{"id":117802,"date":"2024-01-30T18:55:24","date_gmt":"2024-01-30T17:55:24","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/arbeitsprobe\/gibson-im-lockdown-wollten-ploetzlich-alle-spielen\/"},"modified":"2024-01-31T19:13:41","modified_gmt":"2024-01-31T18:13:41","slug":"gibson-im-lockdown-wollten-ploetzlich-alle-spielen","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/gibson-im-lockdown-wollten-ploetzlich-alle-spielen\/","title":{"rendered":"Gibson: Im Lockdown wollten pl\u00f6tzlich alle spielen"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Gibson &#8211; das sind 130 Jahre Tradition im Gitarrenbau, in denen die US-amerikanische Marke auf so ziemlich allen B\u00fchnen der Welt gespielt wurde. Viele, die sich in Rock, Blues oder Jazz einen Namen gemacht haben, griffen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu einem dieser Instrumente: Eric Clapton, Mark Knopfler, B. B. King, Jimmy Page, Dave Grohl, das lie\u00dfe sich noch lange so fortsetzen. F\u00fcr Generationen jugendlicher Musikerinnen und Musiker, die in Garagen die Verst\u00e4rker aufdrehten, war deshalb klar: Irgendwann muss es eine Gibson sein, etwa ein Les-Paul-Modell wie der Guns&#8217;n&#8217;Roses-Gitarrist Slash oder eine SG wie Frank Zappa. Fast nur noch der ebenfalls in den ans\u00e4ssige gro\u00dfe Konkurrent Fender kann da mit seinen Modellen Stratocaster und Telecaster mithalten, die bis heute \u00e4hnlich verehrt werden.<\/p>\n<p>Das klingt nach einem nachhaltigen Gesch\u00e4ft, aber vor drei Jahren war es f\u00fcr das geschichtstr\u00e4chtige Unternehmen fast vorbei. &#8220;Man kann sich gar nicht vorstellen, wie man so eine Marke killen kann&#8221;, sagt Hans Thomann, dessen Name f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Musikversandhaus der Welt steht, das er im bayerischen Treppendorf f\u00fchrt. Doch so kam es: Gibson musste Konkurs anmelden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;In den zehn Jahren vor 2018 hat sich die Firma einfach \u00fcbernommen&#8221;, sagt James &#8220;JC&#8221; Curleigh, der damals als neuer CEO zu Gibson geholt wurde. In schwarzer Lederjacke erscheint der Mittf\u00fcnfziger zum Zoom-Interview mit ZEIT ONLINE, lange zur\u00fcckgegelte Locken, Stoppelbart. In seinem vorigen Job hatte er schon einmal ein Unternehmen saniert, dem nur noch die Tradition geblieben war: den Jeansfabrikanten Levi&#8217;s. Aus seiner Sicht \u00e4hnlich wie Gibson eine Legende, die zu lang auf ihren eigenen Nimbus vertraut hatte. &#8220;Doch sie waren nur die Gr\u00f6\u00dften, nicht unbedingt die Besten&#8221;, sagt Curleigh und nennt das gr\u00f6\u00dfte Problem: &#8220;Sie und ich sind mit Levi&#8217;s aufgewachsen &#8211; aber unsere Kinder kannten die Marke nicht.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Der Konkurs von Gibson war eigentlich v\u00f6llig unn\u00f6tig, befindet Brian Majeski, dessen Branchendienst Music Trades die Trends des Instrumentenmarkts beobachtet und analysiert. &#8220;Das Gitarrengesch\u00e4ft war immer solide, Gibson machte damit jedes Jahr 320 Millionen Dollar Umsatz.&#8221; Aber unter Curleighs Vorg\u00e4nger wollte sich Gibson als Lifestylefirma etablieren, kaufte eine Reihe anderer Instrumentenmarken auf und sogar die komplette Unterhaltungssparte des Elektronikriesen Philips. Daf\u00fcr mussten eine Menge Schulden aufgenommen werden, die meisten dieser Investitionen f\u00fchrten in eine Sackgasse. &#8220;Und wenn man gen\u00fcgend Sackgassen und Schulden hat, geht man pleite&#8221;, sagt Curleigh. Die Schulden waren auf 500 Millionen Dollar angewachsen, als der Insolvenzrichter den Fall \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das US-Konkursrecht erm\u00f6glicht die Weiterf\u00fchrung pleite gegangener Firmen, wenn ein Sanierungsplan vorgelegt wird. Und es fand sich ein Geldgeber, der an einer Rettung interessiert war: die Beteiligungsgesellschaft KKR, ein Finanzriese, der zum Beispiel auch Mehrheitsaktion\u00e4r des Axel-Springer-Verlags ist. Klingt nach k\u00fchlem Kapitalismus, aber wom\u00f6glich war es mehr als das: Der zust\u00e4ndige KKR-Partner, Nat Zilkha, war jedenfalls in einem fr\u00fcheren Leben Gitarrist der New Yorker Alternative-Country-Band Red Rooster, mit der er drei Alben ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Curleigh also sollte &#8220;das 130 Jahre alte Start-up&#8221;, wie er Gibson nennt, retten und stand dabei trotz des soliden Instrumentengesch\u00e4fts vor einer gewaltigen Aufgabe: in den USA mit hohen Lohnkosten zu produzieren und dabei konkurrenzf\u00e4hig zu den preiswerten Produkten aus Asien zu bleiben, die in den vergangenen Jahrzehnten immer besser geworden sind. Bei Gibson dagegen waren die Preise kontinuierlich gestiegen, w\u00e4hrend die Qualit\u00e4t sank.<\/p>\n<p>Die H\u00e4ndler waren vor dem Konkurs aus vielen Gr\u00fcnden reichlich frustriert. In einem Jahr produzierte die Firma vorwiegend Modelle mit sehr breiten H\u00e4lsen, die niemand haben wollte. Ein Jahr sp\u00e4ter konnten deutsche H\u00e4ndler, die bei der US-Firma nicht die oberste Priorit\u00e4t hatten, vor allem Nischenmodelle f\u00fcr Linksh\u00e4nder erwerben. Und dann entschied sich Gibson, alle Gitarren mit einer in Deutschland entwickelten Automatik auszuliefern, die per Knopfdruck und Motor die Saiten sauber stimmte. Die gefiel zwar vielen Rezensenten, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2008\/08\/TP-Robot-Guitar\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">auch in der ZEIT<\/a>, die Gitarristen wollten die Revolution aber nicht. Und dann eben die Qualit\u00e4t: &#8220;Wir mussten den Kunden erkl\u00e4ren, warum bei so einem teuren Instrument ein Haar im Lack ist oder die Verarbeitung nicht gut ist&#8221;, sagt H\u00e4ndler Hans Thomann. &#8220;Unsere Antwort: weil es eine Gibson ist.&#8221; Aber das ist nat\u00fcrlich auf die Dauer kein Argument.<\/p>\n<p>&#8220;Eines der Probleme beim Gitarrenbau ist, dass in einer Holzwerkstatt eine Menge S\u00e4gesp\u00e4ne anfallen &#8211; und dann muss man die Instrumente lackieren&#8221;, erkl\u00e4rt Branchenexperte Brian Majeski. Eine Gitarre ging in der Gibson-Manufaktur durch 70 H\u00e4nde, und das bedeutete 70-mal die M\u00f6glichkeit, das Instrument zu verderben. Curleighs erste Amtshandlung war es deshalb, dass er &#8220;dem Staub den Krieg erkl\u00e4rte&#8221; und die Zahl der Ber\u00fchrungen, die eine Gitarre w\u00e4hrend der Produktion erfuhr, halbierte. In der Fabrik in Nashville wurde ein modernes Luftzirkulationssystem eingerichtet. Zudem setzte Curleigh auf mehr Automation, um eine gleichbleibende Qualit\u00e4t zu gew\u00e4hrleisten. Das senkte den Anteil der Personalkosten pro Instrument und bot bessere M\u00f6glichkeiten zur Skalierung des Gesch\u00e4fts. Trotzdem musste niemand entlassen werden, weil in der Folge das Gesch\u00e4ft expandierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Sanierung geh\u00f6rte auch eine Optimierung der Lieferketten. Fr\u00fcher verhandelte jede Produktionsst\u00e4tte ihre eigenen Holzpreise bei den Zulieferern. Nun gibt es einen einzigen Gibson-Vertrag, abgeschlossen mit einer langen Laufzeit, die g\u00fcnstigere Konditionen erlaubt \u2013 und damit konkurrenzf\u00e4hige Preise f\u00fcr die Instrumente.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Eineinhalb Jahre nach dem Konkurs war die Firma wieder auf einem guten Weg. Doch dann kam im M\u00e4rz 2020 die Corona-Pandemie. F\u00fcr die Produktion bei Gibson hie\u00df das: Alles stand still. Und auch die Instrumentenh\u00e4ndler schlossen ihre L\u00e4den. Staatlich subventionierte Kurzarbeit gibt es in den USA nicht und so mussten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen werden. Immerhin, bevor er sie nach Hause schickte, rief Curleigh noch Nat Zilkha bei KKR an und sorgte daf\u00fcr, dass jeder und jede von ihnen 1.000 Dollar auf die Hand bekam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Unternehmen ging durch ein hartes Vierteljahr, bis im Sommer 2020 ein neuer Trend sichtbar wurde. Die Menschen im\u00a0<a title=\"Link: https:\/\/www.zeit.de\/thema\/lockdown\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/lockdown\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Lockdown<\/a>\u00a0mussten sich irgendwie besch\u00e4ftigen. &#8220;Pl\u00f6tzlich begannen blutige Anf\u00e4nger, Gitarre zu spielen&#8221;, erz\u00e4hlt Curleigh. &#8220;Andere zogen neue Saiten auf ihr Instrument oder kauften gleich eine neue Gitarre. Und Sammler, die seit Jahren von einer Gibson getr\u00e4umt hatten, sagten sich: Jetzt warte ich nicht l\u00e4nger ab.&#8221; Das Gesch\u00e4ft lief wieder an, die Instrumentenbranche war pl\u00f6tzlich ein Pandemiegewinner. Viele Kunden kauften online, Thomann etwa verbuchte 2020 allein bei den akustischen Gitarren ein Umsatzplus von 39 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei Gibson musste die Produktion wieder hochgefahren werden, Arbeitskr\u00e4fte waren pl\u00f6tzlich rar \u2013 jetzt zahlte sich die Treuepr\u00e4mie aus, die Curleigh seinen Mitarbeitern gezahlt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Pandemie kam Gibson auch mit neuen Modellen akustischer Gitarren auf den Markt, die einen sogenannten Player Port haben \u2013 ein zweites Schallloch auf der Oberseite, das den Ton direkt zur Spielerin oder zum Spieler reflektiert. Mehr denn je spielten die meisten ja f\u00fcr sich selbst und nicht f\u00fcr Publikum, so konnten sie sich besser h\u00f6ren. Und wenn doch wieder andere zuh\u00f6ren sollen, kommt ein Deckel auf das Zusatzloch und die Gitarre hat den traditionellen Klang. Curleigh, der aus einer Musikerfamilie stammt und selbst Gitarre spielt, demonstriert das pers\u00f6nlich im Zoom-Interview: &#8220;Keine elektronische Spielerei \u2013 eine ganz simple L\u00f6sung.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Besteht die Gefahr, dass sich die Firma mit solchen Experimenten einmal mehr verrennt und am Markt vorbeiproduziert? Im Moment sind die neuen Modelle jedenfalls ausverkauft. Branchenexperte Brian Majeski lobt die neue Konzentration auf den lange vernachl\u00e4ssigten Markt f\u00fcr Akustikgitarren. &#8220;Das ist eine ungenutzte Chance f\u00fcr Gibson.&#8221; Gleichzeitig hat Curleigh die un\u00fcbersichtliche Modellvielfalt reduziert und bedient doch weiter jedes Preissegment: von Einsteigergitarren unter der Marke Epiphone, die in China produziert werden, bis zum Custom Shop, wo eine nach allen Regeln der Kunst von Hand in den USA gebaute Gibson auch locker mehr als 10.000 Euro kosten kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00e4ndler Hans Thomann ist positiv angetan von dem neuen Weg, den die Traditionsfirma eingeschlagen hat. &#8220;Die Qualit\u00e4t ist wieder super geworden. Den Druck, dass man vorgeschrieben bekommt, welche Modelle und wie viele davon man kaufen muss, gibt es nicht mehr. Es macht wieder richtig Spa\u00df.&#8221; Auch Branchenexperte Majeski findet, das Gibson im Moment alles richtig macht, zus\u00e4tzlich getragen von der Pandemiewelle. &#8220;Das Jahr 2022 wird das gr\u00f6\u00dfte Jahr in der Geschichte der Gitarrenindustrie sein&#8221;, sagt er. Schon im laufenden Jahr werde der Markt f\u00fcr Gitarren in den USA von den bislang \u00fcblichen 2,8 Millionen auf mindestens 3,7 Millionen verkauften Exemplaren anwachsen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Und was passiert, wenn diese Welle vorbei ist und ein gro\u00dfer Teil der euphorisch angeschafften Instrumente wieder an die Seite gelegt werden? Majeski verweist auf die Erfahrungen der Beatles-Welle 1964, als es schon einmal einen Gitarrenboom gab. Drei Jahre sp\u00e4ter sei der Markt f\u00fcr Einsteigermodelle zusammengebrochen \u2013 aber hochpreisige Marken wie Gibson hatten noch zehn weitere hervorragende Jahre. Die Faustregel des Experten: &#8220;Von zehn verkauften Gitarren landen acht im Schrank \u2013 aber zwei Musiker bleiben bei der Stange und legen sich ein besseres Instrument zu.&#8221; Zum Beispiel eine Gibson.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>JC Curleigh schw\u00e4rmt davon, dass er bei Gibson seine pers\u00f6nliche Leidenschaft mit dem professionellen Gesch\u00e4ft verbinden kann. &#8220;Ich bin nicht der CEO, hier geht es um einen guten Zweck.&#8221; Vielleicht ist das etwas dick aufgetragen, f\u00fcr Gotteslohn macht er seinen Job wohl nicht. Aber wenn es Spa\u00df macht, ist das ja auch nicht schlecht. Der Rock &#8216;n&#8217; Roll ist unsterblich, hat Neil Young gesungen. Firmen wie Gibson dagegen m\u00fcssen hart arbeiten, um zu \u00fcberleben.<\/p>\n<\/div>\n<p><\/p>\n<div>\n<p>Gibson &#8211; das sind 130 Jahre Tradition im Gitarrenbau, in denen die US-amerikanische Marke auf so ziemlich allen B\u00fchnen der Welt gespielt wurde. Viele, die sich in Rock, Blues oder Jazz einen Namen gemacht haben, griffen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu einem dieser Instrumente: Eric Clapton, Mark Knopfler, B. B. King, Jimmy Page, Dave Grohl, das lie\u00dfe sich noch lange so fortsetzen. F\u00fcr Generationen jugendlicher Musikerinnen und Musiker, die in Garagen die Verst\u00e4rker aufdrehten, war deshalb klar: Irgendwann muss es eine Gibson sein, etwa ein Les-Paul-Modell wie der Guns&#8217;n&#8217;Roses-Gitarrist Slash oder eine SG wie Frank Zappa. Fast nur noch der ebenfalls in den ans\u00e4ssige gro\u00dfe Konkurrent Fender kann da mit seinen Modellen Stratocaster und Telecaster mithalten, die bis heute \u00e4hnlich verehrt werden.<\/p>\n<p>Das klingt nach einem nachhaltigen Gesch\u00e4ft, aber vor drei Jahren war es f\u00fcr das geschichtstr\u00e4chtige Unternehmen fast vorbei. &#8220;Man kann sich gar nicht vorstellen, wie man so eine Marke killen kann&#8221;, sagt Hans Thomann, dessen Name f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Musikversandhaus der Welt steht, das er im bayerischen Treppendorf f\u00fchrt. Doch so kam es: Gibson musste Konkurs anmelden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;In den zehn Jahren vor 2018 hat sich die Firma einfach \u00fcbernommen&#8221;, sagt James &#8220;JC&#8221; Curleigh, der damals als neuer CEO zu Gibson geholt wurde. In schwarzer Lederjacke erscheint der Mittf\u00fcnfziger zum Zoom-Interview mit ZEIT ONLINE, lange zur\u00fcckgegelte Locken, Stoppelbart. In seinem vorigen Job hatte er schon einmal ein Unternehmen saniert, dem nur noch die Tradition geblieben war: den Jeansfabrikanten Levi&#8217;s. Aus seiner Sicht \u00e4hnlich wie Gibson eine Legende, die zu lang auf ihren eigenen Nimbus vertraut hatte. &#8220;Doch sie waren nur die Gr\u00f6\u00dften, nicht unbedingt die Besten&#8221;, sagt Curleigh und nennt das gr\u00f6\u00dfte Problem: &#8220;Sie und ich sind mit Levi&#8217;s aufgewachsen &#8211; aber unsere Kinder kannten die Marke nicht.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Der Konkurs von Gibson war eigentlich v\u00f6llig unn\u00f6tig, befindet Brian Majeski, dessen Branchendienst Music Trades die Trends des Instrumentenmarkts beobachtet und analysiert. &#8220;Das Gitarrengesch\u00e4ft war immer solide, Gibson machte damit jedes Jahr 320 Millionen Dollar Umsatz.&#8221; Aber unter Curleighs Vorg\u00e4nger wollte sich Gibson als Lifestylefirma etablieren, kaufte eine Reihe anderer Instrumentenmarken auf und sogar die komplette Unterhaltungssparte des Elektronikriesen Philips. Daf\u00fcr mussten eine Menge Schulden aufgenommen werden, die meisten dieser Investitionen f\u00fchrten in eine Sackgasse. &#8220;Und wenn man gen\u00fcgend Sackgassen und Schulden hat, geht man pleite&#8221;, sagt Curleigh. Die Schulden waren auf 500 Millionen Dollar angewachsen, als der Insolvenzrichter den Fall \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das US-Konkursrecht erm\u00f6glicht die Weiterf\u00fchrung pleite gegangener Firmen, wenn ein Sanierungsplan vorgelegt wird. Und es fand sich ein Geldgeber, der an einer Rettung interessiert war: die Beteiligungsgesellschaft KKR, ein Finanzriese, der zum Beispiel auch Mehrheitsaktion\u00e4r des Axel-Springer-Verlags ist. Klingt nach k\u00fchlem Kapitalismus, aber wom\u00f6glich war es mehr als das: Der zust\u00e4ndige KKR-Partner, Nat Zilkha, war jedenfalls in einem fr\u00fcheren Leben Gitarrist der New Yorker Alternative-Country-Band Red Rooster, mit der er drei Alben ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Curleigh also sollte &#8220;das 130 Jahre alte Start-up&#8221;, wie er Gibson nennt, retten und stand dabei trotz des soliden Instrumentengesch\u00e4fts vor einer gewaltigen Aufgabe: in den USA mit hohen Lohnkosten zu produzieren und dabei konkurrenzf\u00e4hig zu den preiswerten Produkten aus Asien zu bleiben, die in den vergangenen Jahrzehnten immer besser geworden sind. Bei Gibson dagegen waren die Preise kontinuierlich gestiegen, w\u00e4hrend die Qualit\u00e4t sank.<\/p>\n<p>Die H\u00e4ndler waren vor dem Konkurs aus vielen Gr\u00fcnden reichlich frustriert. In einem Jahr produzierte die Firma vorwiegend Modelle mit sehr breiten H\u00e4lsen, die niemand haben wollte. Ein Jahr sp\u00e4ter konnten deutsche H\u00e4ndler, die bei der US-Firma nicht die oberste Priorit\u00e4t hatten, vor allem Nischenmodelle f\u00fcr Linksh\u00e4nder erwerben. Und dann entschied sich Gibson, alle Gitarren mit einer in Deutschland entwickelten Automatik auszuliefern, die per Knopfdruck und Motor die Saiten sauber stimmte. Die gefiel zwar vielen Rezensenten, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2008\/08\/TP-Robot-Guitar\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">auch in der ZEIT<\/a>, die Gitarristen wollten die Revolution aber nicht. Und dann eben die Qualit\u00e4t: &#8220;Wir mussten den Kunden erkl\u00e4ren, warum bei so einem teuren Instrument ein Haar im Lack ist oder die Verarbeitung nicht gut ist&#8221;, sagt H\u00e4ndler Hans Thomann. &#8220;Unsere Antwort: weil es eine Gibson ist.&#8221; Aber das ist nat\u00fcrlich auf die Dauer kein Argument.<\/p>\n<p>&#8220;Eines der Probleme beim Gitarrenbau ist, dass in einer Holzwerkstatt eine Menge S\u00e4gesp\u00e4ne anfallen &#8211; und dann muss man die Instrumente lackieren&#8221;, erkl\u00e4rt Branchenexperte Brian Majeski. Eine Gitarre ging in der Gibson-Manufaktur durch 70 H\u00e4nde, und das bedeutete 70-mal die M\u00f6glichkeit, das Instrument zu verderben. Curleighs erste Amtshandlung war es deshalb, dass er &#8220;dem Staub den Krieg erkl\u00e4rte&#8221; und die Zahl der Ber\u00fchrungen, die eine Gitarre w\u00e4hrend der Produktion erfuhr, halbierte. In der Fabrik in Nashville wurde ein modernes Luftzirkulationssystem eingerichtet. Zudem setzte Curleigh auf mehr Automation, um eine gleichbleibende Qualit\u00e4t zu gew\u00e4hrleisten. Das senkte den Anteil der Personalkosten pro Instrument und bot bessere M\u00f6glichkeiten zur Skalierung des Gesch\u00e4fts. Trotzdem musste niemand entlassen werden, weil in der Folge das Gesch\u00e4ft expandierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Sanierung geh\u00f6rte auch eine Optimierung der Lieferketten. Fr\u00fcher verhandelte jede Produktionsst\u00e4tte ihre eigenen Holzpreise bei den Zulieferern. Nun gibt es einen einzigen Gibson-Vertrag, abgeschlossen mit einer langen Laufzeit, die g\u00fcnstigere Konditionen erlaubt \u2013 und damit konkurrenzf\u00e4hige Preise f\u00fcr die Instrumente.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Eineinhalb Jahre nach dem Konkurs war die Firma wieder auf einem guten Weg. Doch dann kam im M\u00e4rz 2020 die Corona-Pandemie. F\u00fcr die Produktion bei Gibson hie\u00df das: Alles stand still. Und auch die Instrumentenh\u00e4ndler schlossen ihre L\u00e4den. Staatlich subventionierte Kurzarbeit gibt es in den USA nicht und so mussten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen werden. Immerhin, bevor er sie nach Hause schickte, rief Curleigh noch Nat Zilkha bei KKR an und sorgte daf\u00fcr, dass jeder und jede von ihnen 1.000 Dollar auf die Hand bekam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Unternehmen ging durch ein hartes Vierteljahr, bis im Sommer 2020 ein neuer Trend sichtbar wurde. Die Menschen im\u00a0<a title=\"Link: https:\/\/www.zeit.de\/thema\/lockdown\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/lockdown\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Lockdown<\/a>\u00a0mussten sich irgendwie besch\u00e4ftigen. &#8220;Pl\u00f6tzlich begannen blutige Anf\u00e4nger, Gitarre zu spielen&#8221;, erz\u00e4hlt Curleigh. &#8220;Andere zogen neue Saiten auf ihr Instrument oder kauften gleich eine neue Gitarre. Und Sammler, die seit Jahren von einer Gibson getr\u00e4umt hatten, sagten sich: Jetzt warte ich nicht l\u00e4nger ab.&#8221; Das Gesch\u00e4ft lief wieder an, die Instrumentenbranche war pl\u00f6tzlich ein Pandemiegewinner. Viele Kunden kauften online, Thomann etwa verbuchte 2020 allein bei den akustischen Gitarren ein Umsatzplus von 39 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei Gibson musste die Produktion wieder hochgefahren werden, Arbeitskr\u00e4fte waren pl\u00f6tzlich rar \u2013 jetzt zahlte sich die Treuepr\u00e4mie aus, die Curleigh seinen Mitarbeitern gezahlt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Pandemie kam Gibson auch mit neuen Modellen akustischer Gitarren auf den Markt, die einen sogenannten Player Port haben \u2013 ein zweites Schallloch auf der Oberseite, das den Ton direkt zur Spielerin oder zum Spieler reflektiert. Mehr denn je spielten die meisten ja f\u00fcr sich selbst und nicht f\u00fcr Publikum, so konnten sie sich besser h\u00f6ren. Und wenn doch wieder andere zuh\u00f6ren sollen, kommt ein Deckel auf das Zusatzloch und die Gitarre hat den traditionellen Klang. Curleigh, der aus einer Musikerfamilie stammt und selbst Gitarre spielt, demonstriert das pers\u00f6nlich im Zoom-Interview: &#8220;Keine elektronische Spielerei \u2013 eine ganz simple L\u00f6sung.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Besteht die Gefahr, dass sich die Firma mit solchen Experimenten einmal mehr verrennt und am Markt vorbeiproduziert? Im Moment sind die neuen Modelle jedenfalls ausverkauft. Branchenexperte Brian Majeski lobt die neue Konzentration auf den lange vernachl\u00e4ssigten Markt f\u00fcr Akustikgitarren. &#8220;Das ist eine ungenutzte Chance f\u00fcr Gibson.&#8221; Gleichzeitig hat Curleigh die un\u00fcbersichtliche Modellvielfalt reduziert und bedient doch weiter jedes Preissegment: von Einsteigergitarren unter der Marke Epiphone, die in China produziert werden, bis zum Custom Shop, wo eine nach allen Regeln der Kunst von Hand in den USA gebaute Gibson auch locker mehr als 10.000 Euro kosten kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00e4ndler Hans Thomann ist positiv angetan von dem neuen Weg, den die Traditionsfirma eingeschlagen hat. &#8220;Die Qualit\u00e4t ist wieder super geworden. Den Druck, dass man vorgeschrieben bekommt, welche Modelle und wie viele davon man kaufen muss, gibt es nicht mehr. Es macht wieder richtig Spa\u00df.&#8221; Auch Branchenexperte Majeski findet, das Gibson im Moment alles richtig macht, zus\u00e4tzlich getragen von der Pandemiewelle. &#8220;Das Jahr 2022 wird das gr\u00f6\u00dfte Jahr in der Geschichte der Gitarrenindustrie sein&#8221;, sagt er. Schon im laufenden Jahr werde der Markt f\u00fcr Gitarren in den USA von den bislang \u00fcblichen 2,8 Millionen auf mindestens 3,7 Millionen verkauften Exemplaren anwachsen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Und was passiert, wenn diese Welle vorbei ist und ein gro\u00dfer Teil der euphorisch angeschafften Instrumente wieder an die Seite gelegt werden? Majeski verweist auf die Erfahrungen der Beatles-Welle 1964, als es schon einmal einen Gitarrenboom gab. Drei Jahre sp\u00e4ter sei der Markt f\u00fcr Einsteigermodelle zusammengebrochen \u2013 aber hochpreisige Marken wie Gibson hatten noch zehn weitere hervorragende Jahre. Die Faustregel des Experten: &#8220;Von zehn verkauften Gitarren landen acht im Schrank \u2013 aber zwei Musiker bleiben bei der Stange und legen sich ein besseres Instrument zu.&#8221; Zum Beispiel eine Gibson.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>JC Curleigh schw\u00e4rmt davon, dass er bei Gibson seine pers\u00f6nliche Leidenschaft mit dem professionellen Gesch\u00e4ft verbinden kann. &#8220;Ich bin nicht der CEO, hier geht es um einen guten Zweck.&#8221; Vielleicht ist das etwas dick aufgetragen, f\u00fcr Gotteslohn macht er seinen Job wohl nicht. Aber wenn es Spa\u00df macht, ist das ja auch nicht schlecht. Der Rock &#8216;n&#8217; Roll ist unsterblich, hat Neil Young gesungen. Firmen wie Gibson dagegen m\u00fcssen hart arbeiten, um zu \u00fcberleben.<\/p>\n<\/div>\n<p><\/p>","protected":false},"author":100,"featured_media":117857,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117802","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117802","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117857"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117802"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}