{"id":117809,"date":"2024-01-30T18:55:24","date_gmt":"2024-01-30T17:55:24","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/arbeitsprobe\/george-washington-fresko-soll-geschichte-ausgeloescht-werden\/"},"modified":"2024-02-02T02:06:04","modified_gmt":"2024-02-02T01:06:04","slug":"george-washington-fresko-soll-geschichte-ausgeloescht-werden","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/george-washington-fresko-soll-geschichte-ausgeloescht-werden\/","title":{"rendered":"George-Washington-Fresko: Soll Geschichte ausgel\u00f6scht werden?"},"content":{"rendered":"<p><strong>FAZ, 15.8.2019<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Als Victor Arnautoff 1936 dreizehn Fresken \u00fcber das Leben George Washingtons f\u00fcr eine High School schuf, illustrierte er auch die Schattenseiten des amerikanischen S\u00e4ulenheiligen. Dar\u00fcber ist nun ein erbitterter Streit entbrannt.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>San Francisco h\u00e4lt sich gern f\u00fcr die toleranteste Stadt der Welt. Hier nahm die Hippiebewegung ihren Ausgang, hier wagten es Homosexuelle erstmals, \u00f6ffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. Wenn im Schwulen-Stadtteil Castro am hellichten Tag ein splitternackter Mann in der Sonne flaniert, dann schaut kaum ein Passant von seinem Smartphone auf. Was nicht so viele wissen: Schon vor dem Sommer der Liebe gab es in San Francisco radikale politische Bewegungen. In den drei\u00dfiger Jahren war die Stadt eine Hochburg der Arbeiterbewegung. Und ein Kunstwerk aus dieser Zeit hat nun angeblich eine derart verst\u00f6rende Wirkung auf Jugendliche, dass es dem Blick der \u00d6ffentlichkeit entzogen wird. Zeitweise sollte es sogar \u00fcbermalt und damit zerst\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Der Stein des Ansto\u00dfes ist eine Serie von Wandgem\u00e4lden, die der K\u00fcnstler Victor Arnautoff 1936 an der George <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/george-washington\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Washington<\/a> High School schuf. In der Zeit des New Deal, nach der gro\u00dfen Wirtschaftskrise, war Kunst auch eine Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahme. Die f\u00f6derale Regierung gab Geld daf\u00fcr, dass arbeitslose K\u00fcnstler \u00f6ffentliche Bilder malten. Sie waren angehalten, das amerikanische Leben in realistischer Weise abzubilden &#8211; fast wie ihre Kollegen in der Sowjetunion, die damals den Stil des Sozialistischen Realismus entwickelten. Ber\u00fchmt sind die Wandgem\u00e4lde am Coit Tower, damals dem h\u00f6chsten Geb\u00e4ude San Franciscos, die den Alltag von Arbeitern und Bauern, aber auch Szenen aus dem amerikanischen Familienleben darstellen.<\/p>\n<p>Die Schattenseiten des S\u00e4ulenheiligen<\/p>\n<p>Arnautoff bekam den Auftrag, in dreizehn Fresken das Leben George Washingtons darzustellen, des ersten amerikanischen Pr\u00e4sidenten und Namenspatrons der Schule. Der linksgerichtete K\u00fcnstler begn\u00fcgte sich nicht mit hagiographischer Erh\u00f6hung, sondern zeigte auf zwei Bildern auch die Schattenseiten des S\u00e4ulenheiligen der Nation. Eines zeigt Washington als Plantagenbesitzer. Er ist an den Rand des Bildes ger\u00fcckt, in der Mitte sieht man vier schwarze Sklaven, die Maiskolben in S\u00e4cke verpacken. \u201eDas macht sehr deutlich, dass Washington zwar die Gleichheit aller Menschen propagierte, aber gleichzeitig andere Menschen als Eigentum besa\u00df&#8221;, erkl\u00e4rt der Historiker Robert Cherny, ein anerkannter Fachmann f\u00fcr die \u00f6ffentliche Kunst des New Deal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem zweiten umstrittenen Bild zeigt Washington mit ausgestrecktem Arm gen Westen. Ein paar in Grau gehaltene, schemenhafte Soldaten folgen seiner Weisung, aber zu ihren F\u00fc\u00dfen liegt ein toter Indianer. Das Bild nimmt damit den V\u00f6lkermord vorweg, den die Siedler auf ihrem Zug gen Westen begingen. Arnautoff war bei Diego Rivera in die Schule gegangen, sein Stil \u00e4hnelt stark dem des mexikanischen Muralisten und Revolution\u00e4rs. Die Figuren sind realistisch, aber stilisiert dargestellt, erinnern an Werke der italienischen Renaissance. Die Gewalt der historischen Ereignisse wird nicht in blutr\u00fcnstigen Details pr\u00e4sentiert, sie formt sich im Kopf des Betrachters, der um die Geschichte wei\u00df. Trotzdem sagen nun indianische und afroamerikanische Elternverb\u00e4nde: Wir k\u00f6nnen es unseren Kindern nicht zumuten, Tag f\u00fcr Tag mit der Unterdr\u00fcckung ihrer Vorfahren konfrontiert und zu Opfern degradiert zu werden. Die Schulbeh\u00f6rde griff den Protest auf und beschloss im Juni einstimmig, die Kunstwerke zu \u00fcbermalen &#8211; abmontieren und woanders wieder aufbauen lassen sich die in den feuchten Putz gemalten Bilder nicht.<\/p>\n<p>Vielleicht war der Anlass f\u00fcr den Protest gegen Arnautoffs Bilder die Debatte um Statuen von F\u00fchrern der konf\u00f6derierten Staaten, die seit 2017 vor allem im S\u00fcden Amerikas gef\u00fchrt wird. Die stellen f\u00fcr viele eine Glorifizierung der Sklavenhalter dar, sie m\u00f6chten sie im \u00f6ffentlichen Raum nicht mehr sehen. Das Paradoxe an der Debatte in San Francisco: Hier geht es gegen Kunst, die zur ihrer Zeit eine \u00e4u\u00dferst fortschrittliche Interpretation der Geschichte darstellte.<\/p>\n<p>Kunst als Mittel der Rebellion<\/p>\n<p>Die geplante Zerst\u00f6rung der Bilder stie\u00df ihrerseits auf Protest und entfachte einen politischen Streit in einer Stadt, die von au\u00dfen als ideologische Einheitsfront gesehen wird. Bei Wahlen treten &#8211; beg\u00fcnstigt durch das seltsame kalifornische Vorwahlsystem &#8211; praktisch ausschlie\u00dflich Mitglieder der Demokratischen Partei gegeneinander an. Pr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/donald-trump\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Trump<\/a> holte hier weniger als zehn Prozent der Stimmen, eine konservative \u00d6ffentlichkeit existiert praktisch nicht. Aber an der Frage der Arnautoff-Gem\u00e4lde spalten sich die linken und liberalen Geister mit ungewohnter Heftigkeit. Der Graben verl\u00e4uft h\u00e4ufig entlang der Generationengrenze. F\u00fcr die \u00c4lteren, die noch in einer muffigen, konservativen Welt aufwuchsen, war Kunst ein Mittel der Rebellion, sie sollte schockieren und aufr\u00fctteln. Die jungen Identit\u00e4tspolitiker von heute, die sich vor allem als Anw\u00e4lte benachteiligter Gruppen sehen, beurteilen Kunst nach ihrer politischer Weltsicht. Eine ganze Menge Linke sitzen ratlos in der Mitte, in der Schnittmenge dieser beiden Fraktionen. \u201eUnd die sind pl\u00f6tzlich ganz still geworden&#8221;, sagt der Soziologe Peter Richardson von der San Francisco State University.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst wird der Streit nicht mehr nur mit Argumenten ausgetragen. Als Robert Cherny im Juli einen akademischen Vortrag \u00fcber Arnautoff und seine Bilder hielt, wurde das Podium von Aktivisten gest\u00fcrmt, die gegen die vermeintlich \u201erassistische&#8221; Kunst protestierten. Ein absurder Vorwurf, findet Cherny: \u201eDie Absicht des K\u00fcnstlers war es eindeutig, die Sklaverei und den Genozid an den amerikanischen Indianern zu kritisieren. Aber diejenigen, die diese Bilder nun zerst\u00f6ren wollen, sagen, dass die Absichten des K\u00fcnstlers unwichtig seien.&#8221;<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler wurden nicht befragt<\/p>\n<p>Vor einem halben Jahrhundert gab es an der George-Washington-Schule schon einmal einen Streit \u00fcber die Arnautoff-Bilder. Im Zuge der Black-Power-Bewegung schlossen sich schwarze Sch\u00fcler 1968 zusammen und protestierten gegen die nach ihrer Meinung klischeebeladene und unw\u00fcrdige Darstellung ihrer Vorfahren. Man befragte die Sch\u00fclerschaft, und die sprach sich mehrheitlich f\u00fcr eine kreative L\u00f6sung aus: Der afroamerikanische K\u00fcnstler Dewey Crumpler malte ein erg\u00e4nzendes Triptychon mit seiner Version der schwarzen Geschichte. Damals war das ein gelungener Kontrapunkt zu Arnautoffs Fresken, heute bietet f\u00fcr manche nur noch die komplette Ausl\u00f6schung Genugtuung. Die Sch\u00fcler als die wirklich Betroffenen wurden nicht befragt. Ob sie sich wirklich traumatisiert f\u00fchlen, ist daher schwer zu beurteilen, aber hinter vorgehaltener Hand sagt so mancher Kritiker, dass sie in ihren Computerspielen erheblich mehr menschenverachtende Gewalt zu sehen bekommen als auf den eher naiven Gem\u00e4lden.<\/p>\n<p>Der stadtweite Protest gegen die Bilderst\u00fcrmerei, der sich viele Prominente angeschlossen haben, unter anderen der schwarze ehemalige B\u00fcrgermeister Willie Brown, blieb nicht wirkungslos. Am Dienstag dieser Woche beschloss der Schulausschuss mit der denkbar knappen Mehrheit von vier gegen drei Stimmen, die Fresken mit Paneelen zu verdecken. Die sollen dann mit Bildern bemalt werden, die \u201einspirierend&#8221; auf die jungen Menschen wirken. F\u00fcr Peter Richardson ist das ein Rezept f\u00fcr eine weichsp\u00fclende Kunst &#8211; \u201eoder \u00fcberhaupt keine Kunst&#8221;.<\/p>\n<p>Robert Cherny, der Arnautoff-Experte, hatte noch bis zur letzten Minute versucht, auch diese Variante zu verhindern, weil sie die Kunstwerke zwar nicht zerst\u00f6ren, aber ebenfalls dauerhaft dem \u00f6ffentlichen Blick entziehen wird. Er favorisierte eine L\u00f6sung mit Vorh\u00e4ngen oder verschiebbaren Blenden vor den Fresken, sodass man sie zumindest zeitweise einem sittlich gefestigten Publikum pr\u00e4sentieren k\u00f6nnte. Das letzte Wort in dieser Posse werden wohl die Gerichte haben.<\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":117846,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117809","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117846"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117809"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}