{"id":117818,"date":"2024-01-30T18:55:25","date_gmt":"2024-01-30T17:55:25","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/arbeitsprobe\/waldbraende-in-kalifornien-leben-im-gruenen-ein-spiel-mit-dem-feuer\/"},"modified":"2024-04-02T21:46:35","modified_gmt":"2024-04-02T20:46:35","slug":"waldbraende-in-kalifornien-leben-im-gruenen-ein-spiel-mit-dem-feuer","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/waldbraende-in-kalifornien-leben-im-gruenen-ein-spiel-mit-dem-feuer\/","title":{"rendered":"Waldbr\u00e4nde in Kalifornien: Leben im Gr\u00fcnen, ein Spiel mit dem Feuer"},"content":{"rendered":"<div><strong>Jedes Jahr brennen H\u00e4user ab, der Klimawandel verst\u00e4rkt die Waldbr\u00e4nde. Warum bauen Kalifornier weiter Holzh\u00e4user am Waldrand? Aus guten Gr\u00fcnden, sagt ein Feuerforscher.<\/strong><\/div>\n<p>Von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/autoren\/D\/Christoph_Droesser\/index.xml\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Christoph Dr\u00f6sser<\/a>, San Francisco<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Menschen in <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/kalifornien\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Kalifornien<\/a> &#8211; sie sind bekannt f\u00fcr ihre Zuversicht. Doch im Moment <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2020-08\/krisen-kalifornien-corona-pandemie-waldbraende-san-francisco\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">ist die Stimmung auf dem Nullpunkt,<\/a> selbst bei denjenigen, die nicht direkt vom Feuer betroffen sind &#8211; in San Francisco etwa. Seit einem halben Jahr sind sie durch den Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie weitgehend ans Haus gefesselt, der Qualm, der von den <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/2020_California_wildfires\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">mehr als 7.000 Brandherden<\/a> im Staat her\u00fcberweht, macht nun auch gelegentliche Ausfl\u00fcge in die Natur unm\u00f6glich. In San Francisco wurde es am vergangenen Mittwoch gar nicht erst hell, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2020-09\/katastrophenbilder-usa-waldbraende-11-september-kalifornien-washington-oregon\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">der r\u00f6tliche D\u00e4mmerzustand erinnerte an Szenen aus dem dystopischen Science-Fiction-Film Blade Runner 2049<\/a>.<\/p>\n<p>An den Tagen danach war die Sonne wieder zu sehen, daf\u00fcr stieg die <a href=\"https:\/\/fire.airnow.gov\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Partikelbelastung der Luft an und pendelt seitdem zwischen<\/a> den Alarmstufen Rot und Violett. In das Entsetzen \u00fcber die Feuersbr\u00fcnste und das Mitgef\u00fchl mit denen, die gerade ihre H\u00e4user verlieren oder verlassen m\u00fcssen, mischt sich in diesen Tagen auch der verbreitete Spruch: selbst schuld! Wer am Rand der trockenen W\u00e4lder baut, noch dazu ein US-\u00fcbliches Holzh\u00e4uschen, der muss sich nicht wundern, wenn bei einem der periodisch auftretenden <a title=\"Link: https:\/\/www.zeit.de\/thema\/waldbrand\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/waldbrand\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Waldbr\u00e4nde<\/a> das Eigenheim in Flammen aufgeht. Die Natur strafe solchen Leichtsinn umgehend ab.<\/p>\n<p>Wenn er solche Spr\u00fcche h\u00f6rt, wird <a href=\"https:\/\/vcresearch.berkeley.edu\/faculty\/j-keith-gilless\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Keith Gilless<\/a> ungehalten. Besonders, wenn sie von St\u00e4dtern aus San Francisco oder Los Angeles kommen, die selbst ihre H\u00e4user auf einer Erdbebenspalte gebaut haben und nicht daran denken, von dort wegzuziehen. &#8220;Da wird oft den Opfern die Schuld gegeben&#8221;, sagt der emeritierte Professor der University of California in Berkeley und Vorsitzende der kalifornischen Beh\u00f6rde f\u00fcr Forstwirtschaft und Brandschutz. Gilless ist \u00fcberzeugt, dass man Natur und Zivilisation in Einklang bringen kann.<\/p>\n<p>Und das gelte auch dort, wo wilde Natur und menschliche Siedlungen aufeinandertreffen. Fachleute nennen diese Regionen <a href=\"https:\/\/www.fs.fed.us\/openspace\/fote\/reports\/GTR-299.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">WUI<\/a> (sprich: wui), was f\u00fcr wildland-urban interface steht. Jedes dritte Haus in den steht in einem solchen Gebiet. Aber in keinem Bundesstaat leben in solchen Zonen so viele Menschen wie in Kalifornien: 11,3 Millionen, das sind 30 Prozent der Bev\u00f6lkerung. Einer der Gr\u00fcnde ist, dass immer mehr Menschen in den Staat mit dem mediterranen Klima ziehen, aber in den St\u00e4dten Grundst\u00fcckspreise und exorbitante Mieten f\u00fcr Normalverdiener kaum noch erschwinglich sind. Gleichzeitig w\u00fcnschen sich viele ein Leben inmitten der Natur am Rand der beeindruckenden W\u00e4lder, in denen einer der majest\u00e4tischen Riesenmammutb\u00e4ume neben dem n\u00e4chsten steht. &#8220;Wir lieben B\u00e4ume, m\u00f6chten unter ihren Wipfeln leben&#8221;, sagt Gilless.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><br \/>\nFeuer geh\u00f6ren hier zur Natur &#8211; aber nicht in diesem Ausma\u00df<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Dabei haben zu dieser Natur schon immer auch Waldbr\u00e4nde geh\u00f6rt. In den unber\u00fchrten W\u00e4ldern Kaliforniens gab es etwa alle zehn Jahre Br\u00e4nde, die die Vegetation ausd\u00fcnnten und durchaus positive Effekte f\u00fcr das \u00d6kosystem hatten &#8211; Leute wie Gilless sprechen dabei von &#8220;guten Feuern&#8221;. In der urspr\u00fcnglichen Landschaft stehen die B\u00e4ume auch nicht dicht an dicht, die W\u00e4lder sind unterbrochen durch Buschwerk und savannenartige Zonen.<\/p>\n<p>Gegen diese Art von periodischen Feuern kann man sich relativ leicht sch\u00fctzen, auch wenn man nahe am Wald wohnt. Die meisten H\u00e4user brennen nicht nieder, weil sie von einer Flammenwand \u00fcberrollt werden, sondern die Br\u00e4nde werden von Funken entfacht, die der Wind von einem Brandherd her\u00fcberweht. Deshalb, so Gilless, sollte vor allem das Dach aus einem nicht brennbaren Material bestehen. Die Lufteinl\u00e4sse m\u00fcssen funkendicht sein, weil die Funken mit dem Wind praktisch horizontal angeweht kommen und sonst ins Haus geraten k\u00f6nnen. &#8220;Es brennt dann praktisch von innen ab, nicht von au\u00dfen&#8221;, sagt Gilless. \u00dcberdies sollte das Feuer 30 Meter rund ums Haus wenig Futter finden. Am wichtigsten seien die zwei Meter unmittelbar ums Haus herum &#8211; da sollte es \u00fcberhaupt nichts Brennbares geben, nicht einmal Rindenmulch auf den Beeten.<\/p>\n<p>Das gute Feuer wird zu einem schlechten, wenn die Flammen in die Wipfel der B\u00e4ume gelangen und ein lokaler Brandherd so zur Feuerwalze wird. Das passiert in Kalifornien seit Jahren immer h\u00e4ufiger. Vor allem <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/klimawandel\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">aufgrund des Klimawandels<\/a>: Der August dieses Jahres war der hei\u00dfeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, f\u00fcnf der im Moment w\u00fctenden Br\u00e4nde geh\u00f6ren zu den 20 schlimmsten in der Geschichte des Staates. Die Fl\u00e4che, die jedes Jahr verbrennt, hat sich seit den Siebzigerjahren verf\u00fcnffacht. Ein durchschnittlicher Brand verw\u00fcstet heute 28.000 Quadratkilometer, in den Neunzigern waren es noch 13.000.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Schlechtes Forstmanagement verst\u00e4rkt das Problem<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber auch das falsche Management der W\u00e4lder hat zu den immensen Sch\u00e4den der Feuer beigetragen. Vor allem eine \u00fcbertriebene Brandvermeidungsstrategie. In einem\u00a0<a href=\"https:\/\/story.californiasunday.com\/gone-paradise-fire\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Artikel<\/a>, der vergangenes Jahr im\u00a0<em>California Sunday Magazine<\/em>\u00a0erschien, spricht der Journalist Mark Arax von einem &#8220;katastrophen-industriellen Komplex&#8221;. Fr\u00fcher k\u00fcmmerten sich vor allem Ranger um die Waldgebiete, die in den Waldbr\u00e4nden nicht nur eine Gefahr sehen, sondern auch ein notwendiges Element in der \u00d6kologie der Region. Seit der Jahrtausendwende werden sie bei der Pr\u00e4vention und Feuerbek\u00e4mpfung immer st\u00e4rker von einer Armee aus hochger\u00fcsteten Feuerwehrleuten an den Rand gedr\u00e4ngt und abgel\u00f6st. Und deren Ziel ist, jedes Feuer im Keim zu ersticken. Aber Brandverhinderung um jeden Preis kann fatale Folgen haben: Wenn ein Waldgebiet nicht alle zehn Jahre mal brennt, sammelt sich zu viel brennbares Material an, insbesondere sogenanntes\u00a0<em>ladder fuel<\/em>\u00a0aus B\u00fcschen, Str\u00e4uchern und abgestorbenen \u00c4sten. &#8220;Auf diesen Leitern steigen die Flammen in die Baumkronen und aus einem \u00f6kologisch n\u00fctzlichen Feuer wird eines, das sehr viele der gro\u00dfen B\u00e4ume zerst\u00f6rt&#8221;, erkl\u00e4rt Keith Gilless.<\/p>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<p>Der US-Pr\u00e4sident Donald Trump zog allerlei Spott auf sich, als er den Menschen in Kalifornien vor zwei Jahren empfahl, nach dem Vorbild Finnlands \u00f6fter mal mit dem Rechen durch die W\u00e4lder zu gehen. Bei seinem Besuch am Montag wiederholte er seinen Waldputzappell: &#8220;Wenn trockene Bl\u00e4tter auf dem Boden liegen, ist das Brennstoff f\u00fcr die Feuer.&#8221; Ganz daneben liegt der Pr\u00e4sident mit dieser Aussage nicht. &#8220;Wenn wir von diesem vereinfachten Bild des Rechens absehen, dann hat er damit ein echtes Problem benannt&#8221;, sagt Gilless. Die W\u00e4lder enthalten tats\u00e4chlich zu viel brennbares Material, und Kalifornien hat f\u00fcr Privatw\u00e4lder schon erste Bestimmungen erlassen, um die Dichte des Baumbestands zu reduzieren. Das Problem: F\u00fcr die meisten kalifornischen W\u00e4lder ist der Bund zust\u00e4ndig, also Trumps Regierung, und nicht der Staat Kalifornien.<\/p>\n<p>Dass nicht mehr in eine sinnvolle Art des Waldmanagements investiert wird, hat auch damit zu tun, dass das Holz, das dabei entfernt wird, nicht wirtschaftlich zu verwerten ist. Um das zu \u00e4ndern, hat Gilless&#8217; Beh\u00f6rde das\u00a0<a href=\"https:\/\/bof.fire.ca.gov\/board-committees\/joint-institute-for-wood-products-innovation\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Joint Institute for Wood Products Innovation<\/a>\u00a0gegr\u00fcndet<em>,\u00a0<\/em>also ein Institut f\u00fcr innovative Holzprodukte, die aus dem vergleichsweise minderwertigen Material hergestellt werden k\u00f6nnen. Denn Gilless glaubt unbeirrt an den Baustoff Holz. Der habe eine sehr gute Klimabilanz und wenn man richtig damit baue, sei die Feuersicherheit nicht geringer als die von Beton oder Metall.<\/p>\n<p>Das Problem ist, dass sich feuerbewusstes Bauen in den naturnahen Siedlungen \u2013 den WUIs \u2013 nur langsam durchsetzt. F\u00fcr neue H\u00e4user, die errichtet werden, hat der Staat die Brandschutzbestimmungen versch\u00e4rft und zum Beispiel Holzd\u00e4cher und offene Bel\u00fcftungsgitter verboten. Solche Vorschriften gelten auch f\u00fcr den Wiederaufbau abgebrannter Eigenheime. Wie aber bekommt man die Besitzerinnen und Besitzer bestehender H\u00e4user dazu, diese nach dem neuesten Erkenntnisstand des Brandschutzes auszustatten? Versicherungen k\u00f6nnten hierbei eine wichtige Rolle spielen. Die sind n\u00e4mlich immer weniger dazu bereit, mit ihren staatlich gedeckelten Pr\u00e4mien das Feuerrisiko in diesen Gebieten zu \u00fcbernehmen. Einige Vertr\u00e4ge w\u00fcrden sie am liebsten k\u00fcndigen \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/09\/02\/climate\/wildfires-insurance.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">das verhinderte im vergangenen Jahr der kalifornische Staat, der sich sch\u00fctzend vor 800.000 Hausbesitzer stellte<\/a>. Diese Verordnung aber l\u00e4uft nun aus. Die Versicherungen k\u00f6nnten als N\u00e4chstes versuchen, die Eigent\u00fcmer mit niedrigeren Pr\u00e4mien dazu zu verleiten, ihr Haus feuerfest zu machen.<\/p>\n<p>In diesem Jahr haben die Waldbr\u00e4nde an der Westk\u00fcste der USA besonders fr\u00fch begonnen. Wie viele Wochen und Monate lang werden die Kalifornier noch mit Katastrophenmeldungen und bei\u00dfender Luft leben m\u00fcssen? &#8220;Ich sollte da keine Prognosen anstellen&#8221;, sagt Keith Gilless, &#8220;aber wir m\u00fcssen uns darauf einstellen, dass die Feuersaison zusammen mit\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/coronavirus\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Covid-19<\/a>\u00a0unser Leben noch mindestens bis Ende des Jahres durcheinanderwirbeln wird.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":117839,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117818","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117839"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117818"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}