BERLIN, Monday February 6th, 2012
Ruth Kinet

Israel: Kampfplatz Bildung

Im Konflikt mit den Palästinensern ist die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu noch nie um einen destruktiven Vorschlag verlegen gewesen. Die neueste Idee zur nachhaltigen Vergiftung der Beziehungen mit den Palästinensern kommt aus dem Hause von Bildungsminister Gideon Sa’ar. Der Parteifreund Netanjahus vom Likud hat angekündigt, mehrere Millionen Schekel für ein Programm zur Stärkung der jüdischen und zionistischen Werte lockermachen zu wollen. Unter der Überschrift “Heritage Tours” sollen Schüler künftig Ausflüge zu den Gräbern der Patriarchen in Hebron und in die Siedlung Shiloh machen.

Jetzt hat eine mutige Gruppe von 260 Lehrern dieses Projekt in einem offenen Brief scharf kritisiert: “Das Bildungssystem wird von extremistischen politischen Kräften bedroht, die versuchen Bildung durch Indoktrination zu ersetzen”, heißt es in dem Brief. “Dieses Programm ist dazu angetan, Lehrer und Schüler zu politischen Zwecken zu missbrauchen. Unser Gewissen erlaubt es uns nicht, uns zu Agenten einer solchen Politik machen zu lassen”, schreiben die Lehrer und riskieren damit Sanktionen. Udi Gur, ein Literaturlehrer aus Jerusalem sagte gestern gegenüber der Tageszeitung Haaretz: “Möglicherweise sind wir jetzt in einem Stadium angelangt, in dem Bürger einen persönlichen Preis bezahlen müssen, um den Nationalismus zu stoppen.” Ofra Goldberg unterrichtet in Jerusalem jüdisches Denken und kritisiert das Programm von Minister Sa’ar als gefährliche politische Lüge: “Die Patriarchen haben nie in Hebron gelebt. Sie wurden hier nur bestattet. Die Stadt, mit der Abraham am ehesten identifiziert werden kann ist Be’ersheva. Warum sollten wir nach Hebron fahren? Hebron ist eine tote Stadt von Extremisten. Lasst uns die jüdische Identität um einen lebendigen und kreativen Mittelpunkt herum aufbauen, nicht um Gräber herum.” Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass Minister Sa’ar Mittel lockermachen kann, wenn er nur will. Für gewöhnlich heißt es, dass es an allen Enden an Geld fehlt. In Israel herrscht Bildungsnotstand. In manchen Stadtteilen Tel Avivs liegt die durchschnittliche Klassenstärke in den Grundschulen bei 42 Kindern. Dieser Missstand war auch eines der zentralen Themen der sozialen Proteste des vergangenen Sommers. Eine mutige Gruppe von Lehrern knüpft jetzt mit ihrem Brief daran an. Und verteidigt die Freiheit der Bildung.

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Hebron liegt etwa 30 Kilometer südlich von Jerusalem. Hier leben ungefähr 30.000 Palästinenser und 800 militante jüdische Siedler, die rund um die Uhr von israelischen Soldaten geschützt werden. In der Höhle Machpela in Hebron sind die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob zusammen mit ihren Frauen Sara, Rebekka und Lea begraben. Die Patriarchengräber gelten nach dem Tempelberg in Jerusalem als zweitwichtigste heilige Stätte des Judentums in Israel.

 

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