{"id":117820,"date":"2024-01-30T18:55:25","date_gmt":"2024-01-30T17:55:25","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/arbeitsprobe\/indianer-in-den-usa-neues-selbstbewusstsein-der-native-americans\/"},"modified":"2024-05-30T20:03:51","modified_gmt":"2024-05-30T19:03:51","slug":"indianer-in-den-usa-neues-selbstbewusstsein-der-native-americans","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/indianer-in-den-usa-neues-selbstbewusstsein-der-native-americans\/","title":{"rendered":"Indianer in den USA &#8211; Neues Selbstbewusstsein der Native Americans"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt in den USA ein neues Indianer-Selbstbewusstsein. Vertreter von indigenen St\u00e4mmen fordern die Anerkennung ihrer Geschichte und wollen die indianische Kultur vor dem Untergang bewahren. W\u00e4hrenddessen hat die deutsche Geschichte ein ganz eigenes Verst\u00e4ndnis von &#8220;Indianern&#8221;.<\/p>\n<p>Zu dem Begriff selbst: Das Wort <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/wissen\/1000-antworten\/darf-man-noch-indianer-sagen-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">&#8220;Indianer&#8221;<\/a> &#8211; auf Englisch &#8220;Indians&#8221; oder &#8220;American Indians&#8221; &#8211; ist kolonialistisch gepr\u00e4gt. Denn Kolumbus dachte 1492, er w\u00e4re auf dem Weg nach Indien.<\/p>\n<p>In den USA sprechen viele Menschen lieber von &#8220;Native Americans&#8221;, in Kanada von &#8220;First Nations&#8221;. Im Deutschen gibt es keine wirkliche Alternative, wenn man nicht diese englischen Begriffe benutzen will. Und viele der indigenen Amerikaner bezeichnen sich selbst als &#8220;Indians&#8221;. Darum verwendet dieser Text den Begriff &#8220;Indianer&#8221;, im Bewusstsein seiner schwierigen Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><br \/>\nDeutschland und sein Winnetou<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Apropos Stereotype: Vielleicht in keinem Land der Erde wird so sehr an Indianer-Klischees festgehalten wie in Deutschland. Hartmut Lutz, der als Amerikanist an der Universit\u00e4t Greifswald gelehrt hat, k\u00e4mpft seit \u00fcber 40 Jahren gegen das, was er &#8220;Indianert\u00fcmelei&#8221; nennt.<\/p>\n<p>Warum lie\u00dfen sich die Deutschen seit dem 19. Jahrhundert so f\u00fcr die weit entfernten indigenen St\u00e4mme begeistern? Vielleicht, weil Deutschland zu Lebzeiten von Karl May zumindest bis in die 1880er-Jahre keine <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swr2\/wissen\/deutsche-kolonialgeschichte-endlich-wird-sie-aufgearbeitet-swr2-wissen-aula-2021-05-09-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Kolonien<\/a> hatte, insbesondere nicht in Nordamerika, glaubt Hartmut Lutz. So wird Old Shatterhand kurzerhand zum Kolonisator, dem Winnetou bereitwillig wie einem Bruder folgt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Karl-May-Verehrer Hitler: Der &#8220;edle Wilde&#8221; als Verteidiger von &#8220;Blut und Boden&#8221;?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Nazizeit wandelte sich die Rolle des Indianers in den deutschen Narrativen. Der &#8220;edle Wilde&#8221; wurde zum Verteidiger von Blut und Boden. Das Nazireich ging unter, aber die Indianert\u00fcmelei nicht. Hartmut Lutz vergleicht den deutschen Indianerkult heute mit einem pers\u00f6nlichen Erlebnis, als sich zwei seiner amerikanischen Freunde als Nazis verkleideten, um ihm eine Freude zu machen.<\/p>\n<p>&#8220;Wenn Amerikaner sich als Deutsche verkleiden oder als Bayern, dann findet das auf einer etwa parallelen Ebene, was Macht und Privilegien angeht, statt. Wenn man aber \u00fcber Kolonisierte bestimmt, dann gibt es da ein gewisses Machtgef\u00e4lle, und das macht es problematischer.&#8221;<\/p>\n<p>Nach dem Krieg war es die friedliebende Seite von Winnetou und seinen Stammesbr\u00fcdern, mit der sich die besiegten Deutschen identifizierten. Auch die aufkeimende Umweltbewegung konnte sich mit den naturverbundenen St\u00e4mmen auf der anderen Seite des Ozeans identifizieren. Der Indianer war in dieser Sicht der Super-\u00d6ko, der die Erde bewahrt, und man konnte Wochenendseminare mit indianischen Schamanen buchen. Der Aufkleber &#8220;Wenn der letzte Baum gerodet ist &#8230;&#8221; mit der f\u00e4lschlich den Cree-Indianern zugeschriebenen Weissagung zierte die Autos vieler umweltbewegter Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stereotype von Indianern in den USA<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das g\u00e4ngige Bild in den K\u00f6pfen der meisten Amerikaner sieht so aus: Die Wei\u00dfen kamen ins Land, die Ureinwohner wurden entweder von Krankheiten dahingerafft oder brutal ermordet, seitdem sind sie &#8220;irgendwie&#8221; verschwunden oder in der Gesellschaft aufgegangen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend andere gesellschaftliche Gruppen f\u00fcr demokratische Rechte und \u00f6ffentliche Sichtbarkeit k\u00e4mpften, blickten Native Americans eher nach innen &#8211; auf ihre Communitys. F\u00fcr die erstritten sie einige Privilegien &#8211; am bekanntesten vielleicht das Recht, Spielcasinos in Staaten zu betreiben, in denen das Gl\u00fccksspiel eigentlich verboten ist.<\/p>\n<p>Erzwungene Assimilierung von Indianern<\/p>\n<p>Diese Souver\u00e4nit\u00e4t wurde von der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft immer wieder mit F\u00fc\u00dfen getreten &#8211; Vertr\u00e4ge wurden gebrochen, auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde versucht, die traditionellen Stammesstrukturen zu zerst\u00f6ren. <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swr2\/programm\/dem-kind-den-indianer-austreiben-residential-schools-in-kanada-swr2-kultur-weltweit-2022-07-23-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Kinder wurden von ihren Eltern getrennt, sie durften nicht ihre Sprache sprechen.<\/a> Und viele wurden <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swraktuell\/radio\/1missbrauch-und-hunger-die-verbrechen-an-indigenen-kindern-in-kanada-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">misshandelt<\/a>, h\u00e4ufig von katholischen Priestern und Nonnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Red-Power-Bewegung und Kampf um Autonomie und Rechte<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht nur deshalb ist es vielen Native Americans heute wichtig, als Angeh\u00f6rige eines Stammes anerkannt zu werden. Damit kommen auch Privilegien, die sich ihre Gemeinschaft im Laufe der Zeit erhandelt hat: In den Stammesgebieten lebt man nicht luxuri\u00f6s, aber Unterkunft, Gesundheitsversorgung und Bildung sind viel erschwinglicher als im Rest des Landes.<\/p>\n<p>Auch der Red-Power-Bewegung Ende der 1960er-Jahre, die sich nach dem Vorbild von <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swr2\/leben-und-gesellschaft\/16101968-us-olympiasieger-recken-die-black-power-faust-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Black Power<\/a> organisierte, ging es mehr um Souver\u00e4nit\u00e4t als um die Ver\u00e4nderung der gesamten Gesellschaft.<\/p>\n<p>Glasperlen und Stoff: Indianer forderten Alcatraz zum Verkaufspreis zur\u00fcck<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt dieser Bewegung war die Besetzung von Alcatraz 1969 &#8211; der Gef\u00e4ngnisinsel in der Bucht von San Francisco, die heute eine der gr\u00f6\u00dften Touristenattraktionen ist. Die indianischen St\u00e4mme forderten die Insel zur\u00fcck. Sie boten sogar an, daf\u00fcr zu bezahlen. Und zwar 24 Dollar in Glasperlen und rotem Stoff &#8211; also genau das, was die Wei\u00dfen einmal f\u00fcr die Insel Manhattan bezahlt hatten. Im Juni 1971 wurden wurden die Aktivisten zur Aufgabe gezwungen.<\/p>\n<p>Im Zentrum der politischen Forderungen von indianischen Organisationen steht immer das Land &#8211; und der Kampf darum, zumindest einen Teil des geraubten Territoriums zur\u00fcckzubekommen. Denn Land ist nicht nur der Boden, auf dem man lebt; es ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Vorfahren, mit dem Stamm und seiner kulturellen und spirituellen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Indigenes Wissen ist in Zeiten des Klimawandels besonders wertvoll<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt zunehmend Menschen mit indianischen Wurzeln, die versuchen, die indianische Erdverbundenheit mit moderner Wissenschaft zu vereinbaren. Etwa Robin Wall Kimmerer, eine indianische Biologin des Potawatomi-Stammes an der State University of New York, die im Oktober 2022 das renommierte MacArthur-Fellowship bekam. Ihr bekanntestes Buch bisher hat den Titel &#8220;Geflochtenes S\u00fc\u00dfgras&#8221;. In Rezensionen berichten Leser davon, wie sie durch dieses Buch die Welt mit anderen Augen sehen.<\/p>\n<p>Indianisches Wissen kann auch in Zeiten des Klimawandels besonders wertvoll sein. Derzeit versagen oftmals westliche Forst-Methoden, j\u00e4hrlich wird der gesamte Westen der USA von verheerenden Br\u00e4nden heimgesucht. In W\u00e4ldern, die von indianischen Gemeinschaften bewirtschaftet werden, wird dagegen ein integriertes Management praktiziert &#8211; man bek\u00e4mpft Sch\u00e4dlinge mit nat\u00fcrlichen Methoden, will Br\u00e4nde nicht um jeden Preis vermeiden und schl\u00e4gt nicht mehr Holz, als der Wald verkraften kann.<\/p>\n<p>In Zeiten des Klimawandels, sagt die amerikanische Innenministerin Deb Haaland in einem Fernsehinterview, wird das indigene Wissen \u00fcber die Natur wieder extrem wichtig. Indianische St\u00e4mme leben seit Zehntausenden von Jahren auf dem Kontinent. Und sie wissen, wie man sich darum k\u00fcmmert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swr2\/wissen\/indianer-in-den-usa-neues-selbstbewusstsein-der-native-americans-swr2-wissen-2022-11-21-102.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"> Manuskript zur Sendung <\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum H\u00f6ren:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swr2\/wissen\/indianer-in-den-usa-neues-selbstbewusstsein-der-native-americans-swr2-wissen-2022-11-21-100.html\">https:\/\/www.swr.de\/swr2\/wissen\/indianer-in-den-usa-neues-selbstbewusstsein-der-native-americans-swr2&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":117841,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117820","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117820","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117841"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117820"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117820"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117820"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}