{"id":117819,"date":"2024-01-30T18:55:25","date_gmt":"2024-01-30T17:55:25","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/arbeitsprobe\/verkehrstote-in-den-usa-raetselhafte-todesserie\/"},"modified":"2024-01-30T19:57:14","modified_gmt":"2024-01-30T18:57:14","slug":"verkehrstote-in-den-usa-raetselhafte-todesserie","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/verkehrstote-in-den-usa-raetselhafte-todesserie\/","title":{"rendered":"Verkehrstote in den USA: R\u00e4tselhafte Todesserie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Covid-Jahr 2020 ist weltweit die Zahl der Verkehrstoten zur\u00fcckgegangen \u2013 au\u00dfer im Autoland USA. Experten suchen nach der Ursache f\u00fcr den steilen Anstieg.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war eine der wenigen positiven Auswirkungen der Pandemie: Im Jahr 2020 fuhren die Menschen in allen Industriel\u00e4ndern weniger Auto. Es gab weniger Berufsverkehr-Stau, es geschahen weniger Unf\u00e4lle und es starben weniger Menschen auf den Stra\u00dfen. In Deutschland gab es zum Beispiel 14,1 Prozent weniger Todesf\u00e4lle als im Durchschnitt der drei Jahre davor.<\/p>\n<p>Der R\u00fcckgang war in den einzelnen L\u00e4ndern unterschiedlich, aber das Grundmuster war dasselbe. Mit einer Ausnahme: Obwohl der Verkehr in den um 13 Prozent zur\u00fcckging, starben auf den Stra\u00dfen 6,8 Prozent mehr Menschen als 2019. Damit war das erste Covid-Jahr dort das t\u00f6dlichste seit 2007.<\/p>\n<p>Dass Autofahren t\u00f6dlich sein kann, haben die US-B\u00fcrgerinnen und -B\u00fcrger bislang schulterzuckend akzeptiert. Fast 40.000 Menschen sterben dort jedes Jahr im Stra\u00dfenverkehr. Auf die Einwohnerzahl normiert, sind das mehr als dreimal so viele wie in Deutschland.<\/p>\n<p>Der ungew\u00f6hnliche Anstieg von 2020 hat in den USA viele nachdenklich gemacht. &#8220;Wir k\u00f6nnen und d\u00fcrfen diese Todesf\u00e4lle nicht als normalen Teil des t\u00e4glichen Lebens in Amerika akzeptieren&#8221;, sagte der US-Verkehrsminister Pete Buttigieg im Januar. Aus dem Topf des Infrastruktur-Programms der Biden-Administration will er mehrere Milliarden Dollar in ein Verkehrssicherheitsprogramm stecken.<\/p>\n<p>Politikerinnen und Politiker in den USA sind von den neuen Zahlen zu den Verkehrsopfern auch deshalb schockiert, weil der Verkehrstod die Menschen in unterschiedlicher Weise trifft. In armen Stadtvierteln gibt es mehr Unf\u00e4lle als in reichen, People of Color sterben in relativ gr\u00f6\u00dferer Zahl als Wei\u00dfe. Eine soziale Schere, die sich 2020 noch weiter ge\u00f6ffnet hat: Die Zahl der Verkehrstoten stieg unter den Schwarzen noch drastischer als in der Gesamtbev\u00f6lkerung, um 23 Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr.<\/p>\n<p>Wie kann es \u00fcberhaupt sein, dass die Todeszahlen steigen, wenn der Verkehr zur\u00fcckgeht? Zun\u00e4chst einmal sind Stra\u00dfen bei weniger Verkehr nicht unbedingt sicherer. Bezogen auf die gefahrenen Kilometer, sind die Todeszahlen auch in einigen anderen L\u00e4ndern in der Pandemie gestiegen (in Deutschland sanken sie). Wenn die Stra\u00dfen frei sind, kommen die Autos schneller voran. T\u00f6dliche Unf\u00e4lle gibt es typischerweise bei hohen Geschwindigkeiten, das folgt aus den Gesetzen der Physik.<\/p>\n<p>Brian Tefft ist einer von den Verkehrsforschern, die nun verzweifelt nach der Ursache f\u00fcr den untypischen Anstieg der Opferzahlen suchen. Er arbeitet f\u00fcr die Forschungsabteilung der AAA Foundation, das ist die Stiftung des gr\u00f6\u00dften Automobilclubs der USA. Die Forschenden schauen nicht nur auf die Unfallzahlen, sie befragen auch jedes Jahr im Herbst die amerikanischen Autofahrer nach ihren Befindlichkeiten und nach ihrem Verhalten im Stra\u00dfenverkehr.<\/p>\n<p>Im Corona-Jahr 2020 erweiterten sie ihren Standard-Fragenkatalog um eine weitere Frage: &#8220;Hat sich Ihre Fahrleistung im letzten Jahr wegen der Covid-19-Pandemie ver\u00e4ndert?&#8221; Erwartungsgem\u00e4\u00df antworteten 60 Prozent der Befragten, dass sie weniger f\u00fchren, die meisten anderen fuhren etwa gleich viel, aber vier Prozent sagten: &#8221; <a href=\"https:\/\/newsroom.aaa.com\/2022\/02\/solving-a-puzzle-with-fewer-drivers-on-the-road-during-covid-why-the-spike-in-fatalities\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Ich fahre in der Pandemie mehr als davor<\/a>.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Als wir uns die Eigenschaften dieser Fahrer angesehen haben und die Eigeneinsch\u00e4tzung ihres Verhaltens im Verkehr, sahen wir einige wichtige Unterschiede&#8221;, sagt Tefft. Diese Vielfahrer waren im Vergleich zum Bev\u00f6lkerungsdurchschnitt zehn Jahre j\u00fcnger und zwei Drittel von ihnen waren M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Besonders aufschlussreich waren die Antworten dieser Gruppe auf Fragen nach riskantem Verhalten im Verkehr: Die H\u00e4lfte von ihnen bekannte sich dazu, schneller zu fahren, als die Polizei erlaubt. Ebenfalls 50 Prozent lasen beim Fahren Textnachrichten auf dem Handy. \u00dcberfahrene rote Ampeln, Fahren ohne Gurt oder unter Alkohol- und Drogeneinfluss &#8211; in all diesen Kategorien war die Zahl derjenigen, die sich zu diesen Verkehrss\u00fcnden bekannten, in der Vielfahrergruppe deutlich gr\u00f6\u00dfer als unter den Menschen, die wenig fahren.<\/p>\n<p>&#8220;Letztlich sind die sicheren Fahrer w\u00e4hrend der Pandemie weniger gefahren und die riskanten Fahrer mehr&#8221;, fasst Tefft das Ergebnis der Untersuchung zusammen.\u00a0Eine interessante Entdeckung \u2013 aber er schr\u00e4nkt die Erkenntnis gleich wieder ein: &#8220;Die Unterschiede, die wir in unserer Untersuchung gefunden haben, k\u00f6nnen nicht vollst\u00e4ndig erkl\u00e4ren, was wir w\u00e4hrend der Pandemie auf unseren Stra\u00dfen gesehen haben.&#8221;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Um sich einer Antwort zu n\u00e4hern, muss man auf das gesamte Verkehrsgeschehen schauen und die Frage beantworten,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.vox.com\/the-big-idea\/2016\/11\/30\/13784520\/roads-deaths-increase-safety-traffic-us\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">warum es in den USA schon seit vielen Jahren mehr Verkehrstote gibt als im Rest der industrialisierten Welt<\/a>.\u00a0Im Jahr 1970 waren die USA noch f\u00fchrend in der Verkehrssicherheit. Dort galten die sch\u00e4rfsten Tempolimits, das Land f\u00fchrte 1966 als erstes die Gurtpflicht ein. Amerikanische Autos hatten als erste die dicken Sto\u00dfstangen, die sich dann auch international durchsetzten. Im Vergleich zu 16 anderen Industriel\u00e4ndern starben dort weniger Menschen im Stra\u00dfenverkehr. Aber w\u00e4hrend im Laufe der Zeit in den anderen L\u00e4ndern die Opferzahlen drastisch zur\u00fcckgingen (etwa in Deutschland von 100 Toten pro 100.000 Fahrzeuge auf weniger als zehn), wurden die USA zum internationalen Schlusslicht der Verkehrssicherheit.<\/p>\n<p>Der Grund ist vor allem darin zu sehen, dass Verkehrssicherheit in Amerika traditionell als individuelles Problem gesehen wurde: Der Staat schafft autogerechte St\u00e4dte mit breiten Stra\u00dfen, auf denen ist der Einzelne sich selbst \u00fcberlassen und sch\u00fctzt sich mit Gurt und Knautschzone vor den schlimmsten Folgen von Unf\u00e4llen. Ansonsten ist jeder f\u00fcr sich selbst verantwortlich.<\/p>\n<p>In anderen L\u00e4ndern dagegen setzte sich in den vergangenen Jahrzehnten ein systemischer Ansatz durch, der 1997 in Schweden mit dem Schlagwort &#8220;Vision Zero&#8221; einen Namen bekam: &#8220;Niemand sollte im schwedischen Stra\u00dfentransportsystem get\u00f6tet oder schwer verwundet werden&#8221;, hie\u00df es in dem so \u00fcberschriebenen Gesetz, und entsprechend m\u00fcsste das Verkehrssystem so ausgelegt werden, dass es diesem Ziel dient.<\/p>\n<p>In anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern m\u00f6gen die Programme andere Namen haben, aber die Ma\u00dfnahmen waren in allen L\u00e4ndern des alten Kontinents \u00e4hnlich: Verkehrsberuhigung, friedliche Koexistenz aller Verkehrsteilnehmer, Tempo und Alkohollimits, die auch \u00fcberwacht wurden. Die wichtigste Einsicht war, dass Menschen am Steuer unweigerlich Fehler machen und dass diese Fehler m\u00f6glichst glimpfliche Folgen haben sollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>F\u00fcr das Jahr 2021 steht in den USA ein weiterer unerkl\u00e4rlicher Anstieg bevor<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Begriff &#8220;<a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/features\/2022-04-11\/-vision-zero-at-a-crossroads-as-u-s-traffic-death-rise\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Vision Zero<\/a>&#8221; wurde auch in den USA aufgegriffen \u2013 es ist ja auch eine sch\u00f6ne Vision. Sie bleibt allerdings ohne die entsprechenden Ma\u00dfnahmen auch eine Vision. In Los Angeles versprach B\u00fcrgermeister Eric Garcetti 2015, dass in zehn Jahren niemand mehr im Verkehr der Metropole sterben solle. Seitdem ist die Zahl der Opfer weiter gestiegen. Im Jahr 2019 wurden in der &#8220;Vision Zero&#8221;-Stadt Las Vegas 304 Menschen im Stra\u00dfenverkehr get\u00f6tet \u2013 in Helsinki, das etwa gleich viele Einwohner hat, gab es ein einziges Todesopfer.<\/p>\n<p>Nun aber deutet sich auch in den USA eine Wende an, zumindest an der Spitze. &#8220;Unser Verkehrsminister Pete Buttigieg hat sich endlich zu einem &#8216;<em>safe system<\/em>&#8216;-Ansatz in der Verkehrssicherheit bekannt&#8221;, lobt Tefft von der AAA Foundation. Buttigieg rief im Januar ein Programm namens National Roadway Safety Strategy aus (&#8220;Nationale Verkehrssicherheitsstrategie&#8221;) und bekannte sich zur &#8220;Vision Zero&#8221; \u2013 freilich ohne einen Zeitrahmen zu setzen.<\/p>\n<p>Tefft erwartet kurzfristig vor allem, dass die geltenden Gesetze so streng \u00fcberwacht werden wie in anderen L\u00e4ndern. US-Autobahnpolizistinnen und -polizisten sind zwar international gef\u00fcrchtet, aber tats\u00e4chlich wird die Einhaltung von Tempolimits nicht systematisch kontrolliert. Blitzkameras sind in einigen Staaten sogar verboten. Und wer nicht gerade Schlangenlinie f\u00e4hrt, muss in den USA nicht bef\u00fcrchten, angehalten zu werden \u2013 Routine-Alkoholkontrollen gibt es praktisch nicht. Das verleitet betrunkene Menschen regelrecht dazu, sich hinters Steuer zu setzen.<\/p>\n<p>Eine einmalige, bisher nicht vollst\u00e4ndig erkl\u00e4rbare Anomalie im Covid-Jahr 2020 ist die eine Sache \u2013\u00a0wirklich mulmig wird den Verkehrsforschern, wenn sie auf die Statistik von 2021 schauen, die bisher nur f\u00fcr die ersten neun Monate vorliegt. Demnach ging die Zahl der Verkehrstoten nicht etwa zur\u00fcck auf die Werte vor der Pandemie, sondern stieg noch einmal um zw\u00f6lf Prozent gegen\u00fcber dem Vergleichszeitraum von 2020. Am Jahresende wird sie erstmals seit 15 Jahren wieder \u00fcber 40.000 liegen. Und das, obwohl der Verkehr weitgehend wieder so flie\u00dft wie vor Covid. Eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr hat bisher niemand.<\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":117838,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117819","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117819","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117838"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117819"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117819"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117819"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}