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Organspende auf Norwegisch

Es gibt wenige Länder in Europa, wo es fast genügend Spenderorgane gibt. Norwegen gehört – neben Spanien und Belgien – dazu.

“Zwei entscheidende Dinge prägen das norwegische System: Wir verbinden Organspende weniger mit dem Tod als vielmehr mit der Möglichkeit, Leben zu spenden, und prinzipiell wird angenommen, dass mögliche Spender der Entnahme positiv gegenüberstehen”, sagt Troels Normann Mathisen, Pressesprecher von Stiftelsen Organdonasjon (Stiftung Organspende). Er hat vor 14 Jahren selbst Herz, Lunge und Leber erhalten. Anders als in Deutschland werden die Angehörigen in dem nordeuropäischen Land nicht gefragt, ob der oder die Tote Spender werden soll. Die Familie soll nur sagen, ob irgendetwas darauf hindeute, dass der oder die Verstorbene gegen eine Spende gewesen ist.

Das Gesetz sieht sogar vor, die Hinterbliebenen suggestiv schon mit der Absicht zu befragen, einen positiven Bescheid zu erhalten. Als Ärzte in Deutschland ähnlich vorgegangen sind, hat das zu Beschwerden geführt. Denn anders als in Norwegen sollen die fragenden Ärzte in Deutschland neutral bleiben. “Die Organspende ist eine altruistische Leistung – und ein Recht. Der Staat arbeitet daran, dass dieses Recht der Spende auch ausgeübt werden kann”, sagt Pål-Dag Line, Leiter der Transplantationsabteilung im Osloer Rikshospital.

Man mag vom norwegischen Modell halten, was man will, einen genauen Blick ist es in jedem Fall wert. Einen guten Einstieg bietet hoffentlich mein Artikel in Die Welt.

 

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Munch – zum Schreien teuer. Aber warum?

KOPENHAGEN. Das Auktionshaus Sotheby’s hat heute vermeldet, eine Version des Gemäldes “Der Schrei” von Edvard Munch (1863-1944) zu versteigern. Es ist das einzige handelbare Exemplar des bekanntesten Motivs von Munch – alle anderen Schrei-Gemälde sind im Besitz norwegischer Museen und die verkaufen bekanntlich nicht, Lithographien haben auch deutsche Museen.

Erste Schätzungen lauten deutlich über 50 Mio. Euro. “Der Schrei” ist auch deshalb so berühmt, weil er (in jeweils unterschiedlichen Versionen) gleich zweimal gestohlen und wieder aufgetaucht ist. Auch die Aufmerksamkeit, die das Werk durch diese Diebstähle bekommen hat, dürfte zum beträchtlichen Preisanstieg der Bilder Munchs beigetragen haben. Diese These wird bereits in diesem Text von mir für The Art Newspaper im Sommer 2008 vertreten.

 

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Die Qual der Wahl

Ginge es nach dem gesunden Menschenverstand, müsste der Friedensnobelpreis am Freitag an Liu Xiaobo gehen. Der chinesische Schriftseller ist ein unbeugsamer Kritiker der allmächtigen kommunistischen Partei. Reichlich Ärger würden sich die Norweger mit einer solidarischen Geste an den inhaftierten Dissidenten einhandeln, raunt Geir Lundestad, Direktor des Nobelinstituts, bei jeder Gelegenheit. Zuletzt habe ihn Vize-Außenministerin Fu Ying bei einer Begegnung im Sommer in der chinesischen Botschaft in Oslo vor bösen Konsequenzen gewarnt. Eine Preisvergabe würde man in Peking als „unfreundlichen Akt“ verstehen. Zumal sich unter den 237 Nominierten weitere Oppositionelle aus dem Riesenreich finden, wie etwa Rebiya Kadeer, die sich für die Rechte des Urvolks der Uiguren einsetzt.

Bereits im Vorjahr galt Xiaobo als heißer Kandidat für den Friedenspreis, der dann aber zum ungläubigen Staunen der versammelten Weltpresse und des Geehrten selbst an den US-Präsidenten Barack Obama ging. Auf die vielen Fehlgriffe angesprochen, reagiert der sonst so warmherzige Gelehrte Lundestad überaus dünnhäutig. Der Vorwurf des Opportunismus sei ungerecht, sagte er mir einmal bei einem Besuch im Nobelinstitut. Schließlich habe seine erlauchte Runde unbequeme Preisträger wie Andrei Sacharow, Lech Walesa und den Dalai Lama ausgezeichnet. „Man darf die Kontroverse nicht scheuen, wenn es um die grundlegenden Prinzipien geht“, dröhnte Lundestad mit viel Pathos in der Stimme.

Thorbjørn Jagland verteidigt die Wahl Obamas bis heute als gelungen. Man wolle auch künftig keine „Friedensarbeit am Schreibtisch“ honorieren, sondern mutige Helden auszeichnen, die ein echtes persönliches Risiko eingehen und bereit seien für ihre Überzeugung zu kämpfen. Auch in diesem Jahr preist der Leiter des Nobelkomitees eine „echte Überraschung“ an. Das lässt Schlimmes ahnen. Zumal das schwedisch-deutsche Konkurrenzprojekt der Familie von Uexkull das norwegische Weltgewissen seit geraumer Zeit medial in den Schatten stellt.

Nicht amtierende Staatsmänner sondern kleine Alltagshelden mit großer Wirkung bekommen den Preis für das „Gerechte Leben“. Da sehen die steifen Norweger mit ihrem staubigen Testament ganz schön alt aus.

 

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Fluch und Segen des schwarzen Goldes

Svolvaer, die winzige Inselhauptstadt der Lofoten: Im Konferenzsaal des neuen Thon-Hotels preist Umweltminister Erik Solheim die Schönheit der Landschaft. Die archaische Inselwelt mit ihren gewaltig aufragenden Granitfelsen sei das Schönste, was das Land zu bieten habe. „Ein modernes Land“ im Übrigen, mit zivilisierten Umgangsformen, strengen Gesetzen und dem „weltbesten Verwaltungsplan“ für seine Naturschätze, so der Minister. Die Deepwater Horizon-Havarie gibt dem fortschrittlichen Norweger dennoch zu denken: „Das ist nicht in irgendeinem korrupten Entwicklungsland passiert und betroffen war einer der weltgrößten Energiekonzerne.“ Die Katastrophe hat die Norweger aufgeschreckt, die auf öffentlichen Hearings wie gestern in Svolvaer über die jüngste Konzessionsrunde für die Petrokonzerne beraten. Die Hälfte der zur Erkundung beantragten Fördergebiete liegt in sensiblen Küstengewässern sowie in den arktischen Gewässern der Barentssee.

 

Aus dem fernen Oslo ist reichlich Politprominenz angereist: „Eine gedeihliche Koexistenz von Fischereiwesen und Petroindustrie ist möglich“, sagt Fischereiministerin Lisbeth Berg-Hansen. Sie vertritt die Interessen der zweitwichtigsten Branche des Landes. Um das weltbekannte Gütesiegel „Fisch aus Norwegen“ sorgt sie sich nicht.

Dabei warnt das Meeresforschungsinstitut in Bergen in alarmierendem Tonfall vor dem Vorstoß der Petrokonzerne in die sensiblen Gewässer der Lofoten und Västerålen. Der Kontinentalsockel ist schmal, das Gebiet über viele Monate in Dunkelheit gehüllt und von Stürmen geplagt, mächtige Meeresströmungen würden eine Ölpest weit verbreiten, die Strände wären kaum zu reinigen: Auch aus fast jeder der über 300 Seiten des wissenschaftlichen Berichts von 26 Forschungsinstitutionen zum Verwaltungsplan ließe sich die Botschaft herauslesen: Lasst es bleiben!

Dann geht es hoch her, im Saal wie auf dem Podium: Studien zu den Auswirkungen der seismischen Erkundungen seien manipuliert worden, ruft ein Fischer. Dass die Industrie viel zu großen Einfluss auf die Studien nimmt, kritisieren auch Umweltschützer – und fordern dringend mehr unabhängige Forschung. Einigen der rund 200 Teilnehmer des Hearings drängt sich der Eindruck auf, über die neuen Konzessionen für die Inselgewässer sei bereits entschieden.

„Wir nehmen die Katastrophe im Golf von Mexiko sehr ernst“, entgegnet  Ölminister Terje Riis-Johansen. Konzessionen in der Tiefsee und in sensiblen Küstengewässern würden erst vergeben, wenn die Ursachen für das Desaster restlos aufgeklärt sind.

 

Frederic Hauge meint, diese schon zu kennen: „Alle großen Spieler der Branche versuchen, die Kosten zu senken, Arbeiter werden unter Druck gesetzt, Risiken ignoriert, Leckagen in Kauf genommen“, sagt der streitbare Gründer der Umweltorganisation Bellona.  Auch der Staatskonzern Statoil sei da keine Ausnahme. Mit einer Dokumentation der jüngsten Unfälle und Beinahe-Katastrophen will Bellona verdeutlichen: Eine verheerende Ölpest wäre auch in Nordsee, Norwegischer See und Barentssee jederzeit möglich. Und ihre Folgen würden alles bislang Gesehene in den Schatten stellen.

 

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Feiern am Rande der Erde

Die norwegische Kleinstadt Kirkenes liegt am äußersten nordöstlichen Rande des norwegischen Festlandes – von Oslo in etwa so viele Kilometer entfernt, wie Oslo auch von Rom entfernt ist. Seit einigen Jahren findet hier jährlich das Barentsspekatekel statt, ein Festival mit Theater, Musik, Kunst und Literatur. Vor allem die Beziehungen zum (oder besser: zu den) russischen Nachbarn – die Grenze ist 40 Kilometer entfernt – soll(en) durch das Festival auf dem nicht-politischen Wege verbessert werden. Scharenweise wurden russische Journalisten nack Kirkenes geladen, ebenso Künstler. Der hohe Norden (Highnorth oder Nordomradene) ist für Norwegen eine der wichtigsten Gegenden, schießlich gibt es hier einen Grenzkonflikt mit Russland (die Ziehung der Wassergrenze ist seit Jahrzehnten ungeklärt), in der Barentssee (dem russischen und norwegeischen Teil) werden umfangreiche Rohstoffvorkommen vermutet und der Klimawandel eröffnet die Nordostpassage, die an Kirkenes vorbeiführt. Die Stadt dürfte also Zukunft haben. Kulturell erlebt sie dieser Tage Anfang Februar einen kleinen Boom – am Eröffnungsabend bewiesen Musiker der nördlichen Naturvölker in Schweden, Finnland, Russland, Norwegen und Amerika, dass sie Musik machen können, die mit dem Klischee der Folklore nichts am Hut hat, sondern was den Stimmeneinsatz angeht sich eher mit Blixa Bargeld oder Gry Bagoien messen lassen muss. Allein für diese Auftritte hat sich die weite Anreise schon gelohnt, haben die letzten zwei Festivaltage noch gar nicht begonnen.

 

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Ist ein Arzt an Bord?

Das ist jetzt kein Scherz: Hat jemand da draußen irgendwo einen Arzt übrig? In meiner geschätzten Tageszeitung, dem Sydney Morning Herald, hat heute die westaustralische Ärztekammer Kopfgeld auf GPs (General Practitioners = Allgemeinmediziner) ausgesetzt. Das ganze geht so: Ich finde den Arzt, der Arzt arbeitet für mindestens 12 Monate in Westaustralien, und ich bekomme 3000 Dollar, könnte ich grade gut gebrauchen. Und WA ist eine wirklich klasse Gegend!

 

Natürlich bin ich bereit zu teilen, logisch. Denn wir sind hier unten im doktorlosen Kontinent auf jede Hilfe angewiesen, koste es was es wolle. Also, Tipps aus folgenden Ländern immer gern an mich, (faires 50-50 ist Eherensache): Gefragt sind Weißkittel aus Kanada, USA, South Africa, von den Neuseeländischen Inseln ;-), aus Singapur, den Niederlanden, Schweden, Norwegen, Dänemark, Belgien, Irland und dem UK. Warum deutsche Ärtze nicht oben auf der ‘Wanted’ Liste stehen, ist mir nicht ganz klar, die müssen evtl. noch extra Beweise ihres Könnens einbringen. Aber wer Mediziner aus genannten Regionen kennt: Get them over here! Aber lasst  es mich vorher wissen, danke. 

 

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Womit haben wir das verdient?

Alles im Leben hat seinen Preis. Am liebsten vergeben ihn die Schweden. Weil sie so oft gelobt werden, neigen sie ihrerseits dazu, der bösen, rückständigen Welt Rezepte auszustellen. Zum Ritual gehört zwingend der Auftritt eines Blaublüters und eine Preissumme, die so schwindelnd hoch ist, dass ein Raunen durch die Menge geht. Die unbescheidene Summe von einer Million Dollar hat sich im Kreise der Selbstlosen als feste Größe etabliert. Soviel sollte einem die noble Sache schon wert sein.

Birgit Nilsson, schon zu Lebzeiten bekannt für theatralische Abgänge, hat das gewusst. Und hinterließ bei ihrem Tod 2005 ihre eigene wohl ausgestatte Stiftung und laut Selbstanpreisung den „biggest price in the history of classical music“. In einem versiegelten Kuvert erwählte die Diva  den geschätzten Sangeskollegen Plácido Domingo zum ersten Jubilaren. Wozu der noch Ruhm und Geld braucht, weiß man auch beim Stiftungsrat um den ehemaligen VW-Finanzmanager Rutbert Reisch nicht so genau zu sagen. Immerhin sorge sich der Maestro um den musikalischen Nachwuchs.

Mit Pauken und Trompeten kämpft auch Abba-Manager Stig Anderson posthum gegen das Vergessen an. Ende der 80er Jahre hatte er ein paar seiner vielen Millionen in einen Musikpreis gesteckt, um sein Plattenimperium Polar in strahlenden Publicity-Glanz zu tauchen. Seither werden alternde Künstler wie Gilberto Gil, Bob Dyllan und Dietrich Fischer-Dieskau zur Preisvergabe nach Stockholm zitiert.

Lygia Bojunga, Maurice Sendak, Christine Nöstlinger – der im idyllischen Vimmerby verkündete Alma-Preis für Kinder- und Jugendliteratur schmückt sich mit großen Namen aus der Welt der kleinen Leute. Astrid Lindgren ging beim Nobelpreis zwar leer aus. Doch wenige Tage nach ihrem Tod im Januar 2002 schwang sich die damalige sozialdemokratische Regierung selbst zum Stifter auf, angeblich um das Andenken an die so schnöde übergangene Schwedin wach zu halten.

Solch Gezänk ist der ewige Club der Schwedischen Akademie gewöhnt. Am Donnerstag wird der erlauchte Zirkel wieder eine dem belesenen Normalbürger völlig unbekannte Geistesgröße zum vermeintlich unvergänglichen Literaten küren. Peter Englund, Novize im Amt des ständigen Sekretärs und eigentlich ein geselliger Typ, der leidenschaftlich gern blogt und in seiner Freizeit Rezensionen von Computerspielen schreibt, gibt sich in diesen Tagen schmallippig. Denn Kerstin Ekman, die 1984 im Protest auszog, weil die Akademie zum Todesurteil gegen Salman Rushdie keine Worte fand, stochert wieder in alten Wunden: Bis heute hätten die Sprachwächter keine rechte Traute, sich für die Meinungsfreiheit einzusetzen, so lässt sich die Kritik der zornigen alten Dame zusammenfassen.

Im norwegischen Oslo darf sich auch der Historiker Geir Lundestad, oberster Zeremonienmeister des Friedensnobelpreises, seit bald 20 Jahren die Vorwürfe von Neidern anhören, die seinem Findungskomitee abwechselnd eine falsche Auslegung des Testaments, die Hofierung mächtiger Institutionen oder den Kotau vor Supermächten ankreiden. Von einem „politischen Preis“ spricht Jakob von Uexkull. ,„Wir haben Wangari Maathai, Muhammad Yunus und Monika Hauser entdeckt“, rühmt sich der Philatelist im gleichen Atemzug. Seinen alternativen Right Livelihood Award will er als Protest an der  Vergabepolitik des Komitees verstanden wissen.

Als Reporter im Norden nehm ich solche Eitelkeiten mit Gelassenheit. Ein wenig Glanz, so weiß ich doch, fällt auch auf die Journaille ab. Wann sonst darf man sich zur besten Sendezeit fachsimpelnd über die erfrischende Wirkung der Telomerase auslassen, über das musikalische Nachbeben der Formation Led Zeppelin oder die psychologischen  Abgründe im Werk von Sonya Hartnett? Auch wir Reporter genießen die kleinen Fluchten aus dem oft so mausgrauen Alltag. Und fragen uns am Ende eines langen Preisreigens: Womit haben wir das verdient?

 

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Sex in rasender Fahrt

Rein sportlich betrachtet war es schon eine Leistung, was sich da am Ostersonntag auf der Autobahn E18 bei Oslo vollzog. Anerkennende Pfiffe soll es gegeben haben als sich die Streifenbeamten im norwegischen Søndre Buskerud mit dem zur Beweissicherung gedrehten Film vergnügten. Der körnige Streifen – vermutlich bald auch für Jedermann im Internet zu sehen – zeigt einen Mazda in rasender Fahrt. Das Gefährt schlingert heftig, und das muss wohl auch so sein, denn auf dem Schoß des Piloten sitzt eine Frau. Die hat als einzige noch die Piste vor Augen, während die beiden – sagen wir es trocken – den Akt vollziehen.

Einen knappen Kilometer halten die amtlichen Papparazzi dem hochtourigen Treiben mit, dann wird das Paar zur Ordnung gerufen. Kleinlaut gibt sich der Gigolo, die Strafe ist hart, die Pappe ist weg, den Fahrersitz muss er der
Gefährtin künftig allein überlassen.

Noch tragischer, weil tödlich für alle Beteiligten, endete ein ganz ähnliches Abenteuer bei Krefeld. Wie auch immer die nicht gänzlich geklärten Umstände – auch hier ist der Tatort ein Automobil. Schon schwingt Otto Normalverbraucher die Moralkeule über das schändliche Tun.

Doch hier ist Einhalt geboten: In beschleunigten Zeiten leben wir, die automobile Gesellschaft hat den Planeten geprägt. Da werden Internet-Bekanntschaften halt mal eben mit dem Wagen abgeholt. Mit der Triebabfuhr will sich niemand lange aufhalten.

Das war schon in den Fünfzigern so: In Skandinavien entstand im Gefolge der Rock-´n´-Roll und Rockabilly-Welle die Subkultur der „Raggare“: Wilde Arbeiterburschen mit viel Pomade im Haar kreuzten in ihren blank gewienerten Amischlitten über die Landstraßen und imponierten der weiblichen Bevölkerung. Und die „Aufreißer“ gibt es immer noch, sie schrauben an chromblitzenden Chevrolets, Buicks und Cadillacs und fahren von einer Wurstbude zur nächsten.

Welch schönes Kompliment an das zuletzt so verteufelte Massenprodukt, das ja angeblich so gar nicht mehr in die Zeit passt und in die Umwelt schon gar nicht. Vergessen die Krise, die Zahlen aus Detroit, das Bangen in Bochum,
auch der schmelzende Gletscher und der hungernde Eisbär : Das Auto ist unser Freund und Begleiter, es ist
an unserer Seite in Momenten der Freude und in Zeiten der höchsten Not. Dies endlich einmal anzuerkennen ist doch wohl wahrlich nicht zuviel verlangt.