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Weltreporter-Forum 2016 – hier ist das Programm!

Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht!

Wir freuen uns mit unseren internationalen Gästen auf einen spannenden Sommer-Nachmittag auf dem Land. Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht!

 

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Mafia, Maori, Maasdamer

Picture 2Manchmal ist doch wunderbar, wenn die Welt klar, kompakt und Entscheidungen einfach sind. Ich zb wüßte genau, was ich machen würde, wenn ich am 1. August um 20 Uhr nicht in silly Sydney, sondern ausnahmsweise circa 16500 Kilometer weiter nördlich wäre: Ich würde in die Rudi-Dutschke-Straße 23 in BerlinKreuzberg radeln, mich im taz-Café an einen schattigen Tisch setzen, zuhören, am Kaltgetränk nippen und viel und laut lachen.

Dann und dort nämlich lesen drei Weltreporter aus ihren extrem kurzweiligen Büchern: Anke Richter (Christchurch), Kerstin Schweighöfer (Den Haag) und Martin Zöller (Rom/München) lassen bei ihrer Culture-Clash Lesung übrigens auch mit sich reden und diskutieren. Das Motto des Abends ist sommerlich freudvoll alliteriert und geht so: “Mafia, Maori und Maasdamer”. Aber lassen Sie sich davon nicht abschrecken 😉 es wird garantiert ein urkomisch vergnüglicher Abend! Viel Spass und gute Unterhaltung!

Ps: der Eintritt ist übrigens frei.

 

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Truthahn statt Hering

 

Ganz Leiden bereitet sich schon darauf vor, bald ist es wieder soweit. Dann gibt es Jahrmarkt, Feuerwerk und viel Musik. Dann teilt unser Bürgermeister vormittags gratis Hering und Weissbrot aus. Und wer auf sich hält, tischt seiner Familie zum Abendessen „Hutspot“ auf, ein Eintopf aus Rüben, Zwiebeln und Kartoffeln mit einem Stück Rindfleisch. Es schmeckt besser als es klingt.

Einen noch warmen Kessel mit diesen Ingredienzen, so will es die Legende, soll ein Waisenjunge aus Leiden während der Belagerung der Stadt im 80Jährigen Krieg gefunden haben. Der Topf hing ausserhalb der sicheren Deiche, von denen die Stadt umgeben war, über einer erloschenen Feuerstelle im Lager der spanischen Truppen – als triumphierender Beweis dafür, dass der Feind tatsächlich wie beabsichtigt Hals über Kopf flüchten musste, um nicht jämmerlich in den Nordseefluten zu ersaufen. Denn um dem spanischen Erzfeind, der ihnen die Religionsfreiheit nehmen wollte, das Fürchten zu lehren, hatten die Holländer einen anderen Feind eingesetzt, der zwar noch viel grösser war, den sie aber im Laufe der Jahrhunderte zu bändigen gelernt hatten: das Wasser.

So endete am 3. Oktober 1574 die Belagerung von Leiden – ein Ereignis, das jedes Jahr im grossen Stil gefeiert wird. Immerhin hätten die Spanier die Bürger von Leiden fast ausgehungert. Doch die hielten dank ihres heldenhaften Bürgermeisters durch. Der sprach ihnen immer wieder Mut zu und bot ihnen am Ende sogar seinen eigenen Körper zum Aufessen an: „Snijdt het aan stukken en deelt ze om“, rief er, „schneidet ihn in Stücke und teilt diese aus!“

Soweit brauchte es glücklicherweise nicht zu kommen, statt dessen kamen die niederländischen Widerstandskämpfer, die so genannten Geuzen, auf die Idee, weiter rheinabwärts Richtung Rotterdam die Deiche zu durchbrechen. Petrus stand auf ihrer Seite: Er beglückte sie nicht nur mit einem handfesten typisch holländischen Sturmtief, sondern sorgte auch dafür, dass der Wind aus der richtigen Richtung kam und die Nordsee-Wassermassen Richtung Leiden trieb. Dem Feind jedenfalls blieb noch nicht einmal Zeit, sein Abendessen zu beenden.

Über den genauen Inhalt des Kessels, den der Waisenjunge fand, scheiden sich die Geister zwar, immerhin war Krieg, auch die Spanier konnten nicht allzuviel zu essen gehabt haben. Vermutlich bestand der Hutspot bloss aus Rüben und Zwiebeln und haben die Holländer – um das Ganze dann doch etwas schmackhafter zu gestalten – Kartoffeln und Fleisch hinzugefügt. Am nächsten Morgen jedenfalls, so die Legende, fuhren die Geuzen auf mit Hering und Weissbrot vollbeladenen Schiffen über das überflutete Land Richtung Leiden, um mit den hungrigen Bürgern die Befreiung zu feiern.

   

Die durften als Belohnung für ihr Durchhaltevermögen zwischen einer Universität und einer drastischen Steuersenkung wählen und entschieden sich natürlich – Legenden sind einfach zu schön! – für die Universität. So kommt es, dass Leiden heute eine der ältesten und renommiertesten Unis der Niederlande hat, selbst Königin Beatrix und ihr Kronprinz Willem Alexander haben hier die Hörsaalbänke gedrückt. Wobei sich Willem in Leiden den Beinamen Prins Pils verdiente: Das Studentenleben gefiel ihm so gut, dass er mit dem Auto auch mal in der Gracht landete.

Ob er am 3. Oktober zusammen mit seiner Maxima Hutspot kocht, weiss ich nicht. Zu meinen Lieblingsgerichten jedenfalls gehört es nicht unbedingt. Auch den Hering lasse ich lieber stehen. Die amerikanische Variante ist mir da schon lieber.

Für die haben die Pilgrim Fathers gesorgt, die legendären Gründerväter Amerikas. Diese Glaubensflüchtlinge aus England liessen sich nämlich zunächst in Leiden nieder, wo sie ihren Glauben problemlos ausüben durften. Nach einigen Jahren allerdings fanden sie die lockeren Holländer dann doch etwas zu liberal und gottlos und beschlossen, in die Neue Welt weiterzuziehen: Nach einem Zwischenstopp in Plymouth, wo sie auf die Mayflower umstiegen, landeten sie an der amerikanischen Ostküste – im Reisegepäck viele Sitten und Gebräuche aus Leiden. Auch den dritten Oktober feierten sie weiterhin, nun allerdings als Erntedank- statt Befreiungsfest. Bis Abraham Lincoln diesen Thanksgiving Day auf den vierten Donnerstag im November verlegte. Dass dabei nicht mehr Hering mit Weissbrot gereicht wird, hat mit der Fauna Neuenglands zu tun: In der Neuen Welt gab es Truthahn im Überfluss.

 

 

 

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Regierungsringen

Beim Einkaufsbummel durch Den Haag komme ich regelmässig bei Eisverkäufer Martijn vorbei. Sein Eiswagen steht direkt vor Paleis Noordeinde, dem Arbeitpalast von Königin Beatrix. Wenn auf dem Dach die rot-weiss-blaue Flagge weht, sitzt die Monarchin hinter ihrem Schreibtisch.

 Für die Bürger von Den Haag ist Martijns Eiswagen zu einer festen Institution geworden. Sein Vater hat hier schon vor 20 Jahren Eis verkauft. In den letzten Wochen allerdings erkundigen sich viele Kunden beim Eiskaufen nicht nur über das Angebot sondern auch den letzten Stand der Koalitionsverhandlungen. Denn der fröhliche junge Holländer behält alles gut im Auge, er weiss genau,wer die Treppen zum Palast raufläuft und wer wieder rauskommt.

 „Das ist hier momentan ein Kommen und Gehen“, erzählt er. Da haben sich nicht nur die Fraktionsvorsitzenden der wichtigsten Parteien die Klinke in die Hand gegeben, sondern auch die so genannten Informateure. Die untersuchen im Auftrag der Königin, welche Koalitionspartner sich am ehesten zusammenraufen könnten.

 Bei Martijn hinter der Scheibe hängen Fotos der ehemaligen Ministerpräsidenten und Eiskunden Wim Kok und Jan Peter Balkenende. Ganz links, über dem Schokoladeneis, prangt bereits ein Schnappschuss von Mark Rutte – für den Eisverkäufer der nächste Premierminister der Niederlande. 

 Noch allerdings ist es nicht soweit: Zwar hat Rutte mit seiner rechtsliberalen VVD-Partei die Wahlen gewonnen – aber nur ganz knapp vor den Sozialdemokraten. Eigentlicher Wahlsieger ist Geert Wilders: Seine islamfeindliche „Partei für die Freiheit“ PVV konnte die Zahl ihrer Sitze fast verdreifachen und ist nun drittstärkste Kraft im niederländischen Abgeordnetenhaus – noch vor den Christdemokraten, die erdrutschartige Verluste hinnehmen mussten. Diese vier Parteien haben alle zwischen 20 und 30 der insgesamt 150 Parlamentssitze ergattert.

 Folge: Die Koalitonsverhandlungen gestalten sich enorm schwierig, fast sieben Wochen nach den Wahlen ist immer noch kein neues Kabinett in Sicht.

Doch die Niederländer sind einiges gewöhnt: Für eine stabile Mehrheit sind immer mindestens drei Parteien nötig, dieses Mal vielleicht sogar vier. Deshalb üben sich alle in Geduld – und stehen für alles offen: Denn was auf das Land zukommt, weiss keiner. Wobei sich die Informateure wie Fussballtrainer vorkommen müssen: Mal versuchen sie es über die rechte Flanke, dann über die Linke. Auch in der Mitte war kein Durchkommen. Mal ist Wilders mit dabei, mal ist er im Abseits. Wobei sich die Niederländer nicht sicher sind, ob er nun wirklich mitspielen will oder doch lieber auf der Oppositionsbank sitzen bleibt.

Inzwischen allerdings ist Ruud Lubbers als Informateur auf dem Spielfeld erschienen, politisches Schwergewicht und Vertrauter von Königin Beatrix. Er hat alle zur Ordnung gepfiffen und an den Teamgeist appelliert – vor allem an den der Christdemokraten, die sich bislang zierten und nicht so richtig mitspielen wollten. Die Berührungsängste mit Wilders waren zu gross: Mit einer Partei, die an der Religionsfreiheit rüttelt, Kopfttücher verbieten und die ethnische Herkunft eines jeden Niederländers registrieren lassen will, so betonte der christdemokratische Fraktionsvorsitzende Maxime Verhagen, mit so einer Partei setze er sich nicht in ein Boot.

Doch nun hat Lubbers ein Machtwort gesprochen, seit Montagnachmittag finden an einem geheimen Ort erste informelle Gespräche zwischen Christdemokraten, Wilders und den Rechtsliberalen statt. Mehr weiss keiner, selbst Eisverkäufer Martijn nicht.

 Der bleibt trotz allem zuversichtlich: „Wir liegen ja noch gut im Rennen.“ Denn durchschnittlich dauern Koalitionsverhandlungen in den Niederlanden immer gut zwei Monate. Der Rekord war 1977, da vergingen fast sieben Monate, bis das Land eine neue Regierung hatte. „Aber“, so erinnert sich ein älterer Herr lachend, bevor er mit einer grossen Kugel Erdbeereis weiterläuft:  „Das haben wir damals ja auch überlebt. Das Leben ging einfach weiter.“

 

 

 

 

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Bilderbuchholländer

Neulich sass ich für ein Interview bei einem deutschen Facharzt in einem niederländischen Krankenhaus. Immer mehr deutsche Fachärzte zieht es über die Grenze. Nicht allein wegen des Geldes, versicherte mir der junge Deutsche. Ausschlaggebend für ihn war das Klima am Arbeitsplatz und die Mentalität: Die Holländer, so begann er zu schwärmen, seien so schön “locker vom Hocker”….Sie haben mit Hiercharchien nichts am Hut, sagen sofort “Du”, sind pragmatisch und unkompliziert, und sie brüllen auch nicht sofort: ”Das ist verboten!” Holländer sind  kreativ, aufmüpfig, geistreich, flexibel…. der deutsche Facharzt war kaum zu bremsen in seiner Begeisterung. Doch wem sagte er das? Schliesslich war ich selbst lange genug hier, um das alles zu wissen!

Stimmt. Lange genug jedenfalls, um herauszufinden, was Altfussballer Johan Cruijff meinte, als er die legendären Worte sprach: “Ieder voordeel heeft zijn nadeel”- “Jeder Vorteil hat seinen Nachteil.”

Denn manchmal will ich Abstand halten und nicht sofort plump mit “Du” angeredet werden. Manchmal ist locker vom Hocker schlicht unverschämt und rüpelhaft. Und manchmal kommt mir das “Poldern” (sprich: Verhandeln bis zum Umfallen) aus den Ohren heraus und sehne ich mich einfach nur nach einem autoritären Chef, der mit der Faust auf den Tisch schlägt und eine Entscheidung trifft.

Kurzum: Mein Bilderbuchholländer hat Kratzer bekommen. Es ist wie mit einer langjährigen Beziehung: Die Verliebtheit ist vorbei, aber ohne diese Person will man auch nicht mehr sein.

Insgeheim bin ich deshalb überglücklich, dass alle Versuche, meinen Bilderbuchholländer zu zähmen, bislang vergeblich waren: Er pinkelt nach wie vor in die Grachten (ein Delikt, das ‘wildplassen’ heisst und eigentlich mit 60 € Strafe geahndet wird), stellt trotz Parkverbot überall sein “fiets” ab – und er bleibt auf Rolltreppen sowohl links als rechts grundsätzlich stehen und blockiert alles. Im Bahnhof von Leiden läuft derzeit zwar in Pilotprojekt, um ihm deutsche Manieren beizubringen – “rechts staan, links gaan”. Aber wetten, dass man ihn niemals so weit bringen wird? Auch wenn man sich als in Eile befindender Nichtholländer grün und blau darüber ärgert?

Manchmal allerdings muss der Bilderbuchholländer um sein Leben füchten. Zum Beispiel, wenn ihm die heimische Bahn mit drakonischen Strafen das Schwarzfahren abgewöhnen will. Das merkte ich ironischerweise gleich nach meinem Interview mit dem begeisterten jungen deutschen Facharzt auf dem Weg ins Büro. Von wegen flexibel und geistreich! “Oje!” sagte die Schaffnerin mit unheilverkündender Stimme, als sie und ich feststellen mussten, dass ich aus Versehen und Zeitnot im Fahrkartenautomat eine Wochenendrückfahrkarte gekauft hatte – und zwar auch noch eine ohne Datum, weshalb ich sie vor dem Betreten des Zuges hätte abstempeln müssen. Im Preis machte das zwar alles nichts aus, beide Karten kosteten genau dasselbe – aber dennoch, so konstatierte die Schaffnerin: Hier ging es um einen klarer Fall von versuchtem Schwarzfahren. Wie eine griechische Rachegöttin baute sie sich vor mir auf, erst recht, als ich es wagte, sie zu fragen, ob sie nicht ein Auge zudrücken könne….Das ware ja noch schöner, dann würde sie ja den ganzen lieben langen Tag nichts anderes tun als das! “Vorschriften sind Vorschriften!” Deshalb musste ich 35 € Strafe zahlen plus die Kosten für eine korrekte Fahrkarte. “Sie können ja schriftlich protestieren.”

Was ich dann auch tat. Und mein Geld zurück bekam. Was mich allerdings viel Zeit kostete, viel Energie und ellenlange Telefonate. Mein Bilderbuchholländer hing inzwischen am Tropf. Ich plante bereits seine Beerdigung.

Doch dann sass ich wieder im Zug. “Oje!” hörte ich den Schaffner neben mir sagen, als er merkte, dass der Geschäftsmann auf der anderen Seite des Ganges eine falsche Fahrkarte gelöst hatte. Und jetzt? Betreten blickte der Fahrgast zu ihm hoch. Doch der Schaffner stempelte die Karte ohne Zögern ab. “Eigentlich darf ich das nicht tun”, verriet er fröhlich augenzwinkernd. “Aber wir haben zehn Minuten Verspätung, und das gehört sich auch nicht!”

Hurra, er lebte noch – mein Bilderbuchholländer!