{"id":117707,"date":"2024-05-29T01:19:36","date_gmt":"2024-05-29T00:19:36","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=117707"},"modified":"2024-05-29T01:19:36","modified_gmt":"2024-05-29T00:19:36","slug":"test-arbeitsprobe-5","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/test-arbeitsprobe-5\/","title":{"rendered":"Auch Gute k\u00f6nnen zu viel sein"},"content":{"rendered":"<section id=\"seite-1\" class=\"article-page\" data-page-number=\"1\" data-restricted-access=\"\">\n<p class=\"paragraph article__item\">Ich bin in den Castro gezogen, das schwule Szeneviertel in San Francisco. Die Zebrastreifen schillern bunt, \u00fcberall M\u00e4nnerp\u00e4rchen Hand in Hand, die \u00f6ffentliche B\u00fccherei ist nach dem Schwulenaktivisten Harvey Milk benannt und \u00fcber dem Viertel weht eine riesige Regenbogenfahne.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Am Ende meiner Stra\u00dfe steht ein Stoppschild. Unter das\u00a0<em>stop<\/em>\u00a0haben Unbekannte einen Aufkleber geklebt:\u00a0<em>the tech takeover.\u00a0<\/em>Sinngem\u00e4\u00df: Stoppt die \u00dcbernahme durch das\u00a0Silicon Valley. Der Castro und der benachbarte Mission District sind das Haupteinfallstor f\u00fcr die Mitarbeiter der gro\u00dfen Tech-Firmen, die lieber in der Stadt wohnen als im gesichtslosen Valley, oder deren Firma \u2013 nach dem Vorbild von Twitter \u2013 ihr Hauptquartier gleich in die Stadt verlegt hat.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Geh\u00f6re ich zu diesem\u00a0<em>takeover?<\/em>\u00a0Bin ich Opfer oder T\u00e4ter? Die Miete hier ist doppelt so hoch wie in guter Lage in Hamburg oder M\u00fcnchen, ich zahle sie nur st\u00f6hnend \u2013 aber ich zahle sie, die alteingesessenen Bewohner k\u00f6nnten es nicht.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Antwort erhoffe ich mir von Erick Arguello. Er ist 55, wuchs in der 24. Stra\u00dfe in der Mission auf, wo in den sechziger Jahren Santana und Malo den Latin Rock erfanden. Heute leitet er die B\u00fcrgerinitiative der \u00f6rtlichen H\u00e4ndler, die um ihre Zukunft f\u00fcrchten. Geh\u00f6re ich zu den Leuten, die ihr bek\u00e4mpft? &#8220;Das Problem ist, dass Tausende von deiner Sorte kommen&#8221;, sagt Arguello. &#8220;Der Wandel, der im Moment passiert, ist einfach zu schnell.&#8221;<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\"><strong>\u00dcbernahme durch eine neue Oberschicht<\/strong><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Internationale Schlagzeilen machte das Viertel im vergangenen Jahr, als Anwohner\u00a0gegen die Busse von Google und anderen Tech-Firmen protestierten. Die wei\u00dfen Unget\u00fcme holten die Mitarbeiter ihrer Firmen in der Stadt ab, damit sie hinter verdunkelten Scheiben auf dem Weg zum B\u00fcro schon mit der Arbeit anfangen konnten. &#8220;Die hielten an \u00f6ffentlichen Haltestellen und zahlten keine Geb\u00fchren&#8221;, sagt Arguello. &#8220;Wenn wir dort unser Auto parken, kostet es 225 Dollar Strafe.&#8221; Gegen einen Bus h\u00e4tte niemand etwas gehabt, aber die Monster besetzten den \u00f6ffentlichen Raum. Es gab Protestblockaden, Tech-Mitarbeiter wurden angegriffen, verbal und t\u00e4tlich.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Heute zahlen die Firmen f\u00fcr die Busse eine bescheidene Geb\u00fchr, aber damit ist das Problem nicht aus der Welt. Arguello und seine Mitstreiter f\u00fcrchten, dass ihr Viertel Stra\u00dfe f\u00fcr Stra\u00dfe von der neuen Oberschicht \u00fcbernommen wird. Ein Beispiel ist die Valencia Street: Freunde hatten mir diese Attraktionen in der Mission fr\u00fch empfohlen. &#8220;Wenn du da an einem Ende anf\u00e4ngst Restaurants auszuprobieren&#8221;, hatte einer gesagt, &#8220;und am anderen Ende ankommst, dann haben vorne schon wieder die tollsten neuen aufgemacht.&#8221;<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Kann es denn keine Koexistenz geben \u2013\u00a0die edle Fressmeile f\u00fcr die, die es sich leisten k\u00f6nnen, und der Gem\u00fcseh\u00e4ndler ist zwei Stra\u00dfen weiter? &#8220;So l\u00e4uft das nicht&#8221;, sagt Arguello, &#8220;die ziehen immer weiter. Jetzt wollen sie die 24th Street, weil Valencia schon voll ist und au\u00dferdem l\u00e4ngst zu teuer.&#8221;<\/p>\n<\/section>\n<section id=\"seite-2\" class=\"article-page\" data-page-number=\"2\" data-restricted-access=\"\">\n<h2 class=\"article__subheading article__item\">Zu teuer oder gutes Gesch\u00e4ft?<\/h2>\n<figure class=\"article__media article__item article__item--wide article__item--rimless article__item--apart scaled-image variant variant--wide\" data-ct-block=\"image\">\n<div class=\"article__media-container \"><img decoding=\"async\" class=\"article__media-item\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/wirtschaft\/2015-05\/san-francisco-gentrifizierung-mission-strasse.jpg\/imagegroup\/wide__820x461__desktop__scale_2\" alt=\"\" data-alt=\"\" data-src=\"https:\/\/img.zeit.de\/wirtschaft\/2015-05\/san-francisco-gentrifizierung-mission-strasse.jpg\/imagegroup\/wide\" data-ratio=\"1.77777777778\" data-source=\"https:\/\/img.zeit.de\/wirtschaft\/2015-05\/san-francisco-gentrifizierung-mission-strasse.jpg\/imagegroup\/wide__820x461__desktop__scale_2\" data-observed=\"false\" \/><\/div><figcaption class=\"figure__caption \"><span class=\"figure__text\">Im Mission District in San Francisco<\/span>\u00a0<span class=\"figure__copyright\">\u00a9\u00a0Christoph Dr\u00f6sser<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"paragraph article__item\">Bringen die Neuank\u00f6mmlinge mit ihrem Geld den alteingesessenen H\u00e4ndlern wenigstens ein gutes Gesch\u00e4ft? &#8220;Sollte man meinen&#8221;, sagt Arguello und lacht. &#8220;Aber die kaufen nicht beim H\u00e4ndler um die Ecke, die gehen zu Whole Foods, zu Trader Joe\u2019s, zu Safeway. Und die \u00f6rtlichen H\u00e4ndler haben die H\u00e4lfte ihrer Kundschaft verloren.&#8221; Das sa\u00df. Er hat genau die L\u00e4den benannt, wo Neuank\u00f6mmlinge aus Bequemlichkeit hingehen, weil dort der Wocheneinkauf schnell und effektiv erledigt ist.<\/p>\n<div class=\"iqdcontainer\" data-placement=\"pos_3\" data-device=\"desktop\">\n<div id=\"iqadtile4\" class=\"iqlabel iqlabel-left iqlabel-stdtxt iqadtile-space-tb iqdad\" data-placement=\"pos_3\" data-google-query-id=\"CO-eufvKsYYDFVC5jggdOjUAsg\">\n<div id=\"google_ads_iframe_\/183,22435916831\/zeitonline\/wirtschaft\/artikel_5__container__\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"iqdcontainer\" data-placement=\"pos_3\" data-device=\"mobile\"><\/div>\n<p class=\"paragraph article__item\"><strong>Italienisch, irisch, latino<\/strong><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Wie viele Stadtteile von San Francisco hat auch die Mission eine ethnisch vielf\u00e4ltige Geschichte. Sie war immer ein Stadtteil der kleinen Leute, wurde urspr\u00fcnglich von italienisch- und irischst\u00e4mmigen Amerikanern bewohnt. Nach dem zweiten Weltkrieg zogen viele von ihnen mit staatlicher F\u00f6rderung in die Vorst\u00e4dte, um ihre Version des amerikanischen Traums dort zu leben. Latinos zogen ein \u2013 Neuank\u00f6mmlinge aus Mittelamerika, aber auch eingesessene Bewohner, die andere Stadtviertel verlassen mussten, weil dort Stra\u00dfentunnel oder Br\u00fccken gebaut wurden.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Das Latino-Viertel war kein Idyll, in den neunziger Jahren gab es Probleme mit Bandenkriminalit\u00e4t. Es bildeten sich lokale Initiativen, um die Lebensqualit\u00e4t zu verbessern: H\u00e4user wurden repariert, Parks angelegt, der Verkehr gebremst, Wandgem\u00e4lde gesch\u00fctzt. Auch Arguello hat bei den B\u00fcrgerinitiativen mitgemacht. Heute stellt er sarkastisch fest: Indem die Einwohner die Lebensqualit\u00e4t in ihrem Viertel verbesserten, machten sie es attraktiv f\u00fcr Au\u00dfenstehende und bereiteten den Boden f\u00fcr die Gentrifizierung, die heute stattfindet. Die Unser-Dorf-soll-sch\u00f6ner-werden-Mentalit\u00e4t, mussten Leute wie Arguello erkennen, reicht nicht aus, um die Mission zu bewahren.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Die kleinen H\u00e4ndler, die Arguello jetzt repr\u00e4sentiert, sind f\u00fcr ihn der Schl\u00fcssel zum Erhalt der kulturellen Identit\u00e4t des Viertels. Neben den Mietern, die ihre Wohnung verlieren, sp\u00fcren sie den Wandel dann deutlich, wenn Makler in ihre L\u00e4den kommen, ungefragt Fotos machen und sich nach dem Vermieter erkundigen. Dann bieten sie einen zahlungskr\u00e4ftigeren Kunden an.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\"><strong>Bewahren durch Gesetze und Kultur<\/strong><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Zwar halten die USA viel auf ihren freien Markt, aber auch hier gibt es M\u00f6glichkeiten, Wucher zu verhindern. Im benachbarten Noe Valley, bewohnt vor allem von wohlhabenden jungen Familien, wurde f\u00fcr f\u00fcnf Jahre die Er\u00f6ffnung neuer Restaurants untersagt. In der Mission setzen Arguello und seine Initiative auf Kultur: Die Stadt hat einen Calle 24 Cultural District eingerichtet \u2013 ein Viereck von etwa 60 Stra\u00dfenblocks, in dem die Latino-Kultur mit ihren typischen Wandgem\u00e4lden besonderen Schutz genie\u00dft. Nach dem Vorbild von Chinatown, so hofft Arguello, k\u00f6nnte sich die Lage stabilisieren: Es z\u00f6gen dann nur noch die Menschen und Firmen hierher, die diese Kultur sch\u00e4tzen \u2013 und nicht jene, die am liebsten all die sch\u00f6nen viktorianischen H\u00e4uschen von Menschen freir\u00e4umen w\u00fcrden.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Aber selbst wenn ich zu den Guten geh\u00f6re, die die Kultur m\u00f6gen \u2013 auch von uns kann es zu viele geben. &#8220;Wenn die Leute sagen, sie kommen wegen der Vielf\u00e4ltigkeit in dieses Viertel&#8221;, sagt Arguello, &#8220;sage ich nur: Ich w\u00fcnschte, es w\u00fcrde vielf\u00e4ltig bleiben.&#8221;<\/p>\n<\/section>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":119540,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117707","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117707","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/119540"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117707"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}