Frühkindliche Erziehung in der Manege

Spanien kommt aus der Bluthochdruckzone gar nicht mehr raus. Ein Skandal jagt den anderen, Oberthema: Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Klingt schrecklich langweilig, ist aber ein echter Aufreger, zumindest wenn die Protagonisten ein Stierkämpfer und eine Podemos-Abgeordnete sind.
Fran Rivera, genannt Paquirri, hat ein Foto von sich und seiner jüngsten Tochter gepostet. Es zeigt ihn beim Training, in der heimischen Arena, mit einer Jungkuh, und zwar in dieser Pose:

Daneben der Text: “Carmens Debüt – Sie gehört zur fünften Generation einer Stierkämpferfamilie. Mein Großvater zeigte das gleiche meinem Vater, mein Vater mir, ich meinen beiden Töchtern…”
Innerhalb weniger Stunden war die Debattennation zweigeteilt, in den Talkshows liefen die Mikrofone heiß, Verfechter (“Tradition”, “Weitergabe von Werten”) und Gegner (“Angeber”, “unverantwortlich”, “Tierquälerei”) warfen sich alle Nettigkeiten zwischen “Banause” und “Mörder” an den Kopf. Und natürlich wurde sogleich die Parallele zu diesem Skandal gezogen:

Podemos-Abgeordnete Carolina Bescansa hatte doch tatsächlich zur ersten Parlamentssitzung ihr Baby mitgebracht. Die Parlamentspräsidentin höchstpersönlich wies die Neue darauf hin, dass es auch eine KiTa im Parlament gäbe und ließ sich dann lang und breit in einer Talkshow darüber aus, ob ein “geschlossener Raum mit 400 Erwachsenen” tatsächlich das richtige Ambiente für einen Säugling wäre. Auch da verliefen tiefe Fronten zwischen Befürwortern (“Biologie ergo Mutter-Kind-Bindung”, “Zeichen setzen für arbeitende Eltern”) und Gegnern (“Populismus”, “unverantwortlich”). Man könnte jetzt lang und breit tatsächliche und mutmaßliche Gesundheitsrisiken für die jeweiligen Säuglinge analysieren oder untersuchen, wo denn nun genau die diskursiven Unterschiede zwischen Tradition/Biologie einerseits und Populismus/Angeberei einerseits liegen, interessant bei der Debatte ist, dass diejenigen, die sich über Bescansas Baby echauffierten Paquirris Baby beklatschen. Und umgekehrt natürlich.
Eine ganz ähnliche Debatte gab es übrigens zum Oberthema Angemessene Bekleidung.

Standortvorteil “Verbuschung”

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schon längst über die katalanischen Wahlen geschrieben haben, aber ich kam bisher nicht dazu, weil ich mit den Nachwehen eines zum Politikum gewordenen Interviews beschäftigt war. Ein ARD-Kollege und ich haben uns am Freitag vor der Wahl mit Oriol Amat, Wirtschaftsprofessor und Nummer 7 der separatistischen Junts pel Si-Liste getroffen. Ursprünglich sollte es um mögliche wirtschaftliche Konsequenzen einer Sezession gehen, das Interview mit dem Experten der Gegenseite war bereits geführt. Aber schon bald sprachen wir von möglichen Szenarien nach einem Regierungswechsel in Spanien. Als ein sehr wahrscheinliches Szenario schien Amat ein Madrider Angebot zu Verhandlungen um ein neues Autonomiestatut. Dass eine solche Offerte von den Katalanen angenommen würde, schien ihm nicht ausgeschlossen. Ich war überrascht: Seit Jahren demonstrieren regelmäßig Hunderttausende für einen „eigenen Staat“, die „In-, Inde-, Independencia“-Rufe sind fester Bestandteil der politischen Folklore und in jedem zweiten Interview beschwören Politiker, „es gebe keinen Weg zurück“. Zwei Tage vor der „plebiszitären“ Wahl ein Autonomiestatut als mögliche Lösung zu präsentieren (immer als Gedankenspiel und unter der Prämisse, diese von den Katalanen noch einmal ratifizieren zu lassen) ist etwa so, als lasse man Sprinter monatelang im Hochland für Olympia trainieren, nur um sie dann zur Bushaltestelle rennen zu lassen. Ich fragte nach. Zwei, drei Mal. Amat blieb dabei.

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Was der Wirtschaftsprofessor da sagte, bestätigte, was viele internationale Beobachter vermuten: dass es innerhalb der heterogenen Junts pel Si-Liste Differenzen über Weg und Ziel gibt, dass der Minimalkonsens nicht Unabhängigkeit um jeden Preis, sondern Verhandlungen mit Madrid und Brüssel sind. Vom Gezerre um Freigabe des Gesamtinterviews (einen Tweet hatte ich unmittelbar nach Interview abgesetzt), vom Druck und den widersprüchlichen Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gingen, von der Unterstützung durch die Kollegen vor Ort und vom Círculo de Corresponsales www.corresponsales.org, erzähle ich gern mal an anderer Stelle. Samstag Nachmittag packte ich einen Ausschnitt aus dem Interview auf Soundcloud, die Online-Zeitung Eldiario.es brachte die Geschichte, El País, La Vanguardia, Antena 3 und ein gefühltes halbes Dutzend anderer Medien nahmen das Thema auf, die beiden Unabhängigkeitslisten veröffentlichten Kommuniqués. Natürlich schmeicheln solche 15 Minuten Ruhm dem journalistischen Ego, wesentlicher ist für mich eine andere Erkenntnis: Freie Korrespondenten haben einen Standortvorteil. Wir sind meist lange genug in einem Land, um auch die Zwischentöne einer Debatte zu verstehen. Auch wenn sich die Relevanz davon dem mit dem gesamten Weltgeschehen beschäftigten Redakteur am Newsdesk nicht sofort erschließt, ist das unser großes Kapital. Und unverzichtbar, wenn es um Analyse, Interpretation, um Hintergrund geht. Das hoffe ich zumindest.

Psssssst! Der König ist…

Spaniens König dankt ab – und kurz darauf kündigen acht spanische Karrikaturisten ihren Job. Nicht, weil ihnen ihr Lieblingssujet und somit die Inspiration abhanden gekommen ist, sondern aus Protest: Ihr Arbeitgeber, der Verlag RBA, hatte 60.000 frisch gedruckte Exemplare der Satire-Zeitschrift El Jueves einstampfen lassen, weil auf dem Cover der royale Rentner zu sehen war, wie er seinem Sohn eine ramponierte Krone überreicht.

 

El Jueves Rey

Gemessen am Skandalpotenzial des Königshauses (Elefantenjagd, Corinna-Affäre, Steuerhinterziehung, Korruptionsverdacht und derzeitige Sympathie-Werte von 3,72 auf eine Skala von 1 bis 10)  eigentlich ziemlich harmlos. Dem Verlag aber stank die Karrikatur gewaltig. “Setzt auf keinen Fall den König auf den Titel”, soll die Verlagsleitung die Redaktion angewiesen haben. Die leistete Folge – und fast alle Stammautoren des Blattes gingen.

Schon erstaunlich: Jeder journalistische Instinkt gebietet, das Top-Ereignis der Woche an herausragender Stelle zu würdigen. Dem Verlag RBA aber galt es als Faux-Pas. Und nicht nur dem. In Spaniens Medienlandschaft greift dieser Tage ein Reflex, der schon überwunden schien: Bloss nix Schlechtes über JuanCa, bloss nix gegens Könighaus…

Dass bereits am Abend der Abdankung  in allen grösseren spanischen Städten Zehntausende Spanier die Abschaffung der Monarchie forderten, war den grossen (Print-)Tageszeitungen und staatlichen Rundfunkanstalten nur eine Randnotiz wert. Ein Königshaus-Experte hatte in einer der vielen Talkrunden schon einmal vorausschauend geurteilt, es gäbe jetzt bestimmt viele Bürger, die im Überschwang der Gefühle Dinge sagten (z. B. “España mañana será republicana”  “Morgen ist Spanien republikanisch”) und täten (z. B. demonstrieren und oben genannten Sprechchor anstimmen), die sie eigentlich gar nicht dächten oder wollten. Wer so allwissende Analysten hat, braucht auch keinen Beichtvater mehr.

Ach ja, schon einmal war ein königliches El-Jueves-Cover zensiert worden. 2007 waren auf dem Titel Kronprinz Felipe und Letizia beim Zeugungsakt zu sehen, es ging um das frisch eingeführte (und längst wieder abgeschaffte) Kindergeld. Damals hatte ein Richter darin eine “Ehrverletzung” gesehen und die Auflage beschlagnahmen lassen. So viel Brimborium war diesmal gar nicht nötig. Selbstzensur ist ja so effektiv. Und dazu noch Kosten sparend.

 

 

Advent, Advent…

Im Supermarkt habe ich neulich eine spanische Adaption des Adventskalender entdeckt. Der hilft wie das deutsche Pendant beim Überbrücken der Wartezeit, allerdings nicht auf Christkind respektive Weihnachtsmann, sondern auf die heiligen drei Könige, die in Spanien traditionell die Geschenke bringen – und hat folgedessen nur 12 Türchen: von Heiligabend bis zum 6. Januar.

 

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Gefüllt ist er nicht mit Süssigkeiten, sondern – thematisch zu den morgenländischen Weihrauch- und Myrrhe-Überbringern passend – mit Parfümproben und “andere Überraschungen”. Jede Wette, dass die auch so augenschmerzend genderspezifisch ausfallen wie die Verpackungen. A propos: Nach was duftet eigentlich Hulk?

 

 

 

Universum im Abflussrohr

In Spanien über Handwerker zu schimpfen ist ungefähr so originell wie sich in Deutschland über die Verspätungen der Bahn zu echauffieren. Zeit also für eine Ehrenrettung: Spanischen Handwerkern verdanke ich wesentliche Erkenntnisse über Sprache und Weltanschauung.

Die Sachlage: Wir haben seit einem Jahr ein Zimmer mit einer feuchten Wand. Seit genau so langer Zeit bemühen wir uns, unsere Vermieterin zur Lösung dieses Problems zu bewegen. Neulich tropfte es auch im Supermarkt unter uns auf die Kasse. Und so hatten wir innerhalb weniger Wochen das Vergnügen mit gleich vier (4!) Handwerkern.

Die ersten schickte die Vermieterin. “Son de confianza”, Vertrauensleute also. Ich interpretierte das als “Denen kannst du vertrauen”. Meine Vermieterin wollte damit aber lediglich zu erkennen geben, dass es ihre Vertrauten waren: vermutlich Kumpel ihres erwachsenen Sohnes, die sich ein Zubrot verdienen wollten. Hochmotiviert klopften die beiden im Bad Kacheln ab, wickelten etwas um die tropfende Kupferleitung und begannen am gleichen Nachmittag im Nebenzimmer Gips auf die feuchte Wand zu spachteln und dann darüber zu pinseln.

Auf mein schüchtern hervorgebrachtes “Sollte das nicht zuerst trocknen? Und was ist mit der Grundierung?” entgegnete man mir, die “Señora” solle sich keine Sorgen machen, man werde das Zimmer “to’ guapo, to’ guapo” hinterlassen (was mit “tip-top” nur unzureichend übersetzt ist). Tatsächlich hatte ich am nächsten Tag eine originell gestaltete Wand, reliefartig weissgelb, hellbraun gesprengelt. Glatt weiss ist für Spiesser!

Da das Wandrelief in den nächsten Wochen wieder in Bewegung geriet und sich schliesslich auf Rohrhöhe auflöste, riefen wir wieder an, diesmal nicht bei der Vermieterin, sondern bei der Hausverwaltung, die uns den “offiziellen Handwerker des Gebäudes” schickte. Der machte uns mit einem der schönsten Worte der spanischen Sprache bekannt: “Esto es una chapuza”. Das heisst so viel Schlamperei, Murks, Pfusch, ist aber weniger negativ behaftet, da “chapuza” streng genommen nichts weiter ist als eine zwangsläufige Transformation von “arreglo” (so viel wie “schnelle Reparatur”), und einen “arreglo” hatte der erste Handwerker gemacht. Da half jetzt nur eine gründliche Reparatur, und die kostete ihre Zeit. Wir lebten tagelang in einer offenen WG mit Handwerkern, die Farbe abspachtelten, Kacheln abklopfen, Rohre verschweissten. Manchmal sang ich leise “cha-pu-za, cha-pu-za” vor mich hin – das Wort tröstete mich als melodiöser Ohrenschmeichler über den Dreck und das zu Unzeiten abgestellte Wasser hinweg.

Diesmal wurde auch nicht sofort gestrichen, da aber auch nichts trocknete, kam drei Wochen später ein anderer, von Hausverwaltung und Vermieterin gemeinsam bestellter Handwerker vorbei. Er sei der Chef, wurde uns gesagt. Der Chef ging ins Bad, klopfte drei Mal melancholisch gegen die Kacheln, ging in das Zimmer mit der feuchten Wand, seufzte tief, ging dann in den Innenhof, wo er den Kopf in den Nacken legte und den Blick das Rohrgewirr im Lichschacht emporwandern liess. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: “Esto es un universo” – “Das ist ein Universum!”. Er packte seinen Werkzeugkoffer zusammen, drückte uns die Hand und ging. Für immer.

Ich war erschüttert: Ein Universum im Abflussrohr! Die Welt als Rohrsystem! Auf so eine Metapher muss man erst einmal kommen. Und dann dieser Abgang! Würdevoller kann man vor der Ausweglosigkeit des Lebens nicht kapitulieren.Spanische Handwerker sind die letzten grossen Poeten der Post-Postmoderne.

Ach ja, das Problem mit der tropfenden Wasserleitung haben dann keine spanischen Handwerker, sondern “manitas”, wörtlich “Händchen”, gelöst: zwei Ecuadorianer ohne “offiziellen Titel”, die das defekte Rohrstück durch ein neues ersetzten. Prosaisch, aber effizient.

Mit Kleister und Trillerpfeife

Überlebensgrosse Portraits von Menschen, die kurz vor dem Verlust ihrer Wohnung stehen, Trillerpfeifenkonzerte und eine Postkartenaktion, bei der sich jeder Passant persönlich für einen “Hypothekengeschädigten” einsetzen konnte: So haben letzte Woche in Barcelona Hunderte gegen Zwangsräumungen und die schuldnerfeindliche Bankengesetze protestiert, hier vor der Zentrale der Sparkasse Caixa Catalunya.

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Spanien hält einen traurigen Rekord: Über 126.000 Zwangsvollstreckungen wegen nicht bedienter Kredite wurden im letzten Jahr verhängt. Und wer aus seiner Wohnung geworfen wird, ist deswegen noch lange nicht schuldenfrei. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern wird die Schuld in Spanien nicht dadurch getilgt, dass die Wohnung an die Bank zurückfällt. Nachdem im letzten Jahr eine Reihe von Selbstmorden die Öffentlichkeit erschütterte, hat die Regierung Rajoy Zwangsräumungen in besonders prekären Fällen zwar gestoppt, an der Situation an sich hat sich allerdings kaum etwas geändert.

Die landesweiten “Plattformen der Hypothekengeschädigten” (P.A.H., Plataforma de Afectados por la hipteca) haben daher für kommende Woche zu Protesten aufgerufen. Am 24. Januar wollen Vertreter dem Parlament 750.000 Unterschriften für eine Gesetzesänderung übergeben, für den 16. Februar sind Grossdemonstrationen geplant.

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Zumindest die Plakataktionen scheinen ihr Ziel zu erreichen: Nachdem vor einer anderen Filiale wochenlang das Portrait eines Schuldners prankte und Aktivisten unter den Passanten Postkarten mit der Kurzfassung seines Falls verteilten, rückte die Bank von der Zwangsvollstreckung ab und hat die Rahmenbedingugnen des Kredits geändert. Die Plakatkampagne ist eine Initiative des Künstlerkollektivs Enmedio, über dessen Arbeit ich am Sonntag im Neonlicht von Deutschlandradio Kultur berichte.

 

Vorsicht Korrespondenten – bitte nicht füttern!

Heute der Generalstreik, nächste Woche die Parlamentswahlen: Katalonien steht zur Zeit etwas mehr im Interesse der Weltöffentlichkeit als normalerweise. Und das goutiert man sehr. Denn für fast nichts interessiert man sich hier so sehr wie über die veröffentliche Weltmeinung. Artikel in der Financial Times oder der New York Times werden breit rezipiert und intensiv diskutiert und das gute Dutzend internationaler Korrespondenten mit Sitz in Barcelona wird immer vors Mikro gebeten und auf Tertulias, diese ausufernden und lautstarken Diskussionsrunden, eingeladen. Allein in der letzten Woche hatte ich drei Interviewanfragen und eine Einladung auf eine Podiumsdiskussion. Die Fragen sind immer die gleichen: Was halten die Deutschen/Franzosen/Engländer von Kataloniens Unabhängigkeitsbestrebungen? Wie sehen sie uns als Volk? Glauben sie, dass wir auch als eigenständige Nation in der EU bleiben werden? Die Antworten sind natürlich bestenfalls spekulativ. Und da ich finde, dass meine persönliche Meinung über Unabhängigkeitsbestrebungen nichts zur Sache tut, sage ich immer häufiger ab, Ego-Schmeichelei hin, Ego-Schmeichelei her.
Auf der anderen Seite dagegen scheint unser Korrespondentenblick überhaupt nicht zu interessieren. Seit Wochen bemühen sich die hier ansässigen internationalen Journalisten um einen Termin mit Artur Mas, dem katalanischen Ministerpräsidenten. Zu voller Terminkalender, keine Chance.
Umso ärgerlicher dann zu lesen, dass die katalanische Regionalregierung Pressereisen für in Deutschland ansässige Journalisten organisiert, zu denen natürlich auf Gespräche mit dem Ministerpräsidenten gehören. In Madrid, so erzählten mir Kollegen, verfährt man ähnlich: Auch dort bemühen sich die Korrespondenten seit Wochen, gar Monaten um Interviewtermine mit diversen Ministern, auch dort lädt die Regierung lieber nach Gutdünken in Deutschland ansässige Politik- und Wirtschaftsredakteure zu Pressereisen und persönlichen Gesprächen ein.
Man muss keine Verschwörungstheoretikerin sein, um dahinter System zu wittern: Verspricht sich die katalanische/spanische Regierung davon, ihre Version der Dinge ungefiltert publiziert zu bekommen? Ohne den von Jahren Landeserfahrung “verstellten” Korrespondentenblick sozusagen? Ich zweifle nicht an der Kompetenz der deutschen Kollegen, solche Manöver zu durchschauen und objektiv zu berichten. Aber es ärgert mich, als Kollektiv so übergangen zu werden.
Vielleicht sollte man solche Manöver als indirektes Kompliment an unsere unbestechliche, kritische Arbeit werden. Ein schwacher Trost.

Agit Prop auf Spanisch

Mit leerem Einkaufswagen in den Supermarkt rein, den Karren mit Nudeln, Reis, Bohnen, Speiseöl vollgepackt, und dann wieder raus – ohne an der Kasse halt zu machen, versteht sich und natürlich begleitet von diversen Kameras.In den andalusischen Städtchen Ecija und Arcos de la Frontera haben zwei Dutzend Aktivisten im mittelgroßem Stil Nahrungsmittel entwendet, um sie dann an bedürftige Familien bzw. das Rote Kreuz und andere Sozialeinrichtungen zu verteilen. An vorderster Stelle dabei: der Bürgermeister von Marinaleda und Abgeordnete der Linkspartei IU Juan Manuel Sánchez Gordillo.

In einem Land, in dem laut einer Studie der Caritas-Stiftung FOESSA inzwischen 22 Prozent der Familien unterhalb der Armutsgrenze leben, sorgt eine solche Aktion natürlich für Aufsehen: Politiker jeder Couleur fordern strafrechtliche Konsequenzen, die Kommentare in den Internetforen sind überwiegend positiv – und zwar in Medien der Rechten und Linken.

El País sieht eine neue Ära des künstlerischen Protests heraufziehen und verglich die Aktion mit Performances der Flamencogruppe Flo6x8, die flashmobartig Bankfilialen überfallen und dort den Betrieb mit Gesang- und Tanzeinlagen durcheinander wirbeln (zum Beispiel so). Tatsächlich gibt es (nicht erst seit den Protesten der „Empörten“) inzwischen eine ganze Menge Kunstinitiativen, die Gesellschaftskritik mit Revolte-Chic und kunsttheoretisch fundiertem Aktionismus kombinieren, unter anderem das barcelonesische Kollektiv Enmedio (ein Bericht von mir dazu hier).
Doch die Supermarktplünderungen haben eine andere Qualität, finde ich. Die Gewerkschafter haben vor dem Ausflug zum Supermarkt vermutlich keine Kunsttheorie gebüffelt, sondern haben etwas Naheliegendes getan: Natürlich ist im Krisenspanien noch niemand verhungert, aber die Schlangen vor den Suppenküchen haben sich verdoppelt; „Mülltaucher“, die die Tonnen vor den Supermärkten auf Essbares durchsuchen, sind in vielen spanischen Städten ein Alltagsphänomen. Man mag Aktionen wie die Supermarktplünderungen populistisch und politisch kurzatmig finden oder sie auch als organisierten Diebstahl kritisieren, aber das Ganze als Performance abzutun,damit macht man es sich etwas zu einfach…

Mama Merkel

Meine Nachbarin begrüßt mich seit ein paar Tagen mit “Hallo Angela”. Der Grund: Dank der unvermeidlichen lautverstärkenden Funktion des spanischen Lichthofes bekommt die gesamte Nachbarschaft mit, wie ich versuche, ein Krabbelkind am Chaos stiften zu hindern. Und, leider, ähnelt meine Strategie der der deutschen Bundeskanzlerin: permanentes Nein sagen. Angela sagt Nein zu Euro-Bonds. Ich sage Nein zum Mülltonne ausräumen. Angela sagt: Nein, prinzipiell keine Abkehr vom Sparkurs. Ich sage: Nein, nicht das Handy ins Klo werfen. Der Unterschied: Merkels Wort hat Gewicht, meins nicht.

Tatsächlich ist die Frau im Krisen-Spanien omnipräsent. Kein Titelblatt, von dem nicht ihr Name prangt. Keine Nachrichtensendung, die ohne sie auskommt. In den Redaktionen stehen Spezialisten bereit, die jede neue Wendung deutscher Euro-Politik analysieren und kommentieren. Manchmal hat man den Eindruck, dass spanische Politik nicht in Madrid, sondern in Berlin gemacht wird.

Kein Wunder, dass inzwischen die ersten Ermüdungserscheinungen auftreten. Kein Wunder, dass das inzwischen zu erheblichen Ermüdungserscheinungen führt. Er leide unter „Ale-manía“, unter Deutschland-Manie, bekannte der Kolumnist Suso de Toro kürzlich in der katalanischen Zeitung La Vanguardia: Seine einstige Bewunderung für das Land verwandle sich langsam in eine Phobie.

Er ist nicht der einzige, der gegen Mama Merkel aufmüpft. Die Gratis-Zeitung Qué versucht es auf die Ätsch-Bätsch-Tour: „Merkel, Berlin hat keinen Strand“ titelte sie triumphierend über ein idyllisches Strandfoto. Die Rückbesinnung auf touristische Primärtugenden kommt nicht von ungefähr: Das Vertrauen in das Finanzsystem (Bankia steht vor dem Bankrott und unter dem Verdacht Bilanzen gefälscht zu haben), die Justiz (der Chef des Obersten Gerichtshofes verprasst Steuergelder auf Vergnügungsreisen und wundert sich über die Empörung) und die Politik (Amnestie für Steuersünder, Steuererhöhung für alle anderen) mag erschüttert sein, aber wenigstens aufs Wetter kann man sich verlassen. Und wem das zur Hebung des nationalen Selbstbewusstseins zu wenig ist, der hofft auf die EM.

Krisenalltag

Die Krise schlägt den Spaniern auf den Magen. Die alte Hausfrauenkost ist plötzlich wieder in. Schluss mit feiner exotischer Küche, die in Spanien schon auf der anderen Seite der Pyrenäen beginnt. “El garbanzo”, die Kichererbse, und die Kroketten sind zurück. Die Presse würdigt diesen Wandel: Ein der großen Tageszeitungen, El Mundo, widmete der schwerverdaulichen Hülsenfrucht aus der die Spanier ihren berühmten Eintopf, “el cocido”, und andere deftige Gerichte fabrizieren, ein ganzes Sonntagsmagazin. Auch andere Hülsenfrüchte, wie Linsen und Bohnen finden wieder immer öfter den Weg auf den Tisch. Und die kostenlos verteilte 20minutos veröffentlichte eine Ode auf die Kroketten.

Die spanischen “croquetas” sind nicht mit den fritierten französischen oder deutschen Kartoffelpureebällchen zu verwechseln. Sie haben die gleiche Form sind allerdings wesentlich größer und werden aus einer dicken Bechamelmasse gemacht, die ihren Geschmack durch zuvor völlig ausgekochtem Hühnerfleisch, Gambas oder ganz einfach Reste des Bratens vom Vortag erhalten. Wo Schmalhans Küchenmeister ist, büßt allerdings der Geschmack. Denn in Zeiten der Krise verbannen viele Spanier das so gesunde und aromatische Olivenöl und ersetzten es durch … richtig befürchtet … durch Sonnenblumenöl.Von den sich wandelnden Essgewohnheiten wissen auch die Müllmänner zu berichten. Die Tonnen wiegen knapp ein Zehntel weniger als vor der Krise. Denn je einfacher die Produkte, umso weniger Verpackungsmüll fällt an.Auch die Wohnungseinrichtung leidet. Eines der unnötigsten Haushaltsgeräte hat Absatzprobleme. Es werden 40 Prozent weniger Wäschetrockner verkauft. Die Spanier erinnern sich plötzlich wieder an die gute alte Wäscheleine. Da es selten regnet und die Temperaturen fast das ganze Jahr über ihren Dienst tun, kommt die Wäsche wieder auf den Hinterhof. Vorbei sind die modernen Zeiten, in denen unnötig Strom verbraucht wurde.

Auch die Krankenhäuser haben plötzlich weniger zu tun. Wie bereits in den USA beobachtet, gehen jetzt auch in Spanien die Verkehrsunfälle zurück. Die Krise erreicht das, was weder durch ständig härtere Strafen und noch durch ein Punktesystem beim Führerschein gelang. Die Spanier fahren weniger und vor allem langsamer. Denn der Sprit ist teuer. Der Benzin- und Dieselkonsum geht deutlich zurück und es werden kaum noch Neuwagen verkauft.

Auch das Zwischenmenschliche scheint sich dank der Krise zu verändern. Immer weniger Paare lassen sich scheiden. Und das obwohl erst 2007 ein neues, schnelleres Scheidungsverfahren eingeführt wurde. Doch in Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit auf Rekordquoten steigt, ist eine Wohnung schon fast unbezahlbar, ganz zu schweigen von zweien. Als wäre dies nicht schon Strafe genug, muss das zerrüttete Paar jetzt auch noch enger zusammenrücken. Mehr als ein Fünftel der Kids, die sich mühsam von Mama und Papa emanzipiert hatten, kehren nach Hause zurück.

Nur ein Produkt erfreut sich eines ständig steigenden Absatzes: Der Lippenstift. Damit soll wohl die die Frustration übermalt werden. Und so manche möchte mit einem schönen Rot auch ihren Arbeitsplatzes sichern. Denn eine Statistik zeigt, dass attraktive Frauen leichter Arbeit finden bzw. später gekündigt werden, als ihre weniger hübschen Geschlechtsgenossinnen.