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Nek Minnit passiert was

Jahresendzeitstimmung. Zeit für die große Bilanz. Was hat die Menschen in meinem Land bewegt? Wo offenbarten sich ihre wahren Interessen, ihre Leidenschaften, ihre Themen? Zum Glück gibt es den Informationskanal YouTube, der uns das Psychogramm der Nation präzise aufzeigt. Vielleicht sollte ich, um es spannender zu machen, an dieser Stelle die Quizfrage stellen: Wer oder was befand sich auf dem im Jahre 2011 in Neuseeland am häufigsten gesehenen Video?

Richtig: Rebecca Black. Das ist die kleine schwarzhaarige Dame im Cabrio und mit dürftig überschminktem Pickel, deren selbstproduzierter Song ‚Friday‘ als so grottenschlecht empfunden wurde, dass er weltweit über eine Billion mal anklickt wurde. Eine Art Hass-Reflex – 167 Millionen mal davon allein in Neuseeland. Eine ordentliche Trefferquote für ein Vier-Millionen-Volk. Immerhin sind wir weltweit nicht allein mit unserem schlechten Geschmack.

Schaut man sich an, was es in Aotearoa auf den zweiten Platz der YouTube-Hitliste geschafft hat, blickt man in einen noch tieferen kulturellen Abgrund. Hier tut sich eindeutig ein Nordhalbkugel-Südhalbkugel-Gefälle mit antipodischer Note auf. Denn weit vor den erschreckenden Erdbebenszenen aus Christchurch oder den Heldenmomenten der Rugby-Weltmeisterschaft wollten die Kiwis ein Machwerk namens ‚Nek Minute‘ sehen.

In wenigen verwackelten Sekunden erblickt man da einen jungen Mann mit weißer Stirnbinde, nacktem Oberkörper und unleserlichen Tätowierungen, der nicht nur das obere Drittel seiner Unterhose hervorblitzen lässt, sondern auch ein Gebiss frankensteinschen Ausmaßes. Der Zuschauer fragt sich, ob das vielleicht aus einem Scherzartikelladen stammt. Ebenso erheiternd ist, dass der Scooter des Protagonisten offensichtlich gerade zu Klump gefahren wurde. Der absolute Schenkelklopfer ist jedoch, dass der Roller-Besitzer sich nur sehr rudimentär zu artikulieren weiß. Was man mit „und dann passierte im nächsten Augenblick Folgendes“ übersetzen müsste, reduziert sich bei ihm auf das verzerrte Raunzen zweier Worte: ‚Nek minute‘. Ein Brüller!

Der YouTube-Clip entstammt einem Skater-Film, hieß erst ‚Negg Minute‘, dann ‚Nek Minute‘ und schließlich ‚Nek Minnit‘, um der Stammel-Orthographie konsequent treu zu bleiben. Bei dem gefährlich bis grenzdebil wirkenden Mann handelt es sich um den wahrscheinlich blitzgescheiten Levi Hawken aus Dunedin. Der hat sich als furchloser Skateboarder einen Namen gemacht, weil er die steilsten Straßen herunternagelt, ‚hill bombing‘ genannt. Jetzt hat er auch noch ein Stück kiwianischer Kulturgeschichte geschrieben.

Nek Minnit ist seit Monaten ein geflügelter Begriff. Moderatoren und Teenager streuen ihn gerne ein und warten auf Lacher. Neben etlichen Parodien gibt es auch den gleichnamigen Song von ‚Youth Empire‘, in dem diese Textzeile hervorsticht: “Sitze auf dem Klo, lass gleich die Bombe fallen, Nek Minnit, kein Klopapier da”. Besser kann man das Vorher und Nachher, das uns an Silvester bevorsteht, nicht zusammenfassen.

 

 

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Der Schlüssel zur verlorenen Zeit

Immer wieder frage ich mich, welche Geschichte wohl hinter der angebrochenen Räute, dem Griff unseres alten, eisernen Hausschlüssels steckt. Wer ihn wohl schon alles in der Hand hatte? Vielleicht sogar die letzte pensionierte Nonne, die hier alleine lebte. Sie war behindert, wurde von den Großeltern unserer Nachbarn gepflegt. Als Dank erhielten die nach ihrem Tod dieses Haus und so kam „l’ancien couvent“, das „ehemalige Kloster“ in Belloc, in weltlichen Besitz.

 

Der Schlüssel hat ebenso wie die Holztüre mit ihrem Türklopfer in Form eines metallenen Löwenkopfes

schon vieles überstanden. Drum sollte man sich nicht allzu große Sorgen machen. Aber nicht nur sein Zerbrechen könnte drohen, wahrscheinlicher ist vermutlich sogar sein Verlust. Und dann stehen wir da, ohne Ersatz. Also muss ein Doppel her.

 

Als ich mich endlich aufraffe, den Hausschlüssel sowie seinen etwa gleichaltrigen Bruder, den Garagenschlüssel (ebenfalls ein Unikat mit etwas Grünspan verziert) zu kopieren, ahne ich nicht, dass ich mich auf eine Zeitreise begebe. Beim Schlüsseldienst in Toulouse, einer dieser modernen Kopierklitschen mit ihren ohrenzersägenden Fräsemaschinen, habe ich keine Chance. Vielleicht in einer altmodischen Eisenwarenhandlung, einer Quincaillerie, sagt der Schlüsselmacher vom Dienst. In der Kleinstadt Saint Girons werde ich fündig.

Die schwere Glastüre löst ein kurzes Bimmeln aus, als ich sie öffne. Die Quincaillerie Lapeyre ist ein unübersichtlicher, düsterer Laden, der eher an eine Rumpelkammer erinnert. Vermutlich gibt es hier eine Ordnung, sie erschließt sich dem ahnungslosen Besucher nur nicht. In der linken hinteren Ecke höre ich es rumoren. Es riecht nach Zigarettenqualm. Ich gehe vorbei an Eisenstangen, Schweißerutensilien, Stellwänden mit aufmontierten Türgriffen und Schlössern, bis ich plötzlich vor einem Mann im blauen Arbeitsanzug stehe. Der Mittvierziger hockt auf dem Boden, im Halbdunkel, umgeben von hunderten Schlüsselrohlingen, die teils auf kleinen Metallständern hängen, teils auf dem Boden zerstreut liegen. In seinem Mundwinkel hängt eine Zigarette, die langsam verglimmt, während der Mann Unverständliches vor sich hin murmelt.

Durch ein kurzes Räuspern mache ich auf mich aufmerksam. Der Verkäufer mustert mich von unten nach oben mit fragendem Blick. „Ich würde gerne zwei sehr alte Schlüssel nachmachen lassen“, sage ich zögernd. „Bin mir aber nicht sicher, ob Sie das tun können.“ „Wir machen keine Schlüssel“, lautet die trockene Antwort. Aha. „Aber wir haben welche.“ Ich krame meine beiden alten Schätzchen aus der Jackentasche und zeige sie ihm. „Hmm, dann wollen wir mal sehen.“ Die Zigarette zittert bei jedem Wort zwischen seinen Lippen, bleibt aber gerade noch hängen. Von nun an heißt es: Geduld!

Seelenruhig kramt mein neuer Freund – nennen wir ihn mal Jacques, er sieht aus als könnte er Jacques heißen – in seinen Schlüsselvorräten. Ab und zu zieht er voller Hoffnung einen Rohling hervor, studiert ihn minutenlang im Vergleich zum Original, rümpft die Nase, was dazu führt, dass wieder ein wenig Asche von der Zigarettenspitze fällt, und hängt ihn wieder an seinen Platz. Oder an einen anderen. Das Konzept von „jeder Schlüssel hat seinen Platz“ scheint hier ohnehin nicht zu greifen.

Als die Glut der Zigarette sich bedrohlich seinen Lippen nähert, drückt Jacques sie rasch an einem Metallteil auf dem Tisch zu seiner Linken aus und legt den Stummel daneben.Weiter geht die Schlüsselsuche. „Ah, le voilà!“, sagt er plötzlich nach etwa 20 Minuten mit einem Anflug von Begeisterung. Der Hausschlüssel ist gefunden. Aber wir sind noch lange nicht fertig. Nun ist der Garagenschlüssel dran. Das gleiche Prozedere. Jacques hat alle Zeit der Welt. Dann erneutes Aufblitzen in seinen Augen. Auch dieser Schlüssel soll seinen Meister finden.

Nun geht es an die kleine Fräsemaschine, anschließend zieht Jacques ein paar Handfeilen aus einer hölzernen Schublade. Hingebungsvoll macht er sich an die Feinarbeit. Ein wunderbares Erlebnis, von Menschen bedient zu werden, die ihre Arbeit mögen! Wieder vergehen mindestens 15 Minuten, bis Jacques zufrieden ist. Stolz reicht er mir die neuen, glänzenden Schlüssel. Sie sind genauso klobig wie die alten, aber aus einer gelblichen Metalllegierung. Haben deutlich weniger Charme. Egal, sie tun ihren Dienst (ich hab’s probiert).

Und Jacques, den Meister der Langsamkeit und Hingabe, den habe ich ins Herz geschlossen. Ich möchte eigentlich nie mehr woanders meine Schlüssel duplizieren lassen als in der Quincaillerie Lapeyre. Dort, wo die Zeit stehen zu bleiben scheint. „Bon“, sagt Jacques lächelnd, „kann ich noch irgendetwas anderes für Sie tun?“ „Nein,“ antworte ich grinsend und gehe gedankenverloren, ja fast bezaubert zur Kasse.

 

 

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Billy und die Fleischbällchen

Ich halte mich für kulturell anpassungsfähig, aber ein paar Sachen vermisse ich dann doch in Aotearoa. Da ich die einheimische Altöl-Schmiere namens Vegemite verschmähe, lasse ich mir immer meine Hefepaste aus dem Reformhaus mitbringen. Das hat am Flughafen schon zu unschönen Szenen geführt, als eine Ein-Kilo-Dose mit hellbraunem, undefinierbarem Inhalt auf dem Kontroll-Bildschirm auftauchte.

Lakritze trudelt manchmal einfach so bei mir ein. Letztens stand ein junger Mann vor meinem Haus, wedelte mit einer Tüte und rief auf Deutsch meinen Namen. Der Süßkram stammte zwar nicht von Haribo, sondern vom Zwischenstopp aus Singapur, aber nett war’s dennoch. Und ich seit Wochen auf Entzug. Für alle Nachahmer: Gummibärchen werden auch gerne genommen.

Was mir sonst noch fehlt, habe ich über die Jahre verdrängt. Demonstrationen, Nacktbaden, Kerzen am Tannenbaum – geht auch ohne. Aber es gibt Rituale, die ein Loch ins Leben reißen, wenn sie plötzlich fehlen. Die man für selbstverständlich hielt, gar lästig. Wie der Samstagseinkauf bei IKEA.

Dass man spätestens an der Kasse komplett erledigt war, dass man stets mehr davonschleppte als geplant, dass all die vielen Kartons und der volle Parkplatz nur nervten – ja, vergessen. Zurück bleiben sentimentale Erinnerungen an kreischende Kinder im Plastikballbecken und pinke Hotdogs. Spottbillige Zimmerpflanzen, die sofort eingingen. Der Sechskantschlüssel, der immer fehlte. Ach, und all dieses clevere, praktische Design, das man im deutschen Wunderland des guten Geschmacks irgendwann gar nicht mehr zu schätzen wusste. Dann leistete man sich lieber das Ledersofa aus Italien anstatt des Modells Bjölle vom China-Fließband.

Was würde ich jetzt für ein olles Billy-Regal und bunte Plastikbecher namens Sigurt geben! Aber dafür müsste ich erst nach Australien fliegen – dort ist der nächste IKEA-Laden. Neuseeland ist als Standort für die Schweden wohl zu zu unwichtig. Dabei hat Norwegen mit fast der gleichen Einwohnerzahl ganze vier IKEA. Und komme mir jetzt niemand mit dem Argument, dass Norwegen ja auch direkt neben Schweden liegt – der ganze Kram wird eh aus Asien verschifft. Es ist eine einzige, eurozentristische Ungerechtigkeit.

Aber zum Glück gibt es ja Facebook, um den Schrei der Unterdrückten in die Welt zu tragen. „I want IKEA stores to open in New Zealand“ heißt eine Seite, die in diesem Jahr über 10.000 Fans gewann. Ausgelöst durch das Gerücht, dass in Auckland bald ein total verrücktes Möbelhaus entstünde. Was wurde da im Netz diskutiert und rumfantasiert, bis hin zu den berühmten Fleischbällchen.

Die Ernüchterung kam vor ein paar Wochen. Bei dem neuen Laden namens „Myflatpack“ handelt es sich lediglich um den überteuerten Weiterverkauf von wenigen IKEA-Produkten. Nicht mal ein Abklatsch der echten Knäckebrot- und Billy-Welt. Die Fans sind wütend. Das ganze war ein raffinierter PR-Coup. Eine Exil-Schwedin will jetzt intervenieren. Sie kennt den IKEA-Boss Ingvar Kamprad über zwei Ecken. Kämpfen, bis der Elch kommt!

 

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Nieder mit dem Sprachgeiz

Manche Besonderheiten im Land meiner Wahl mag ich lieber als andere. Weniger diplomatisch ausgedrückt finde ich ein paar Dinge in Australien so richtig affig. Dazu gehört das Verstümmeln der englischen Sprache. Fingernagel-über-Schiefertafel-kratzend unangenehm ist mir zum Beispiel: ‘Tis the season… “ Ausgeschrieben soll das heißen: “It is the season to… – und für die Pünktchen muss man sich dann wahlweise denken: drink too much to often, buy things you never wanted to buy, eat lots, dekorate a tree with glitter” Okay das ist lang, zugegeben, aber ‘Tis the season… ? Ahrg. Dazu ’tist es überall und unvermeidbar: das Apostroph-Tis mit den Pünktchen kitscht mich in Sydney dieser Tage bedrohlich von jeder zweiten Plakatwand an.

Und weil es ja heißt, manches schmerze weniger, wenn man mal drüber geredet hat, psychische Hygiene, etc, teile ich jetzt noch zwei Stümmeleien:

SupaCenta für Super Center – zumal es da wirklich nichts gibt, dass so richtig super/supa ist.

mart für market, was inzwischen über fast jedem neonbeleuchteten Eckladen steht.

Ich weiß ja nicht, wie’s Ihnen geht, aber das ewige x-mas für Christmas finde ich auch unelegant. Trotzdem: schöne Feiertage und danke für’s Zuhören!

 

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Mit Schweinen zahlen

Der Euro wackelt, die Krise droht: Hilfe! Räum ich jetzt noch schnell mein deutsches Konto leer und lass mir die paar Kröten nach Übersee – was für ein wunderbares, vom Aussterben bedrohtes Wort – überweisen?  Ach was. Besser umdenken als Panik schieben. Liebe Europäer, ich gebe euch jetzt einen Finanztipp, gegen den auch ‚Occupy Wallstreet‘ sicher nichts einzuwenden hat: Macht es wie die Südseeinsulaner. Zahlt mit Schweinen statt Scheinen.

Dass die Währung mit Speckschwarte noch oder wieder im Umlauf ist, hat die vor kurzem in Neuseeland glorreich beendete Rugby-Weltmeisterschaft ans Tageslicht gebracht. Mathew Vaea, Manager der samoanischen Nationalmannschaft, wurde nämlich vorige Woche in seinem Heimatdorf Leauva’a zu einer Strafe von hundert Schweinen verdonnert.

Sein Vergehen: Während der WM habe er sich nicht um seine Mannen gekümmert, sondern ging lieber Golfspielen und trinken. Tagelang war Vaea verschwunden, so beklagte sich der Mannschaftskapitän über den Manager, und nicht mal die Trikots fürs Team habe der Schluckspecht dabei gehabt. „Er hat das, was wir im Volksmund als ‚geknickten Ellbogen‘ bezeichnen.“ Ein einziger feuchtfröhlicher Urlaub, der Samoa nicht nur schlechte Presse bescherte, sondern auch ein miserables Ergebnis auf dem Spielfeld: Die Insulaner flogen schon im Viertelfinale raus.

Als der Rugby-Manager nun von den Ältesten seines Dorfes zu der Schweinestrafe verdonnert wurde, versuchte er die Schande auf westliche Art wettzumachen: Er zahlte statt der Borstenviecher lieber 2000 samoanische Tala – damals umgerechnet 617 Euro – und entschuldigte sich. Ein Nachfolger für ihn wird gerade gesucht.

Ein paar tausend Kilometer weiter, im etwas zivilisierteren Neuseeland, wird zwar noch mit Dollar bezahlt. Aber seltsame Strafen sind auch hier an der Tagesordnung. Okay, nicht täglich, aber immerhin alle drei Jahre. Am letzten Samstag haben wir Kiwis gewählt, was ja für viele Länder eigentlich ganz normal ist. Auch, dass der konservative Premierminister weiterregieren darf – dafür haben das Katastrophenjahr und der Sieg bei der Rugby-WM gesorgt. Etwas seltsam ist nur, dass bei uns am Wahltag zwischen neun Uhr morgens und sieben Uhr abends nicht übers Wetter berichtet werden darf, wenn im gleichen Atemzug das Wort ‚Wahllokal‘ fällt.

„Sturmtief im Anmarsch – hoffentlich werden Sie nicht vor der Wahlurne weggepustet“ oder „den ganzen Tag Sonnenschein – da bleibt man wohl lieber am Strand“: Nachrichtensprecher oder Radiomoderatoren, die so etwas in aller Unschuld verkünden, machen sich strafbar. Ja, so steht es in der Verfassung, Paragraph 197: Öffentliche Meldungen, die am Wahltag das Wetter ins Zusammenhang mit der Wahlbeteiligung bringen, sind verboten und können mit bis zu 20.000 Neuseeland-Dollar bestraft werden.

Keine Ahnung, wieviel das jetzt genau in Euro ist – kann sich ja stündlich ändern. In Samoa wären es auf jeden Fall 1823 Schweine.

 

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New York, die Promi-Stadt

Als Wirtschaftsjournalistin komme ich eher selten mit der Kunstszene in Berührung. Gestern abend jedoch war ich zu einer Party eingeladen, auf der Christo erscheinen sollte. Der Christo? Genau der.

Angeblich passiert es einem in New York ja alle naselang, dass man Prominenten begegnet. Vor einigen Monaten saß ich in Berlin in einem Taxi zum Flughafen, und der Taxifahrer war sehr beeindruckt, als er mitbekam, dass ich in New York lebe. „Und – wie viele Stars haben Sie schon gesehen?“ fragte er gespannt. Ich war verdutzt. „Also – eigentlich keinen“, sagte ich. Er konnte es nicht fassen. „Keinen? Keinen?“ Seine Enttäuschung tat mir weh. Es war so schön gewesen, ein wenig bewundert zu werden. Fieberhaft dachte ich nach. Und tatsächlich, es fiel mir jemand ein, der in Deutschland zumindest als Halbpromi durchgeht. Glaubte ich. „Herrn Ackermann und seiner Frau bin ich mal in der Vorweihnachtszeit beim Einkaufsbummel begegnet“, sagte ich triumphierend. Im Rückspiegel sah ich die ratlosen Augen des Fahrers. „Ackermann? Wer ist das?“ Geknickt murmelte ich etwas von der Deutschen Bank. Der Fahrer sagte nichts mehr.

Seit dieser Episode denke ich manchmal darüber nach, was ich anders machen müsste, um gelegentlich Woody Allen oder Robert de Niro zu treffen. Das erste wäre wohl, häufiger nach Manhattan zu fahren, „in die Stadt“, wie wir Brooklyner sagen. Ich müsste in Lokale gehen, die ich mir nicht leisten kann, gekleidet in teure Designerklamotten, die ich nicht besitze. Das wichtigste aber wäre, die Stars überhaupt zu erkennen. Und da würde ich wahrscheinlich kläglich versagen, da ich wenig fernsehe und„People“ höchstens mal beim Friseur zur Hand nehme.

Auch an Christo würde ich in einem Lokal möglicherweise vorbei laufen. Gestern abend aber war ich vorgewarnt, außerdem war der Künstler ständig von einer Traube Bewunderer umgeben, die sich gegenseitig zusammen mit dem Promi fotografierten. Christo, unauffällig gekleidet in dunkelblauer Jeans und schwarzem Blazer, ließ sich geduldig ablichten. Ich fand das peinlich und ging nicht in die Nähe. Obwohl eine ganz kleine Stimme in mir quengelte, dass sie auch gern so ein Foto haben würde.

„Silencium!“, rief der Gastgeber. Christo müsse gleich wieder fort, wolle aber zuvor noch sein neues Projekt vorstellen. Christo sagte als erstes, wie schade es sei, dass seine vor zwei Jahren gestorbene Frau Jeanne Claude diesen Augenblick nicht erleben könne. Sie habe maßgeblichen Anteil an der Idee, den Arkansas River in Colorado auf einer Strecke von 42 Meilen mit Stoffbahnen zu überspannen. Seit 1992 hatten die beiden für das Projekt gekämpft – in diesem November wurde es von den Behörden genehmigt. Mehr als 9000 Haken zur Befestigung der Stoffbahnen müssen eingeschlagen werden, bevor das 50-Millionen-Projekt 2014 eröffnet wird. Lange Wartezeiten und Widerstand ist der 76jährige freilich gewohnt. Er erzählte, dass er den Reichstag nur habe verpacken dürfen, weil sich die seinerzeit populäre Rita Süssmuth in einem Machtpoker mit Helmut Kohl durchgesetzt habe. Und die Installation von 7500 orangefarbenen Toren im New Yorker Central Park hätten nacheinander drei Bürgermeister abgelehnt, bevor Michael Bloomberg sie 2005 endlich erlaubte.

Dann wollte sich der Künstler verabschieden, was aber nicht ging, da er bereits wieder umlagert war. Blitzlichtgewitter. Ich stand da gerade neben einem Börsenkorrespondenten vom Deutschen Anleger Fernsehen, der wie ich den Trubel beobachtete. Ich erzählte ihm, dass ich noch nicht einmal daran gedacht hatte, eine Kamera mitzunehmen. Er hatte natürlich eine dabei – Fernsehleute wissen, wie wichtig Bilder sind. „Geh hin zu Christo, ich mach ein Foto von euch“, sagte er. Ich wollte erst nicht – da löste sich Christo aus der Umklammerung seiner Fans und ging einen Schritt in meine Richtung. Das Ergebnis haben Sie bereits gesehen.

Und so kann ich nächstes Mal, wenn sich ein deutscher Taxifahrer für meine Prominentenbekanntschaften interessiert, damit angeben, dass ich Christo die Hand geschüttelt habe. „Der Künstler, der mal den Reichstag verpackt hat, Sie wissen schon.“ Und wenn er es nicht glaubt, dann sage ich: „Bitte lesen Sie meinen Weltreporter-Blog vom 30. November 2011!“

Foto: Manuel Koch

 

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Ein ganz normaler Tag…

An einem ganz normalen Samstagmorgen strahlte die Sonne, mein Sohn quietschte gut gelaunt durch die Gegend und ich hatte seit Wochen einmal nichts ganz Dringendes zu erledigen. Ein entspannter fröhlicher Tag – bis es anfing zu regnen. Eigentlich nichts Besonderes in der Regenzeit, nur dieser Platzregen donnerte waagrecht in unseren Garten und direkt in unser halboffenes Haus. Während wir damit beschäftigt waren, Sofa und Essecke notdürftig abzudichten, rumpelte es laut: Der Wind hatte den Bambus so heftig gegen die Gartenmauer gedrückt, dass er sie per Hebelwirkung zum Einsturz gebracht hatte. Kein Minute später fiel der Strom aus und ich hatte im Halbdunkel außer einem ängstlichen Kind auch noch zwei panische Hunde an mir kleben, als mein Mann tapfer in den Sturm hinauszog, um irgendwo Bambusmatten als groben Schutz für die Nacht zu besorgen.

In solchen Situationen hasse und zugleich liebe ich Indonesien: Denn es dauerte keine Viertelstunde, schon standen zwei Freunde triefendnass vor der Tür, um zu helfen. Und der Handwerker unseres Vertrauens zog am Samstag Nachmittag kurz vor der Dämmerung noch los, um Stahl, Zement und Backsteine zu bestellen, damit er am Montag Morgen gleich loslegen konnte mit dem Wiederaufbau der Mauer. Einigermaßen versöhnt mit der Situation brachte es uns auch nicht mehr allzu sehr aus der Fassung, dass auf einmal über Nacht das Wasser versiegte. Als allerdings am nächsten Morgen dann braune Brühe aus dem Hahn schoss und die Straße vor unserer Haustür – am Sonntag um sieben Uhr! – aufgegraben wurde, weil die Rohre repariert werden sollten, bekam ich doch mal kurz Sehnsucht nach dem ach so geregelten Deutschland…

 

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Occupy Wall Street 2.0

„99% Clean“, titelte die New York Post triumphierend, nachdem die New Yorker Polizei das Zeltlager von Occupy Wall Street diese Woche geräumt hatte. Das rechtslastige Boulevardblatt (Eigentümer: Rupert Murdoch) hatte zuvor eine regelrechte Kampagne gegen die Besetzer im Zuccotti-Park gefahren und Bürgermeister Michael Bloomberg in starken Worten aufgefordert, die „Hippies“ und „Gammler“ zu entfernen. Volkes Stimme? Eher nicht. Nach einer Umfrage des Fernsehsenders NY1 sympathisieren 57 Prozent der New Yorker Wähler mit den Demonstranten, vor allem junge Leute.

 

Mit der Räumung sind die Proteste freilich keineswegs vorbei. Zwar hat die Bewegung keine einheitliche ideologische Führung, aber sie ist schlagkräftig, flexibel und professionell organisiert. Gestern abend um 18.30 Uhr wurden Emails versandt, die den 17. November zum „Day of Strenght and Solidarity“ erklärten, mit der Absicht, die Wall Street zum Börsenauftakt lahmzulegen.

Tatsächlich versammelten sich heute morgen hunderte in Downtown Manhattan, woraufhin die Polizei die Zugänge zur Wall Street blockierte – und, insofern, das Anliegen der Besetzer umsetzte. Wer sich als Mitarbeiter der NYSE ausweisen konnte oder sonst wie einen seriösen Eindruck machte, kam freilich trotzdem durch. Das sorgte, wie die New York Times berichtet, neben ernsthafter Konfrontation auch schon mal für Heiterkeit. Als die Polizei an einer Straßenecke mal wieder zwei Männer in Anzügen passieren ließ, rief ein Demonstrant: „Hey, gibt’s einen Dress-Code für diese Kreuzung?“

Persönlich sind mir die Proteste, nicht zuletzt in Erinnerung an eigene Jungendaktionen, einerseits sympathisch, und das drastische Wohlstandsgefälle der US-Gesellschaft lädt wirklich ein zu Widerspruch. Andererseits hat die Frontenbildung etwas Bizarres. Mag die NYSE für die Besetzer ein Symbol für die globalen Finanzmärkte sein – in Wahrheit ist deren Bedeutung im Zuge der Computerisierung der vergangenen Jahre erheblich geschrumpft. Die elektronischen Plattformen, die das Geschäft inzwischen zu großen Teilen besorgen, sitzen in New Jersey oder in Kansas, wo die Mieten billig sind, und an der Wall Street bangen die wenigen verbliebenen Parketthändler um ihre Arbeitsplätze. Nicht dass sie sich deshalb mit den Demonstranten solidarisieren würden – das ist eine andere Welt.

Am meisten unter den durch OWS ausgelösten Blockaden leiden die kleinen Geschäftsleute in Downtown, genau jene Mittelschicht also, deren Verschwinden die Demonstranten wortreich beklagen. Das Problem: Die Kunden kommen nicht mehr durch. Schon als die Besetzer noch im Zuccotti Park kampierten, soll in einem benachbarten Cafe das Geschäft derartig zurückgegangen sein, dass der Inhaber 20 Leute entließ.

Als ich diese Meldung las, war ich allerdings verwundert, denn als ich an einem Sonntag vor zwei Wochen den Zuccotti Park besuchte, hatte ich den Eindruck, dass das Zeltlager wie ein Magnet auf Touristen wirkte. Hunderte bestaunten und fotografierten Zelte und Bewohner. Ich dachte zuerst, dass die Besetzer davon ziemlich genervt sein müssten, aber sehr schnell realisierte ich, dass das Gegenteil der Fall war. Denn der Besucherstrom führte zu Einnahmen: Es gab Solidaritätsbuttons für zwei Dollar das Stück, eine OWS-Zeitung für einen Dollar. Die einmalige Chance nutzen auch Andere, darunter diverse Straßenkünstler und eine trotzkistische Splittergruppe, die Zeitungen verkaufte, in denen das Engagement der USA gegen den libyschen Diktator Gaddafi angegriffen wurde. So wie der Zuccotti-Park überhaupt zur Sammlungsstätte der wunderlichsten Aktivisten mutierte, die gegen den thailändischen König ebenso protestierten wie gegen die Kommerzialisierung von Hip Hop und die Notenbank Fed.

Unter Finanznot leidet OWS jedenfalls nicht: Zwischen Mitte September und Ende Oktober hatten die Demonstranten fast eine halbe Million Dollar Spenden gesammelt und nur einen kleinen Teil davon ausgegeben, 55 000 Dollar. Da bleibt genug, um Winterquartiere und noch viele Aktionen zu organisieren. Einen Überblick über Ein- und Ausgaben veröffentlichte die zuständige OWS-Arbeitsgruppe übrigens in einem ordentlichen Finanzbericht. Spontanität hin oder her – die Kasse muss stimmen. Vielleicht sind die Welten diesseits und jenseits der Blockaden ja doch gar nicht so verschieden. 

Fotos: Christine Mattauch

 

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Faszinierende Faszinatoren

 

Alle paar Monate lerne ich durch Zufall ein neues Wort. Erst nach acht Jahren in Aotearoa kam mir der „fascinator“ zu Ohren. Was daran liegt, dass ich letzte Woche zum ersten Mal zum Cup Day gegangen bin. Das ist das jährliche Pferderennen und in Christchurch das, was in München das Oktoberfest ist und in Köln der Karneval. Also hasst man’s – oder muss unbedingt hin.

Keine zehn Pferde, haha, hätten mich dort hingelockt. Doch eine Tierärztin kannte einen der Trainer und hatte Freikarten. Meine Initiation stand bevor. Wandert man aus, erlebt man vieles zum ersten Mal: Dosenspaghetti auf Toast, Weihnachten am Strand, Zwillingswasserhähne mit kaltem und heißem Wasser. Jetzt also der Cup Day. Eine ethnologische Expedition. Die wichtigste Frage: Was anziehen?

Modisch gibt es da nur zwei Richtungen: Kleid von der Sorte, wie man es zu einer Sommerhochzeit trägt, aber bitte kein schwarz. Styling drumherum entweder in Richtung Schwiegermutter bei besagter Hochzeit, also damenhaft mit schweren Klunkern, oder diametral entgegengesetzt, also nuttig mit falscher Sprüh-Bräune. Und unbedingt, in jedem Fall, ohne Ausnahme: ein Hut.

Ich habe nur verbeulte Cowboyhüte aus Stroh. Keine Stoffrosen, kein Greta-Garbo-Grandeur. Also fragte ich herum. Und so kam mir zum ersten Mal ein Accessoire unter, das ich bisher nur von Hochzeitsfotos der britischen Royals kannte. Der „fascinator“ ist ein Minihut, keck über der Schläfe sitzend, aus dem sich Federn, Tüllschleifen und ähnliches Fleurop-Gesteck gen Himmel recken. Vielleicht hat der faszinierende Kopfschmuck auch einen deutschen Namen, aber der ist mir durch den Kulturschock jener Stunden auf der Rennbahn entfallen.

Schon auf dem Weg dorthin traf ich auf all das weibliche Jungvolk der Stadt, das sich für die zweite Styling-Variante entschieden hatte: Oben alles raushängen lassen, unten so kurz wie möglich, hoffentlich was drunter. Haut zu Textil im Verhältnis 70 : 30, Absätze höher als Handtasche breit. Passend die Männer, viele noch picklig, mit schiefer Krawatte und der Haarfarbe „Cheese on Mince“. Kurze blonde Strähnchen namens „Käse auf Hackfleisch“ kenne ich auch erst seit kurzem.

Ich hatte mir angesichts dieser Ästhetik das Schlimmste vorgestellt, aber wurde enttäuscht. Während ich auf der Zuschauertribüne Sekt trank, mit dem Wett-Programm wedelte und darauf wartete, dass jemand in der Mittagssonne auf manikürte Füße kotzt, in ein Dekolletee grabscht oder den Jockey verprügelt, passierte leider nichts Skandalöses. Jahrelang all die Schreckensbilder im Kopf, und dann nichts als Massen verkleideter, gut gelaunter bis angeschickerter Menschen: Ja, habe ich etwa dafür den Rosenmontagszug für immer hinter mir gelassen?

Immerhin humpelten und staksten auf dem Rückweg Damen vor mir her, deren Knöcheln zu hohe Hacken und Promille nicht bekamen. Die Frau, die zuvor halbnackt auf die Rennbahn gerannt war, hatte ich leider verpasst. In der Zeitung sah ich, dass sie einen Hut trug. Natürlich ein fascinator.

 

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Wir sind jetzt Freunde

Es herrscht eine warme Atmosphäre vor dem „Monument des Morts“ in der südfranzösischen 35-Seelen-Gemeinde Belloc an diesem Freitagmorgen. Küsschen zur Begrüßung. Jeder kennt jeden. Nur die Deutsche und den Schotten, die kennen noch nicht alle. Umso freundlicher werden sie Willkommen geheißen. So etwas hat es in Belloc noch nicht gegeben: Eine Deutsche, die am Gedenktag für die Kriegstoten im 1. Weltkrieg dabei ist. „Eine starke Geste“, meint mein Nachbar Bernard. Er sei stolz, mit mir befreundet zu sein. Das fröhliche Geplänkel und der Austausch des jüngsten Klatsches kommen zu einem jähen Ende, als der Bürgermeister das Mikrofon ergreift.

 

André Courset trägt einen dunklen Anzug und dunkelblaue Krawatte. „Es ist unsere Pflicht, an die zu erinnern, die Frankreich und die Demokratie verteidigten und dafür den höchsten Preis zahlten“, verkündet er feierlich. Nicht nur 1914 -18 sondern zu allen Zeiten. Er persönlich nehme den Gedenktag an den Waffenstillstand des 1. Weltkrieges am 11. November 1918 sehr ernst. Courset dankt den rund 20 Belloquois besonders herzlich, dass sie diese Tradition aufrecht erhalten. Denn in einigen Kommunen werde der 11. November mangels Interesse schon nicht mehr zelebriert. In seiner Ansprache ist für jeden etwas dabei: Für die Nationalisten, für die Verwandten von Gefallenen – und das sind hier auf dem Lande viele – aber auch einfach nur für Pazifisten.

 

Mit weißen Handschuhen hält der Fähnrich die blau-weiss-rote Nationalflagge mit der silbernen Aufschrift „Commune de Betchat“ in den lauen Herbstwind. Nun tritt ein Kommunalbeamter etwas linkisch ans Mikrofon. Er verliest – mit getragener Stimmer – eine Kurzform der offiziellen Ansprache des Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy am Arc de Triomphe in Paris! Die Langfassung gibt es übrigens zeitgleich im Fernsehen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel Bedeutung und Respekt die Franzosen dem Amt des Präsidenten beimessen. Selbst diejenigen, die seinen derzeitigen Amtsinhaber gar nicht schätzen.

Die beiden jüngsten Teilnehmer – zwei Teenager – legen das Blumengesteck der Kommune am kleinen Kriegerdenkmal nieder. Jetzt stehen alle stramm und konzentriert da. Zwei andächtige Schweigeminuten. Nur die Vögel zwitschern. Und Crapule, die freundliche Promenadenmischung, die immer durch Belloc streift, versteht wieder den Ernst des Augenblicks nicht. Fröhlich wedelt der Hund mit dem Schwanz und fordert einen nach dem anderen zum Spielen auf. Nicht doch! Denn schon ertönen Trompeten und Trommelwirbel aus dem kleinen schwarzen Lautsprecher unter dem Monuments des Morts. Kurz darauf die Marsaillaise – die übrigens von niemandem mitgesungen wird.

 

So ist es also am Feiertag für den Waffenstillstand von 1918 in „la France profonde“ – also dort, wo sich normalerweise Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, denke ich mir. Weit gefehlt. Jetzt würde es doch erst richtig nett, betonen die Nachbarn. Und schleppen uns ab zu einem „vin d’honneur“, einem fröhlichen Umtrunk im Gemeindesaal. Da sind sie einfach unschlagbar, die Franzosen: Champagner wird gereicht, wenn auch in Plastikbechern. Mit oder ohne Cassis (das ist Johannisbeerlikör, der den Schampus dann in einen „Kir Royal“ verwandelt). Dazu gibt es kleine Häppchen. Aber nicht etwa mit Schnittkäse oder Thunfisch. Na, zu Foie Gras (Gänsestopfleber) sollte es doch noch reichen im krisengebeutelten Frankreich, zumal wir uns hier in einer Hochburg seiner Produktion befinden.

Die Stimmung hebt sich, alte Freundschaften werden gepflegt, neue geschlossen. Jedenfalls erklärt so Chantal ihrer 8jährigen Tochter Melissa, warum wir heute hier sind: „Vor vielen, vielen Jahren haben Deutsche und Franzosen sich gegenseitig im Krieg erschossen. Das war furchtbar“, sagt sie ernst. „Aber heute gedenkt Birgit aus Deutschland gemeinsam mit uns dieser Toten, denn heute sind wir Freunde.“ Chantal lacht, drückt mir einen Kuss auf die Wange, und wir stoßen auf diese neue Freundschaft an. Melissa will natürlich nun auch von mir in den Arm genommen werden – und plötzlich bekommt dieser Besuch aus reiner Neugierde bei den Feierlichkeiten zum 11. November in meiner neuen Wahlheimat eine ganz tiefe Bedeutung. Vive l’amitié. Vive la République. Vive la France. Und vor allem die südfranzösische Wärme und Lebenslust.