{"id":117970,"date":"2024-05-02T07:11:12","date_gmt":"2024-05-02T06:11:12","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=117970"},"modified":"2024-05-08T07:59:07","modified_gmt":"2024-05-08T06:59:07","slug":"hiv-masern-cholera-im-schatten-von-covid","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/hiv-masern-cholera-im-schatten-von-covid\/","title":{"rendered":"HIV, Masern, Cholera: Im Schatten von Covid"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div>\n<p><strong>Knapp drei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie ziehen Wissenschaftler und Gesundheitsbeh\u00f6rden auf dem afrikanischen Kontinent Bilanz. Sie f\u00e4llt durchwachsen aus. Andere Krankheiten gerieten durch Covid-19 in den Hintergrund. Aber es gibt auch Erfolge.<\/strong><\/p>\n<p>Die schlimmsten Bef\u00fcrchtungen sind nicht wahr geworden, die &#8220;Leute in Afrika&#8221; starben nicht &#8220;auf den Stra\u00dfen&#8221;, wie Virologe Christian Drosten prognostizierte. Aber die Pandemie hatte in vielen der \u00fcber 50 L\u00e4nder des Kontinents massive Nebenwirkungen. Die Bek\u00e4mpfung anderer Infektionskrankheiten, Pr\u00e4ventions- und Aufkl\u00e4rungsprogramme, Laborkapazit\u00e4ten sowie die Basisgesundheitsversorgung wurden angesichts der Konzentration auf Covid-19 zur\u00fcckgefahren. Viele Patienten mieden Kliniken und Krankenh\u00e4user aus Angst vor einer Ansteckung oder konnten sie nicht erreichen, weil der \u00f6ffentliche Verkehr eingeschr\u00e4nkt war.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div>\n<p>Diese Situation sei ein &#8220;Weckruf&#8221; gewesen, betont Quarraisha Abdool Karim. Die S\u00fcdafrikanerin z\u00e4hlt zu den weltweit f\u00fchrenden HIV-Wissenschaftlerinnen und sitzt im Lenkungsausschuss von UNAIDS. Auf dem afrikanischen Kontinent geh\u00f6rt HIV\/Aids noch immer zu den h\u00e4ufigsten Todesursachen, <a href=\"https:\/\/www.thelancet.com\/journals\/lanhiv\/article\/PIIS2352-3018(20)30359-3\/fulltext#bib7\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">mit mehr als 400 000 Toten im Jahr 2019<\/a>. In Abdool Karims Heimat S\u00fcdafrika leben die weltweit meisten HIV-Infizierten &#8211; knapp acht Millionen Menschen. Eine Lehre aus Corona sei eindeutig, sagt Abdool Karim: &#8220;Wir k\u00f6nnen nicht alles stehen und liegen lassen, sobald eine neue Epidemie oder Pandemie beginnt. Es hat Konsequenzen, wenn wir Ma\u00dfnahmen im Kampf gegen HIV oder Tuberkulose einfach auf Eis legen, sobald ein neues Virus grassiert.&#8221; <a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/news\/pandemiefolgen-werden-andere-infektionen-wirklich-seltener\/1822010\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Zu diesen Konsequenzen geh\u00f6ren beispielsweise vermeidbare Neuinfektionen oder Medikamentenresistenzen<\/a>.<\/p>\n<p>So wie \u00fcberall auf dem Kontinent hatte auch die s\u00fcdafrikanische Regierung als erste Ma\u00dfnahme einen Lockdown verh\u00e4ngt, um die chronisch \u00fcberlasteten Gesundheitssysteme vor dem Kollaps zu bewahren. Routinem\u00e4\u00dfige Gesundheitsdienste wurden eingeschr\u00e4nkt oder vor\u00fcbergehend eingestellt. Das sei zu der Zeit, als das Sars-CoV-2-Virus noch wenig erforscht war, auch notwendig gewesen, sagt Abdool Karim. &#8220;Sehr schnell, innerhalb weniger Wochen, wurden die HIV- und andere zentrale Dienste wieder ge\u00f6ffnet.&#8221; Das war entscheidend f\u00fcr die l\u00fcckenlose Behandlung &#8211; etwa f\u00fcnfeinhalb Millionen HIV-Positive nehmen in S\u00fcdafrika antiretrovirale Medikamente ein.<\/p>\n<\/div>\n<div><strong>Weniger HIV-Tests w\u00e4hrend der Pandemie<br \/>\n<\/strong>&#8220;Allerdings belegen diverse Studien eine Auswirkung der Pandemie auf HIV-Tests und den Beginn von Behandlungen&#8221;, sagt Abdool Karim. Das Ergebnis: Deutlich weniger S\u00fcdafrikaner machten einen HIV-Test, deutlich weniger begannen die Behandlung mit Medikamenten. Afrikaweit ging die Zahl der HIV-Tests der Statistik des Global Fund zur Bek\u00e4mpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose zufolge im Jahr 2021 im Vergleich zu 2019 um rund 40 Prozent zur\u00fcck. Das war ein herber R\u00fcckschlag, denn um Neuinfektionen zu verringern, ist es entscheidend, dass Menschen ihren Status kennen und die Viruslast durch Medikamente reduziert wird.Abdool Karim sieht zwei Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen R\u00fcckgang: die auf Covid-19 konzentrierten Kapazit\u00e4ten der Kliniken und ein neues Verhaltensmuster der Patienten. &#8220;Sie hatten Angst davor, sich in den Gesundheitseinrichtungen mit Covid-19 anzustecken.&#8221; Das sei vor allem anfangs so gewesen, mittlerweile h\u00e4tten Tests und neue Behandlungen wieder zugenommen. Wenn auch nicht so schnell, wie sie es sich gew\u00fcnscht h\u00e4tte, f\u00fcgt die Forscherin hinzu.In L\u00e4ndern wie dem ostafrikanischen Ruanda waren die HIV-Programme schon bald wieder auf Kurs. &#8220;Das ist vor allem der Zusammenarbeit mit unserem starken zivilgesellschaftlichen Netzwerk zu verdanken&#8221;, betont Eric Remera. Der Arzt leitet die HIV-Abteilung des Rwanda Biomedical Centre, einer Beh\u00f6rde, die die Pl\u00e4ne des Gesundheitsministeriums in die Praxis umsetzt. So genannte Peer Educators stehen in engem Kontakt mit Patienten und Risikogruppen. Sie verteilten w\u00e4hrend der Pandemie beispielsweise HIV-Selbsttests und richteten eine Hotline f\u00fcr Fragen aus der Bev\u00f6lkerung ein. &#8220;Das sind Leute, die alle respektieren und denen alle vertrauen&#8221;, erkl\u00e4rt Remera; die w\u00fcssten, wer Probleme habe und wer neue Medikamente brauche. Au\u00dferdem k\u00f6nnten Patienten, die stabil medikament\u00f6s eingestellt seien, auch Rezepte f\u00fcr drei bis sechs Monate erhalten. &#8220;Der Lockdown dauerte 45 Tage, und rund 75 Prozent der Patienten haben mindestens einen Vorrat f\u00fcr drei Monate. Er hatte also kaum Auswirkungen&#8221;, so Remera.<\/div>\n<div><strong>Die Auswirkungen des Lockdowns blieben begrenzt<br \/>\n<\/strong>Ein \u00e4hnliches System hat sich auch in Hinblick auf andere Infektionskrankheiten wie Malaria bew\u00e4hrt. Wie in vielen afrikanischen L\u00e4ndern sind in Ruanda Gesundheitshelfer, so genannte Community Health Worker, in ihren D\u00f6rfern die ersten Ansprechpartner f\u00fcr Gesundheitsfragen. W\u00e4hrend des Lockdowns konnten sie sich frei bewegen, verteilten Moskitonetze direkt an die Haushalte, f\u00fchrten Tests durch und sorgten daf\u00fcr, dass Patienten auch z\u00fcgig behandelt wurden. Auf diese Art wurde die Versorgung der Bev\u00f6lkerung auch in einer Zeit sichergestellt, als viele Menschen verunsichert waren und sich nicht in die Kliniken trauten. Dass die Corona-Pandemie die Bek\u00e4mpfung von Malaria, HIV und Tuberkulose dauerhaft beeintr\u00e4chtigt, konnte so verhindert werden &#8211; jedenfalls in Ruanda. Nicht alle L\u00e4nder des Kontinents waren so erfolgreich.Deutliche Auswirkungen hatte die Fokussierung der Gesundheitssysteme auf Covid-19 f\u00fcr Frauen und Kinder in vielen afrikanischen Staaten. Programme f\u00fcr Familienplanung wurden unterbrochen, die Zahl sicherer Entbindungen in Kliniken sank, die Vor- und Nachsorge f\u00fcr Schwangere und Neugeborene war ebenso eingeschr\u00e4nkt wie intensivmedizinische Behandlungen. Bei einer virtuellen Pressekonferenz Ende Januar 2023 betonte die WHO-Regionaldirektorin f\u00fcr Afrika Matshidiso Moeti die Vers\u00e4umnisse bei routinem\u00e4\u00dfigen Impfungen: &#8220;Impfkampagnen f\u00fcr Kinder unter f\u00fcnf Jahren wurden auf erhebliche Weise unterbrochen.&#8221;Millionen Kleinkinder haben keine Grundimmunisierung gegen Krankheiten wie Polio, Gelbfieber, Meningitis, Diphterie oder Masern erhalten. Diese Krankheiten brechen nun wieder aus. So lag die Zahl der Masernf\u00e4lle im ersten Quartal 2022 um ganze 400 Prozent h\u00f6her als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Ausbr\u00fcche seien in 20 afrikanischen L\u00e4ndern registriert worden, so Moeti. Diese H\u00e4ufung sei &#8220;beispiellos&#8221; und k\u00f6nne zu den &#8220;Auswirkungen der Covid-19-Pandemie&#8221; gez\u00e4hlt werden. In der gesamten Region seien daraufhin Kampagnen gestartet worden, die nun auch Wirkung zeigten: &#8220;Wir haben nicht nur aufgeholt, sondern hatten im Jahr 2022 h\u00f6here Impfraten als vor der Pandemie&#8221;, bilanziert Moeti.Eines der L\u00e4nder, die von einem Masernausbruch betroffen waren, ist das westafrikanische Liberia. Die Gesundheitsministerin des Landes, Wilhemina Jallah, f\u00fchrte das bei einer Pressekonferenz unter anderem auf &#8220;Impfmythen&#8221; zur\u00fcck. &#8220;\u00dcberall hatten die Leute Angst, dass sie durch die Impfung mit Covid-19 infiziert werden, und brachten auch ihre Kinder nicht mehr in die Klinken.&#8221; Aufkl\u00e4rungskampagnen mit Hilfe von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern in den Gemeinden h\u00e4tten Wirkung gezeigt, jedoch erst &#8220;sp\u00e4t&#8221;. Viele Kinder h\u00e4tten die Masernimpfung verpasst, und so sei es zu Ausbr\u00fcchen in mehreren Landesteilen gekommen. &#8220;Wir haben daraus die Lehre gezogen, dass die Communitys von Anfang an mit einbezogen werden m\u00fcssen&#8221;, so Jallah. Mittlerweile scheinen die Impfbedenken ausger\u00e4umt. Liberia z\u00e4hlt zu den afrikanischen L\u00e4ndern mit der h\u00f6chsten Corona-Impfquote.<\/p>\n<\/div>\n<div><strong>Die Pandemie ist in Afrika auch eine Erfolgsgeschichte<br \/>\n<\/strong>Erfolge wie dieser verdienen laut der WHO-Afrikadirektorin mehr Beachtung: &#8220;Manchmal konzentrieren wir uns zu sehr auf die negativen Auswirkungen der Pandemie. Dabei haben wir viel gelernt, neue Kapazit\u00e4ten aufgebaut und die Reichweite unserer Gesundheitsdienste vergr\u00f6\u00dfert.&#8221; Die Investitionen in den Kampf gegen Covid-19 h\u00e4tten sich ausgezahlt und wirkten sich auch nach der Pandemie aus. So sei etwa die Intensivbettenkapazit\u00e4t ausgebaut worden, wovon k\u00fcnftig auch Patienten mit anderen Krankheiten profitieren w\u00fcrden. Au\u00dferdem seien die Mechanismen und Strukturen f\u00fcr den Umgang mit k\u00fcnftigen Gesundheitsnotst\u00e4nden gest\u00e4rkt worden.Es gehe nun darum, bew\u00e4hrte Strategien umzusetzen und die L\u00e4nder der Region besser auf k\u00fcnftige Pandemien vorzubereiten. Daf\u00fcr brauche es Zugang zu integrierten Gesundheitsdiensten, eine solide Datenlage, Impfstoffe und, nicht zuletzt, die Mitarbeit der Bev\u00f6lkerung. Auch Moeti hebt die Bedeutung von Communitys und zivilgesellschaftlichen Organisationen hervor. Sie h\u00e4tten w\u00e4hrend der Pandemie eine &#8220;zentrale Rolle&#8221; gespielt und k\u00f6nnten auch k\u00fcnftig dabei helfen, den Zugang zu Gesundheitsdiensten zu verbessern.Dieser Zugang m\u00fcsse nicht nur vorhanden, sondern auch gerecht und inklusiv sein, betont die s\u00fcdafrikanische HIV-Forscherin Quarraisha Abdool Karim. Denn w\u00e4hrend man die Gesundheitssysteme st\u00e4rke, m\u00fcssen man immer dar\u00fcber nachdenken, wer vielleicht auf der Strecke bleibe. Information, Pr\u00e4vention, Behandlung m\u00fcssten allen offenstehen, ohne Ausgrenzung, Angst vor Diskriminierung oder Stigmatisierung. Nach dem Motto &#8220;Lass niemanden zur\u00fcck&#8221;, das WHO-Generaldirektor Tedros gepr\u00e4gt hat. &#8220;Wenn nicht alle profitieren, wenn wir weiter in den Kategorien \u203awir und sie\u2039 denken, f\u00fchren wir diese Unterhaltung auch noch in 20 Jahren&#8221;, sagt Abdool Karim. Das ist auch als Seitenhieb auf die ungleiche globale Impfstoffverteilung w\u00e4hrend der Corona-Pandemie zu verstehen.W\u00e4hrend die Gefahr durch Covid-19 abnehme, wachse derzeit ihre Sorge angesichts von Choleraausbr\u00fcchen in zehn afrikanischen L\u00e4ndern, sagt WHO-Afrikadirektorin Moeti. Sch\u00e4tzungen gehen von 26 000 F\u00e4llen und 660 Toten allein im Januar aus. Das entspricht etwa einem Drittel der Gesamtf\u00e4lle des Vorjahrs. Eine Pandemiefolge im engeren Sinn sind diese Ausbr\u00fcche zwar nicht, aber sie verdeutlichen, dass der afrikanische Kontinent st\u00e4ndig gegen Infektionskrankheiten k\u00e4mpft. Und, f\u00fcgt Moeti hinzu: &#8220;Die zunehmende Zahl der L\u00e4nder, in denen Cholera ausbricht, setzt die weltweit begrenzten Impfstoffvorr\u00e4te immens unter Druck.&#8221; Auch vor diesem Hintergrund unterst\u00fctzt Moeti den Aus- und Aufbau von Impfproduktionsst\u00e4tten auf dem afrikanischen Kontinent. Damit die n\u00e4chste Pandemie weniger Nebenwirkungen mit sich bringt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><strong><em>Ver\u00f6ffentlicht am 23.02.2023 von Spektrum.de\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div><a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/news\/wie-die-pandemie-die-seuchenbekaempfung-in-afrika-stoerte\/2112540\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"><strong><em>https:\/\/www.spektrum.de\/news\/wie-die-pandemie-die-seuchenbekaempfung-in-afrika-stoerte\/2112540<\/em><\/strong><\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"author":64,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-117970","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/117970","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/64"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117970"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=117970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}