TOULOUSE, Monday March 15th, 2010
Birgit Kaspar

Wo Eremiten in wohlbeheizten Höhlen hausen

Wir waren auf Abenteuer aus und wollten uns nach tagelanger Schreibtischarbeit noch mal so richtig austoben. Kein besserer Ort als das tief zerklüftete Kadisha-Tal im Norden des Libanon, wo einem die steilen Abstiege fast ebenso viel abverlangen wie die fast senkrechten Aufstiege. Dank sei dem Erfinder der Teleskopstöcke ohne die das – zumindest für mich – kaum zu

schaffen gewesen wäre. Im Talgrund rauschen kleine Gebirgsflüsse und an den teils felsigen, teils bewachsenen Steilhängen befinden sich so viele Höhlen und Klöster wie sonst nirgends in diesem Land.

„Kadisha“ kommt aus dem Aramäischen und heißt heilig. Heilig ist das Hochtal vor allem den Maroniten. Denn die haben hier, unterhalb der ehemaligen Zedernwälder, von denen jetzt nur noch eine Art Zedern-Disney-Park übrig ist, seit dem Ende des 7. Jahrhunderts Zuflucht gesucht. Noch heute bestehen hier wichtige Klöster: Das Kannubin-Kloster wurde im 15. Jahrhundert für 500 Jahre Sitz des maronitischen Patriarchen, der immer noch die Politik im Zedernstaat mitbestimmt. Das Sankt Antonius-Kloster schmückt sich unter anderem damit, die älteste Druckerpresse im Nahen Osten aus dem 16. Jahrhundert zu beherbergen.

Ausgestattet mit genügend Wasser und Proviant für ein ausgedehntes Picknick zogen wir frühmorgens zu unserer sechsstündigen Wanderung los. Georges, ein Sportlehrer und Wanderführer aus einem kleinen Bergdorf in der Nähe, zeigt uns den Weg, teils auf erkennbaren Pfaden, teils aber auch über Geröll oder quer durch die Büsche. Denn das ist eines der Charakteristika des Lebanon Mountain Trail, einem Höhenwanderweg vom äußersten Norden bis in den Süden des Libanon, dessen 7. Etappe wir vor uns hatten: Man muss die Wege schon kennen, sonst ist man verloren. Irgendwie wollen die lokalen Ortkundigen schließlich ihr Geld verdienen. Insofern hat man vom Ausbau der Wanderwege beziehungsweise ihrer genauen Markierung weitgehend Abstand genommen.

 

Die Bäche murmeln viel versprechend, ein leichter Wind rauscht durch die Bäume, Vögel zwitschern, auf dem Waldboden und in den Wiesen blühen wilde Annemonen, Veilchen und Kamillenblumen. Purer Genuss! Vor allem wenn man aus dem lauten und hektischen Beirut kommt. Die zahlreichen Mönche und Nonnen, die sich hier niedergelassen haben, haben eine gute Wahl getroffen. Daneben gibt es allerdings noch ein paar andere heilige Männer, die man in Europa eher selten antrifft: Eremiten.

Nach einem besonders steilen Anstieg treten wir durch ein eisernes Tor. Dahinter befinden sich auf dem Steilhang abgetrotzten Erdterrassen ein paar Obstbäume sowie Tomaten und Kartoffelpflanzen. Nur ein paar in den Fels gehauene Stufen trennen uns nun von der winzigen Wohnstätte des kolumbianischen Einsiedlers Paolo Escobar. An seiner Tür steht auf Arabisch: Bitte nicht stören, ich meditiere. Also treten wir durch ein knarrendes Tor in eine kleine Kapelle. Dass es hier nach Weihrauch riecht, hätte ich fast erwartet. Aber dass mir hier warme Heizungsluft entgegenschlägt, das hat mich dann doch überrascht.

Nun darf man natürlich fragen, warum sollte sich ein Eremit im Winter die Finger abfrieren, ist ja auch nur ein Mensch. Aber diese beiden elektrischen Heizkörper an jedem Ende der Kapelle haben mich doch verdutzt. In einer Ecke, nahe der Heizung versteht sich, steht Escobars Schreibtisch mit diversen Leselampen, zahlreichen Büchern und Notizblöcken. Hier studiert er also. Böse Zungen behaupten sogar, der 75jährige Kolumbianer habe in seiner Bleibe einen Laptop versteckt, von dem aus er ein kleines Drogenimperium leite. Aber das glaube ich nicht.

Der freundliche Mann in brauner Kutte, dessen langer Bart zittert, wenn er redet, schüttelt uns wenig später draußen die Hände und heißt uns willkommen. „Für mich ist dies das Paradies“, sagt er mit einem schelmischen Lächeln. Er sei hierher gekommen, um in Stille zu arbeiten und Gott nahe zu sein. „Normalerweise rede ich mit niemandem, aber heute mache ich eine Ausnahme.“ Wie oft er diese Ausnahme macht, möchte ich nicht wissen. Aber lieber ein freundlicher Eremit als ein verknöcherter. Angesichts der Tatsache, dass er da oben in den Bergen Strom und eine gut beheizte Höhle mit einer traumhaften Aussicht hat, könnte ich mir sogar einen (sehr) befristeten Wohnungstausch vorstellen. Bei den Büchern hätte ich wahrscheinlich andere Präferenzen. Aber ich habe mich nicht getraut, ihm das vorzuschlagen.  

 

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