{"id":117805,"date":"2024-01-30T18:55:24","date_gmt":"2024-01-30T17:55:24","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/arbeitsprobe\/james-bridle-new-dark-age-im-blindflug-in-die-zukunft\/"},"modified":"2024-02-02T01:50:40","modified_gmt":"2024-02-02T00:50:40","slug":"james-bridle-new-dark-age-im-blindflug-in-die-zukunft","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/james-bridle-new-dark-age-im-blindflug-in-die-zukunft\/","title":{"rendered":"James Bridle: &#8220;New Dark Age&#8221; &#8211; Im Blindflug in die Zukunft"},"content":{"rendered":"<p><b>Etwas l\u00e4uft schief im Internet, hat Autor James Bridle bereits vor zwei Jahren festgestellt. In seinem Buch \u201eNew Dark Age\u201c pl\u00e4diert er daf\u00fcr, sich kritischer mit Technologie zu besch\u00e4ftigen. Doch einfache L\u00f6sungen gibt es nicht.<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch pl\u00e4diere fu\u0308r eine nachdenklichere Besch\u00e4ftigung mit Technologie, gepaart mit einem radikal anderen Verst\u00e4ndnis dessen, was sich \u00fcber die Welt denken und wissen l\u00e4sst\u201c, schreibt der Vordenker James Bridle in seinem neuen Buch und hinterl\u00e4sst uns nachdenklich in die sch\u00f6ne neue digitalisierte Welt.<\/p>\n<p>James Bridle kam Ende 2017 zu kurzer Ber\u00fchmtheit im Internet, als er einen Artikel auf der Website Medium ver\u00f6ffentlichte:\u00a0<a title=\"Link: https:\/\/medium.com\/@jamesbridle\/something-is-wrong-on-the-internet-c39c471271d2\" href=\"https:\/\/medium.com\/@jamesbridle\/something-is-wrong-on-the-internet-c39c471271d2\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">\u201eSomething is wrong on the internet\u201c<\/a>\u00a0\u2013 etwas l\u00e4uft schief im Internet. Bridle berichtet darin von einer Expedition in die Tiefen von YouTube.<\/p>\n<p>Ausgehend von den etwas befremdlichen, millionenfach geklickten Videos, in denen Kinder Spielzeuge auspacken, l\u00e4sst er sich von dem Empfehlungsalgorithmus in immer entlegenere Kellergew\u00f6lbe der Videoplattform f\u00fchren und sieht immer bizarrere Filmchen, von deren Existenz er bis dahin nichts geahnt hatte: Erwachsene Darsteller verkleiden sich als beliebte Kinderfiguren, die Comicidole der Kleinsten treten in Gewalt- und Sexszenen auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Ausgeliefert zuschauen<\/h2>\n<p>Alle diese Filme wurden hunderttausend- und millionenfach gesehen \u2013 in der Endlos-Filmschleife, die entsteht, wenn Eltern ihr dreij\u00e4hriges Kind stundenlang unbeaufsichtigt vor dem iPad sitzen lassen. Das seltsame Biotop, das Bridle da enth\u00fcllte, war eine vom Computeralgorithmus geschaffene Schmuddelnische, in der moralfreie Gesch\u00e4ftemacher \u00fcber die automatisch geschalteten Werbeclips ihr Geld verdienten. Es ist eines der vielen Beispiele, mit denen Bridle die These seines neuen Buchs \u201eNew Dark Age: Der Sieg der Technologie und das Ende der Zukunft\u201c illustriert: Die Werkzeuge, die wir uns geschaffen haben, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen und sie immer besser zu verstehen, haben sich l\u00e4ngst verselbstst\u00e4ndigt und st\u00fcrzen uns in ein neues dunkles Zeitalter.<\/p>\n<p>Wir durchblicken l\u00e4ngst nicht mehr die K\u00fcnstlichen Intelligenzen, die unser Alltagsleben pr\u00e4gen. Amazons Lagerarbeiter w\u00fcrden sich ohne die Hilfe ihres Taschencomputers, der sie durch die Regalreihen schickt und jeden ihrer Schritte \u00fcberwacht, gar nicht mehr zurechtfinden \u2013 die Waren sind nicht so sortiert, wie ein Mensch es machen w\u00fcrde, sondern nach einem scheinbar sinnlosen, vom Computer optimierten System.<\/p>\n<p>Auf \u00e4hnliche Weise ist der Uber-Fahrer in Bridles Beschreibung nur noch ein menschlicher Automat, der dem roten Punkt auf seinem Navigationssystem folgt und nur deshalb noch einen Job hat, weil die vollautomatischen Autos noch nicht so weit sind. Eine vom Computer erstellte Wirtschaftsnachricht kann andere Computer dazu bringen, massenhaft Aktien zu verkaufen und an der B\u00f6rse einen Crash zu erzeugen. Wir Menschen k\u00f6nnen nur zuschauen und m\u00fcssen die Folgen ausbaden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Das Gegenteil von Aufkl\u00e4rung<\/h2>\n<p>Dabei sollte doch alles so sch\u00f6n werden in der neuen Computerwelt. Das \u201eComputerdenken\u201c, das der K\u00fcnstler und Informatiker Bridle angreift, geht von der Pr\u00e4misse aus, \u201edass man etwas besser macht, wenn man es sichtbar macht, und dass Technologie das Instrument ist, um Dinge sichtbar zu machen\u201c.<\/p>\n<p>Diese Vorstellung war die Idee hinter Google: Das Wissen der Welt jederzeit und \u00fcberall verf\u00fcgbar machen, keine Frage offen zu lassen, das Licht der Erkenntnis, \u201eenlightenment\u201c (das englische Wort f\u00fcr Aufkl\u00e4rung), in die entlegensten Winkel zu tragen. Das Gegenteil ist eingetreten.<\/p>\n<p>Bridle macht dieses Machbarkeitsdenken, den \u201eSolutionismus\u201c, in dem es f\u00fcr alle Probleme eine App gibt, mitverantwortlich f\u00fcr die Herausforderungen, denen wir uns heute gegen\u00fcber sehen: das wachsenden Gef\u00e4lle zwischen Arm und Reich, den zunehmenden Nationalismus und gesellschaftliche Spaltungen und sogar den Klimawandel. \u201eWir wissen immer mehr \u00fcber die Welt\u201c, schreibt Bridle, \u201esind gleichzeitig aber immer weniger in der Lage, irgendetwas zu \u00e4ndern\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Keine einfachen L\u00f6sungen<\/h2>\n<p>Bridle erz\u00e4hlt sehr anschaulich von seinen eigenen Expeditionen in die Welt von \u00dcberwachungskameras und automatisierten Drohnen, von Begegnungen mit Geheimdienstlern und Verschw\u00f6rungstheoretikern. Er ist selbst kein Maschinenst\u00fcrmer und beteuert, dass er das Rad der Geschichte nicht zur\u00fcck drehen will. Deshalb hat er auch keine einfachen L\u00f6sungen anzubieten und l\u00e4sst den Leser und die Leserin ein wenig ratlos zur\u00fcck. Er wei\u00df, dass die Aufkl\u00e4rung \u00fcber technische Zusammenh\u00e4nge der intransparenten Systeme allein nicht ausreicht, um das Ruder herumzurei\u00dfen. Es klingt fast ein wenig altmodisch, wenn Bridle schreibt: \u201eWas wir brauchen, ist nicht Verst\u00e4ndnis, sondern Bildung.\u201c<\/p>\n<p>Da im Dunkeln bekanntlich auch gut munkeln ist, versucht Bridle auch im B\u00f6sen das Gute zu sehen: \u201eDie Finsternis kann auch ein Ort der Freiheit und der M\u00f6glichkeit sein, ein Ort der Gleichheit.\u201c Wichtig sei es, angesichts der d\u00fcsteren Aussichten nicht zu verzweifeln: \u201eWir du\u0308rfen uns jetzt nicht gegenseitig im Stich lassen.\u201c<\/p>\n<p>James Bridle: \u201eNew Dark Age: Der Sieg der Technologie und das Ende der Zukunft\u201c<br \/>\nC.H.Beck, Berlin 2019<br \/>\n320 Seiten, 25 Euro<\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":117884,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117805","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117805","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117884"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117805"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117805"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117805"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}