagte er, als er 1995 Aotearoa besuchte. Damals bedankte er sich persönlich bei den Anführern der Proteste. Besonders tatkräftig kämpfte John Minto, ein linker Aktivist, der auch zu Mugabes Untaten nie schwieg. Minto hätte in den Trauerzug nach Johannesburg gehört, weit vor John Key. Doch der stellte sich eine fünfköpfige Delegation zusammen, in der bis auf den Chef der Maori-Partei kein einziger der Aktivisten von 1981 dabei war.
Damit war das Trauerspiel noch nicht zu Ende. In Südafrika angekommen, hieß es plötzlich, dass der neuseeländische Besucher nur einen einzigen Gast mit zur Zeremonie nehmen dürfe. Welch eine Schmach. Kanada allein rückte mit 13 Leuten an. Am Ende gab’s dann doch Einlass für alle. Daher das Grinsen von John Key auf den Fotos.

 

Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Das Parfüm von Grasse im Winter

IMG_5545Der Duft von Jasmin, Orangenblüten und Rosen ist längst verflogen. Die Nächte sind kalt, die sonnigen Tage hingegen noch wohltuend warm im winterlichen Grasse. Ein Hauch von Normalität weht durch die engen Gassen, durch die sich im Sommer schwitzende Touristen schieben. Sie alle wollen die Geheimnisse der Parfümherstellung entschlüsseln. Oder auch einfach nur ein paar kleine Duft-Flacons als Mitbringsel für die Lieben daheim erstehen. Davon lebt Grasse von April bis November. Auch wenn die Blumenfelder deutlich geschrumpft sind und die Blüten nicht mehr von den Grassois selbst gepflückt werden sondern vor allem von Gastarbeitern aus Osteuropa. Das Zentrum der französischen Parfümindustrie sowie das Herz der traditionellen Kunst, ein Parfum zu kreieren, ist die Kleinstadt in den Seealpen oberhalb von Cannes mit Blick auf das Mittelmeer geblieben.

IMG_5547Hinter der silbern und azurblau glitzernden Weihnachtsschmuck-Fassade kauern vier bis fünfstöckige Altbauten eng zusammen in den typischen Farben der Provence: Orange oder gelblich-ockerfarben. Mit zum Teil schwer verwittertem Putz. Auf schmalen Balkonen sonnen sich kleine Stechpalmen, Kletterpflanzen recken ihre Blüten gen Himmel. Frisch gewaschene Hemden, Socken und Unterhosen baumeln vor den Fenstern im Wind. Die Bescheidenheit einer südfranzösischen Kleinstadt. Wo Metzger und Bäcker die Vorlieben ihrer Klientel kennen. Wo man sich mittags zum Zweigänge Menu für 12 Euro mit einer Freundin trifft, weil dies die kleinen Freuden sind, die man sich ab und zu gönnt.

Vom Flair einer lukrativen Luxusindustrie ist in diesen Dezember-Tagen wenig zu spüren. Mal abgesehen von einer relativ hohen Konzentration an Parfümläden und den Parfümmuseen. Der elegante Jet-Set ist in Cannes abgestiegen und kommt höchsten zur Besichtigung einer der traditionellen Parfümfabriken hinauf in die 51.000-Einwohner-Stadt. Die Reichen und Schönen von Grasse leben in ihren Traumvillen, die auf den benachbarten Hügeln das Mittelmeer überblicken.

In der Rue Fragonard – ein Maler übrigens, die bekannte Parfümerie hat seinen Namen nur zu seinen Ehren angenommen – schieben zwei junge Marokkanerinnen ihre Dreijährigen im Kinderwagen vor sich her. Sie tragen Kopftücher, wie viele Nordafrikanerinnen in Grasse. Eine ältere Araberin huscht gar im Tschador über den Place des Aires. Der Anblick überrascht. Weil ich mir dieses Bild in der französischen Parfümhauptstadt nicht vorgestellt hatte. Ebenso wenig, wie die maghrebinischen Männer, die zwei Straßen weiter in einer windgeschützten, sonnigen Ecke an kleinen Tischen sitzen, rauchen, Karten spielen und Tee aus den für den Orient typischen kleinen Gläsern trinken. Fehlen eigentlich nur die Wasserpfeifen. „Ahlan wa sahlan!“ (Willkommen auf Arabisch) möchte ich Ihnen zurufen. Doch dann fällt mir ein, dass sie hier Zuhause sind, nicht ich. Gemeinsam mit den anderen Grassois, die seit Generationen hier auf irgendeine Weise von der Parfümherstellung existierten.

Grasse im Winter: Ein Bild wohltuend normalen Lebens. Dessen Schönheit in seiner Authentizität liegt. Die trotz des Touristentrubels im Sommer überlebt zu haben scheint.

 

 

Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Nach dem “Selfie” mit Obama: Helle Thorning-Schmidt greift durch

Der “Selfie” von Helle Thorning-Schmidt hat die danische Premierministerin im Ausland bekannt gemacht. Mittlerweile weiss sogar die AFP, wer die Frau zwischen Cameron und Obama ist. Dass sie daheim in ziemlichen Problemen steckt, ist hingegen womoglich noch nicht uberall angekommen (genauso wenig wie die Umlaute hier – Dank amerikanischer Tastatur/Systemsprache). Die Sozialdemokratin hat namlich gleich eine ganze Reihe Regierungsmitglieder durch Rucktritte verloren.

Heute nun prasentierte sie ihr neues Kabinett. Das, so Thorning-Schmidt, solle in dieser Konstellation bis zu den Wahlen bestehen bleiben. Entweder gibt sie sich selbstbewusst. Oder lasst durchblicken, dass weitere Fehltritte vorgezogene Neuwahl bedeuten.

Mehr zum politischen Chaos in Danemark und wie die Regierungschefin dem Herr zu werden versucht gibt es in zwei meinen Artikeln bei The Wall Street Journal zu lesen (gestern und heute und stets auf Englisch).

 

Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Snowden-Affäre im Südpazifik

Edward Snowdens Enthüllungen bringen auch im Asia-Pazifik-Raum so manch unangenehme Spitzelaktion ans Licht: Die Australier wollten offensichtlich den Amerikanern nacheifern und haben es sich nicht nehmen lassen, das Handy des indonesischen Präsidenten abhören zu lassen. Und – was viele Indonesier noch viel mehr empört – auch noch das seiner Frau. Während Angela Merkel sich den Amerikanern gegenüber lediglich etwas verschnupft zeigte, hat Präsident Susilo Bambang Yudhoyono nicht nur gleich nach dem Bekanntwerden der Affäre seinen Botschafter aus Canberra abziehen, sondern auch noch jede militärische und Teile der wirtschaftlichen Zusammenarbeit einstellen lassen. Diese Reaktion begründete er vor allem mit dem undiplomatischen Vorgehen des australischen Premierministers Tony Abbott, der das Ausspionieren seines nächsten Nachbarn quasi als selbstverständliche politische Handlung hinstellte.

Das mag ja tatsächlich so sein, darf aber so nicht ausgesprochen werden – schon gar nicht im harmoniesüchtigen Java. Yudhoyono verlangte also eine Entschuldigung. Der Mob in Jakarta verbrannte daraufhin australische Fahnen vor selbiger Botschaft und die indonesischen Medien machten mobil. Außenministerin Julie Bishop glättete die Wogen wenige Tage später wieder etwas mit einer indirekten Entschuldigung für das Abhören des Präsidententelefons, schob aber gleich hinterher, dass Australien aus Gründen des Selbstschutzes nicht aufhören könne zu spionieren.

Genau in diesen Tagen kam die Nachricht, dass Osttimor Australien vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Spionage angeklagt hat – dabei geht es um einen milliardenschweren Vertrag um Förderrechte von Erdgasvorkommen in der timoresischen See. Die australische Regierung ließ darauf kurzerhand das Anwaltsbüro in Canberra durchsuchen, das den Fall für Osttimor vertritt, und beschlagnahmte auch gleich noch den Pass eines wichtigen Zeugen, einem pensionierten australischen Nachrichtendienstler, um dessen Aussage in Den Haag zu verhindern. Premierminister Tony Abbott verteidigte diesen Schritt wiederum mit dem Schutz der nationalen Sicherheit.

Wie gut, dass das Schwergewicht Indonesien zu viele andere Probleme hat, um für die – aus asiatischer Sicht – täglichen Fettnapflandungen der frisch gewählten australischen Regierung jedes Mal eine Entschuldigung zu erbitten. Bleibt allerdings abzuwarten, wie Den Haag die Spitzelaffäre in Osttimor bewerten wird: Dabei geht es nämlich um nichts weniger als die wirtschaftliche Zukunft des ärmsten Landes in Asien.

 

Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Mandelas Erbe

Es ist beeindruckend, wie die Südafrikaner in ihrer Trauer um Nelson Mandela zusammenstehen. Hautfarbe oder Herkunft spielen in diesen Tagen keine Rolle. Das Land ist sich selten einig in seiner Dankbarkeit und Würdigung des Lebenswerks ihres „Vaters der Nation“.

Menschen, die sich sonst keines Blickes würdigen, umarmen sich spontan. Sie kommen in den langen Schlangen vor den vielen improvisierten Gedenkstätten und vor öffentlichen Gebäuden, in denen Kondolenzbücher ausliegen, ins Gespräch. Sie bekennen sich zu ihrer Verantwortung, indem sie auf Plakate schreiben „Jetzt liegt es an uns, den langen Weg zur Freiheit weiterzugehen.“.

Es sind diese vielen kleinen, berührenden Szenen und Gesten, die Nelson Mandela wahrscheinlich mehr freuen würden, als all die salbungsvollen Worte von Politikern und Würdenträgern. Südafrika demonstriert wieder einmal, dass es das Potenzial zur Regenbogennation hat. Auch wenn es im Alltag noch längst nicht ausgeschöpft wird.

Die gemeinsame Trauer, so scheint es momentan, könnte den Südafrikanern Kraft geben, sich wieder darauf zu besinnen, was sie eint, statt darauf, was sie trennt. Viele sind sich dessen bewusst, dass nun eine neue Ära beginnt. Sie haben die Symbolfigur des Freiheitskampfes verloren und damit in gewisser Weise auch den moralischen Kompass.

Das kann verunsichern und verängstigen. Aber es kann auch motivieren, engagiert für eine bessere Zukunft einzutreten, untereinander mehr Menschlichkeit zu zeigen und die mühsam errungenen demokratischen Werte zu verteidigen; auch gegen die ehemalige Befreiungsbewegung und heutige Regierungspartei ANC.

Zwar scheinen die Probleme des Landes manchmal unüberwindbar – die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich, die weiterhin bestehenden rassistischen Stereotype, die Verrohung der Gesellschaft, Gewaltkriminalität, Arbeitslosigkeit, Aids und die ausufernde Korruption – doch Südafrika ist das scheinbar Unmögliche schon einmal gelungen; der friedliche Übergang von der Apartheid zur Demokratie.

Wenn nur ein wenig von Mandelas Geist, der momentan überall im Land spürbar ist, auch nach der Trauerzeit erhalten bleibt, dann gibt es am Kap weiterhin Grund zur Hoffnung.

 

Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Presseurop adé?

Wir Journalisten in Brüssel treffen uns jeden Tag im Pressesaal der EU-Kommission, zum “Midday Briefing” um 12 Uhr. Oder auf der Seite von “Presseurop” – einem Internet-Portal mit den besten Artikeln aus der europäischen Presse.

Doch damit dürfte es bald vorbei sein. Denn die Kommission dreht den Geldhahn für “Presseurop” zu. Schon am 22. Dezember läuft die Finanzierung aus, kurz vor Weihnachten wäre dann Schluss.

Das wäre nicht nur schade für die EU-Korrespondenten, die “Presseurop” für ihre tägliche Arbeit nutzen. Ich habe es sogar auf meinem eigenen Blog “Lost in EUrope” integriert, und zwar hier (Seite 2)

Es wäre vor allem schlecht für die vielen Leser außerhalb des “Raumschiffs Brüssel”, die da draußen im wirklichen Leben. Denn nur auf “Presseurop” können sie sich einen Überblick über die wichtigsten Presseartikel verschaffen – in ihrer eigenen Sprache.

Besonders empörend ist, dass dieser wichtige Dienst ausgerechnet jetzt platt gemacht wird, kurz vor der Europawahl im Mai. Die Redaktion hat daher einen Aufruf zur Rettung gestartet. Wer mithelfen will, findet ihn hier

 

Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Leichenfledderei bei Audi

„How bizarre“, dachte sich Kristine Fuemana, als sie nichtsahnend den Fernseher einschaltete. Aber sie meinte nicht den gleichnamigen Hit ihres verstorbenen Gatten. Zu sehen war der neueste Werbespot von Audi: „Land of Plenty. Land of Quattro“. Ein schnittiger Wagen, der durch die schönsten Landschaften Aotearoas saust, dazu eine poppige Melodie, die irgendwie vertraut klingt – ein Akt geschäftstüchtiger Leichenfledderei des deutschen Auto-Konzerns?

Auch Fuemanas Kinder vor der Glotze waren baff. „Hey, Mum, sie spielen Papas Lied!“, riefen sie aus, sechs Stück an der Zahl. Die füttert die Witwe alleine durch, seit OMC-Sänger Pauly Fuemana vor drei Jahren plötzlich starb. Der polynesische Rapper war schwer krank, hatte Schulden und Drogenprobleme. Vom plötzlichen Ruhm hatte er sich nie erholt. „How Bizarre“ war 1995 ein Riesenhit und ist bis heute der meistverkaufte neuseeländische Tonträger aller Zeiten. Ein Jahr später folgte die Single „Land of Plenty“. Und die soll Audi angeblich im neuen TV-Spot verwurstet haben, behaupten Kristine Fuemanas Anwälte und die Plattenfirma Universal Music.

Auch dem Co-Autoren des OMC-Songs wurde „übel“, sagt er, als er das hörte, was er für ein klares Plagiat hielt. Denn Audi hatte weder die Rechte für „Land of Plenty“ gekauft noch das Original verwendet, sondern einen ausgewanderten neuseeländischen Musiker in Kalifornien beauftragt, den Soundtrack beizusteuern. Dass der erstaunlich ähnlich klänge, streiten Komponist und Audi New Zealand kategorisch ab. Man darf auf den Prozess gespannt sein. 2006 gewann Sänger Tom Waits eine Klage gegen Audi in Spanien, weil man seinen Sound treffend imitiert hatte.

In Fuemanas Fall ist es jedoch nicht so, dass die Hinterbliebenen was gegen Werbung hätten – nur gegen’s Bescheißen. Denn zum TV-Spot des Müsli-Riegel „Tasti“ läuft munter „How Bizarre“. Aber dafür floß eine sechsstellige Summe. Einen kleinen Obolus würden sich auch die Südseeinsulaner wünschen, deren traditionellen Designs auf den Kleidern der New Yorker Designerin Nanette Lepore auftauchen. Die Promi-Schneiderin, die Michelle Obama und Scarlett Johansson zu ihren Kundinnen zählt, hatte die Motive als „aztekisch“ verkauft, was geschickt ist, denn die Azteken können nicht mehr klagen. Samoaner, Tonganer und Fidschianer sehr wohl.

„Passport to Style“ hatte die Modeschöpferin als Slogan über ihre Kleider geschrieben. „Passport to stealing“ nannte dagegen Künstlerin Vaimoana Niumeitolu aus den USA die Werke. Immerhin erklärte Nanette Lepore: „Es tut mir sehr leid, das Azteken-Kleid falsch benannt zu haben. Ich respektiere örtliche Künstler.“ Damit ist sie in guter bis schlechter Gesellschaft. Ein neues Sport-Trikot von Nike für Frauen sieht genauso aus wie ein Pe’a – die traditionelle Halbkörper-Tätowierung samoanischer Männer. Der kulturelle Fauxpas sorgte für Ärger von Auckland bis Apia, Nike hat sich entschuldigt. Damit dürfte die Botschaft auch für Audi klar sein: Nicht mit Polynesiern anlegen!