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Weltreporter-Forum 2016 – hier ist das Programm!

 

Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht!

Wir freuen uns mit unseren internationalen Gästen auf einen spannenden Sommer-Nachmittag auf dem Land. Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht!

 

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Los Angeles – soviel mehr als Hollywood

 

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Jedes Jahr am 31. Dezember wandere ich mit Freunden auf eine Hügelkuppe in den Bergen von Los Angeles. Von dort schauen wir beim Picknick vom glitzernden Pazifik im Westen über Wolkenkratzer von Downtown bis zu schneebedeckten Bergen im Osten. Es ist immer eine gute Gelegenheit, mich an Menschen und Orte zu erinnern, die ich im vergangenen Jahr getroffen und entdeckt habe. Wieviel ich selbst nach zehn Jahren in Los Angeles noch zu entdecken habe wurde mir bei meinem letzten Interview im Jahr 2013 mal wieder sehr bewusst. Für Reporter Corps, ein Projekt der USC Journalismus Schule ging ich mit einer Studentin durch das Viertel, in dem sie aufgewachsen ist: Watts. Im Süden der Wolkenkratzer gelegen, ist es vor allem bekannt für die Rassenunruhen, die dort 1965 ausbrachen, Bandenkriege und Schießereien über die die Abendnachrichten berichten. In alternativen Reiseführern werden außerdem die Watts Towers erwähnt, das Kunstwerk eines italienischen Einwanderers, der in jahrelanger Arbeit aus Fundstücken Türme schuf, die sich bis heute dem blauen Himmel entgegen strecken.
Shanice, die Studentin, zeigte mir ein anderes Watts: einen Park, in dem Pärchen auf Bänken sitzen, Mütter ihre Kinder auf Schaukeln und Rutschen beobachten und Teenager Baseball spielen; daneben eine Bibliothek und ein Beratungszentrum für Jugendliche, zwei Künstler, IMG_3708 die eine Wand des Jugendzentrums mit bunten Symbolen für Freundschaft und Verständigung verschönern und ein stolzer hispanischer Vater, dessen Kinder in Watts aufgewachsen sind und ihren Uniabschluß gemacht haben.
“Ich lebe gerne in Watts” sagt die 22 jahre alte Shanice. “Hier ist immer etwas los, die Leute sind meistens freundlich und helfen einander. Viele hier haben es nicht leicht und erreichen trotzdem viel! Viele starke Menschen leben in Watts!”
Shanice über das Leben in Watts

Es gibt so viele Geschichten zu erzählen, die zeigen: Los Angeles hat unendlich mehr zu bieten als Hollywood. Ich freu mich schon auf die Entdeckungsreisen im neuen Jahr!

 

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Mafia, Maori, Maasdamer

 

Picture 2Manchmal ist doch wunderbar, wenn die Welt klar, kompakt und Entscheidungen einfach sind. Ich zb wüßte genau, was ich machen würde, wenn ich am 1. August um 20 Uhr nicht in silly Sydney, sondern ausnahmsweise circa 16500 Kilometer weiter nördlich wäre: Ich würde in die Rudi-Dutschke-Straße 23 in BerlinKreuzberg radeln, mich im taz-Café an einen schattigen Tisch setzen, zuhören, am Kaltgetränk nippen und viel und laut lachen.

Dann und dort nämlich lesen drei Weltreporter aus ihren extrem kurzweiligen Büchern: Anke Richter (Christchurch), Kerstin Schweighöfer (Den Haag) und Martin Zöller (Rom/München) lassen bei ihrer Culture-Clash Lesung übrigens auch mit sich reden und diskutieren. Das Motto des Abends ist sommerlich freudvoll alliteriert und geht so: “Mafia, Maori und Maasdamer”. Aber lassen Sie sich davon nicht abschrecken 😉 es wird garantiert ein urkomisch vergnüglicher Abend! Viel Spass und gute Unterhaltung!

Ps: der Eintritt ist übrigens frei.

 

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Finale der Oblehrer – “Vaidenfellere” und andere deutsche Monster

 

Es war Ende April und schlimmer konnte man es sich nicht vorstellen: keine italienische Mannschaft im Halbfinale der Champions-League, und dazu auch noch zwei deutsche! Nicht nur, dass damit die Euro-Krisen-Oberlehrer nun auch noch als Fußball-Oberlehrer herumstrebten; vor allem hatte man an vier Spielen mit Wortmonstern wie “Vaidenfellere” und “Emullere” zu kämpfen. Ganz zu schweigen von Obermonster „Esvainstaigere“.

Und doch, es geht noch schlimmer. Die Steigerung erleben wir am heutigen Abend. 90 Minuten ein Spiel mit der maximal denkbaren Anzahl von deutschen Nachnamen auf dem Platz und drumherum! Ein Albtraum. Die Folge: Ich bekomme seit Tagen Anrufe von Sportjournalisten. Denn früher gab es die Radio- und Fernsehübertragung in der „RAI“ und später auf „SKY“. Heute gibt es unzählige Wettanbieter und Regionalradios, die vom Fernsehbild aus das Spiel kommentieren. Meistens kommen die Kollegen ohne Umschweife rasch zur Sache:”Come cazzo si pronuncia questi nomi?”, etwas geglättet übersetzt mit: „wie zum Teufel spricht man diese Namen aus?” „Allora“, „also“, sage ich dann und stelle mich auf eine gute halbe Stunde Deutschkurs ein, ich baue von Zeit zu Zeit Eselsbrücken: „Neuer“, spreche man aus wie „Noia“, „Langeweile“, sage ich dann. Die Eselsbrücke? Neuer sei im Vergleich zur Bestie Oliver Kahn vergleichsweise langweilig. Konstruiert? Wirksam! Beim Dortmunder „Weidenfeller“ muss das Lautbild „Vaidenfellere“ dagegen buchstabiert werden: „V“ wie „Venezia“, „A“ wie „Ancona“, „I“ wie „Imola“, „D“ wie „Domodossola“, „E“ wie Empoli, „N“ wie „Napoli“….und so weiter. Jedesmal eine kleine Italienreise. Ein kleiner Urlaub, allein durch die Wörter.

Doch die Kollegen denken nicht weit genug: Denn beim Champions-League-Finale geht es ja nur zum Teil um diesen silbernen Pokal. Es geht ja auch um das „sich präsentieren“: Jeder, der in den 90 Minuten des Finales zu sehen ist, und sei es der Vize-Masseur auf der Trainerbank, muss damit rechnen, vom Fleck weg von einem Groß-Club verpflichtet zu werden. Steht nach den „Legionären“ von Lothar Matthäus bis Thomas Doll jetzt die nächste Wanderung über die Alpen an? Um nicht zu weiterer Verunsicherung bei den geschätzten Radiokollegen zu sorgen, habe ich dieses Szenario bisher nicht erwähnt. Sollen sie erst einmal den Samstagabend ohne Zungenkollaps überleben! Die Fans sind da schon deutlich weiter. Auf einem Fan-Blog von „Lazio Rom“ findet sich der schöne Eintrag eines gewissen „Lucio“: „Thomas Hitzelsberger ist 2010 gegangen und ich weiß immer noch nicht, wie man ihn schreibt oder ausspricht. Wenn irgendwann einmal Schweinsteiger kommen sollte, buona notte, gute Nacht.“

Um den Kollegen ein positives Gefühl zu geben, nenne ich zum Schluß immer den Namen des bayerischen Abwehrspielers „Dante“. Auf die Wirkung ist stets Verlass: „Dante Alghieri! Göttliche Komödie!“, kommt dann sofort und ein Kollege aus Palermo fing sogar an, einen Vers aufzusagen: “Nel mezzo del cammin di nostra vita…“ Und schon ist man als Italiener wieder obenauf. Weltgeschichtlich bleibt auf lange Sicht von Italien einfach die Kultur. Von den Deutschen nur die Wortmonster.

 

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Klein, aber riesig! Das Geheimnis römischer Trattorien

 

“Schön, dass es noch solche Trattorien gibt”, seufzte ich zufrieden und stellte mein Glas Rotwein ab. Ich war einfach begeistert. Und in diesem Moment noch ahnungslos.

Es ist nur wenige Tage her, ich war mit Freunden in einem kleinen Lokal im altrömischen Stadtteil Trastevere zum Essen.  Als ich den Laden betrat war ich noch angetan. Gerade einmal acht Tische! Hier, so mutmaßte ich, muss das Essen gut sein! Hier wird noch mit Liebe gekocht! Hier bestimmt noch die Leidenschaft, nicht das Geld! Hier, so war ich überzeugt, gilt das Motto: “Wirtschaftlich lohnt es sich zwar nicht, aber es ist uns ein Bedürfnis, auch für wenige Gäste gut zu kochen.”

Tatsächlich, die Nudeln waren spitze und ich bester Laune. “Wie habt ihr dieses Mini-Lokal nur gefunden?”, fragte ich meine Freunde anerkennend. Sie schauten, als hätten sie mich nicht recht verstanden.

Nach dem Essen wurde mir klar, warum.  Ich fragte nach der Toilette, der Kellner sagte “sotto!” und ich stieg die Treppe hinab. Je tiefer ich stieg, desto laute wurde es: Gemurmel und Gebrummel von Menschen. Vielen Menschen! Und tatsächlich: Unten stand ich nicht, wie gedacht, im geheimnisvollen Weinkeller einer vermeintlich schnuckeligen Trattoria, sondern in einem ziemlich großen, neonbeleuchteten und mit Marmor verkleideten Essenssaal. Gut 40 Gäste saßen da, Pizza essend und Bier trinkend, weitere Türen zu weiteren Räumen. Verdattert blieb ich auf der untersten Stufe stehen. Erst ein forsches “Avanti!” des von oben nachdrängenden Kellners weckte mich auf: Die vermeintlich kleine, gemütliche, Trattoria, war in Wirklichkeit ein Freßtempel wie jeder andere! 

 So geht es einem ständig in Rom: Man besucht ein Lokal, glaubt, man habe den Geheimtipp des Jahrhunderts entdeckt – um dann zu merken, dass im Untergeschoss noch drei Touristengruppen aus Wuppertal und zwei Dutzend Pilger aus Polen sitzen und auch noch Platz wäre für weitere drei Busladungen. Wie oft schon ist es mir so gegangen! Von der Gasse aus linst man in ein kleines Lokal hinein und dann lotst einen der Kellner die Kellertreppe hinunter. Da sitzt man dann zwischen Leuten, denen es genauso geht wie einem selbst: Enttäuscht, dass der Geheimtipp eine Fata Morgana war. 

 Doch halt! Ausnahmsweise können da die Römer nichts dafür und es steckt keine Schlitzohrigkeit dahinter. Es geht eben nicht anders. Die mittelalterlichen Häuser sind eben so kleinteilig gebaut.

Da ein Räumlein! Da ein Zimmerchen! Da eins! Und da noch eins! So ist es übrigends auch bei einem Elektroladen in meinem Stadtviertel. “Kyndes” heißt der und alle empfehlen ihn als besten Elektro-.”Großmarkt” in Rom. Und dann fährt man hin und es ist wie bei den Restaurants: Ein winziger Eingang – doch innen zieht sich der Laden im Paterre und Keller auf hunderten Quadratmeter dahin: Hier ein Räumlein für die Kühlschränke, da ein Kämmerchen für die Toaster, da ein Zimmerchen für die DVD-Player…und so weiter und so fort. Kein Konsumtempel. Schlimmer noch: Ein Konsumlabyrinth.

 

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Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrums! – Martin Zöller über seine Angst vor den Balkonen der Nachbarn

 

Träumen darf man ja, nur bringt’s halt manchmal nichts. Zum Beispiel in Rom. Jeder der nach Rom geht, träumt von einer Dachterrassenwohnung. Nur sind diese Wohnungen so teuer, dass man sie sich eh nicht leisten kann. Deshalb wohne ich zum Beispiel im ersten Stock und schaue neidisch von meiner schattigen Terrasse hinauf zu den sonnigen Höhen der Nachbarn.

 

                       

Doch Vorsicht: Da meine Terrasse größer ist, als die Balkone darüber, sind schon zwei Mal Blumentöpfe von oben hinuntergekracht. Sie verfehlten mich knapp, anders übrigens als jener schwarze Socke, der mitten auf meinen Pasta-Teller segelte.

Doch jetzt geht’s den Oben-Wohnern an den Kragen. Die Polizei hat sich angekündigt und will alle Balkone des Hauses überprüfen. Der Grund: Kürzlich hatte ein Nachbar die Feuerwehr gerufen, weil es im ganzen Haus nach Gas stank – die Feuerwehr spürte das Gas-Leck auf: Auf dem Balkon des Nachbarn. Dieser hatte frecherweise seinen Balkon zur Küche ausgebaut und offenbar die Gas-Anschlüsse versemmelt. Hmm, dachte sich so die Baupolizei. Wie werden wohl die anderen Balkone genutzt? Zum Frische-Luft-Schnappen und Geranien-Gießen? Oder für was? 

 

Deshalb ist mein Freund und Nachbar Andrea jetzt in Panik.

                   

Denn auch Andrea hat kürzlich seinen Balkon ausgebaut und zwar zur Superküche: Man rührt in der Spaghettisoße und schaut auf die Kuppel des Petersdoms. Er hatte sogar wilden Wein und Jasmin angepflanzt, um den Schwarzbau zu tarnen. Und jetzt? “Eeeeeeeeeeh”, macht Andrea. Er weiß es nicht.Er tut mir leid. Er hat die Küche nicht aus Spaß auf den Balkon gebaut, sondern weil seine Frau ein drittes Kind erwartet. Und eine größere Wohnung können sie sich nicht leisten. Was für Andrea schlimm wäre, wäre für andere höchstens ärgerlich: Frau Lovello müsste ihr Esszimmer und den Fernseher wieder nach innen verlegen, und Frau Prosperi müsste anderswo Platz für Waschmaschine, Trockner und Gefriertruhe finden.

Doch vielleicht passiert auch gar nichts: Trotzig sagen im Haus nun alle, sie würden einfach in Zukunft nicht mehr aufmachen, wenn es an der Tür klingelt – könnte ja die Polizei sein. Aber was, wenn draußen an der Tür eine energische Stimme sagt “Polizia!” – und plötzlich fängt Andreas jüngster Sohn, der einjähige Alessandro, zu schreien an? “Dann wären wir verraten”, sagt Andrea mit ernstem Gesicht.

So leid es mir täte für Andrea: ich kann der Balkon-Prüfung auch etwas Gutes abgewinnen. Denn von Balkonen stürzende Socken und Topfpflanzen kann ich vielleicht noch schwerverletzt überleben. Wenn aber alle sechs Balkone über mir mitsamt Küchen, Kühlschränken., Waschmaschinen und Fernsehern auf meine Terrasse stürzen während ich dort Spaghetti esse, was dann? Dann hätte ich viel zu schnell doch noch meine Dachterrasse. Eine flauschige Wolke im Himmel mit Panoramablick.

 

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So krank ist Italien gar nicht!

 

Am Wochenende wurde in Kampanien der Bürgermeister  von Pollica vor seiner Haustür erschossen. Angelo Vassallo war beliebt. Er hat dafür gesorgt, dass in seiner süditalienischen Kommune, die Dinge funktionieren.  Der 57-Jährige konnte eine positive Wirtschaftsbilanz vorweisen, war engagierter Umweltschützer, der sich dafür einsetzte, dass die Schönheit des Nationalparks Cilento bewahrt wurde. Und er hat dafür gesorgt, dass in seiner kleinen Gemeinde in Kampanien, wo das Müllproblem sozusagen sprichwörtlich ist, die Mülltrennung bei 85 Prozent liegt.

Genau diese Effizienz, den Bürgersinn und die Anständigkeit hat Angelo Vassallo anscheinend mit dem Leben bezahlt. Noch weiß man nicht, wer für diesen feigen Mord verantwortlich ist. Die Camorra, heißt es. Es wird noch untersucht.

Warum erzähle ich das? Mafiamorde sind in Italien schließlich nichts Ungewöhnliches.

Nur war ich eben am selben Wochenende mit Kollegen der Stampa Estera unterwegs, Vertretern der Auslandspresse in Italien. Und dort fiel der Satz: „Italia è profondamente malata.  Italien ist durch und durch krank.“  Und  natürlich kam dann auch der Nachsatz: bei uns in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich hingegen …

Ich habe mich über diese Behauptung geärgert und sie als unangebrachten Allgemeinplatz abgetan. Mit dem Hinweis, dass wir nicht das Recht haben, ein Land mit den Maßstäben eines anderen zu messen, selbst wenn wir dort seit Jahren leben.  Und auch wenn sich gerade der Mord an Angelo Vassallo  als passendes Beispiel für die These vom „kranken Italien“ eignen würde, habe ich meine Meinung nicht geändert.

Für mich ist Italien nicht „durch und durch krank“.  Es stimmt.  Vieles ist krank in diesem Land. Doch hat das meiste davon mit Politik, mit Macht und den Institutionen zu tun. Ein gutes Beispiel ist das abscheuliche Sommerspektakel von Berlusconi, Bossi, Fini & co der letzten Wochen, das zeigt, dass in Italien, vielleicht mehr als anderswo, die Politik ausschließlich mit sicher selbst beschäftigt ist, während  Wirtschaft und Sozialstaat den Bach heruntergehen.

Der  feige Mord an Angelo Vassallo hingegen  bringt zum Vorschein, dass in Italien, weit weg von Rom, nach wie vor die Bürger an einer modernen, an einer zivilen, an einer gesunden Gesellschaft arbeiten.  Nur  tun sie es meist im Verborgenen. Denn etwas, das funktioniert, ist keine Schlagzeile wert.  Und vielleicht macht gerade das ihr Engagement eben auch gefährlich.

Um diesem Land also gerecht zu werden, sollten wir  von der Auslandspresse unser Augenmerk wieder mehr  auf  die Ereignisse hinter den Meldungen richten.  Denn sicherlich haben viele  von uns über den Mord berichtet, als weiteres Indiz für die These vom kranken Italien vielleicht…  Doch Hand aufs Herz! Welchem Redaktionsleiter war es anschließend die Meldung wert,  dass am darauf folgenden Tag in Pollica Tausende von Bürgern  mit einem Fackelumzug auf die Straße gegangen sind? Auf ihren Spruchbändern konnte man unter anderem lesen: Angelo, du warst unser Vorbild und wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir werden in deinem Sinne weitermachen.

 

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Warum die Römer ständig auf meine Urgroßeltern schimpfen

 

Ich habe meine Urgroßeltern nie kennengelernt, aber seitdem ich in Rom lebe, leidet unser Verhältnis sehr. Wie soll es auch anders sein, wo sie, also die seligen Karl-Theodor, Hugo, Franziska, Matilde und die anderen vier, ständig für meine Fehltritte verantwortlich gemacht werden? Ständig höre ich es, wenn ich auf dem Roller angehupt werde oder wenn ich selbst jemanden zur Rechenschaft hupe. „Mortacci tua!“ 

„Mortacci tua“, das heißt so etwas wie „Deine unwürdigen verstorbenen Verwandten!“ Es ist die fieseste Beleidigung in Rom und gleichzeitig die am meisten verbreitete; das will etwas heißen, denn die Römer fluchen und schimpfen die ganze Zeit. Wer also auf ein gutes Verhältnis zu den eigenen Ahnen wert legt, sollte sich in Rom unauffällig verhalten. Denn sind sie aufmüpfig – etwa indem sie an der roten Ampel halten – werden nicht nur Sie selbst, sondern ihre ganze Sippschaft der vergangenen Jahrhunderte verflucht. 

Erst gestern hörte ich wieder den auf ein prägnantes „’Cci tua!“ reduzierten Fluch, als ich zugegebenermaßen fälschlicherweise rechts blinkte und links abbog. Weil ich aber partout nicht den Zusammenhang zu meinem Urgroßvater Karl-Theodor erkennen wollte, schimpfte ich auf deutsch zurück, etwas in die Richtung: „Du mich auch!“. 

Aber „Cci tua!“ kann ich und noch viel mehr römisches, seitdem ich einmal die finstere Trattoria „La Parolaccia“ in Trastevere besuchte. Dass das Lokal „Schimpfwort“ heißt, sagt eigentlich schon alles: Die Kellner beschimpfen die Gäste und die zahlen dafür (und für überteuertes Essen). Die Kellner rufen „Hier, Deine Spaghetti, Du Idiot“, wenn sie das Essen bringen, oder „Kannst mich mal!“ wenn man sie um einen weiteren Krug Wein bittet. Besonders herzlich werden neue Gäste begrüßt, so auch ich, als ich zum ersten Mal das Lokal betrat. Ein Kellner griff zum Mikrofon und rief – hörbar für alle Gäste: „Schaut Leute, da kommen zwei Oberidioten, ihr seid die hässlichsten Typen, die ich je gesehen habe, es ist zum Kotzen, dass ihr hier seid.“ Schallendes Gelächter des ganzen Lokals. Und natürlich mischte der Kellner unter seine Flüche auch ein „Mortacci tua!“ und ließ selbst also selbst an diesem Abend meine Urgroßeltern, Karl-Theodor, Hugo, Franziska, Matilde und die anderen vier nicht in Frieden.  

Bevor ich ging, traute ich mich, einen Kellner anzusprechen. Erst fragte er, was ich denn wolle, ich hässlicher Idiot, dann aber erklärte er mir allen ernstes: Wer sich in Rom besonders gern mag, der beschimpft sich. Seither gehe ich recht unbeschwert mit Schimpfwörtern um und mit dem Kassierer in meiner Kaffeebar hat sich ein seltsames Morgenritual ergeben. Er fragt mich, „Was nimmst Du, pezzo di merda?“, worauf ich ganz entspannt sage: „Mortacci tua, einen Cappuccino, stronzo!“ 

Ich kann meine Urgroßeltern, Karl-Theodor, Hugo, Franziska, Matilde und die weiteren vier, also beruhigen: Ich verfluche mindestens so oft die Verwandten der andern, wie ihr verflucht werdet! 

 

 

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Italien in Zeiten von Berlusconi, Teil 2

 

Ich blicke es einfach nicht! So meine  Reaktion auf die neusten Regionalwahlen in Italien, bei denen die Koalition um Berlusconi weitere Erfolge verbuchen konnte. Zwar musste auch seine „Partei der Freiheit“ Verluste hinnehmen, doch im großen und ganzen konnten der Kaiman – wie der Regisseur Nanni Moretti ihn nennt –  und vor allen Dingen seine Verbündete, die Lega Nord, sich als Gewinner präsentieren, weil sie in gleich in vier Regionen die bisher linken Regierungen ablösen konnten.

Dabei hätte ich schwören mögen, dass die neusten Skandale und die kaum camouflierten Lügen, mit denen sich Berlusconi schamlos immer wieder aus der Schlinge zieht, dieses Mal die Italiener eines Besseren belehren würden. Fernsehmonopol hin und her, es kann nicht sein, dass sie das Lügengespinst der Politiker nicht irgendwann durchschauen, hatte ich gedacht. Falsch. Natürlich. Wieder einmal. (Auch wenn ich mit erhobenem Haupt verkünden kann, dass ich in der Toskana lebe, in diesem  – immer noch – anderen Italien.)

Gestern dann, in einem Fernsehbericht über die Wahlen, habe ich verstanden, was zwischen mir und der Erkenntnis stand: der erhobene Zeigefinger meiner Eltern und meine Erziehung, die sich beide auf den Satz reduzieren lassen: sei redlich.

Der Grund für die späte Einsicht: Ein einfacher kleiner Nachsatz einer älteren Dame, Typ Mutter Beimer von der Lindenstraße. Gut gekleidet und gepflegt verteilte sie vor einem Wahllokal eifrig Flugblätter mit der Aufforderung, ihren strahlenden „Partei der Freiheit“-Helden Berlusconi zu wählen. Als ein Fernsehjournalist sie befragte, ob sie denn nicht wisse, dass so etwas am Wahltag verboten sei, schaute sie ihn spitzbübisch lächelnd an und sagte: „ Ja, natürlich“ und etwas später: „E chi se ne frega! Ich schere mich einen Teufel darum!“

Da, endlich  hatte ich es begriffen. Berlusconi sei Dank, kann auch die italienische Mutter Beimer endlich tun und lassen was sie will. Und mit ihr ein großer Teil der Italiener.

 

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Wunderbare Weihnacht!

 

Oh gnadenbringende Weihnachtszeit mit Mandelduft, Kerzenschein und Glockenklang!  Zeit der Freude und des Friedens!

Oh ja! Hier in Italien kam für einige Tage wirklich Frieden über die Welt. Über die Fernsehwelt, um genau zu sein. Zwischen Heiligabend und dem Dreikönigsfest – es heißt hier Befana, weil dann eine Art weiblicher Rupprecht Kohlenstücke und Süßigkeiten an die Kleinen verschenkt – konnte man sich bereits während des Frühstücks in aller Ruhe die Fernsehnachrichten selbst von RAI 1 oder RETE 4 antun, ohne sich Appetit und Laune für den Rest des Tages zu verderben. Denn in dieser Frieden bringenden Weihnachts-Aus-zeit kamen nur Nachrichten und Berichte über den ganz alltäglichen Weltenwahnsinn: Bomben in Afghanistan, Terrorismus in den USA, Silvesterbrände in Deutschland, Entführung in Mauretanien, Überschwemmung in Brasilien. Ach ja! Nicht zu vergessen, Hochwasser in der Toskana. Doch das blieb von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Denn auch Korrespondenten feiern schließlich Weihnachten.

Wie die italienischen Politiker, die Berlusconis, Bossis, Finis und Di Pietros! Und genau dies war das wunderbarste Geschenk, das dieses Fest der Freude der Nation bescheren konnte. Sie saßen nämlich ebenfalls irgendwo unter dem Weihnachtsbaum, anstatt auf dem Bildschirm täglich ihre kleinen, gut dosierten Bosheiten an die politischen Gegner auszuteilen. Manchmal scheint mir, genau dafür bekommen Politiker hier ihre 13000 Euro Grundgehalt pro Monat und nicht – wie man vielleicht annehmen  möchte – dafür, die drängenden Probleme des Landes zu lösen. Natürlich saßen sie sicherlich auch an langen, reich gedeckten Tafeln, um ihre Mäuler mit regionalen Spezialitäten – Kapaun, Aal und Panetone – zu stopfen. Schließlich muss selbst der perfideste Politiker ab und zu Kraft schöpfen für die tägliche TV – Bosheiten-Hitparade.

Was wäre es doch wunderbar, würde sich jemand finden, der ihnen eine Böllsche Tannenbaumtherapie verordnete! So eine, wie für die Tante Milla aus „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, für die die Familie gleich ganzjährig ein Weihnachtsfest veranstaltet, jeden Abend, mit allem Drum und Dran, und ganz Besonders mit einem täglich „Frieden, Frieden, Frieden“ flüsternden Weihnachtsengel.

Ansonsten beginnt spätestens heute die ganze Schose erneut ….

 

 

 

 

 

 

 

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Kalt! Kalt! Kalt! Kalt! Kalt! Kalt! Und das in Rom!

 

So ähnlich stelle ich mir eine Nacht im Iglo vor: Unter dem Eisbärenfell ist es schön warm, nur die Luft ist eiskalt. Nur leider mache ich diese Erfahrung nicht auf einer Expedition durch die Arktis, sondern in meiner bescheidenen zwei Zimmer-Wohnung in Rom – einer Stadt, in der alle immer einmal leben wollen bis sie hier einmal gelebt haben. Dass ich nicht lache, “dolce vita”!

Denn jetzt kann ich wieder einen Monat frieren: Vor ein paar Tagen gab es einen Temperatursturz von fast 20 Grad, seitdem hält sich konstant eine Zimmertemperatur von 16,5 Grad in meiner Wohnung. Ändern daran kann ich nur etwas, wenn ich mich föhne oder den Radiator anstelle, der aber so viel Strom verbraucht, dass sich die Zahlen beim Stromzähler so schnell drehen, wie die Zapfanzeige an der Tankstelle.

Meine drei offiziellen, festinstallierten Heizkörper lehnen derweil nur dumm an der Wand: In Rom darf per Gesetz erst ab 15. November geheizt werden. Und: Auch dann darf nur maximal 12 Stunden geheizt werden. Übertreten kann man das Gesetz gar nicht, denn allein der Hausverwalter schaltet die Heizung an – und vor allem aus. Wirklich toll: Ich zahle zwar jeden Monat 50 Euro an die Hausverwaltung, aber dafür kann ich dann fünf Monate frieren. Übrigens: Das tolle Gesetz, welches regelt, wann in welcher Region Italiens geheizt werden darf, ist die „Legge 412/93″. In Kraft getreten ist es am 26.8.1993, an einem sicherlich heißen Sommertag.

Rückblickend muss ich sagen: Schade, dass die Römer die Karthager dann doch irgendwann besiegt haben. Denn hätte damals Hannibal Rom eingedampft, dann wäre Karthago die Herrin des Mittelmeers geworden. Dann wären Petrus und Paulus nach Karthago gegangen, dann wäre dort der Papst. Und dann würde ich dort leben –  im warmen Nordafrika. Stattdessen muss ich jetzt wieder den ganzen Winter frieren.

Unglaublich finde ich, dass die Römer es akzeptieren, im Winter zu bibbern. Es ist mir ein Rätsel, wie Menschen, die sich von März bis Oktober im T-Shirt bewegen, akzeptieren können, in den Monaten dazwischen zu frieren wie Schnittlauch im Gefrierfach. Einen gemütlichen Fernsehabend macht man im Moment bei etwa 15,5 Grad.

Nun werde ich den Winter mit meinem besten Freund überbrücken. Er ist schweigsam, sehr klein aber verbreitet stets ein wunderbares Klima. Es ist mein Heizlüfter, er heißt „Super Calor“, von mir liebevoll „Carlo“ genannt. Im Winter verbringen wir jeden Abend zusammen. Den Sommer über lebt er im Schrank mit meinen anderen besten Freunden: Der langen Unterhose, dem Thermo-T-Shirt und dem Flanellschlafanzug.

 

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Italienisches Inkasso

 

 

Dieses Forum gibt mir die Möglichkeit, eine Schuld abzutragen, weil auch heimgekehrte Weltreporter mitbloggen dürfen und sollen. – Als ich im Juli mal wieder länger in Rom war, wartete Post auf mich: Für fünf mal falsch Parken (übrigens „nur“ einen Motorroller) sollte ich mit Mahngebühren etc. insgesamt 1200 (i.W.: zwölfhundert) Euro zahlen. Absender war das im Staatsauftrag tätige (und auch ungefähr zur Hälfte der Republik Italien gehörende) Inkasso-Unternehmen Equitalia, und ich beschloss, über dieses Unternehmen und sein Mahnwesen einen Radio-Beitrag zu machen. Abgesehen von Interviews in der Warteschlange an den Schaltern, die diese Firma in Rom unterhält – in denen mir die Wartenden entgegen meiner Erwartung sagten, dass sie es ganz normal fänden, erst nach zwei Stunden an die Reihe zu kommen; das lief dem Italien-Klischee zuwider, das wir alle so gern bedienen – wandte ich mich auch an die Presse-Abteilung der Equitalia und bekam fast sofort (schon wieder klischee-widrig, diese Effizienz!) zwei Interviews (i.W.: 2) vermittelt: mit dem römischen Verantwortlichen dieses föderativ aufgebauten Unternehmens, und mit dem Generaldirektor der italien-weiten Holding. Letzteres konnte ich in meinem Beitrag gar nicht unterbringen, weil der Rom-Chef schon alles Wichtige gesagt hatte (und es natürlich mal wieder nur drei Minuten werden sollten). Das allerdings hat den Pressesprecher, der mir das Interview verschafft hatte, in Schwierigkeiten gebracht, weil er, mit Hilfe eines elektronisch übermittelten „Belegexemplars“ meines Dreiminüters, seinem obersten Chef Rechenschaft ablegen musste, ob denn das Interview mit dem deutschen Journalisten irgendwas gebracht, irgendeinen Niederschlag gefunden habe. Und das hatte es eben nicht. Daher möchte ich auf diesem Wege mitteilen, dass Equitalia ein sehr sympathisches Unternehmen ist (soweit das bei einer Inkasso-Firma der Fall sein kann), dass sie ihren Online-Service und auch den an den real existierenden Schaltern laufend verbessern, und dass sie eine sehr hilfreiche Pressestelle haben. Und sehr auskunftsfreudige Direktoren. Jawohl. – Meine fünf Parkzettel im Wert von je 240 Euro waren übrigens, wie nach zwei mal zwei Stunden Schlangestehen für mich herausgefunden wurde, alle verjährt. Was bei Ordnungswidrigkeiten aus dem Jahre 2003 auch nicht wirklich verwunderlich war. Caro Giuseppe, questo lo puoi far vedere al direttore Cuccagna. Spero che sia soddisfatto…

 

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Zum Glück gibt es die Toskana.

 

Kurz vor seinem Tod im Jahr habe man den italienischen Komponisten Luciano Berio gefragt, warum er überhaupt noch in der Toskana lebe anstatt irgendwo anders auf der Welt, was doch viel anregender sei. Seine Antwort: man esse in der Region eben sehr gut. Würde man ihn heute fragen, antworte er sicherlich:  Menomale che la Toscana c‘è.  Zum Glück gibt es die Toskana.

Mit dieser Anekdote eröffnete Francesco Giomi von Tempo Reale, dem Institut  für elektronische Musik in Florenz, das Luciano Berio vor fast 25 Jahren gründete, in der letzten Woche eine Pressekonferenz.

Der Musiker wollte damit auf die zahlreichen bemerkenswerten Initiativen und Projekte in der Toskana aufmerksam machen, die dazu beitragen, dass sich die Region wohlwollend vom Rest Italiens unterscheidet. Wird anderswo das knappe Kulturbudget dazu verwendet, Affirmatives zu prämieren, verstärkt man in der traditionell „roten“ Toskana das Netz für zeitgenössische und innovative Kunst und Kultur; wappnen sich landauf, landab Bürgerwehren, um gegen die vermeintlich kriminelle Energie der Migranten  Front zu machen,  haben die Bürger von Florenz so genannte „Sentinelle della bellezza“  gebildet – Gruppen, die dafür sorgen wollen, dass die direkte Umgebung bewusst gestaltet und verschönert wird.

Am liebsten wäre ich aufgestanden und Francesco Giomi für diesen Diskurs um den Hals gefallen. Denn er hat mir nicht nur ein „Leitmotiv“ für meine zukünftige Berichterstatterinnen-Arbeit aus Italien auf den Weg gegeben. Ganz nebenbei offerierte er mir auch eine gute Vorlage für die passende Reaktion auf die ständig wiederkehrenden, ungläubigen Fragen: Was ist eigentlich mit Italien los? Wieso unterstützen die Italiener immer noch diesen unsäglichen Polit-Clown Berlusconi? Sind die eigentlich alle so leicht manipulierbar? Um nicht zu sagen dumm?

Meine Antworten fielen bisher oft ziemlich vage aus. Doch schon ganz andere journalistische Kaliber sind in dieser Situation in Erklärungsnotstand geraten:  ja also – was soll ich sagen – ehm – eigentlich ist alles ja ganz anders –  viel komplizierter – man darf das nicht so  eindimensional sehen …

Menomale che la Toscana c‘è.  Jetzt kann ich mich also ruhigen Gewissens zurücklehnen und zugeben:  Ja. Es ist wirklich alles ganz fürchterlich! Viele Italiener sind und bleiben ewige Opportunisten. Sie wählen ihn, weil sie so sind wie er oder weil sie gern so sein würden. Verstehen tue ich das auch nicht. Aber zum Glück lebe ich lebe ja in einem ganz anderen Italien – in der Toskana.

Jetzt muss ich dies alles nur noch irgendwie den RedakteurInnen in deutschen Medien verständlich machen, von denen ein Teil lieber Storys über die Defekte von Berlusconi und Co bzw. Mafiageschichten einkaufen, als Berichte über ungewöhnliche und manchmal sogar zukunftsweisende Initiativen aus diesem widersprüchlichen Land.

 

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Lieferung mit Gottes Segen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der seelige Blick täuscht. Dieser LKW fuhr wie ein Henker. Kann ihm ja auch egal sein, denn eine höhere Macht wacht übr ihn.

Gesehen bei Salerno (Italien)

Foto: Barbara Markert

 

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Fahrradfahren in Rom – kann man so blöd sein?

 

In Rom mit dem Fahrrad zu fahren macht ungefähr so viel Spaß wie im Zirkus in die Hände eines Messerwerfers zu gelangen. Manchmal, wenn ich mit meinem Motorino durch Rom brause, sehe ich trotzdem erstaunlicherweise solche todesmutigen Menschen. Während ich an ihnen vorbeidüse und sie mit meinen Abgasen einneble, fällt mir auf, wie lange ich keinen Fahrradfahrer gesehen habe. Man tut es einfach nicht: Wer in Rom mit dem Fahrrad fährt, gilt entweder als lebensmüde, als verstockter Umweltaktivist oder als armer Schlucker, der sich kein Auto und kein Motorrad leisten kann. Und außerdem: Man könnte ja schwitzen.

Nun will die italienische Regierung mich oder noch viel mehr die eigenen Landsleute zwischen Bozen und Palermo dazu überreden, es doch mal zu versuchen und vom Auto oder Moped auf das Fahrrad umzusteigen. Wer ein Fahrrad kauft, so hat es die italienische Umweltministerin jetzt versprochen, bekommt vom Staat 30 Prozent des Preises bezahlt, bis zu 200 Euro. Die Fahrradhändler freuen sich über diese staatliche Förderungswelle, die schon die zweite ist in diesem Jahr: Im Mai und Juni kauften die Italiener dank der staatlichen Mittel in kurzer Zeit 50.000 Räder, mit der Folge dass die Internetseiten des Umweltministeriums vor der Antragsflut zusammenbrachen.

Aber wer sind die Käufer der Räder? Wer sich jetzt dank der staatlichen Förderung in Norditalien ein Fahrrad kauft, den kann ich ja noch verstehen. Hier gibt es mancherorts ja sogar sogenannte Fahrradwege, ich selbst bin im Studium fröhlich durch Padua geradelt. In Süditalien dagegen ist Fahrradfahren ein Extremsport und kein Vergnügen: Der dichte Verkehr, die höheren Temperaturen und die oft am Hang gelegenen Städte haben dort bisher nicht für einen Fahrradboom gesorgt.

Deshalb hat Umweltministerin Stefania Prestigiacomo ein Einsehen und will langsam aber sicher alle zu einer umweltfreundlicheren Fortbewegung bringen – und wenn`s schon ein umweltfreundlicheres Motorino ist. Deshalb hat sie 5,1 Millionen Euro für eine Abwrackprämie für Roller freigeschaufelt. Nun soll die staatliche Förderung dazu überreden, vom blauen Rauch spuckenden Uralt-Moped auf einen schnurrenden Viertakter umzusteigen. (Mein Motorino verströmt auch nicht den Duft eines Wunderbaums)

Ich bin ja mal gespannt, ob jetzt ausgerechnet im beginnenden Herbst der große Fahrrad-Boom in Rom ausbricht, kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Heute habe ich bislang noch kein Fahrrad gesehen, obwohl ich eine Viertelstunde zur Arbeit gedüst bin. Aber ob mit oder ohne staatliche Förderung: Vielleicht kauf ich mir jetzt auch ein Fahrrad, dann kann ich mich „Extremsportler“ nennen und mir von Eiskletterern und Fallschirmspringern auf die Schultern klopfen lassen.

 

 

 

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Staub, Trümmer, Angst und Leid – Weltreporter Martin Zöller berichtet aus L'Aquila

 

 Seit Dienstag nachmittag ist Martin Zöller wieder vor Ort in L'Aquila. Hier sein Bericht vom Montag

 

Der Staub ist überall. Er liegt dort auf den Motorrollern, die auf wundersame Weise heil geblieben sind; er liegt auf der Rinde der Bäume, die oben in L´Aquila, inmitten der bergigen Abbruzzen, noch viel winterlicher aussehen, als die unten in Rom, eineinhalb Stunden von hier. Er liegt auf Trümmern, faustgroßen Steinen, mannshohen Brocken, die aus zerstörten Häusern herausgebrochen sind und auf dem cremefarbenen Mini  Cooper mit dem Kennzeichen DM 2255EV; er liegt auf den Gesichtern der Verletzten und der Toten dieser Nacht.

Alles begann um 3 Uhr 32 tief unter der Erde unter dem kleinen Örtchen Paganica, einem Vorort von L’ Aquila. 20 Sekunden bebte hier die Erde, von hier breiteten sich jene Erdstöße aus, die im italienischen Fernsehen mit roten  Kreisen dargestellt sind und in der Kürze der Zeit Orte zerstörten, die doch eigentlich so sorgenfrei klingende
italienische Namen haben: Santo Stefano di Sessanio, Castelvecchio Calvisio, San Pio, Villa Sant'Angelo. Doch seit  gestern stehen diese Namen auch für bislang über 90 Tote, die in den Trümmern ihrer Städte ums Leben gekommen sind. Der Schrecken hatte sich angekündigt: Bereits am Vorabend, gegen 23 Uhr am  Palmsonntagabend, waren viele Bewohner der nun betroffenen Orte nach einem leichten Beben auf die Straßen geströmt. Doch die meisten kehrten in ihre Häuser zurück, nicht ahnend, was noch folgen würde.

Montagmittag in L’Aquila: Schaut man gerade nach oben, dann wirkt alles friedlich, die Frühlingssonne fällt aus einem blauen Himmel in die Stadt hinunter. Doch blickt man geradeaus, sieht man eine junge Frau, Clara, rosa Schlafanzug, darüber eine Jacke. Die Jacke hat sie sich schnell noch übergezogen, als sie aus dem Haus stürzte, ein paar Sekunden nach „tre e trentadue“, 3 Uhr 32, jener Uhrzeit, die minütlich in den Nachrichtensendungen wiederholt wird und schon jetzt im kollektiven Gedächtnis der Italiener eingebrannt zu sein scheint. “Alles ist zerstört", sagt die junge Frau auf die Frage, was mit ihrem Haus passiert sei, „es war wie im Film, aber es war echt.“ Gerade noch habe sie sich mit ihrem Verlobten retten können, doch selbst Stunden nach dem Beben kann sie das Zittern ihrer Hände noch immer  nicht kontrollieren. "Was uns gerettet hat, ist ein großer  Schrank in
unserem Schlafzimmer, der die umstürzende Mauer gehalten  hat. Sonst wäre alles über uns zusammengebrochen.“

Halb Italien spürte das Beben, es war so stark, dass selbst in Rom Regale und Lampen wackelten und viele Menschen mitten in der Nacht ihre Häuser verließen. Dass man es in Rom spüren konnte, war wie eine Vorhersage  dafür, welches Grauen der Tag bringen würde. Morgens um 7: 47 melden die Nachrichten noch 17 Tote, um 9.40  Uhr sind es 27, um 11 Uhr 40. Zur Mittagszeit kommen die Zahlen aus den kleinen, schwer zugänglichen Dörfern,  es ist von 60 Toten die Rede, schließlich 92. Es hört nicht auf. Bis zum Abend sagen die Sprecher der Nachrichtensendungen immer denselben Satz: “Continua a salire il numero dei morti”, die Zahl der Toten steige noch an.

Gleichzeitig beginnt die Diskussion, ob es so kommen musste, wie es kam. Ob man gewarnt sein konnte. „Das ist ein Skandal, seit drei Monaten schon hat regelmäßig die Erde  gebebt, die Behörden wissen das genau!“, sagt Maria, eine junge Frau aus L’Aquila. Sie sitzt neben ihrem Auto, das mit zerdelltem Dach und  zerborstenen Scheiben am Straßenrand steht. Trotzdem schiebt Maria  ihre Koffer durch das Loch an der Stelle, wo einst die  Windschutzscheibe war – sie hofft, dass der Wagen noch fährt und  will "so schnell wie möglich" aus L'Aquila fliehen, weil sie Angst  vor Nachbeben hat. Beim Stand von 17 Toten berichtet die online-Augabe von  “La Repubblica” über den Erdbebenforscher Gioacchino Giuliani, der vor kurzem mit Hilfe eines von ihm entwickelten Messgerätes ein großes Beben in der Region um L´Aquila vorausgesagt hätte; Giuliani misst das radioaktive chemische Element Radon im Boden. Das “Institut für Geophysik und Vulkanologie” verschickt eine Presseerklärung: “Wir  unterstreichen, dass nach dem heutigen Wissenstand es nicht möglich ist, mit absoluter Sicherheit Erdbeben vorauszusagen.” Leser kommentieren: Sandy1965” ist empört über den Staat, der seine Bürger nicht schützt. “Luthvime” meint, es ginge jetzt nicht um Schuld. Es ginge um Trauer.   Der Chef des Instituts für Geophysik und Vulkanologie gibt am Nachmittag den betroffenen Bürgern selbst die Schuld. “Es ist nicht Teil unserer Kultur, in seismischen Zonen der Gefahr angemessen zu bauen.“ So seien Häuser eingestürzt, „die nicht dafür konstruiert  worden sind, einen solchen – nicht besonders heftigen – Erdstoß zu ertragen.“

Jene Stadt, Paganica, aus deren Tiefen das Unheil über die Abbruzzen kam ist mit am stärksten vom Erdbeben betroffen. „Wir wissen nicht wo wir heute übernachten, wir wissen nicht einmal, wo wir zu Abend essen“, sagt nachmittags eine Frau auf dem großen Platz vor der Kirche „Immacolata Concezione“. Die Kirche, in die am  Sonntag noch viele Gläubige mit Ölzweigen zur Palmsonntagsprozession hineinzogen, ist nun eine Ruine, mühsam  scheint sich die Fassade noch zu halten. Irgendjemand hat rote Plastikstühle in einem weiten Bogen um dieKirche gestellt. Sie sollen offenbar davor warnen, sich der Kirche zu nähern, akute Einsturzgefahr. Im Schatten der Kirche steht ein weißes Zelt. Hier liegen die Toten dieser Nacht. Es könnten noch mehr werden. Denn die  Nachrichtensprecher sagen immer noch: “Continua a salire il numero dei morti”, die Zahl der Toten steige noch an.

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (1): Rom

 

Normalerweise beginnt mein Morgen in Rom nicht damit, dass mich ein Wecker aus dem Bett piepst, sondern dass in der Wohnung über mir der kleine Francesco das Schreien anfängt oder ein Motorino so laut durch die Straße düst, dass ich aus dem Bett falle. Beides hat die gleiche Ursache – dass die Wände in Rom so dick sind wie drei Lagen Tapete und so gut isoliert wie ein nackter Eiswürfel.

Einmal wach, muss ich mich vernünftig anziehen, um wie jeden Morgen Cappuccino in der Bar zu trinken. Denn unrasiert und quasi noch im Schlafanzug würde ich zwischen lauter schicken Signori und Signore eine „brutta figura“ machen – also nicht nur morgendlich-mies aussehen, sondern mich mit meinem Erscheinungsbild gar tüchtig daneben benehmen.

Also betrete ich die Bar, den „Papagallo“, äußerlich gepflegt, innerlich müde und hänge mich an die Theke, um Dino, meinem Barmann zu sagen: „Dino, un cappuccino, per favore!“ Während ich ihn trinke und löffle, beobachte ich all die anderen: Den alten Mann, den alle „professore!“ rufen; die aufgedonnerte Tussi mit dem Mini-Hündchen. Und alle, die nicht einfach „Cappuccino“ bestellen, sondern Sonderwünsche in Auftrag geben: Was ruft der Signore da?  Nicht einfach „einen Cappuccino bitte", nicht einfach „einen Latte Macchiato". Nein, jeder hat seine Extrawünsche: „Einen Cappuccino mit wenig Schaum" ruft da eine Dame von links, „einen Cappuccino mit nicht zu heißer Milch" bestellt ein Herr, „einen Cappuccino in extraheißer Tasse" der nächste. Mir geht ein morgendliches Licht auf: Die Italiener haben neue Variationen erfunden, um sich von uns Deutschen zu unterscheiden, die wir neuerdings Latte Macchiato saufen wie Wasser und so tun, als wäre der Cappuccino ein altdeutsches Getränk – und das, obwohl wir erst vor ein paar Jahren von Melitta-Tüten auf Milchschäumer umgestiegen sind.

Nach dieser morgendlichen Erkenntnis gehe ich in die Arbeit. Oder trinke noch einen Cappuccino. Arbeit? Cappuccino? Arbeit? Arbeit? Cappuccino!

 

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Keine Busen, keine Bilder? Das italienische Fernsehen zensiert “Brokeback Mountain”

 

Eigentlich wollte ich am Montag früh ins Bett gehen, doch ich schaltete nochmal den Fernseher an. Es lief Brokeback Mountain, aha, der Film mit den schwulen Cowboys, dachte ich. Ich kannte ihn noch nicht. Ich schaute ein bisschen, er gefiel mir gut, ich blieb dran, sogar über die Werbepausen hinweg, machte mir einen Tee, schaute weiter und irgendwann um ein Uhr nachts war er beendet. Hmm, dachte ich mir, ein guter Film. Aber teilweise komisch geschnitten. 

Am nächsten Morgen machte ich den Computer an und wurde in meinem Gefühl bestätigt: "Brokeback
Mountain zensiert!" schrieb schon morgens um acht die Internet-Ausgabe der römischen Tageszeitung "La Repubblica" und stellte neben einen kurzen, empörten Artikel die herausgeschnittenen Szenen, und tatsächlich, die Szenen, die ich jetzt sah, passten genau dahin, wo ich irgendwie nicht mitgekommen war. Es waren Szenen, bei denen die beiden Hauptdarsteller Sex haben oder knutschen; ganz persönlich konnte ich auf die Szenen auch verzichten, aber für die Handlung sind sie schon wichtig. Ohne sie versteht man nämlich nicht, dass plötzlich etliche Personen, darunter die Hauptdarsteller, anders ticken.

Die Empörung vieler war jedenfalls groß, denn die Sache schien ja sonnenklar: Irgendwelche reaktionären Kräfte der italienischen Gesellschaft wollen verhindern, dass Italien schwul wird. Ganz vorne in der Verdächtigenliste: Der Vatikan und die konservative Berlusconi -Regierung. Sie hatten sich offenbar verbündet und die schwule Liebe aus dem Abendprogramm geschnitten. Schließlich hatten sich Vatikan-Mitarbeiter im letzten Monat gleich zwei Mal gegen Homosexualität ausgesprochen – oder waren zumindest so verstanden worden – und das Staatsfernsehen ist sowieso politisch gelenkt.  Ein perfides Komplott von Heteros gegen Homos?

Sogleich wurde  protestiert, an die Spitze stellte sich einmal mehr Vladmir Luxuria, die sich "Transgender" nennt, sie ist vom Körperbau ein Mann, aber lebt als Frau. Erst vor drei Wochen gewann die ehemalige Parlamentsabgeordnete der italienischen Kommunisten das italienische Dschungelcamp, die "Insel der Berühmten", weshalb Zeitungskommentatoren verwundert die italienische Toleranz feierten; nun rief Vladimir Luxuria umgehend
den Senderchef von "RaiDue" an und beschwerte sich: "Den Film ohne die beiden Szenen zu zeigen, wäre so, wie die Mona Lisa ohne Kopf: Ein Kunstwerk muss man respektieren. "Homosexuellen-Verbände wie "Arcigay", "Gaynet", sogar die "Vereinigung für die Rechte von Verbrauchern" legten nach und schimpften über "Homophobie"

Das italiensiche Fernsehen reagierte kleinlaut: "Alles Zufall": Versehentlich, so der Senderchef, sei jene Version gesendet worden, die auch für Kinder unter 14 Jahren geeignet ist. "Wir haben den Filmverleih gebeten, uns beides zu schicken, die zensierte wie die volle Version", heißt es in einer Presseerklärung der Rai." Als dann der Sendeplan gemacht wurde, habe keiner mehr auf die Kassettenhülle geschaut. Sogar der Präsident der RAI, sozusagen ZDF-und ARD-Chef in einem, Claudio Petruccioli, entschuldigte sich. Ein Reporter von "La Repubblica" fragte am Donnerstag noch einmal argwöhnisch nach: "Es gab keinen Druck aus dem Vatikan, den Film zu schneiden?" – "Nein", antwortete Claudio Petruccioli, "kein Druck vom Vatikan, kein Druck von irgendwo." Als prüde kann man das italienische Fernsehen auch eigentlich nicht bezeichnen: Angefangen vom Frühstücksfernsehen werden mit Fortschreiten des Tage die Röcke der Moderatorinnen auf allen Programmen kürzer und die Posen deutlicher. (Maßstäbe setzt dabei schon kurz nach den Abendnachrichten die Klamauksendung "Striscia la notizia", bei der zwei junge Damen auch mal lasziv über den Schreibtisch der Moderatoren krabbeln.)

Ist dauerhafte Beschallung mit Busen moralischer als schwule Cowboys? Der Fall "Brokeback Mountain" ist noch nicht ausgestanden. "Die peinlich berührte Erklärung der Rai kann meiner Meinung nach nicht den Vorwurf der Zensur entkräften", meinte am Mittwoch Senator Luigi Vimercati, der in einem Rai-Kontrollgremium sitzt, "ich werde das Thema auf die Tagesordnung im Parlament setzen lassen."

Das soll er.  Ich bin eh immer etwas langsam, wenn es darum geht, Filme zu verstehen. Da sollte man es mir nicht noch schwerer machen, indem man alles mögliche rausschneidet.

 

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Was war los mit “Niko”? Vor meinem Haus in Rom steht ein neuer Liebesschwur

 

Vor meinem Nachbarhaus hat jemand heute Nacht drei Worte geschrieben, in goldener Schrift: „Mi manchi Niko“, steht dort, „Du fehlst mir, Niko“. Die Buchstaben sind jeweils eineinhalb Fußlängen groß, jemand muss sie heute Nacht in aller Eile aufgesprüht haben. Nun versuche ich herauszufinden, wer „Niko“ ist und wer ihn oder sie vermisst, und vor allem, warum.

Meine Straße in Rom ist ohnehin schon voller Liebesschwüre. Wenn ich mein Haus verlasse und den kleinen Fußgängerweg entlanglaufe, der die von der Straße abseits liegenden Häuser verbindet, dann liegt mir als erstes „TI AMO“ zu Füßen, „ICH LIEBE DICH“. Das steht dort ungefähr in der Größe eines Bettlakens, in einem Gelb, das Straßenbauarbeiter auf den Asphalt kleben, wenn sich kurzzeitig die Straßenführung ändert. Ein paar Häuser weiter hat ein Verliebter rechts an einem Haus „Ti amo principessa“ in schwarzer Schrift aufgesprüht, fährt man weiter, überrollt man ein „6 la mia vita“, wobei „6“ für „sei“ steht und das bedeutet „du bist“. „Du bist mein Leben“, also.  

Dass ganz Rom voll ist von Liebesschwüren junger Römer liegt an Autor Federico Moccia. Der  Römer und Bestseller-Autor beschreibt in seinen Büchern Romanzen zwischen Teenagern, die von der großen Liebe träumen und dafür alles tun: Sie sprühen Liebesschwüre an Hauswände und sie  kaufen Vorhängeschlösser, schreiben mit Edding ihre Namen drauf und klicken sie an das Geländer der alten römischen Tiberbrücke „Ponte Milvio“. Nachdem das Buch „ Ho voglia di te“ erschienen war – auf deutsch heißt es  „Ich steh auf dich“, kamen innerhalb von Wochen tausende Jugendliche an die Brücke und befestigten Vorhängeschlösser am Geländer und an den Laternen der Brücke. Doch weil einige der Laternen unter der Last wegknickten und der römische Stadtrat den Wert der Liebesschwüre gegen den Wert der Laternen aufrechnete, montierte die Stadt auf der Brücke eigens Metallstangen, an die man nun legal seine Vorhängeschlösser befestigen kann – den Schlüssel wirft man danach übrigens in den Tiber.

Ob „Niko“ auch ein Vorhängeschloss an die Ponte Milvio befestigte, als die Liebe noch groß war und es noch kein mahnendes „Mi manchi Niko“ brauchte? Ich weiß es noch nicht, doch ich werde mich auf die Lauer legen, um „Niko“ zu finden. Hat „Niko“ Hausarrest und kann nicht zu den Freuden? Oder hat „Niko“ Schluss gemacht und die goldene Schrift soll ihn zurückholen?

Eine ältere Dame, die heute morgen mit Blick auf „Mi manchi Niko“ ihre Wäsche aufhing, fragte ich, wie sie das denn fände, dass da jemand auf die Straße sprühe – ich rechnete mit „diese jugendlichen Schmierer“ und mit „man sollte die Polizei holen.“ Doch die Frau sagte zu meiner Überraschung: „Ich finde es wunderschön.“ Und es sei doch wunderbar, dass so eine Schrift einen wieder daran erinnere, wie großartig „l´amore“, „die Liebe“ sei. Fragt sich nur, ob die goldene Schrift „Nikos“ Herz erweichen wird. Ich werde weiter ermitteln.

 

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Sind Sie die Witwe Meier?

 

Es war meine U-Bahn-Station, in der am 17.10.2006 ein Zug auf einen anderen aufgefahren ist. In Sirenen-Hörweite von meiner Wohnung, vielleicht 300 Meter Luftlinie. So nah, dass ich, als das Unglück gemeldet worden war, wenigstens zum Gaffer Angaffen hingegangen bin. Man ist ja Journalist; da fühlt man sich zur Neugier verpflichtet.

Noch viel makabrer: In den Meldungen am Dienstag Nachmittag hieß es, die Identität des Opfers werde erst genannt, wenn die Angehörigen informiert seien. In der Mittwochszeitung dann die Mitteilung: Die Eltern der ums Leben gekommenen 30-Jährigen seien von einem Lokal-Fernseh-Team benachrichtigt worden. Ob die den bewegenden Moment aufgenommen und gesendet haben? Es hat in Italien schon Hinterbliebene von Mordopfern gegeben, die unter Tränen zum Reporter sagten: „Bitte filmen Sie mich nicht, ich kann Ihnen nichts sagen!“ Das kam dann abends in den Fernseh-Nachrichten…

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