{"id":117844,"date":"2024-01-30T20:14:54","date_gmt":"2024-01-30T19:14:54","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=117844"},"modified":"2024-02-02T02:04:24","modified_gmt":"2024-02-02T01:04:24","slug":"rosen-im-garten-sind-tabu","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/rosen-im-garten-sind-tabu\/","title":{"rendered":"Rosen im Garten sind tabu"},"content":{"rendered":"<p class=\"atp\">SAN FRANCISCO, Ende Januar<\/p>\n<p class=\"atp\">Fast k\u00f6nnte man die Siedlung verpassen, wenn man den Highway 1 entlangf\u00e4hrt, drei Stunden n\u00f6rdlich von San Francisco. Ein paar kantige H\u00e4user mit verwitterten graubraunen Fassaden ducken sich in die rauhe Landschaft zwischen der Stra\u00dfe und dem Pazifik. W\u00e4re da nicht das meterhohe wei\u00dfe Logo, die stilisierten H\u00f6rner eines Schafbocks. Es ziert die Sea Ranch Lodge, ein Hotel und Restaurant. Wer haltmacht und die Pension besucht, der erf\u00e4hrt, dass hier seit mehr als f\u00fcnfzig Jahren ein einzigartiges architektonisches und soziales Experiment seine Heimat hat. Leben im Einklang mit der Natur, das war hier schon lange vor der Umweltbewegung ein Slogan.<\/p>\n<p class=\"atp\">San Francisco in den sechziger Jahren beschw\u00f6rt Bilder vom summer of love 1967 herauf, von Blumenkindern, die mit Drogen experimentieren und die freie Liebe ausprobieren. Aber es gab in Kalifornien schon einige Jahre zuvor Menschen, die \u00fcber alternative Lebensweisen nachdachten. Ein solches Projekt war die Sea Ranch. In dem zehn Meilen langen K\u00fcstenstreifen wollten Architekten, Landschaftsplaner und K\u00fcnstler ein Leben im Einklang mit der Natur f\u00fchren. Das San Francisco Museum of Modern Art w\u00fcrdigt die Sea Ranch nun mit einer Ausstellung.<\/p>\n<p class=\"atp\">&#8220;Wir wollten eine Architektur bauen, die nicht architektonisch war&#8221;, sagte der 2011 verstorbene Architekt Al Boeke, einer der wichtigsten K\u00f6pfe hinter dem Projekt, einmal in einem Interview. Die H\u00e4user sollten hinter die Natur zur\u00fccktreten, sie sollten zeitgen\u00f6ssisch sein, aber keine Prunkbauten. Was ihm vorschwebte, war &#8220;eine ruhige, meditative Gemeinschaft f\u00fcr just folks, wie ich sie nannte. Keine besonderen Leute, einfach nur Leute.&#8221;<\/p>\n<p class=\"atp\">Darin steckte viel europ\u00e4isches Gedankengut &#8211; \u00e4sthetisch stand Boeke in der Tradition der Moderne, von Gropius und Le Corbusier. Und die kommunit\u00e4ren Ideen lehnten sich an die Vorstellungen von New Towns und Gartenst\u00e4dten an, die in Europa nach dem Ersten Weltkrieg eine Alternative zum Moloch der Industriest\u00e4dte darstellen sollten. Al Boeke hatte f\u00fcr die Entwicklungsgesellschaft Castle &amp; Cooke schon eine solche New Town in Hawaii entworfen, nun wollte er ein \u00e4hnliches Konzept in Kalifornien umsetzen. Die schlichten H\u00e4user, die er sich vorstellte, kamen mit einer bescheidenen Grundfl\u00e4che aus, duckten sich mit ihren zum Meer hin abfallenden D\u00e4chern unter die vom Meer wehende Brise und waren mit unbehandeltem Holz verkleidet, um im Lauf der Jahre immer mehr mit der Landschaft zu verschmelzen. Vorbild waren die Scheunen und St\u00e4lle der Schaffarmen, die fr\u00fcher das Gel\u00e4nde gepr\u00e4gt hatten.<\/p>\n<p class=\"atp\">Der zweite wichtige Kopf war der Landschaftsplaner Larry Halprin. Er entwickelte die Vorstellung von einem Leben in und mit der Natur. 1960 hatte das noch wenig mit \u00d6kologie und Naturschutz zu tun &#8211; es war eher eine \u00e4sthetische Idee davon, wie sich eine menschliche Siedlung in die karge nordkalifornische Landschaft einf\u00fcgen kann. &#8220;Es war kein &#8216;Zur\u00fcck zur Natur&#8217;, sondern die Vorstellung einer Gemeinschaft, die in der Landschaft zusammenkam, um sie gemeinsam zu erleben&#8221;, sagt die Kuratorin der Ausstellung in San Francisco, Jennifer Dunlop Fletcher. Zusammen mit seiner Frau Anna, einer T\u00e4nzerin, veranstaltete Halprin Workshops f\u00fcr die Sea-Ranch-Interessenten. Die erinnern auf Fotos an Hippie-Happenings, waren aber drogenfreie Seminare zur innigen Verbindung von Mensch und Natur. Die St\u00e4dter sollten die Gr\u00e4ser riechen, den Sand f\u00fchlen und den Westwind auf ihrer Haut sp\u00fcren. Halprin zeichnete mit Tusche und Aquarellfarbe die ersten Bebauungspl\u00e4ne f\u00fcr die Sea Ranch. Kein Bauherr bekam einen Platz in der ersten Reihe am Strand &#8211; hufeisenf\u00f6rmig sollten sich die H\u00e4user um gro\u00dfe Wiesen anordnen, angelehnt an langgestreckte Hecken. Eine demokratische Siedlungsform mit gro\u00dfen Gemeinschaftsfl\u00e4chen.<\/p>\n<p class=\"atp\">In zwei Stufen sollte die Entwicklung der Sea Ranch vorangehen: Da es zun\u00e4chst praktisch keine Infrastruktur gab, weder Schulen noch Gesch\u00e4fte, sollte die erste Welle der Bewohner aus wohlhabenden Stadtbewohnern bestehen, die sich am Meer ein Wochenendh\u00e4uschen bauten. So sollte das Projekt finanziell abgesichert werden. Sp\u00e4ter dann sollte aus der Sea Ranch eine kleine Stadt werden.<\/p>\n<p class=\"atp\">Aber es kam anders. Bis heute ist die Sea Ranch zum gro\u00dfen Teil eine Wochenendzuflucht f\u00fcr betuchte Menschen aus San Francisco und Los Angeles. Statt Gemeinschaftsh\u00e4usern wie dem eindrucksvollen Condominium One, einem der Pionierbauten mit neun Wohneinheiten, wurden in der Folgezeit nur noch Einzelh\u00e4user errichtet. Entsprechend wurden die Bebauungsregeln aufgeweicht und viele der eigentlich unantastbaren Wiesen zu Bauland umgewidmet.<\/p>\n<p class=\"atp\">Nicht alle Prinzipien wurden \u00fcber die Jahrzehnte verworfen. Noch heute muss sich jeder angehende Bauherr den strengen Gestaltungsregeln der Sea Ranch Association unterwerfen. Die Architektin Lisa Dundee wacht \u00fcber die Einhaltung dieser Regeln. &#8220;Wir haben nur Einfluss auf die \u00e4u\u00dfere Gestaltung der H\u00e4user und auf die G\u00e4rten&#8221;, sagt sie. &#8220;Im Inneren sollen die Leute so kreativ sein, wie sie wollen, wir ermutigen sie dazu.&#8221; Jeder Entwurf wird individuell gepr\u00fcft &#8211; das Haus muss sich in das Ensemble der Nachbarh\u00e4user einpassen, darf nicht wesentlich gr\u00f6\u00dfer sein. Es muss den Wind geschickt umleiten, so dass gesch\u00fctzte Bereiche entstehen, daher die schr\u00e4gen D\u00e4cher. Die Au\u00dfenverkleidung soll aus Materialien bestehen, die mit der Zeit altern, keine Hochglanzfl\u00e4chen. Das war am Anfang vor allem unbehandeltes Holz, in letzter Zeit l\u00e4sst man auch Metall und Beton zu, die ihre eigene Form von Patina entwickeln. Auch im Garten darf der Sea-Ranch-Bewohner nicht pflanzen, was er will. Zugelassen sind nur einheimische Gew\u00e4chse, die ans lokale Klima angepasst sind, Rosen sind tabu. Und die Beleuchtung der meist gro\u00dffl\u00e4chig verglasten Bauten muss sich im Rahmen halten. &#8220;Die Leute hier sch\u00e4tzen wirklich die M\u00f6glichkeit, nachts die Sterne zu sehen&#8221;, sagt Dundee. Und auch wenn sie sich nicht als Geschmackspolizei sieht &#8211; ein Geb\u00e4ude mit Schn\u00f6rkeln und Girlanden h\u00e4tte unter ihrem strengen Blick wohl schlechte Chancen.<\/p>\n<p class=\"atp\">Es herrscht ein hoher Gemeinschaftssinn unter den Bewohnern der Sea Ranch, man trifft sich zu Versammlungen und entscheidet \u00fcber gemeinsame Angelegenheiten. Aber den Sprung in die geplante zweite Phase hat das Projekt nie geschafft. Eine Schule oder auch nur einen Supermarkt gibt es bis heute nicht, nur etwa ein Drittel der H\u00e4user wird permanent bewohnt. Wenn man nach den Gr\u00fcnden daf\u00fcr sucht, lohnt sich ein Besuch bei Barbara Stauffacher Solomon. Die heute neunzigj\u00e4hrige K\u00fcnstlerin ist dem Projekt in einer Art Hassliebe verbunden. Sie geh\u00f6rte zum Gr\u00fcnderteam der Sea Ranch, entwarf das Logo und malte im Schwimm- und Tennisclub der Siedlung die &#8220;Supergrafiken&#8221;, mit denen sie auch international bekannt wurde &#8211; gro\u00dfformatige, geometrische Zeichnungen, die mit der Architektur verschmelzen und die schlichten W\u00e4nde farbig akzentuieren. Sie verdankt dem Projekt einerseits ihre Karriere. Andererseits hat sie sich schon fr\u00fch von dem ihrer Meinung nach elit\u00e4ren Unternehmen distanziert. &#8220;Es war in dem Moment vorbei, als die Verk\u00e4ufer das Ruder \u00fcbernahmen&#8221;, sagt sie. Anders als andere Beteiligten aus der Gr\u00fcndungsphase hat sie sich nie ein H\u00e4uschen auf der Sea Ranch zu Sonderkonditionen gekauft.<\/p>\n<p class=\"atp\">Aber es waren nicht nur \u00f6konomische Gr\u00fcnde, die das Projekt in den siebziger Jahren in die Sackgasse f\u00fchrten. Die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung im Umland sah die neuen Siedler als eine elit\u00e4re Gruppe, die sich einen Immobilienstreifen in Toplage gesichert und einen wundersch\u00f6nen Abschnitt des Pazifikstrands privatisiert hatte. Es kam zu einem Rechtsstreit, der in einer Volksabstimmung gipfelte. Die Bev\u00f6lkerung Kaliforniens bestimmte 1972, dass alle Str\u00e4nde des Bundesstaats f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich sein m\u00fcssen. Eine Regelung, \u00fcber die noch heute die Hollywoodstars in ihren Strandvillen in Malibu grollen, wenn das gemeine Volk vor ihren Panoramafenstern durch den Sand stapft.<\/p>\n<p class=\"atp\">F\u00fcr die Sea Ranch bedeutete der Rechtstreit Stagnation. Zehn Jahre lang herrschte ein Baustopp, der urspr\u00fcngliche Investor zog sich zur\u00fcck. Die Bev\u00f6lkerung wurde immer \u00e4lter. Erst seit einigen Jahren kommen wieder verst\u00e4rkt Interessenten, die von den urspr\u00fcnglichen Ideen der Sea Ranch fasziniert sind. In San Francisco gibt es gen\u00fcgend j\u00fcngere Leute mit den n\u00f6tigen Mitteln, das Design der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre ist schwer in Mode, und fast jeder St\u00e4dter tr\u00e4umt irgendwann davon, vor den hohen Immobilienpreisen und der Hektik der Silicon-Valley-Metropole aufs Land zu fliehen. Moderne Technik macht es m\u00f6glich, auch abseits der Stadt einem Beruf nachzugehen. Gerade sind auf der Sea Ranch Glasfaserkabel mit schnellem Internetanschluss verlegt worden. &#8220;Die Altersstruktur wird merklich j\u00fcnger&#8221;, sagt Dundee, &#8220;man muss nicht mehr bis zur Pensionierung warten, um hier dauerhaft zu leben.&#8221;<\/p>\n<p class=\"atp\">Die einfachen Leute oder mittellosen K\u00fcnstler, die dem Gr\u00fcnder Al Boeke vorgeschwebt hatten, ziehen freilich auch heute nicht auf die Sea Ranch. Die H\u00e4user, die auf dem Markt sind, kosten um eine Million Dollar, unwesentlich weniger als in San Francisco. Die Sea Ranch ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie schwierig es ist, eine humane und diverse Gemeinschaft auf dem Rei\u00dfbrett zu entwerfen. &#8220;Designer allein sollte man damit nicht beauftragen&#8221;, schreibt die Kuratorin Jennifer Dunlop Fletcher im Katalog der Ausstellung. Man brauche &#8220;eine klare Vision und Expertise aus mehreren Disziplinen&#8221;, um aus idealistischen Vorstellungen eine funktionierende Wirklichkeit zu machen. Die Bev\u00f6lkerung der Sea Ranch ist fast ausschlie\u00dflich wei\u00df, \u00fcberdurchschnittlich alt, kinderlos und eher gut betucht, daran wird sich vorerst nicht viel \u00e4ndern. Sie k\u00f6nnte in den n\u00e4chsten Jahren zu einem interessanten Aussteigerprojekt werden &#8211; f\u00fcr Aussteiger, die es sich leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"atp\">CHRISTOPH DR\u00d6SSER<\/p>\n<p class=\"atp\">The Sea Ranch &#8211; Architecture, Environment, and Idealism. Im San Francisco Museum of Modern Art; bis zum 28. April.<\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":117845,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117844","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117844","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117845"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117844"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117844"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117844"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}