{"id":117808,"date":"2024-01-30T18:55:24","date_gmt":"2024-01-30T17:55:24","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/arbeitsprobe\/wie-ich-fuer-mein-kind-zur-dragqueen-wurde\/"},"modified":"2024-02-02T02:05:55","modified_gmt":"2024-02-02T01:05:55","slug":"wie-ich-fuer-mein-kind-zur-dragqueen-wurde","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/wie-ich-fuer-mein-kind-zur-dragqueen-wurde\/","title":{"rendered":"Wie ich f\u00fcr mein Kind zur Dragqueen wurde"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<div><strong>Die Zeit, 30.10.2019<\/p>\n<p>Die \u00f6ffentlichen Schulen in den USA sind auf Spenden der Eltern angewiesen. Christoph Dr\u00f6sser sammelt regelm\u00e4\u00dfig Geld f\u00fcr die Bildung seines Sohnes &#8211; in Frauenkleidern. <\/strong><\/p>\n<p>Das letzte Mal haben wir es im M\u00e4rz getan. Mein Kompagnon Vince und ich standen wieder als Dragqueens auf der B\u00fchne des kleinen Travestie-Clubs in unserem Viertel und haben uns mit Dollarscheinen bewerfen lassen. Wir tun das nur f\u00fcr unsere Kinder. Vince&#8217; Tochter geht mit meinem Sohn in die dritte Klasse der \u00f6rtlichen Grundschule hier in San Francisco. Nat\u00fcrlich bleiben die beiden drau\u00dfen, wenn ihre V\u00e4ter als \u201eRainbow Sisters&#8221; auf der B\u00fchne stehen &#8211; in Stilettos, Spitzenhandschuhen, Netzstr\u00fcmpfen und mit Reisbeuteln ausgestopften BHs. Zusammen mit mehreren anderen Akteuren haben wir in diesem Jahr rund 40.000 Dollar zusammenbekommen, der gr\u00f6\u00dfte Teil davon ging an die Schule.<\/p>\n<p>Zugegeben, das ist eine extreme und nicht gerade jugendfreie Form des Fundraisings f\u00fcr \u00f6ffentliche Schulen, wie es sie wohl nur im Castro geben kann, der LGBT-Hochburg des liberalen San Francisco. Aber Spendenaktionen kennen alle Eltern, die ihr Kind in den USA auf \u00f6ffentliche Schulen schicken. Sie backen Kuchen, veranstalten Schulfeste, betteln Nachbarn und Verwandte an. Die \u00f6ffentlichen Schulen sind kostenlos, viele k\u00f6nnten ohne Spenden aber gar nicht existieren. Es geht nicht um Extras wie Ballettunterricht oder Chinesisch-AGs, sondern um die Grundversorgung mit Lehrern und Lernmitteln.<\/p>\n<p>Unsere Schule, die Harvey Milk Civil Rights Academy, hat 230 Sch\u00fcler, von der Vorschule bis zur f\u00fcnften Klasse, und das Spendenziel des Elternvereins in diesem Schuljahr liegt bei 300.000 Dollar &#8211; also etwa 1300 Dollar (knapp 1200 Euro) pro Kind. Keine andere Grundschule in der Stadt sammelt so viele Spenden ein wie unsere. Unsere Drag-Show ist nur ein Teil eines Marathons, der sich \u00fcber das ganze Jahr hinzieht. Schon kurz nach dem Start des Schuljahres beginnt die annual giving campaign, bei der ganz direkt um Geld gebeten wird. Die Einnahmen decken die H\u00e4lfte des Budgets ab. Der spring carnival, eine Art Jahrmarkt auf dem Schulgel\u00e4nde, bringt etwa 13.000 Dollar ein. Weihnachten stand ich mit einem Sammeleimer im Foyer des Theaters, in dem der San Francisco Gay Men&#8217;s Chorus sein stets ausverkauftes Weihnachtskonzert gab. An vier Abenden haben wir 30.000 Dollar erbettelt. Hinzu kommen die Spendenseiten, die jeder einzelne Lehrer ins Netz stellt, um Zusch\u00fcsse f\u00fcr B\u00fcromaterialien und die Ausstattung der Klassen einzutreiben. Gar nicht in die Rechnung ein gehen die Stunden, die Eltern als Freiwillige in der Klasse ihrer Kinder verbringen.<\/p>\n<p>Was passiert mit den 300.000 Dollar Spenden? Wir bezahlen davon vor allem eine Lehrerstelle und eine Lehrkraft, die leistungsschwachen Sch\u00fclern Lese-Nachhilfe gibt. Damit ist der Spendentopf schon zur H\u00e4lfte geleert. Ein paar zus\u00e4tzliche naturwissenschaftliche Kurse, ein bisschen Kunst, Geld f\u00fcr die B\u00fccherei, Fortbildung f\u00fcr die Lehrer, frisches Obst f\u00fcr die Kinder &#8211; schon ist das Geld weg. An unserer Schule gibt es keine Lehrer f\u00fcr Kunst oder Musik, der Sportunterricht besteht aus ein paar Turn\u00fcbungen in voller Montur auf dem Schulhof, Fremdsprachen werden in den USA ohnehin nicht in der Grundschule gelehrt.<\/p>\n<p>Kalifornien liegt bei den Bildungsausgaben pro Sch\u00fcler im amerikanischen Mittelfeld. Die Lehrergeh\u00e4lter sind in San Francisco, der teuersten Stadt des Landes, besonders niedrig. Im Durchschnitt bekommt ein P\u00e4dagoge hier 60.000 Dollar im Jahr. Nur wenige Lehrer k\u00f6nnen sich eine Wohnung in der Stadt leisten, die meisten haben weite Arbeitswege. In den Sommerferien beginnt jedes Jahr die gro\u00dfe Abwanderung, weil viele Lehrer anderswo bessere Konditionen finden, und die Schulen starten mit unbesetzten Stellen ins neue Jahr.<\/p>\n<p>Die Unterfinanzierung des \u00f6ffentlichen Schulsystems f\u00fchrt zu beklagenswerten Zust\u00e4nden, aber es bleibt ein gro\u00dfes R\u00e4tsel, wo all das \u00f6ffentliche Geld eigentlich versickert. Denn wenn man auf die nackten Zahlen schaut, betr\u00e4gt der Bildungsetat pro Grundsch\u00fcler in San Francisco etwa 10.000 Dollar im Jahr; in Deutschland sind es nach Angaben der OECD umgerechnet rund 8600 Dollar. Angesichts der niedrigeren Geh\u00e4lter m\u00fcsste hier also ein viel gr\u00f6\u00dferer Rest zur freien Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Das ausufernde Spendenwesen verst\u00e4rkt die soziale Spaltung<\/p>\n<p>Wieso kann man in Deutschland mit weniger Geld mehr Schule machen? Eine klare Antwort auf diese Frage k\u00f6nnen auch Bildungsexperten nicht geben. Ludger W\u00f6\u00dfmann vom Ifo-Zentrum f\u00fcr Bildungs\u00f6konomik in M\u00fcnchen verweist darauf, dass amerikanische Schulen \u00fcber die Fachlehrer hinaus mehr Personal besch\u00e4ftigen als deutsche. Etwa Hilfslehrer und Sozialarbeiter, die bitter n\u00f6tig sind in einem Land mit gr\u00f6\u00dferen sozialen und ethnischen Unterschieden. Dazu kommt ein Verwaltungswasserkopf: Weil das Schulwesen Sache der Kommunen ist, hat jeder Distrikt eine \u00fcppige Schulverwaltung. In San Francisco sind von rund 10.500 Besch\u00e4ftigten des Schuldistrikts nur 3700 Lehrer auf vollen Stellen, daf\u00fcr arbeiten 1400 Mitarbeiter im Schulamt.<\/p>\n<p>So nervig es ist, st\u00e4ndig auf Geldspenden angesprochen zu werden &#8211; nat\u00fcrlich st\u00e4rkt das Fundraising auch die Identifikation der Eltern mit der Schule ihrer Kinder. Man sch\u00e4tzt ein Angebot mehr, f\u00fcr das man hartes Geld bezahlt. Aber das ausufernde Spendenwesen verst\u00e4rkt auch die soziale Spaltung der Stadt: Die Bem\u00fchungen,<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2017\/29\/einschulung-san-francisco-schule-kindergarten\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"> allen Kindern die gleichen Chancen zu geben, unabh\u00e4ngig von Klasse und ethnischer Gruppe (ZEIT Nr. 29\/17)<\/a>, werden konterkariert, wenn wohlhabendere Eltern die Schule ihrer Spr\u00f6sslinge mit privatem Geld aufp\u00e4ppeln. Die reichsten zehn Grundschulen der Stadt sammeln mehr ein als die restlichen 61 zusammen, die \u00e4rmsten 35 Schulen weisen offiziell \u00fcberhaupt keine Spenden aus, haben teilweise nicht einmal einen Elternverein. H\u00e4ufig sind das jene Schulen, auf die Kinder aus den \u00e4rmsten Familien gehen, die Schwarzen, die Latinos.<\/p>\n<p>In anderen Gegenden Kaliforniens d\u00fcrfen einzelne Schulen deshalb \u00fcberhaupt keine Spenden mehr eintreiben, etwa im Distrikt Santa Monica-Malibu. Nur Spenden an den gesamten Schulbezirk sind erlaubt. Die Eltern protestierten &#8211; und die reichen Einwohner des Strandst\u00e4dtchens Malibu wollten sich gar vom \u00e4rmeren Santa Monica abspalten. Als Folge gingen die Spenden insgesamt zur\u00fcck. Gut verdienende Eltern schicken ihren Nachwuchs da lieber auf eine der teuren, gut ausgestatteten privaten Schulen.<\/p>\n<p>\u00dcber den Zustand der \u00f6ffentlichen wird in den USA permanent diskutiert. Gerade die Demokraten setzen sich sehr f\u00fcr eine bessere Ausstattung und eine Aufwertung dieser Schulen ein &#8211; lassen ihre eigenen Kinder aber h\u00e4ufig anderswo unterrichten. Die Eltern- und Lehrerorganisationen sind sich einig, dass eine sozial gerechte L\u00f6sung nur darin bestehen kann, dass man die \u00f6ffentlichen Schulen mit mehr Mitteln ausstattet. 2018 stimmten die W\u00e4hler in San Francisco daf\u00fcr, eine neue Grundsteuer zu erheben, um damit die Lehrergeh\u00e4lter erh\u00f6hen zu k\u00f6nnen. Das Gesetz steckt allerdings vorerst in irgendwelchen Gerichten fest. Also gingen wir Eltern Anfang des Jahres auf die Stra\u00dfe und erk\u00e4mpften erfolgreich eine \u00dcbergangsfinanzierung durch die Stadt.<\/p>\n<p>Vater eines Schulkinds in den Vereinigten Staaten zu sein wird schnell zum Vollzeitjob, mit und ohne Frauenkleider.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht in der ZEIT Nr. 45 vom 30.10.2019<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2019\/45\/oeffentliche-schulen-usa-spenden-schulsystem\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.zeit.de\/2019\/45\/oeffentliche-schulen-usa-spenden-schulsystem<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p><\/p>","protected":false},"author":100,"featured_media":117886,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117808","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117808","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117886"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117808"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117808"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117808"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}