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Hilferuf aus Bagdad

Hilferuf aus Bagdad

 

Manchmal spielt der Technikteufel Streiche und transportiert nicht das, was man abschickt. So auch der untenstehende Hilferuf der Organisation für die Verteidigung der Pressefreiheit im Irak für einen Journalisten-Kollegen in Not. Ich bekam den Notruf gestern und hatte ihn postwendend in den WR-Blog überstellt. Heute nun musste ich feststellen, dass der Hilferuf auf der Webseite nicht ankam. Also deshalb nochmals, hoffentlich mit Erfolg.

Die Organisation für die Verteidigung der Pressefreiehit im Irak ist nach dem Sturz Saddams gegründet worden und überwacht seitdem die durch die US-Administration eingeführte Pressefreiheit im Zweistromland. Dabei muss sie in den letzten Monaten immer mehr Verstöße feststellen. Nach wie vor ist der Irak eines der gefährlichsten Pflaster für Journalisten auf diesem Planeten. Es werden immer noch Kollegen bedroht, angegriffen, angeschossen und ermordet. Laut “Reporter ohen Grenzen” ist einzig die Situation in Somalia für uns Medienvertreter schlimmer als im Irak. Deshalb erscheint es mir wichtig, den Kollegen in Not zu helfen. Ich tue was ich kann, um das Schicksal von irakischen Kollegen publik zu machen und Hilfe zu organisieren. Mit diesem Blog möchte ich in die Welt fragen, ob jemand Rat weiß, damit Ibrahim al-Katib wieder als Journalist arbeiten kann.

Hier der Hilferuf aus Bagdad im Wortlaut:  

Seit ca. neun Monaten leidet einer unserer Kollegen an einer Querschnittlähmung
infolge eines Terroranschlags. Da er weder Geld noch die erforderlichen Beziehungen hat, liegt er seither im Bett und wartet auf die Gnade Gottes.
Der staatliche TV-Sender Iraqiya, für den er als Korrespondent gearbeitet hatte, sah
es nicht als erforderlich an, unserem Kollegen Ibrahim Al-Katib zu helfen oder gar
ins Ausland zur Behandlung zu schicken.
Die Gesellschaft für die Verteidigung der Pressefreiheit und seine Kollegen haben
keinen Weg gescheut, um Hilfe für ihren Kollegen zu bitten. Sie haben leider nur
leere Versprechen geerntet.
 
Verstehen Sie/ Versteht bitte diese Zeilen als einen Appell!
 
Helfen Sie/ helft uns, unseren Kollegen einem chirurgischen Eingriff zu unterziehen,
damit er wie früher seinem Land und Volk durch das freie Wort dienen kann!
Wir suchen nach einer humanitären Hilfsorganisation.
 
Ende des Aufrufs.

Wer Rat weiß, wende sich bitte an mich – Svensson@weltreporter.net

 

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Zehn Karriereoptionen für Auslandskorrespondenten

Bin während der Feiertage zufällig auf Thomas Crampton’s Medienblog hängen geblieben. Im September hat Crampton den Autor, Journalisten und Blogger Eric Weiner interviewt.

Weiner war selbst viele Jahre Korrespondent und redet in dem Interview über die zehn Berufsalternativen für Auslandskorrespondenten, denn nach dem besten Job der Welt kann nicht viel kommen. In der Medienkrise ist die Liste aktueller als je zuvor. Das sind unsere Möglichkeiten:

 

1. einfach weitermachen

2. Ressortleiter werden (oder „Mein Büro ist größer als deins“) – endlich hast du es nicht mehr mit unverhältnismäßigen Auslandsredakteuren zu tun, du bist jetzt selbst ein unverhältnismäßiger Auslandsredakteur.

3. Die Thomas-Friedman-Option, also Kolumnist oder Autor werden. Im Prinzip muss man nichts tun als jeden Tag mit klugen Leuten Mittagessen zu gehen und sich ihrer Ideen zu bemächtigen, die man später unter eigenem Namen in Kolumnen und Büchern vermarktet.

4. Professor werden

5. PR-Mensch werden – „die dunkle Seite“ des Karrierewegs. Zwar bekommt man dabei seinen Kaffee an den Schreibtisch gebracht. Doch das kann die Schuldgefühle und das schlechte Gewissen nicht ausgleichen.

6. Eine Bar in Kairo oder Bangkok aufmachen. Vorteil: Man ist immer noch im Ausland. Nachteil: Man wird für die aktiven Korrespondenten zur lebenden Erinnerung, dass man irgendwann zurückkehren sollte.

7. Ein Bed&Breakfast aufmachen – vielleicht im Nappa Valley, zum ersten Mal im Leben mit den Händen arbeiten. Die Aufregung der Großstadt wird man dabei immer vermissen.

8. Tod

9. Steve Rattner werden – vom New York Times-Journalisten zum Investmentbanker und vielleicht der einzige Journalist, der den Wechsel in die Business-Welt geschafft hat.

10. Irgendetwas digitales machen.

 

 

 

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Die Geschichte vom Moslem, der Weihnachten verbieten wollte

Yussuf Al-Qaradawi ist so einflussreich wie umstritten. Der populäre muslimische Gelehrte hat Terroranschläge wie die von New York, Madrid oder London verurteilt, aber gleichzeitig palästinensische Selbstmordattentate gegen Israelis als Akt der Selbstverteidigung gebilligt. In der weiblichen Genitalverstümmelung sieht er keinen islamischen Brauch, sondern ein »Werk des Teufels«. In einem islamischen Rechtsgutachten (Fatwa) erklärte er zum Beispiel den Genuss geringer Mengen von Alkohol für statthaft – und wurde dafür von Predigerkollegen gescholten. Seine wöchentliche TV-Show auf Al-Dschasira erreicht Millionen in der arabischen Welt, wird aber, so hört man es aus dem Sender, im Hause selbst von nicht wenigen mit großer Skepsis beurteilt.

Bettina Gräf vom Zentrum Moderner Orient in Berlin beschreibt den schillernden Prediger als »moralisch-konservativ und missionarisch, aber nicht dogmatisch«. Als sicher kann wohl gelten, dass Al-Qaradawi erzkonservativ ist, in einer Art, die man auch bei Katholiken findet (z. B. Ablehnung der Homosexualität).

Aber will Al-Qaradawi jetzt Weihnachten verbieten? Kurz vor dem Fest tauchte bei ‘Spiegel Online’ eine entsprechende Meldung auf, die durch die deutschsprachigen Medien irrlichterte und bei der ‘Welt’ zum Beispiel als »Hetze gegen Christentum« landete. 

Einmal mehr kann das Eigenleben bewundert werden, das Meldungen dieser Art mit atemberaubender Geschwindigkeit entwickeln. Tarafa Baghajati von der Initiative muslimischer ÖsterreichInnen hat das in einer Rundmail gut beschrieben. Nach Rücksprache mit dem Autor möchte ich hier seine Mail veröffentlichen:

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Eingehend ist festzuhalten, dass jeder jeden kritisieren kann und soll. Das ist in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit. Muslimische Persönlichkeiten sind davon natürlich nicht ausgenommen. Allerdings sollte eine kritische Meldung, insbesondere wenn sie von Qualitätsmedien kolportiert wird, auf überprüften Quellen basieren. Insbesondere was Islam und Muslime betrifft,  gehören falsche Übersetzungen und aus dem Zusammenhang gerissene Zitate zu den beliebtesten Instrumenten, um Muslime und ihre Religion zu diffamieren. Der Übersetzungsdienst MEMRI ist in diesem Zusammenhang bereits auffällig geworden und kann nicht als seriöse und objektive Quelle angesehen werden. Darauf hat Brian Whitaker bereits im August 2002 in seinem im ‘Guardian’ veröffentlichten Artikel Selective MEMRI aufmerksam gemacht.

Ausgerechnet zur besinnlichen Weihnachtszeit haben nun zahlreiche Medien die Meldung verbreitet, dass der islamische Gelehrte Yussuf Al-Qaradawi ein Verbot des Weihnachtsfestes fordere. Ursprungsquelle dieser Zeitungsente ist der Übersetzungsdienst MEMRI. ‘Die Welt’ beispielsweise schreibt: »Der einflussreiche islamische Gelehrte Yussuf al-Qaradawi hetzt gegen die Christen. In der islamischen Welt müsse das Weihnachtsfest verboten werden, fordert der 83-Jährige in einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten. Die Hassrede des Predigers ist in einem Video auf YouTube zu sehen.«

APA, Standard, ORF und viele andere Medien haben ungefähr den gleichen Inhalt wiedergegeben. (‘Der Standard’ hat sich inzwischen korrigiert. – J.S.) ‘Der Spiegel’ titelte mit »Heiligabend-Attacke«, BILD wusste von einem »Angriff auf Heiligabend« zu berichten. Wer die Originalrede auf Arabisch hört, findet allerdings keinerlei Hinweis darauf, dass Qaradawi Christen das Weihnachtsfest verbieten möchte. Scheich Qaradawi kritisiert in seiner Predigt die lokalen muslimischen Geschäftsleute, die »die Geburt Jesu, Friede sei mit ihm, genannt Christmas zelebrieren […] mit ihren vier bis fünf Meter hohen Weihnachtsbäumen« nur um des Kommerzes willen (»nur für den Gewinn, für Geld«). Dies sei für Muslime unstatthaft und unpassend (»ein Fest einer Religion zu feiern, die nicht die Eure ist, währenddessen andernorts der Bau von Minaretten Muslimen verboten wird.«). Der Zusammenhang von Minarettverbot in der Schweiz und der Kritik an der Verbreitung von kommerziellem Weihnachtskitsch in der muslimischen Gesellschaft, erschließt sich auch mir nicht recht. Von einer »Hassrede« kann allerdings keine Rede sein, irgendwelche verbale Attacken gegen Christen fehlen gänzlich. Qaradawis Kritik ähnelt der Kritik an Halloween oder Santa Claus (im Gegensatz zum Christkind), wie sie bei uns immer wieder laut werden. Interessant ist, dass in der MEMRI-Wiedergabe das Lob Jesus mit den Worten »Friede sei mit ihm« durch Qaradawi zur Gänze fehlt, warum wohl?

Beim Nachrichtenmagazin ‘Der Spiegel’ ist einem Redakteur die Phantasie gänzlich durchgegangen. Dort heißt es: »Und auch jenseits von Weihnachten sähe der einflussreiche Prediger die Rechte der Christen gern beschnitten: ‘Kirchen dürfen keine Kreuze mehr tragen. Kirchenglocken dürfen auch nicht mehr läuten’, forderte er weiter.« Das ist eine reine Erfindung und findet sich nicht in der MEMRI-Übersetzung und schon gar nicht in der Originalrede.

Es ist äußerst bedauerlich immer wieder feststellen zu müssen, dass negative Schlagzeilen zum Islam sich von Medium zu Medium wie ein Lauffeuer verbreiten, ohne dass die vielen beteiligten verantwortlichen Redakteure auf die Idee kommen würden, ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen. Stattdessen wird die Geschichte auch noch ausgeschmückt und angereichert. Es gibt auch im deutschsprachigen Raum genügend arabischkundige Menschen und Experten ohne ideologische Mission, für die es ein leichtes wäre, derartige Meldungen zu verifizieren bzw. zu falsifizieren.

Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass ich Scheich Qaradawis Ansicht nicht teile. Der Islam wird durch ein paar Weihnachtsbäume nicht gefährdet. Im Gegenteil; die Länder mit muslimischer Mehrheitsgesellschaft können bei aller berechtigten Kritik an der Kommerzialisierung religiöser Anlässe stolz darauf sein, dass christliche Feste sich in ihrem Straßenbild widerspiegeln. Das Fernsehprogramm vieler arabischer Sender liefert ein spezielles Weihnachtsprogramm. Es ist ein Zeichen dafür, dass religiöse Gruppen nicht nur friedlich nebeneinander existieren können, sondern darüber hinaus auch in der Lage sind, ein harmonisches Miteinander zu finden. So überflüssig die »Islamisierungsdebatte« in Europa ist; so unnötig wäre es vice versa eine »Christianisierungsdebatte« in der muslimischen Welt vom Zaun zu brechen.

In diesem Sinne besinnliche Feiertage und ein schönes neues Jahr 2010, aber auch ein schönes Jahr 1431 nach Islamischem Kalender, das am 18. 12. 2009 begann.

Tarafa Baghajati, Wien 26. 12. 2009

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Verlogen

Ehrlich gesagt: Ich habe die Nase voll von Politikern, die sich mit der Aussage hervortun, man könne Afghanistan nicht in eine “Musterdemokratie” verwandeln. Verteidigungsminister Guttenberg ist nur der (vorerst) Letzte in einer Reihe, die zu dieser Erkenntnis kommen. Sie ist zumeist gepaart mit dem dringenden Wunsch, mit den Taliban zu reden.

Was ist wohl eine “Musterdemokratie”? So eine Art platonische Idee, oft versucht – nie erreicht?

Sollen sie doch sagen, dass Demokratie und Menschenrechte in Afghanistan ihnen völlig egal sind, solange sie nur endlich die Truppen abziehen können.

Aber der Musterpolitiker, der sich traut seinen eigenen Zynismus offen zu legen, muss wohl noch geboren werden.

 

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Driving home for Christmas

Tagelang ging mir dieser Song nicht aus dem Kopf. Mit „Driving home for Christmas“ hat Chris Rea einst die Charts gestürmt und so etwas wie einen Kultsong geschaffen. Denn Weihnachten zu Hause zu verbringen, das ist so etwas wie Kult. Immerhin 42 Prozent der Deutschen wollen an den Festtagen die Familie besuchen, heißt es in einer aktuellen Forsa-Umfrage. Da wollten wir auch mal mitmachen, zum ersten sollten unsere Kinder eine deutsche Weihnacht erleben. Mit allem, was dazugehört. Daran konnten uns weder ein 12-Stunden-Flug in einer viel zu engen Economy Class noch Scharlachfieber bei der Jüngsten oder die Schlepperei nahezu berstender Geschenkekoffer hindern.

Und es wurde eine perfekte Inszenierung.  Am ersten Morgen begrüßte uns Väterchen Frost mit knackigen minus 16 Grad. Beim ersten Weihnachtsmarktbesuch schneite es, und wie. Genug, um am nächsten Tag die Schlitten zum Einsatz zu bringen und vom Feldberg bis fast vor die Haustür zu rodeln. Deutschland, ein Wintermärchen. Die Festtage taumelten wir zwischen Glühwein, Geschenken und – natürlich – Gänsebraten hin und her. Kommentar meiner neunjährigen Tochter: „The best Christmas ever!“ Na also, man muss eben nur an Weihnachten nach Hause fahren. Chris Rea hat völlig Recht. Wenn auch nicht unbedingt alle Jahre wieder.

 

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Das Alle-Jahre-Wieder-Chaos

Alle Jahre wieder rege ich mich auf, wenn in Indonesien nichts mehr läuft, sobald die Regenzeit einsetzt: Straßen sind gesperrt, Flughäfen außer Betrieb und keiner auf das allzu vorhersehbare Chaos vorbereitet. Dabei vergesse ich viel zu schnell, dass es in Deutschland kaum anders aussieht: Alle Jahre wieder bricht der gesamte Nah- und Fernverkehr zusammen, wenn der erste Schnee fällt – so als sei Schnellfall im Winter etwas absolut Unvorhersehbares. Wenn ich dann auf dem Weg zum Weihnachtsfest am Frankfurter Flughafen von mehreren hundert ausgefallenen Flügen in den letzten Tagen höre oder mal wieder in einem total verspäteten Zug der Deutschen Bahn sitze (Begründung: schlechte Witterungsverhältnisse), kann ich mich ganz beruhigt zurücklehnen, denn: Ich fühle mich ganz wie zu Hause, egal ob hier oder da. 

 

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Facebook zindabad!

Eigentlich hatte ich nicht die Absicht an Weihnachten zu bloggen. Besonders nachdem ich gerade gehört habe, dass das Bloggen Kai Diekmanns Ehe zerstört hat. Aber das ist wirklich zu schön um es für mich zu behalten:

Ich habe gerade in meinem Facebook account eine Nacnricht erhalten, auf Schwedisch und von einem Mann der irgendwie afrikanisch aussieht. Ich antwortete ihm, dass mein Name zwar Skandinavisch sei, ich aber leider kein Schwedisch könne weil ich Deutsche bin. Und wer er denn eigentlich sei?

Da schreibt er mir zurück – jetzt kommts – dass er meinen Namen auf der Freundesliste von Pervez Musharraf gefunden hat und nur mal “hallo” sagen wollte! Wow, das ist die erste Facebook-Freundschaft, die ich dem pakistanischen Ex-Diktator verdanke! Es lebe das Internet! Es lebe Facebook! (Urdu: Facebook zindabad!)

Wenn Sie jetzt die berechtigte Frage stellen, warum ich eigentlich mit Militärdiktatoren Freunschaften pflege? –  Das hat natürlich rein berufliche Gründe.

 

 

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Attentat auf Presseclub in Peshawar

Heute wurde auf den Presseclub in der pakistanischen Stadt Peshawar ein Selbstmordanschlag verübt. Drei Menschen wurden getöten und 17 verletzt als ein Mann mit einem Sprengstoffgürtel sich vor dem Haupttor des Clubs in die Luft jagte.

Ich scheibe dies, weil es in Pakistan inzwischen so viele Attentate gibt, dass diese Meldung es bestimmt nicht in die deutschen Nachrichten schafft. Und weil ich den Club oft besucht habe. Ich gebe regelmäßig Kurse für Journalisten in Pakistan; seit 2008 betreibt meine Organisation Initiative Freie Presse e.V. zusammen mit der Mediothek Afghanistan e.V. und der Universität Peshawar dort auch ein Medienhaus für Kollegen aus den paschtunischen Stammesgebieten.

Die Arbeit dort wird wegen des Aufstands der Taliban für Medien immer schwieriger. Gezielte Tötungen von Journalisten (so genannte “target killings”) sind inzwischen an der Tagesordnung. In kaum einem Land der Welt kamen 2009 nach Zahlen von Reporter ohne Grenzen so viele Journalisten ums Leben wie in Pakistan.

All jene, die in Deutschland gern das dumme Argument ins Feld führen, dass diese Art von Terrorismus zur Kultur der Region gehört, möchte ich daran erinnern, dass die Freiheit immer und überall gegen Gewalt und Despotismus erkämpft werden muss. Wer der Meinung ist, dass er mit den Kämpfen der anderen nichts zu tun hat, soll von den Menschenrechten in Zukunft schweigen.

 

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Eisfieber

 

 

   Es ist jedes Jahr dasselbe: Sobald es mehr als drei Nächte hintereinander friert, macht sich in den Niederlanden das Eisfieber breit – eine Epidemie, die – egal, ob gross oder klein – in einem angsterregendem Rekordtempo die gesamte Nation erfasst und auch die Sprache drastisch beeinflusst. Ist doch auf einmal von Eistransplantationen die Rede, von Eismeistern – und vom Elfstedentocht, jenem heroischsten Schlittschuhlauf der Welt, auch „Lauf der Läufe“ genannt, gut 220 Kilometer lang entlang der elf friesischen Städte. Zehntausende nehmen teil, auch wenn es einige immer ein paar abgefrorene Zehen oder Finger kostet und sich viele erst weit nach Mitternacht mehr tot als lebendig über die Ziellinie schleppen.

Dank Klimawandel wird vielen diese Peinigung erspart, der letzte Elf-Städte-Lauf fand im Januar 1997 statt. Aber gehofft wird halt jedes Jahr, auch jetzt wieder. Immerhin könnte der plötzliche Wintereinbruch den Niederländern Bilderbuchweihnachten bescheren. Die ganze Nacht hat es geschneit, auch heute vormittag noch. Momentan liegt hier an der Nordseeküste bei Leiden mehr Schnee als zuhause bei meinen Eltern in Baden-Württemberg. Ich habe die Wohnzimmertür in den Garten kaum aufgekriegt, das hat es noch nie gegeben. Und vor der Haustür, auf den Kanälen, haben sich schon gestern die ersten aufs Eis getraut, bei blitzeblauem Himmel.

Beim Anblick solch fröhlicher Eislaufzenen werde ich von einer geradezu hemmungslosen Liebe zu meinem Wahlheimatland erfasst. Sämtliche Kritik, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hat, schmilzt wie Schnee in der Sonne. Erstens scheint das schatsen, wie das Schlittschuhlaufen auf nederlands heisst,  das Beste im Holländer zum Vorschein zu bringen, denn auf einmal sind alle überaus freundlich, hilfsbereit und so richtig gut drauf – bei Temperaturen über Null wartet man darauf zuweilen vergeblich.  Zweitens geht es hier dann zu wie auf den Gemälden Alter Meister, die schon im Goldenen 17. Jahrhundert das bunte Treiben der Eisläufer verewigt haben – und daran kann ich mich nicht sattsehen: Genauso wie vor 400 Jahren schieben Ungeübte auch heute noch einen Esszimmerstuhl vor sich her, um nicht dauernd hinzufallen. Kinder nehmen ihre Schlitten mit aufs Eis, Jugendliche spielen Hockey oder flitzen um die Wette, rechts und links am Rand machen sich Buden mit Glühwein oder warmer chocolademelk breit. Am schönsten ist das alles im Grachtengürtel altholländischer Städte wie Leiden oder Amsterdam, vor der Kulisse historischer Grachtenhäuser aus dunklem Backstein, die mit ihren prächtig verzierten weissen Giebeln alle aussehen wie Lebkuchen mit Zuckerguss. So manche Kneipe rollt dann einen Läufer aus, damit die Schlittschuhläufer auf Kufen in die Kneipe stolpern können, um sich bei einem borrel aufzuwärmen.

 Weniger glücklich sind die Hausbootbesitzer. Beim letzten strengen Elfstedentocht-Winter 1997 lagen ihre schwimmenden Heime so fest im Eis, dass sie sich vorkamen wie Entdeckungsreisende auf Nova Zembla. Auch müssen sie sich, sobald es friert,  auf ungebetene Gäste gefasst machen: Viele Schlittschuhläufer schauen ungeniert bei ihnen durchs Fenster rein. Manche setzen sich sogar ganz dreist oben aufs Deck, um sich die Schlittschuhe anzuziehen. Und Anfänger nutzen die Boote als Halt oder  höchst willkommene Notbremse.

 Allerdings hat das Eis auch seine Vorteile: 1997 konnten die Hausbootbewohner wochenlang um ihr Heim herumspazieren, um in aller Ruhe die Fenster zu putzen oder längst fällige Reparaturarbeiten zu erledigen. Normalerweise müssen sie das von einem schwankenden Beiboot aus erledigen. Und je tiefer die Temperaturen, desto wämer das nachbarschaftliche Verhältnis: Man trifft sich viel häufiger mit den Hausbootbewohnern vom anderen Ufer.  

 So wie der Rest der Nation wünscht sich deshalb auch so mancher Hausbootbesitzer inbrünstig, dass es nach 13 Jahren Warten endlich wieder zu einem Elfstedentocht kommt – und der Eismeister nach wiederholtem Messen der Eisdicke wie immer auf friesisch die drei erlösenden Worte sprechen kann:  „It giet oan – es kann losgehen!“

 

 

 

 

 

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Alles eine Frage der Einstellung

Das ist eine Filiale der französischen Supermarktkette Carrefour in Paris und das sind die Einkaufswagen, die direkt an einer mehrspurigen Kreuzung stehen, langsam vor sich hinverdrecken und von Passanten als willkommenes Abfalllager genutzt werden (siehe der Müll im zweiten Wagen).

Und nun die Frage: Würden Sie ihr Kind in diesen Kindersitz setzen? Nein? Dann sind wir schon beim Thema, denn eine Französin würde es. “Et hopp, hinein und los gehts zum Einkaufen!” Denn alles ist eine Frage der Einstellung und das bekomme ich gerade am eigenen Leib zu spüren bei meinem wöchentlichen Besuch in der Geburtsvorbereitung im bayerischen Oberland, südlich von München.

Nicht nur, dass ich mit weitestem Abstand die Älteste im Kurs bin, nein, ich bin auch die, die am ehesten entbinden wird. Denn ich habe viel zu spät mit dem Kurs angefangen und es kann mir passieren, dass ich ihn auch nicht zu Ende führen werde, weil das Baby vorher kommt. Ich bin auch die einzige, die noch arbeitet. Obwohl das liegt daran, dass Selbstständige sich einfach keinen Mutterschutz leisten können. Bei 13 Euro am Tag von der Krankenkasse ist man eben nicht in der komfortablen Situation einer Gehaltsempfängerin. Meine Mithecheler im Kurs sind zum Großteil Angestellte und die meisten sind, weil sie beim Tierarzt oder im Kindergarten arbeiten, auch schon seit Monaten aus Ansteckungsgefahren von der Arbeit frei gestellt. Haben die es gut. Ich beneide sie.

Doch was sie für die Zeit danach planen, wundert mich. Die meisten wollen nach der Geburt zwei bis drei Jahre mit dem Kind zuhause bleiben. Und das mit Ende 20 oder Anfang 30 und diversen Eltern und Großeltern in Reichweite. Wenn ich dann erzähle, dass ich mir das gar nicht leisten kann und in Frankreich es eh üblich ist, dass das Kind nach drei Monaten in fremde Hände gegeben wird, dann kommt immer die gleiche Reaktion: “Ja, in Frankreich gibt es ja auch so viele Krippenplätze und für alles ist gesorgt.” Wenn die Damen wüssten. Das Ganze ist ein großes Märchen. Die Kinder-Rundherum-Versorgung in Frankreich ist ein Vorurteil, das sich in Deutschland hartnäckig hält nach dem Motto: Woanders ist es besser. Doch leider schaut die Realität anders aus: Krippenplätze sind Fehlanzeige – wenigstens in Paris. Ich kenne keine, ich wiederhole keine, die je einen Krippenplatz bekommen hätte. Alle organisieren sich selbst, mit Kinderfrauen, Familienkrippen, Eltern-Babysitting etc. Was bitte ist sonst organisiert? Gar nichts. Während man hier in Deutschland Kindergeld bekommt und das nun sogar auf über 180 Euro im Monat erhöht werden soll, gibt es in Frankreich fürs erste Kind gar nichts. Null Euro. Erst ab dem zweiten gibt es was und das liegt weit unter dem Betrag von Deutschland. Elterngeld? Auch das Fehlanzeige. Unterstützung für Väter? Fehlanzeige.

Schon in der Schwangerschaft müssen die Französinnen blechen: Ein Ultraschall in Deutschland kostet um die 30 Euro, in Frankreich 100 Euro. Wer nicht in Frankreich versichert ist, der ist schnell mit fast 2000 Euro dabei, wenn er eine “normale” Schwangerschaft durchlebt. So wie ich. Was zu ewigen Diskussionen mit meiner deutschen Krankenversicherung führt, die mir bis dato GAR NICHTS zurückerstattet hat. Wahrscheinlich denken die das Gleiche wie meine Schwangerschaft-Kolleginnen: In Frankreich ist doch alles eh rund um Geburt und Kinderbetreuung geregelt, was braucht die dann noch Geld zurück.

Ach, träumt nur alle weiter und ich setze inzwischen dann mein Baby in den Carrefour-Einkaufswagen. Aber wahrscheinlich erst nachdem ich in typisch deutscher Gründlichkeit ihn mit einem feuchten Tuch abgewischt habe. Denn alles ist wirklich nur eine Frage der Einstellung und irgendwie kann man wohl doch nicht aus seiner deutschen Haut.

Foto: Barbara Markert