{"id":117816,"date":"2024-01-30T18:55:25","date_gmt":"2024-01-30T17:55:25","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/arbeitsprobe\/us-inflation-reduction-act-anschub-fuer-gruenen-h2-oder-etikettenschwindel\/"},"modified":"2024-01-30T19:54:21","modified_gmt":"2024-01-30T18:54:21","slug":"us-inflation-reduction-act-anschub-fuer-gruenen-h2-oder-etikettenschwindel","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/us-inflation-reduction-act-anschub-fuer-gruenen-h2-oder-etikettenschwindel\/","title":{"rendered":"US-Inflation-Reduction-Act: Anschub f\u00fcr gr\u00fcnen H2 oder Etikettenschwindel?"},"content":{"rendered":"<p>Wasserstoff soll in der emissionsfreien Energiewirtschaft der Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Als Basis f\u00fcr neue Treibstoffe, aber auch als Energiespeicher.<\/p>\n<p>Laut dem neuen Gesetz wird die Produktion von Wasserstoff mit drei Dollar pro Kilo subventioniert, wenn er zu 100 Prozent durch Elektrolyse mit Wind- und Sonnenenergie hergestellt wird. Der aus Erneuerbaren gewonnene Strom spaltet dabei Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff auf. Das klingt einfach, aber der Teufel steckt im Detail der Bestimmungen, die die US-Steuerbeh\u00f6rde noch ausarbeiten muss. \u00dcber diese Regeln tobt im Moment ein Streit. Sind sie zu restriktiv, k\u00f6nnte das den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft behindern. Sind sie zu lax, k\u00f6nnte sogar mehr CO\u2082 ausgesto\u00dfen werden als mit konventionellen Methoden.<\/p>\n<p>Die Grundrechnung ist einfach, erkl\u00e4rt Wilson Ricks von der Universit\u00e4t Princeton, der in einer Studie den Wasserstoffmarkt der Zukunft f\u00fcr den Westen der USA durchgerechnet hat:<\/p>\n<p>&#8220;F\u00fcr ein Kilo Wasserstoff bekommt man auf dem Markt zurzeit etwa einen Dollar. Wenn man den mit Strom herstellen und dabei Geld verdienen will, darf die Megawattstunde h\u00f6chstens 20 Dollar kosten, und heute ist sie meistens teurer. Mit der Subvention k\u00f6nnte der Wasserstoffproduzent jedoch f\u00fcr den notwendigen Strom bis zu 80 Dollar pro Megawattstunde zahlen und immer noch\u00a0Geld verdienen \u2013 die Subvention bietet also ein Anreiz, rund um die Uhr Strom zu verbrauchen.&#8221;<\/p>\n<p>Das ist kein Problem, wenn der Strom tats\u00e4chlich komplett gr\u00fcn ist. Zum Beispiel wenn ein Wasserstoff-Elektrolyseur \u2013 so hei\u00dfen die Produktionsanlagen \u2013 direkt von Windr\u00e4dern oder Solarzellen gespeist wird, die nicht am Stromnetz h\u00e4ngen. Kommt der Strom dagegen aus der Leitung, ist es schwer zu sagen, ob die Elektronen gerade von einem Windrad, einem Kernkraftwerk oder einem Kohlekraftwerk stammen.<\/p>\n<p>Ein Vorschlag f\u00fcr die neuen Regeln sieht vor, dass die Firmen nur eine j\u00e4hrliche Bilanz erstellen m\u00fcssen. Das birgt die Gefahr, dass die Firmen ihre Stromquellen sch\u00f6nen, obwohl sie auch mit fossil erzeugter Energie arbeiten &#8211; zum Beispiel mit dem Kauf von preiswerten Energiezertifikaten, erkl\u00e4rt Wilson Ricks.<\/p>\n<p>&#8220;Die Wasserstoff-Hersteller k\u00f6nnen dann Energiezertifikate von Produzenten erneuerbarer Energie kaufen. Weil schon so viel von diesen gr\u00fcnen Energien produziert wird, auch aufgrund des Inflation Reduction Act, sind diese Zertifikate sehr billig, weil es mehr Angebot als Nachfrage gibt.&#8221;<\/p>\n<p>Das Ergebnis der Analyse der Princeton-Forscher: Die Wasserstoffproduktion mit Strom unter derart laxen Bedingungen ist noch schlechter f\u00fcr die Umwelt als die traditionelle Herstellung aus Erdgas. Deshalb fordern die Forschenden drei Bedingungen f\u00fcr Produzenten, die die Subvention bekommen wollen. Erstens: Der Strom muss nachweislich aus neu hinzugebauten regenerativen Quellen stammen. Zweitens: Der Beleg, dass der Strom gr\u00fcn erzeugt wurde, muss in st\u00fcndlichen Bilanzen erbracht werden \u2013 die Technik daf\u00fcr gibt es. Und drittens: Die Energie sollte aus lokalen oder regionalen Quellen kommen, die auch tats\u00e4chlich mit der Elektrolyse-Anlage verbunden sind.<\/p>\n<p>Das Gegenargument, das auch in Europa immer wieder gebracht wird: Wir m\u00fcssen jetzt m\u00f6glichst schnell die Infrastruktur f\u00fcr die Wasserstoffwirtschaft aufbauen, auch wenn nicht vom ersten Tag an alles komplett gr\u00fcn ausf\u00e4llt. Das sagt etwa der Sprecher von NextEra Energy, dem gr\u00f6\u00dften amerikanischen Erzeuger von regenerativen Energien, in einer E-Mail an den Deutschlandfunk: &#8220;Wir sind der Meinung, dass die Herstellung von gr\u00fcnem Wasserstoff bei zu strengen Vorschriften unwirtschaftlich ist und die ganze Sache eine Totgeburt wird.&#8221;<\/p>\n<p>Der Princeton-Forscher Wilson Ricks h\u00e4lt das f\u00fcr ma\u00dflos \u00fcbertrieben: &#8220;Ich habe Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Argument, dass wir die Wasserstoffindustrie jetzt in Gang bringen m\u00fcssen, wenn wir in den 2030er Jahren gro\u00dfe Mengen Wasserstoff produzieren wollen. Aber das Argument, dass man unter strengen Bedingungen Wasserstoff nicht wirtschaftlich produzieren k\u00f6nnte, ist einfach falsch. In Gebieten mit viel Sonne und Wind, etwa in Texas, ginge das jetzt schon. Und wenn die Elektrolyseure billiger werden, wird das auch in anderen Gegenden profitabel.&#8221;<\/p>\n<p>Das amerikanische Beispiel zeigt: Die Regeln f\u00fcr die Subventionen der neuen Energiewirtschaft m\u00fcssen fein justiert werden, diesseits und jenseits des Atlantiks. Sind sie zu eng, kommt der gr\u00fcne Wandel nicht schnell genug in Gang. Sind sie zu locker, zieht das nur Gesch\u00e4ftemacher an, die weniger die Umwelt im Sinn haben als ihren eigenen Profit.<\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":117836,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117816","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117816","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117836"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117816"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117816"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117816"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}