{"id":117708,"date":"2024-05-29T01:16:49","date_gmt":"2024-05-29T00:16:49","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=117708"},"modified":"2024-05-29T01:16:49","modified_gmt":"2024-05-29T00:16:49","slug":"test-arbeitsprobe-2","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/test-arbeitsprobe-2\/","title":{"rendered":"Hippie, hippie, yeah!"},"content":{"rendered":"<section id=\"seite-1\" class=\"article-page\" data-page-number=\"1\" data-restricted-access=\"\">\n<p class=\"paragraph article__item\">Hier wohnten die Grateful Dead! Gegen\u00fcber die Hells Angels! Und um die Ecke\u00a0Janis Joplin und der sp\u00e4tere M\u00f6rder Charles Manson! W\u00e4hrend Stan Flouride, ein Punk Mitte 60 mit blondiertem Schopf und Bauchansatz, uns durch Haight-Ashbury f\u00fchrt, kommt er aus dem Aufz\u00e4hlen von Sechziger-Jahre-Legenden gar nicht mehr heraus. Der Stadtteil von San Francisco, benannt nach der Kreuzung von Haight Street und Ashbury Street, gilt als Geburtsort der Hippie-Bewegung: Er war damals ein Szeneviertel, in dem viele junge Leute und K\u00fcnstler lebten.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Heute kann man hier Stans &#8220;Flower Power Walking Tour&#8221; buchen, der ich mich angeschlossen habe. Egal, ob man wie ich in San Francisco lebt oder die Stadt als Tourist besucht: Momentan kommt man um die Hippies nicht herum. Vor 50 Jahren str\u00f6mten Jugendliche aus dem ganzen Land in die Stadt, um Drogen auszuprobieren, kostenlose Konzerte im Golden Gate Park zu besuchen und die freie Liebe zu leben. Und San Francisco l\u00e4sst es sich nicht nehmen, das Jubil\u00e4um des &#8220;Summer of Love&#8221; ausgiebig zu feiern. Ausstellungen und Konzerte erinnern an ihn, \u00fcberall h\u00e4ngen Plakate mit Schrifttypen, die aus einem LSD-Trip stammen k\u00f6nnten. Ich hatte mich gefragt, ob das mehr ist als Nostalgie: Ob es die Hippies von einst noch gibt? Und gibt es vielleicht neue?<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Der erste Weg f\u00fchrte mich nach Haight-Ashbury, wo Stan nach Kr\u00e4ften versucht, Hippie-Flair heraufzubeschw\u00f6ren. Gerade mit Farbkopien historischer Dokumente \u2013 etwa von einem Flugblatt der Diggers, einer anarchistischen Gruppe, die mittellosen Blumenkindern in ihrem Haus freie Kost und Logis anbot. Dazu erz\u00e4hlt er, wie der Name &#8220;Hippie&#8221; entstand: Die Beatgeneration der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre fand die neue Jugendbewegung nicht\u00a0<em>&#8220;hip&#8221;,<\/em>\u00a0sondern nur ein bisschen\u00a0<em>&#8220;hippy&#8221;.<\/em>\u00a0Das alles ist spannend \u2013 t\u00e4uscht aber nicht dar\u00fcber hinweg, dass Haight-Ashbury heute eher ein Museumsdorf ist: ein paar H\u00e4userblocks mit knallbunten L\u00e4den, die Batik-T-Shirts, Modeschmuck und Cannabis-Paraphernalien anbieten. In den Stra\u00dfen ringsum hat sich l\u00e4ngst die neue Oberschicht aus der Tech-Branche breitgemacht.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Aber es gibt ein paar junge Leute, die den Geist der alten Zeit wiederbeleben wollen: Die Gruppe Haight Free Love k\u00e4mpft gegen die Kommerzialisierung der Hippie-Kultur. Chris Swimmer, ein Mittzwanziger mit Sieben-Tage-Bart und Nasenring, ist ihr ungew\u00e4hlter Sprecher. Ein paar Tage nach der Tour treffe ich ihn und einige Mitglieder auf einem Stra\u00dfenfest im Mission District. Ihr Stand nennt sich Free Store: An einer Kleiderstange h\u00e4ngen Klamotten, die man gratis mitnehmen kann, es gibt Tee umsonst. &#8220;In Haight-Ashbury&#8221;, erz\u00e4hlt Chris, &#8220;setzen wir uns oft an eine Stra\u00dfenecke, singen Lieder und halten Schilder hoch mit Parolen wie &#8216;Freie Liebe jetzt!&#8217; oder &#8216;Was w\u00e4re, wenn es kein Geld g\u00e4be?&#8217;.&#8221; Die Aktionen sind als Protest gedacht \u2013 was Passanten aber nicht immer verstehen: &#8220;Touristen sind ganz begeistert, wenn sie uns sehen&#8221;, sagt Chris, &#8220;und schie\u00dfen Fotos.&#8221;<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">So werden die Protestler zur Staffage im Nostalgiedorf Haight-Ashbury, denke ich. Au\u00dferdem: Ein paar singende Neu-Hippies am Stra\u00dfenrand, das kann ja wohl noch nicht alles sein. Wo sind die Blumenkinder von fr\u00fcher?<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ich fahre raus aus San Francisco, eine Stunde nach Norden. Dort wohnt Charlie Cowles in einer Vorortsiedlung von Petaluma. Wir sitzen auf der Terrasse seines H\u00e4uschens, blicken auf den \u00fcberwucherten Garten, und der wei\u00dfhaarige Mann mit der hohen Stirn erz\u00e4hlt mit leiser Stimme, wie er und ein paar Freunde 1967 aus Ohio nach San Francisco fuhren \u2013 \u00fcber 4.000 Kilometer mit dem Motorrad auf der Route 66. Ein junger Chemiker war er, 23 Jahre alt, seine Masterarbeit hatte er \u00fcber LSD geschrieben. &#8220;Wir kamen wegen der Drogen&#8221;, sagt Charlie, &#8220;und wir wollten die Welt retten.&#8221; In San Francisco, so hatten sie geh\u00f6rt, versammelten sich viele Gleichgesinnte.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Der Sommer der Liebe war kurz. Als die Semesterferien zu Ende gingen, kehrten viele Blumenkinder an ihre Unis zur\u00fcck. Die \u00dcbrigen wollten mit der aufkommenden Kommerzialisierung nichts zu tun haben \u2013 in den Medien wurden Kleidung und Musik der Hippies inzwischen als Modetrend gefeiert. Am 6. Oktober 1967 trugen sie den Hippie daher symbolisch zu Grabe; verabschiedeten sein Klischee in einem Sarg, gef\u00fcllt mit zwei Kilo Marihuana, Postern, Buttons und falschen B\u00e4rten.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">&#8220;Und nach dem Sommer der Liebe kam der Winter des Heroins&#8221;, sagt Charlie: Die Drogen waren f\u00fcr viele nun nicht mehr Mittel zur spirituellen Erfahrung, sondern Lebensmittelpunkt. Die Kriminalit\u00e4t nahm zu. &#8220;Ich war bei den Drogen ganz vorne mit dabei.&#8221; Finanziell hielt Charlie sich mit einem kleinen Musikladen namens Treefrog \u00fcber Wasser. Als der sich nicht mehr rentierte, Charlie Drogen und Alkohol satt hatte, zog er wie etliche damals aufs Land, wo man der Szene entkommen und billiger wohnen konnte.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Heute ist sein Laden Tall Toad Music in Petaluma Anlaufpunkt f\u00fcr Musiker aus der Region, darunter Tom Waits, der alle paar Monate seinen Cadillac im Halteverbot vor dem Laden parkt und nach alten Instrumenten sucht. Charlie ist seit 21 Jahren trocken und frei von harten Drogen; wie viele Hippies f\u00fchrt er ein unauff\u00e4lliges Kleinstadtleben. Doch noch immer wuchern in seinem G\u00e4rtchen, zwischen hohen Gr\u00e4sern, Marihuanapflanzen. Sechs St\u00fcck d\u00fcrfen Privatleute in Kalifornien besitzen.\u00a0<em>&#8220;Fuck&#8221;<\/em>, meckert Charlie, &#8220;damit kann man doch seinen Jahresbedarf nicht decken!&#8221;<\/p>\n<\/section>\n<section id=\"seite-2\" class=\"article-page\" data-page-number=\"2\" data-restricted-access=\"\">\n<h2 class=\"article__subheading article__item\">Ein Genie oder ein Spinner?<\/h2>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ohne\u00a0Drogen w\u00e4re der Summer of Love nicht denkbar gewesen. Figuren wie der Psychologie-Dozent Timothy Leary, der freien Zugang zu LSD und Mescalin predigte, z\u00e4hlten zu den Gurus der Hippie-Bewegung. Der Mann, der einen Teil von Learys Archiv hortet, lebt s\u00fcdlich von San Francisco, in den Santa Cruz Mountains. Dort schl\u00e4ngelt sich die Stra\u00dfe \u00fcber einen Bergr\u00fccken, und ich finde mich pl\u00f6tzlich in einem staubigen Westernst\u00e4dtchen wieder. Ein paar Caf\u00e9s, eine Autowerkstatt, einen Bioladen \u2013 viel mehr gibt es nicht in Boulder Creek, einem ehemaligen Holzf\u00e4llerort.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Bruce Damers Haus liegt etwas au\u00dferhalb, ein verschachteltes Anwesen, verkleidet mit rotbraunen Holzbrettern. Im Garten f\u00e4llt mein Blick auf einen verrosteten, doppelst\u00f6ckigen Bus \u2013 das ist doch nicht etwa &#8230;? Nein, es ist nicht\u00a0<em>Furthur,<\/em>\u00a0jener bunt bemalte Schulbus, mit dem die K\u00fcnstler-Gruppe The Merry Pranksters in den Sechzigern durchs Land fuhr, LSD-Happenings veranstaltete und B\u00fcrger schreckte. Dieses Vehikel, erfahre ich sp\u00e4ter, hei\u00dft\u00a0<em>No Further<\/em>\u00a0und wurde in den Siebzigern zusammengeschwei\u00dft, innen ausgestattet mit Fotos und Devotionalien aus der Hippie-\u00c4ra.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Sein Besitzer ist ein Hippie wie aus dem Bilderbuch: braune, an den Schl\u00e4fen angegraute Haare, die den halben R\u00fccken hinunterreichen, Rauschebart, indische Gew\u00e4nder. Dabei ist Bruce Damer Mitte 50 \u2013 zu jung, um beim Summer of Love aktiv gewesen zu sein. Doch er f\u00fcllt eine L\u00fccke zwischen den Ur-Hippies und der Gegenwart: Er geh\u00f6rt einer Generation an, die nach wie vor einen alternativen Lebensstil pflegte und bewusstseinserweiternde Drogen nahm \u2013 die aber auch von der Besiedlung des Weltalls und virtuellen Welten tr\u00e4umte. In den sp\u00e4ten siebziger Jahren begann diese Generation, in Eigenregie Personal Computer zu basteln. Das entsprach durchaus dem Geist der Ur-Hippies: Die Idee von Heimcomputern hatte einen befreienden Charakter, weil dank ihnen nicht nur gro\u00dfe Konzerne k\u00fcnftige Welten erschaffen konnten, sondern jeder.<\/p>\n<div class=\"iqdcontainer\" data-placement=\"pos_6\" data-device=\"mobile\"><\/div>\n<div class=\"infographic\">\n<figure class=\"infographic__media infographic__media--float high-resolution scaled-image variant variant--original\" data-ct-block=\"infographic\">\n<h3 class=\"infographic__headline\"><\/h3>\n<div class=\"infographic__media-container \"><img decoding=\"async\" class=\"infographic__media-item\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/2017\/32\/kalifornien-hippies-karte\/original__300x322__desktop__scale_2\" alt=\"\" data-alt=\"\" data-src=\"https:\/\/img.zeit.de\/2017\/32\/kalifornien-hippies-karte\/original\" data-ratio=\"0.93153237075\" data-source=\"https:\/\/img.zeit.de\/2017\/32\/kalifornien-hippies-karte\/original__300x322__desktop__scale_2\" data-observed=\"false\" \/><\/div><figcaption class=\"infographic__caption \"><span class=\"infographic__copyright\">\u00a9\u00a0ZEIT-Grafik<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p class=\"paragraph article__item\">Neben Leary-Devotionalien hortet Bruce daher heute alles rund um die ersten Heimcomputer. Doch bevor er mir seine Sammlung zeigt, f\u00fchrt er mich durch seine mit orientalischen Teppichen ausgelegte Wohnstube. Er sei gerade begeisterter Quereinsteiger in die Biochemie, erz\u00e4hlt er und pr\u00e4sentiert mir seine neuesten Forschungsobjekte: ein paar unscheinbare Steine. In ihrer Struktur habe er Abdr\u00fccke fr\u00fcher Vorlebewesen entdeckt \u2013 die \u00e4ltesten Spuren von Leben auf dem Planeten. Diese Wesen, hofft Bruce, k\u00f6nnten die Entwicklungsl\u00fccke zwischen einfachen organischen Verbindungen und den ersten sich selbst reproduzierenden Zellen schlie\u00dfen. Sein Artikel \u00fcber diese Theorie ist immerhin die August-Coverstory des angesehenen\u00a0<em>Scientific American<\/em>. &#8220;Und stell dir vor: Diese fr\u00fchen Vorl\u00e4ufer lebten in einem kollaborativen System! Da herrschte kein Darwinismus; es basierte auf dem Teilen von Ressourcen. Die Hippies hatten recht, wir sind alle miteinander verbunden!&#8221; Ist der Mann ein Genie oder ein Spinner?<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Zwei Stunden lang versiegt Bruce\u2019 Redefluss nicht. Auch nicht in der angrenzenden Scheune, seinem Museumsraum: Er zeigt mir Zeitungsartikel \u00fcber Timothy Leary und unver\u00f6ffentlichte Dokumente zum ersten Apple-Computer. Erz\u00e4hlt von den Pl\u00e4nen einer Weltraummission, die er als freischaffender Entwickler f\u00fcr die Nasa entwarf. Das Projekt Shepherd sollte der erste Schritt zur Besiedelung des Sonnensystems sein. Eine Art Raumstation, die Asteroiden einf\u00e4ngt und daraus Rohstoffe gewinnt. Das Projekt wurde eingestellt. Nun will Bruce es den Chinesen verkaufen.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Keine Grenzen akzeptieren, seien es geistige, politische oder juristische. Dazu der Glaube an Verbundenheit und Gemeinschaft \u2013 in Bruce\u2019 Theorien blitzt viel Flower-Power auf. Seine Inspiration zieht er dabei oft aus psychedelischen Erfahrungen \u2013 genau wie die Ur-Hippies. Neben LSD, das in Kalifornien schon seit Oktober 1966 illegal war, geh\u00f6rte vor allem Marihuana zu ihrer Kultur.\u00a0Legalisiert wurde es erst im vergangenen November, doch lange zuvor war es weitgehend geduldet. Weswegen die Hippies ab den siebziger Jahren zum Selbstanbau \u00fcbergingen \u2013 vor allem im nordkalifornischen sogenannten Smaragd-Dreieck zwischen den drei Countys Mendocino, Humboldt und Trinity. Auf der siebenst\u00fcndigen Fahrt dorthin lege ich einen Stopp im St\u00e4dtchen Sebastopol ein. Ein ruhiger 7.000-Seelen-Ort, umgeben von Obst- und Weing\u00e4rten. Hier ist die Alternativbewegung zu einer konsensf\u00e4higen, ans Kitschige grenzenden Kultur von Biol\u00e4den und \u00d6ko-Klimbim geronnen. Selbst der Musikladen preist kalauernd &#8220;frei laufende Gitarren&#8221; an.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Im West County Museum bin ich mit Sue Pekarsky Gary verabredet, einer \u00e4lteren Dame, die 1972 als Hippie-M\u00e4dchen von der Ostk\u00fcste nach Kalifornien kam. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung\u00a0<em>The Hippies:<\/em>\u00a0Schwarz-Wei\u00df-Fotos, Flugbl\u00e4tter und Zeitungsausschnitte erinnern daran, dass in Sebastopol mal richtige K\u00e4mpfe zwischen den Alternativen und dem Rest der Bev\u00f6lkerung tobten. &#8220;Zwei Aktivisten hatten in der N\u00e4he der Stadt Land gekauft und lockten junge Hippies aus San Francisco an&#8221;, erz\u00e4hlt Sue. Doch der Anblick nackter Paare und im Freien stillender M\u00fctter war f\u00fcr die L\u00e4ndler zu viel \u2013 immer wieder st\u00fcrmte die Polizei die Grundst\u00fccke, durchsuchte alles nach Drogen, riss ohne Genehmigung errichtete H\u00fctten ab. &#8220;Man tat alles, um den Kommunarden das Leben so schwer wie m\u00f6glich zu machen.&#8221; Schlie\u00dflich wurde das Gel\u00e4nde der einen Kommune von Bulldozern platt gewalzt, die andere lie\u00df ihre H\u00fctten selbst in Flammen aufgehen.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ein bisschen ungl\u00e4ubig stehen die Ausstellungsbesucher vor den Dokumenten, die zeigen, wie zerrissen die Gesellschaft damals war. Kaum ein Kalifornier kann sich heute noch vorstellen, dass man andere Menschen so drangsalierte, nur weil sie einen anderen Lebensstil hatten.<\/p>\n<\/section>\n<section id=\"seite-3\" class=\"article-page\" data-page-number=\"3\" data-restricted-access=\"\">\n<h2 class=\"article__subheading article__item\">Alt-Hippies beklagen den Cannabis-Anbau<\/h2>\n<p class=\"paragraph article__item\">Je weiter ich Richtung Smaragd-Dreieck nach Norden komme, umso weniger hat die Gegend mit dem Kalifornien-Klischee aus ewiger Sonne und fr\u00f6hlichen Menschen in Shorts zu tun. Der Nebel hat das Land fest im Griff. Im Humboldt County halte ich am zentralen Platz des St\u00e4dtchens Arcata: einer quadratischen Rasenfl\u00e4che, von asphaltierten Wegen sauber in acht Kuchenst\u00fccke zerteilt, in der Mitte steht eine Statue des Pr\u00e4sidenten William McKinley. Ein Platz, der einen an Osteuropa denken l\u00e4sst, nicht an Hippies.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Und doch, es gibt sie hier: eine Gruppe namens The Same Old People\u00a0<em>.<\/em>\u00a0&#8220;Dieselben alten Leute&#8221;, so nennen sie sich, weil sie seit 1974 j\u00e4hrlich ein Festival organisieren, eine Mischung aus Jahrmarkt und Paraden. Sie waren die ersten Hippies, die hier oben im Norden ankamen. Einer von ihnen ist Mark Cortright: kurzer Vollbart, Jeans, das T-Shirt bedruckt mit einem fliegenden Fisch. Er begr\u00fc\u00dft mich in seinem Haus und zeigt mir erst mal seine T\u00f6pferei, in der Mitte ein riesiger Brennofen, umgeben von einem Chaos aus halb fertigen Tassen, Sch\u00fcsseln und Tellern. Der t\u00f6pfernde Hippie ist ein verbreitetes Klischee. &#8220;Und diesem Klischee habe ich entsprochen&#8221;, sagt Mark. &#8220;Es ging mir um Selbsterfahrung. Ob das Ergebnis schnell br\u00f6ckelte, war mir egal.&#8221; Heute, mit 64 Jahren, lebt er noch immer vom T\u00f6pfern. Doch inzwischen brennt er seine Keramik in gro\u00dfen St\u00fcckzahlen; sie ist sp\u00fclmaschinen- und mikrowellenfest. Und er verkauft sie nicht nur auf dem Festival, sondern auch \u00fcber Galerien.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Dass Mark einen kleinen Teil der Hippie-Kultur zum Gesch\u00e4ft gemacht hat, bedeutet nicht, dass er sich von seinen Wurzeln losgesagt h\u00e4tte. Immer noch ist er stolz auf seine Vergangenheit, immer noch will er etwas ver\u00e4ndern. Er zeigt mir Aktenordner zu den Prozessen, die er gegen die \u00f6rtliche Industrie gef\u00fchrt hat: die Holzwirtschaft, die die W\u00e4lder rodete; die Papierm\u00fchlen, die mit ihren Abw\u00e4ssern das Meer verschmutzten. Als endlich das Aus f\u00fcr sie kam, geschah das Unerwartete: Die n\u00e4chsten Gegner tauchten aus den eigenen Reihen auf. &#8220;Die Cannabis-Plantagen, die die Hippies anfangs in den W\u00e4ldern versteckten, konnten sich nun ausbreiten&#8221;, erz\u00e4hlt Mark, &#8220;das Hobby wurde zum Gesch\u00e4ft.&#8221; Heute arbeiten zwei Drittel der Leute hier in der Cannabis-Industrie; und inzwischen bedrohen die riesigen Plantagen die Umwelt: &#8220;Die Unternehmen schlagen illegal die W\u00e4lder kahl; benutzen Pestizide, die dann im Wasser landen.&#8221; Und Alt-Hippies wie Mark finden sich einmal mehr in der Rolle der Kritiker wieder \u2013 nur, dass sie diesmal ausgerechnet den Cannabis-Anbau beklagen.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">F\u00fcr den R\u00fcckweg nach San Francisco nehme ich die schnellste Route. Auf der Interstate 5 darf man ein f\u00fcr amerikanische Verh\u00e4ltnisse halsbrecherisches Tempo von 113 Kilometern pro Stunde fahren. Das hier ist Drive-Through-Country, kaum jemand h\u00e4lt in St\u00e4dtchen wie Redding oder Willow. W\u00fcrde er es tun, tr\u00e4fe er auf eine l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung, die bei der letzten Wahl teilweise zu drei Vierteln f\u00fcr Trump gestimmt hat. Auch das ist Kalifornien \u2013 aber ein Kalifornien, das es in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung nicht gibt, denke ich, w\u00e4hrend ich so dahinbrettere. Den Kulturkampf haben die Hippies in diesem Staat gewonnen. Ihre Musik, ihre \u00d6ko-Kultur, ihre sexuelle Toleranz, ihr Denken und ihre sanften Drogen sind zum Mainstream geworden. Doch ihr liberales Erbe ist auch eine Blase, in der es sich angenehm lebt.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">So angenehm, dass es nach der Wahl vielen so ging wie den ersten Hippies nach dem Sommer der Liebe: Sie mussten erkennen, dass die b\u00f6se Welt da drau\u00dfen, die sie \u00fcberwunden glaubten, nicht aufgeh\u00f6rt hatte zu existieren.<\/p>\n<\/section>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":119539,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117708","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117708","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/119539"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117708"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}