{"id":117824,"date":"2024-01-30T18:55:25","date_gmt":"2024-01-30T17:55:25","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/arbeitsprobe\/cancel-culture-an-us-unis-bedrohen-aktivisten-die-wissenschaftsfreiheit\/"},"modified":"2024-05-30T20:04:08","modified_gmt":"2024-05-30T19:04:08","slug":"cancel-culture-an-us-unis-bedrohen-aktivisten-die-wissenschaftsfreiheit","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/cancel-culture-an-us-unis-bedrohen-aktivisten-die-wissenschaftsfreiheit\/","title":{"rendered":"Cancel Culture an US-Unis \u2013 Bedrohen Aktivisten die Wissenschaftsfreiheit?"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Cancel Culture&#8221; hat in wenigen Jahren eine steile Karriere erlebt und ist auch nach Deutschland \u00fcbergeschwappt. Doch ist die Freiheit der Rede und der Wissenschaft wirklich in Gefahr?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was bedeutet der Begriff \u201eCancel Culture&#8221;?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eCancel Culture&#8221; stammt als Begriff aus Internetforen und sollte urspr\u00fcnglich die Beteiligten an hei\u00dfen Online-Diskussionen dazu bringen, die Temperatur etwas herunterzudrehen und Minderheitenmeinungen gelten zu lassen. &#8220;To cancel&#8221; hei\u00dft ja eigentlich so viel wie &#8220;absagen&#8221;, etwa von Veranstaltungen, gegen die sich gro\u00dfer Protest organisiert.<\/p>\n<p>Kanye West sieht sich als erstes Opfer von Cancel Culture in den USA<\/p>\n<p>Als der Rapper Kanye West sich 2018 als Fan von Donald Trump zu erkennen gab und dann auch noch sagte, die amerikanischen Sklaven seien doch eigentlich selber verantwortlich gewesen f\u00fcr ihr Schicksal, bekam er Gegenwind in den sozialen Netzen. Viele wollten seine Musik nicht mehr h\u00f6ren. Er sieht sich heute als eines der ersten Cancel-Opfer.<\/p>\n<p>Insbesondere Universit\u00e4ten sollen angeblich Hort einer neuen Intoleranz sein. Dulden linke Lehrende und Studierende keine von ihrer Political Correctness abweichenden Meinungen mehr? Kann schon ein falsches Wort in einer Vorlesung dazu f\u00fchren, dass Professorinnen und Professoren vor ein Gesinnungsgericht gestellt werden?<\/p>\n<div><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Protest gegen rechten Vortragenden an linker Universit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Als ein Beispiel f\u00fcr Cancel Culture wird der Protest gegen eine Veranstaltung mit Milos Yiannaopoulos genannt, einem provokanten Redakteur der rechten Website Breitbart, vergleichbar mit einem Auftritt des AfD-Politikers Bj\u00f6rn H\u00f6cke an einer deutschen Uni. Doch m\u00fcsste man sich nicht mehr Sorgen machen, wenn es dagegen keine Proteste g\u00e4be?<\/p>\n<p>Vor allem da dies der einzige Fall zwischen 2000 und 2017 ist, an dem an der University of California in Berkeley &#8211; die wahrscheinlich linkeste und am meisten woke Universit\u00e4t der USA, genau hier sollte Yiannaopoulos sprechen &#8211; tats\u00e4chlich ein Vortrag aufgrund von Protesten abgesagt wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Rechte Gelder zur F\u00f6rderung von Cancel Culture<\/strong><\/p>\n<p>Adrian Daub ist Literaturwissenschaftler an der Universit\u00e4t Stanford in der N\u00e4he von San Francisco, im November erscheint in Deutschland sein Buch Cancel Culture Transfer. Daub beschreibt darin, dass es seit den 1970er-Jahren Bem\u00fchungen gibt, den Campus als Hort linker und antiamerikanischer Ideen zu diskreditieren.<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr w\u00fcrden laut Daub einflussreiche rechte Stiftungen viel Geld zur Verf\u00fcgung stellen. Diese Stiftungen w\u00fcrden problematische Vortragende \u00fcberhaupt erst einladen und dann die Presse dar\u00fcber informieren, so Adrian Daub.<\/p>\n<div><\/div>\n<p><strong>Cancel Culture in Deutschland<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl der Begriff in den USA erst seit etwa vier Jahren benutzt wird, schaffte die Cancel Culture schnell den Sprung \u00fcber den Atlantik. Dabei ging es in Deutschland zun\u00e4chst oft um die Frage, welche Grenzen Comedians \u00fcberschreiten d\u00fcrfen, bald aber auch um die freie Meinungs\u00e4u\u00dferung in den Wissenschaften.<\/p>\n<p>2021 schlossen sich 70 Professorinnen und Professoren zum &#8220;Netzwerk Wissenschaftsfreiheit&#8221; zusammen. Die Bochumer Philosophin Maria-Sibylla Lotter geh\u00f6rte zum ersten Leitungsteam. Lotter beobachtet, dass man heute bestimmte Themen weniger als Interessenkonflikte diskutiert, sondern eher als Fragen, in denen es als Antwort nur Schwarz oder Wei\u00df gibt.<\/p>\n<p>Neu hinzugekommen sei laut Lotter die aus den USA und Gro\u00dfbritannien \u00fcbergeschwappte Identit\u00e4tspolitik. Damit sei ein gewisser moralischer Druck und Furor verbunden, der eine Diskussion fast unm\u00f6glich mache, so Lotter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gab es jemals eine gute alte Zeit der Streitkultur?<\/strong><\/p>\n<p>Dazu ein kurzer Zwischenruf aus den USA: Die Rede von der guten alten Zeit, in der Meinungsverschiedenheiten eher sportlich ausgetragen worden seien, sei fragw\u00fcrdig und ahistorisch, meint Elizabeth Niehaus, Professorin f\u00fcr Erziehungswissenschaften an der University of Nebraska.<\/p>\n<p>Denn erst in j\u00fcngerer Zeit werden in den Vereinigten Staaten Menschen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven und Lebenserfahrungen in die Hochschulen aufgenommen. Als im Seminarraum noch ausschlie\u00dflich wei\u00dfe protestantische M\u00e4nner sa\u00dfen, die zumindest alle so taten, als w\u00e4ren sie heterosexuell, konnte man alle m\u00f6glichen Gespr\u00e4che f\u00fchren, die vielleicht Leute au\u00dferhalb des Seminarraums unglaublich vor den Kopf gesto\u00dfen h\u00e4tten, so Niehaus.<\/p>\n<p>Eine Analyse, die man auch auf Deutschland \u00fcbertragen kann. Denn auch bei uns sind Minderheiten heute sichtbarer als fr\u00fcher, und sie sprechen mit lauterer Stimme.<\/p>\n<p>Akademische Redefreiheit in Deutschland und den USA im Vergleich<\/p>\n<p>Forschende aus N\u00fcrnberg und G\u00f6teborg haben den Academic Freedom Index erstellt, eine weltweite Rangliste der Forschungsfreiheit. In den aktuellen Charts steht Deutschland ganz vorne auf Platz 1. Die Wissenschaftsnation USA dagegen findet man abgeschlagen auf Platz 72.<\/p>\n<p>Dieser Index blickt weniger auf kulturelle Stimmungen als auf staatliche Eingriffe in die Forschungsfreiheit. Und die nehmen in den USA zu. Immer h\u00e4ufiger werden dort nicht nur in Schulen, sondern auch an Universit\u00e4ten B\u00fccher aus den Bibliotheken verbannt, wird die Behandlung ganzer Inhalte wie Gender-Identit\u00e4t oder Rassenfragen verboten.<\/p>\n<p>Das Etikett &#8220;Cancel Culture&#8221; ist in diesem Zusammenhang eine grobe Vereinfachung und wirft Shitstorms auf Twitter in einen Topf mit wirklich Besorgnis erregenden staatlichen Einschr\u00e4nkungen der Meinungs- und Redefreiheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swr2\/wissen\/221011-cancel-culture-100.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"> Manuskript zur Sendung <\/a><\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":117840,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117824","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117824","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117824"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}