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Blizzard in Brooklyn

Während meine deutschen Freunde von weißen Winterlandschaften berichteten, war New York bitterkalt, aber Schnee gab es nicht. Aber dann, ein Blizzard!

Am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertags ging es los. Es schneite und stürmte und hörte gar nicht mehr auf. Am anderen Morgen waren mehr als 60 Zentimeter Neuschnee gefallen.

Die Stadt lag in Agonie. Der Verkehr war komplett zum Erliegen gekommen. Alle Flughäfen waren geschlossen. Es fuhr kein einziger Bus und keine U-Bahn. Auf den Straßen standen gestrandete Autos und Busse.

Es war Montag, aber als ich mich vermummt und in Schneestiefeln gegen 10 Uhr zu unserer Viertelshauptstraße durchkämpfte, waren alle Läden dicht, auch die Post. Nur der Hardwarestore Tarzian hatte seine kompletten Vorräte an Schneeschippen bereit gestellt.

 

 

Die Preise waren über Nacht rasant gestiegen – ein Beutel tierfreundliches Salz kostete 30 Dollar. Als ich die Frau hinter der Kasse fragte, wie sie überhaupt zur Arbeit gekommen war, lachte sie und deutete nach oben: „Ich wohne über dem Laden!“ Ein Hoch auf die Neighborhoodstores.

Für Pendler, die teilweise Stunden in liegengebliebenen Bussen und Bahnen verbrachten, war der Blizzard eine Katastrophe. Wir mussten nicht reisen und fanden den Schnee gemütlich. Da keine Autos fuhren, war es still wie nie zuvor. Der gesamte Alltag schien entschleunigt. Weder Zeitungen noch Post wurden zugestellt. Auch die Müllabfuhr kam nicht durch. Der Gang zum Supermarkt dauerte doppelt so lang wie üblich. Trotzdem schienen die Menschen guter Laune zu sein. Väter, die nicht zur Arbeit konnten, bauten mit ihren Kindern Schneemänner, Treppen und Straßen verwandelten sich in Rodelbahnen. Bürgermeister Mike Bloomberg präsentierte sich in rustikaler Lederjacke souverän vor Reportern und versprach, die Stadt habe die Lage im Griff.

 

Von wegen. Nach drei Tagen sind viele Nebenstraßen immer noch nicht geräumt, und die ungeduldigen New Yorker finden das absolut inakzeptabel. Der lokale Fernsehsender New York One berichtet von einer Hochschwangeren auf Staten Island, die von ihren Nachbarn freigeschaufelt werden musste, und von Supermärkten in Queens, denen Brot und Milch ausgegangen ist. Es gibt Rücktrittsforderungen gegen den Bürgermeister, der inzwischen wieder im Anzug und nicht mehr ganz so gut gelaunt vor die Mikrofone tritt. 

Aber Sylvester soll die Temperatur auf vier Grad steigen und die Sonne scheinen, dann taut der Schnee sowieso. Zwar fällt dann vermutlich wieder die U-Bahn aus, die auf größere Wassermengen notorisch empfindlich reagiert. Aber für die ist Mike Bloomberg nicht verantwortlich.

Fotos: Christine Mattauch

 

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Interreligiöse Perspektiven

„Selamat Natal – Frohe Weihnachten und Friede und Wohlstand für uns alle“ – diese Wünsche schickten mir in vielfacher Form Freunde aus Indonesien ins kalte Deutschland. Nicht etwa Christen, sondern vor allem muslimische Bekannte bedachten uns mit Rundmails und individuellen SMS.

Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt und ja: Es findet eine schleichende Islamisierung statt, die allen anderen Religionsanhängern in dem Vielvölkerstaat unheimlich ist. Dennoch ist Indonesien immer noch ein säkularer Staat, in dem die wichtigsten Feiertage der großen, anerkannten Religionen zugleich nationale Feiertage sind. So bleiben Schulen und Behörden nicht nur am muslimischen Opferfest und an Weihnachten geschlossen, sondern auch am buddhistischen oder hinduistischen Neujahrsfest.

Das ist mehr religiöse Toleranz als wir zum Beispiel in Deutschland zeigen: Der Anteil der muslimischen Bevölkerung bei uns ist größer als der von Buddhisten und Hindus in Indonesien. Dennoch wünscht hier kaum ein Nicht-Muslim alles Gute zum Idul-Fitri-Fest am Ende des Ramadan, geschweige denn bekommen die muslimischen Bürger für ihre religiösen Feierlichkeiten frei.

In dieser angeblichen Zeit der Besinnung sollten wir einmal mehr über unseren Tellerrand und die geballte westliche Angst vor dem Islam hinausschauen und erkennen, dass es auch im anderen Teil der Welt tolerante und offene Menschen gibt, an denen wir uns ein Beispiel nehmen können.

 

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festliches braten und trinken in Bondi

 

“Und, wie ging Weihnachten so in Bondi Beach?” fragt sich die Blogleserschaft ungeduldig. Sonnig, warm und randvoll mit Menschen. Der Strand war weitgehend ausgebucht. In den umliegenden Parks tranken sich Backpacker an die Grenzen der Besinnungslosigkeit.

Fröhlich prostend saß man unter “Alcohol-free Zone” Schildern mit Kühlboxen voller Wein und Bier. Abgemahnt wurde kaum jemand, die Schilder sind offenbar mehr dekorativ und ideell gedacht. Die Polizei behielt die Mengen im Auge, und dann kollabierten alle gemeinsam zu einer decibel dröhnenden Rave-party.

 

 

Und all das, weil vor gut 2000 Jahren in Bethlehem little Baby Jesus geboren wurde!  

ho-holy night, silent night…  

 

 

 

 

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6000 Passagiere hängen am Charles-de-Gaulle Airport fest, ich bin wieder heim

Das Brat-Hühnchen hatten wir den Clochards gegeben und die Heizung auf ECO gestellt. 12 Stunden später sind wir wieder daheim. Unser Ausflug ging zum Flughafen Paris CDG und eigentlich sollte es in den Weihnachtsurlaub gehen. Doch 7-10 cm Schnee verhinderten das. Als wir um 9 Uhr am Airport ankamen, war er gesperrt. Bis 11 Uhr. Und dann noch mal bis 12 Uhr. Um 12.40 saßen wir alle brav im Flieger, das Gepäck war drinnen und wir warteten. Bis zur Durchsage: “Annuliert, bitte alle wieder aussteigen.” Und dann das Versprechen: “Draußen wartet jemand, der sie weiter leitet.” Ach, wie erleichternd. Doch leider war da niemand. Eingestiegen sind wir in 2D und dann mit dem Bus zu 2F. In der Gepäckhalle von 2F stellten wir alle fest, dass nicht nur unser Flug, sondern ALLE Flüge storniert worden waren und dass dort sehr viele Koffer stehen. Nur unsere nicht! Und wo ist nun das Gepäck?

Die Fragen stellten sich viele Menschen und keiner bekam eine Antwort. Tatsache war: Wir mussten zu Fuß zurück zu 2D. Und dann? Dann sollten wir alle ein neues Ticket kaufen. Nur Sonntags haben alle Ticketschalter gschlossen, bis auf die 2F und 2E. Auf dem Weg zurück zu 2F (von dort waren wir gerade gekomen) sahen wir eine Schlange. Nein, nicht die am Getränkeautomaten, nicht die bei der Kofferverluststelle, nicht die vor der Bäckerei, sondern die vor der Billetterie. Sie war geschätzte 100 m lang und ganz vorne stand ein Soldat und erklärte mir, der mit dem Baby auf dem Arm, dass diese viele Menschen umsonst warten, weil nämlich gleich die Ticketverkaufsstelle zumacht. Wir sollten es bei 2E probieren.

Dort auch war auch schon alles zu und beim Air France Service Center trafen wir auf eine aufgelöste Chinesin, die fragte, ob man ihr denn ihr Gepäck nach China nachsenden würde. Die Antwort: “Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht und dann müssen Sie nach Frankreich zurück kommen, um ihr Gepäck abzuholen.” Zu uns war der Air France-Mitarbieter dank Baby-Bonus gnädiger: “Ticket kaufen? Probieren Sie es per Telefon: 3654.”

Ok, das Baby musste mal wieder essen, wir hatten die Nahrungsaufnahme angesichts der Schlangen aufgegeben, und konnten dabei telefonieren. Wir klingelten ins Leere und wurden mehrmals aus der Leitung geschmissen. Fazit: nach 12 Stunden nahmen wir ein Taxi zurück nach Hause. Auch zuhause war an ein Durchkommen bei Air France nicht zu denken.

Was gibt es für Alternativen? Alle Züge nach München sind ausgebucht bis 24.12.2010. Alle Flüge, egal welche Airline, sind morgen , am Montag, sind ausgebucht. Außerdem sind weitere Schneefälle angekündigt. Ab Dienstag zahlt man bei Airberlin für den einfachen Hinflug nach Bayern 400 Euro und bei Lufthansa darf man mit dem letzen Flieger mit und muss um 6.30 Uhr zurück, wenn man nicht 500 bis 600 Euro ausgeben will.

Kurzum: Das ist ein Winter endlich mal wieder ein Winter und was passiert? Er legt Europa lahm. Am CDG in Paris hängen heute 6000 Passagiere fest. Air France hat 2500 Hotelbetten gebucht. ich will gar nicht wissen, wie lange die Schlange an der Hotelbetten-Verteilung ist. Ich bin wieder zuhause, konnte online was für Dienstag blocken. Morgen gehe ich zu Fuß zur Air France Verkaufsstelle und hoffe. Denn noch ist nicht 100% sicher, dass wir überhaupt hier vor Heilig Abend wegkommen.

Ach ja: Ein Tipp für alle, die meinen morgen gebe es eine Chance. Nein, vergessen Sie es. Alles ist überbucht und man kann den Leuten nur raten, ein Auto zu mieten oder den Paris-Aufenthalt zu verlängern. Viel Glück! Und ich esse jetzt mal was.

 

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Und nun: zum Wetter …

Hart ist für Auslandsdeutsche in Australien in den letzten zehn Jahren vor allem eines gewesen: Sie durften nicht über Wetter meckern. Vor allem nicht über Regen, denn das gehört sich einfach nicht, wenn ein Kontinent die “schlimmste Dürre aller Zeiten” durchlebt.  

Australier, die nebenbei gesagt auch ganz gern mal die Witterung besprechen (vor allem wenn Regen länger dauert als einen Nachmittag) mussten sich ebenfalls beherrschen. Schauer oder Güsse durften zehn Jahre lang bestenfalls mit “oh, how lovely!” oder “let’s hope it falls where the dams are /on farmland” (hoffe es regnet die Dämme voll / auf Farmland) kommentiert werden.

 

Nörgeln und Jammern indes: komplett Tabu!

Inzwischen ist alles anders. Die Dürre ist vorbei. Während ich bei sehr blauem Himmel (es regnet schließlich nicht überall und immer) in Sydney dem Laptop per Ventilator eine Extraration Luft zublase, schüttet es jenseits der blauen Berge. Seen, die jahrelang riesige Sandkästen waren sind wieder beschiffbar, unsere Trinkwasser-Dämme schwappen über, Pläne für neue, milliardenteure Entsalzungsanlagen sind den Politikern plötzlich insgeheim ein bisschen peinlich.

Denn es nässte stellenweise heftig. Farmer, die sich nach staubtrockenen Leidenszeiten auf die erste feiste Ernte freuten, strahlten uns knöcheltief im Wasser watend via TV an: Glückliche Gesichter unter tropfnassen Akubrahüten aus einstigen Krisenzonen in Neusüdwales, Erleichterung sogar bei Gemüsebauern in Victoria und im besonders gebeutelten Südaustralien.

Dann allerdings war Schluss mit lustig. Denn es hörte einfach nicht wieder auf, das heiß ersehnte Geregne. Die Farmer zogen Stiefel höher und Hüte tiefer ins Gesicht, das Wasser stieg zur Hüfte, die Ernte ersoff. Letzte Woche wurde in einem meiner Lieblingsorte, Wagga Wagga, der Parkplatz zum Schwimmbad, Gunnedah drohte Evakuierung.

“Drei Wochen Sonne und Wärme”, so Archie Kennedy, ein Landwirt in der Überschwemmungszone, bräuchte er nun, um seine Ernte retten zu können. Und dann sagte er das Unsagbare: Die Dürre sei ihm lieber.

Zum ersten Mal erlebe ich also den eigentümlichen Zustand, dass deutsche Weihnachtsferien-in-Australien-Touristen vom Niederrhein exakt das gleiche wollen wie australische Landwirte: Sonne satt. Über Regen nörgeln ist plötzlich nicht nur okay, sondern ein Akt der Solidarität und endlich erlaubt!

Ob Archies Wünsche erhört werden? Not sure. Das australische Bureau of Meteorology verspricht: Mit 75 % Wahrscheinichkeit wird Sydney dieses Jahr deutlich höhere Regenfälle als in anderen Sommern erleben. 

Daher für alle Reisenden noch rasch der Expertentipp aus dem Strandbüro: Mückenspray nicht vergessen! 300 der weltweit 2700 Moskito-Arten sind in Australien heimisch, und die brüten derzeit um die Wette.

 

 

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Auf der Kirmes trainiert fürs Leben

Meine Freundin, gebürtige Kongolesin, die im Alter von elf Jahren nach Deutschland kam, hatte das größte und gescheiteste Mundwerk des Ruhrgebietes. Wie ich fühlte auch sie sich in regelmäßigen Abständen magisch hingezogen zu Veranstaltungen und Orten der Prollkultur. Wir liebten die Kirmes, den Marktplatz stereotyper, rassistischer Bräuche, und immer, wenn wir am Süßwarenstand einen ‘Eis-Neger’ wollten, salmonellenhaltiges Softeis mit Schokosauce, schrie meine Freundin der fülligen Verkäuferin entgegen: ‘Guten Tag! Einen Eis-Nazi, bitte!’

Es war eine Mutprobe und jedes Mal der Höhepunkt unseres Aufenthalts. Wir machten aus dem rassistischen Stumpfsinn kurzerhand noch stumpfere Performancekunst. In Teenie-Agitprop waren wir irgendwann richtig gut, denn unsere mittelgroße Stadt war voll von diesen fremdenfeindlichen Stilblüten.

Als ich mit neunzehn durch die Fußgängerzone schlurfte, fragte mich eine Verkäuferin von Abonnements der regionalen Westdeutschen Zeitung strahlend: ‘Sie sprechen Deutsch? Deutsch lesen vielleicht sogar? Interessiert an einem Abo der WAZ?’ ‘Nein, fällt mir schwer zu lesen’, war meine Antwort, und die war nicht mal gelogen. Es fiel mir tatsächlich schwer, die WAZ zu lesen, weil ich sie schlicht unerträglich fand.

Dass ich dort zu dem Zeitpunkt auch noch ein Praktikum absolvierte, habe ich erst gar nicht erwähnt. Es war mir einfach zu anstrengend, dieser furchtbar harmlosen Dame mitten am Tag einen kleinen Exkurs in Rassismustheorie zu geben. Heute würde ich ihr den Exkurs wahrscheinlich dezidiert und charmant lächelnd reindrücken.

Kürzlich las ich in der britischen Sunday Times eine Titelgeschichte, die sich dem Thema Rassismus in England widmete. Der Autor erzählte, wie es sich anfühlt, als Weißer mit einer schwarzen Britin und vier gemeinsamen Kindern die turbo-tolerante Metropole London hinter sich zu lassen und aufs englische Land zu ziehen. Der Mann heulte sich auf sechs Seiten aus. Aber so richtig. Er klagte, dass Leute die krausen Haare seiner Tochter lustig finden. Oder, dass sein Sohn von einem Klassenkameraden ‘farbig’ genannt wurde. Heul doch! In Deutschland benutzen dieses Wort selbst die Lehrer! Und fühlen sich besonders emanzipiert, weil sie endlich eine Alternative zu ‘Mulatte und Co.’ gefunden haben.

Ich las den Artikel durch und hatte den Eindruck, hier erzählt Spongebob von seinen Comic-Problemen. Dabei weiß dieser Autor gar nicht, wie verwöhnt er ist! Eingebettet in eine britische Kultur, die durch die eigene Kolonialgeschichte ein geradezu sensibilisiertes Vokabular in den Köpfen der Briten installieren konnte. Die Extralight-Diskriminierungen, von denen der Autor nun in seinem Kaff klagte, passieren Deutschen mit Migrationshintergrund in jeder größeren deutschen Stadt jeden Tag! Der Gute sollte mit seiner ganzen Familie einmal zu uns kommen. Und da muss es noch nicht einmal gleich Stralsund oder Chemnitz sein. Berlin-Mitte reicht schon.

Mitten im liberalen Berliner Wellnessparadies, dem Weinbergspark, beobachtete ich kürzlich einen kleinen Jungen, der ein afrodeutsches Mädchen mit ‘Du bist eine Negerin!’ beschimpfte. Und der Vater? Stand daneben in seinem frisch gebügelten FC-St.-Pauli-Kaputzenpulli und las die SZ! Diese Situation war gruseliger als jeder Horrorfilm. Denn immerhin befand man sich im Epizentrum der Toleranz. Toleranter als hier wird’s nicht. Wer hatte dem Kleinen in diesem liberalen Umfeld überhaupt gesteckt, dass es dieses Wort gibt? Unser britischer Autor hätte den St.-Pauli-Vater wahrscheinlich direkt am Kapuzenpulli vor Gericht gezerrt. Und ein schwarzer Brite, der in London von Abo-Damen angesprochen wird, ob er Englisch spreche, würde höchstens entgegnen: ‘Geht so. Ich komme aus Wales.’

 

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Russland lacht über WikiLeaks

WikiLeaks ist richtig witzig. Finden zumindest die Russen. Hier amüsiert man sich über die Enthüllungen der Website. Auch wenn sie das Vaterland betreffen: Die Nato rüstete sich erst Anfang dieses Jahres, um einen angeblich drohenden Angriff der russischen Streitkräfte auf das Baltikum abzuwehren. Haha, russische Panzer schaffen es vor lauter Motorpannen sowieso nie bis Riga. Bei Hochzeiten im Kaukasus flattern 100-Dollarnoten. Hihi, ist doch klar, die sind viel weniger wert als 5000-Rubelscheine. Und Russland, ist ein Mafiastaat, korruptionsgetränkt, mit einem Boss namens Putin, der Milliarden Schwarzgelddollar beiseite geschafft haben soll. Hoho, was für Dollarmilliarden, wenn die doch schon alle im Kaukasus auf den Hochzeiten herumflattern.

Die Russen nehmen WikiLeaks nicht ernst. „Und zum Schluss veröffentlicht WikiLeaks eine neue Mickey Mouse-Geschichte“, spottet Radio “Echo Moskwy”. Auch im Kreml wird gelacht. Ein Topbeamter hat WikiLeaks-Chef Julian Assange sogar inkognito für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Russland weigert sich glatt, all die Russland-Sensationen ernst zu nehmen, mit der WikiLeaks die Weltöffentlichkeit seit Wochen füttert. Schon aus dem banalen Grund, dass diese Sensationen zum größten Teil schimmeln. Dass auf Putins Geheimkonten über 30 Milliarden Dollar liegen sollen, verkündeten russische Oppositionelle schon vor Jahren. Dass laut Transparency International in Russland jährlich 300 Milliarden Dollar Schmiergeld fließen, gilt in Moskau eher als Untertreibung. Aber WikiLeaks und seine aufgeregte Kundschaft ignorieren bei ihren  Sensationen, dass, wenn wirklich Fakten dahinter stehen, diese  längst öffentlich jedermann zugänglich sind. Halbwegs informierte Moskauer Botschafter finden bei WikiLeaks nur einen Verdacht bestätigt: Die Jungs von der US-Botschaft, deren Schriftverkehr WikiLeaks unter anderem enthüllt, können zum Teil durchaus Russisch lesen, zum Teil studieren sie zumindest die einzige englischsprachige Zeitung vor Ort, die „Moscow Times“, gründlich.

Und immerhin erstaunt die sprachliche Kraft, mit der die Gesandten ausdrücken, was sie ahnungsvoll vermuten. Putin und seinen Gehilfen Medwedew mit Batman und Robin zu vergleichen – eine kühne metaphorische Leistung. WikiLeaks, die Literatur-Seite? Dazu sind Bilder wie Batman Putin und Robin Medwedew leider zu wenig erbaulich und belehrend. Es sei denn, in der Moskauer US-Botschaft besitzt man doch intimste Informationen über das Tandem Putin-Medwedew. Und bemüht den kulturellen Code der heimischen Schwulenszene, um sie ganz raffiniert zu verschlüsseln: Batman und Robin?! Russland, wollen die Amerikaner ja vielleicht sagen, wird von einem Pärchen Gays regiert! Die Topsekrete, die WikiLeaks absondert, sind wirklich ungeheuerlich.

 

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Hassliebe – Weihnachtsrituale in Kalifornien

 

Die Sonne scheint, Surfer warten auf die perfekte Welle und Palmblätter glitzern silbrig unter wolkenlosem Himmel. Alles wie immer im Süden Kaliforniens. Wäre da nicht die üppige Weihnachtsdekoration des Nachbarn, die unsere Küche seit Halloween jeden Abend in ein blinkendes Lichtermeer verwandelt. Peters Stromrechnung steigt jedes Jahr im November auf das Doppelte, doch das stört den begeisterten Hobby-Dekorateur nicht. Jedes Jahr hängen ein paar Lichterketten mehr an Dach, Treppengeländer und Fenstern. Die wahren Höhepunkte seiner Weihnachtsstimmungs-Kreationen hebt sich Peter für die Woche vor Heilig Abend auf: erst dann wird permanent Heissluft in einen Vier Meter hohen Schneemann im grünen Vorgarten geblasen und es dreht sich eine in Regenbogenfarben blinkende Rentier-Familie neben der Einfahrt. Peter ist nicht nur ein Weihnachts-Lichterketten-Deko-Enthusiast, er arbeitet auch furchtbar gerne am Computer. Ich wette, er arbeitet daran, seine Lichterkreationen mit dem von ihm geliebten Latino-Rap zu synchronisieren. Bald wird er uns mit einer ganz neuen Stufe von Lichter-Glück überraschen, den Verkehr im Viertel lahm legen und das Heimvideo seines Christmas-Lighting-Raps zu dem anderem Christmas-Deko-Wahnsinn ins Internet stellen. 

Ohne Peter würde sich hier gar nichts wie Weihnachten anfühlen. Musikberieselung und Schoko-Sonderangebote im Supermarkt reichen da nun wirklich nicht aus. Manchmal stöhne ich zwar über die seltsamen US-Weihnachts-Rituale, vom Tannen-kranz auf der Kühlerhaube bis zum unvermeidlichen, surfenden Santa Claus, aber im Grunde finde ich das alles ziemlich grossartig. Bis ich wieder in meiner gnadenlos blinkenden Lichterlandschaft in der Küche stehe. 

 

 

 

 

 

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Beredtes Schweigen

Als kritischer Untertan frage ich mich gelegentlich, ob die schwedische Königsfamilie gut beraten ist. Das legendäre Pressegespräch des Königs im Wald von Trollhättan war zwar erfrischend ehrlich aber sicher kein Musterbeispiel für gelungene Krisenprävention. Auch seine leidensfähige Gattin Silvia gab keine Figur ab, als sie wenige Wochen vor der Hochzeit ihrer ältesten Tochter Victoria ein Team des Stockholmer Senders TV 4 zur Audienz empfing. Die Frage nach der NSDAP-Mitgliedschaft ihres verstorbenen Vaters Walther Sommerlath kam sicher nicht unerwartet. Gleichwohl druckste die 1943 in Heidelberg geborene Silvia herum. Ihr Vater sei der brasilianischen Auslandsorganisation der NSDAP in einem Überlauf der Gefühle beigetreten, aus Freude über die „Wiedergeburt des Vaterlandes“, das sich damals „aus der Asche erhob“.

Ein erster Proteststurm nach der Ausstrahlung im Mai ging alsbald im Taumel der Traumhochzeit unter. Doch Mats Deland ließ nicht locker. Im brasilianischen Domizil der Familie Sommerlath forschten der Historiker und seine Kollegen vom Politmagazin “Kalla fakta” den strammen Nazi-Kumpanen des Patriarchen nach. In Berliner Archiven stieß er auf die brisanteste Spur. Sie führt zum jüdischen Fabrikanten Efim Wechsler, der 1939 seinen lukrativen Betrieb für einen Spottpreis an Walther Sommerlath verkauft haben soll. Der Vater der Königin – ein Profiteur der „Arisierung“. 

Im zweiten Teil der Dokumentation, der am Sonntag ausgestrahlt wurde,  spürten die Autoren der Verwandtschaft Wechslers in Israel nach. Die Zwangslage ihres Onkels Efim habe sie sich nie richtig klar gemacht, sagte Daniella Wexler nun dem Boulevardblatt Expressen. Ihre Mutter habe stets von einem Tauschgeschäft gesprochen. Die Mutter sei der Königin sogar einmal auf einem Empfang begegnet, erinnert sich die pensionierte Richterin. Die Frauen hätten sich sehr nett unterhalten. Auch Wexler urteilt milde über die nunmehr schweigende Silvia: „Sie ist von diesen Enthüllungen vermutlich genauso überrascht wie ich.“

 

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Alterssitz für Riff-Raff

 

It’s astounding. Time is fleeting. Madness takes its toll! Darf ich hier so viele englische Sätze schreiben? Da sie jeder mitsingen kann, der die Achtziger Jahre mit Reis und Konfetti im Haar erlebt hat, wird so viel Anglizismus schon okay – ich meine, in Ordnung – sein. Ich werde auch ganz sicher nicht einmal das Wort ‚Kult‘ verwenden, I promise. Dabei war Riff-Raff aus der Rocky Horror Picture Show damals fast so berühmt wie heute Harry Potter, wenn auch mit deutlich mehr Potential für den Christopher Street Day. Und jetzt das!

Es ist in der Tat verblüffend, die Zeit rennt davon, und der Wahnsinn greift um sich: Der Mann, der uns das beste Transen-Musical unserer Jugend bescherte, kämpft wie der Leibhaftige darum, endlich ein ganzer Kiwi werden zu dürfen. Richard O’Brien heißt der Erfinder und Darsteller des buckligen Butlers, der den durchnässten Hochzeitsreisenden Brad und Janet an einem stürmischen Abend mit dem Dreizack in der Hand die Türe öffnet. Wie ein verlorener Tourist im Regen vor einem transsylvanischen Schloss muss der 68jährige Schauspieler sich nun selber vorkommen. Denn das Land, das die Brutstätte seines subversiven Schaffens war, das lässt ihn nicht als Staatsbürger einreisen.

Mit zehn Jahren kam der kleine Richard aus den englischen Cotswolds auf die Südhalbkugel, wo sein Vater eine Schaffarm in Tauranga kaufte. O’Brien – damals hieß er noch Smith – lernte reiten und bekam seine erste Rolle als Stuntman beim Film. Im Städtchen Hamilton arbeitete er später fünf Jahre in einem Frisörsalon, bevor er 1964 nach London zog. Dort betonte er stets, wie sehr ihn die Erlebnisse in Aotearoa beeinflusst hätten. Einige der Lieder aus Rocky Horror entstammen der Haarspray- und Schafzucht-Periode. So stolz waren die Neuseeländer auf ihren berühmten Sohn, dass sie zur Freude der örtlichen Schwulenszene und aller durchreisenden Touristen ein bronzenes Riff-Raff-Denkmal in Hamilton aufstellten – an der Stelle des ehemaligen Kinos, in dem der Transgender-Star einst so viele inspirierende B-Movies guckte.

O’Brien besitzt Land in seiner alten Heimat, zwei seiner Geschwister und sein Sohn leben dort, und jetzt wollte auch er auf seine alten Tage wieder zurück zu den Wurzeln. Doch die Behörden spielten nicht mit. Richard O’Brien hatte nämlich nie die neuseeländische Staatsbürgerschaft. Um sich als Rentner im Land der langen weißen Wolke zur Ruhe zu setzen, muss man eine halbe Million auf der hohen Kante haben oder 750.000 Dollar investieren. Riff-Raff is not amused. „Sie bauen eine Statue für mich und feiern mich als Neuseeländer, aber jetzt muss ich auf die Knie sinken und alles Mögliche versuchen.“

„Dammit, Janet!“ ruft da nicht nur Brad aus, sondern jeder, der mal Fan war. Facebook-Kampagnen wurden gestartet. Es war ein Sprung nach links, und dann ein Schritt nach rechts, und dann endlich doch ein Happy End: Der böseste Butler aller Zeiten bekommt zumindest Daueraufenthalt im freundlichsten Land der Welt. Let’s do the time warp again.