{"id":118009,"date":"2024-02-05T14:19:50","date_gmt":"2024-02-05T13:19:50","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118009"},"modified":"2024-02-22T16:51:04","modified_gmt":"2024-02-22T15:51:04","slug":"die-zwei-gesichter-der-benediktiner-an-franco-scheiden-sich-die-kloester","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/die-zwei-gesichter-der-benediktiner-an-franco-scheiden-sich-die-kloester\/","title":{"rendered":"Die zwei Gesichter der Benediktiner: An Franco scheiden sich die Kl\u00f6ster"},"content":{"rendered":"<p><audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-118009-2\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/weltreporter.net\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Aus_Religion_und_Gesellschaft_Die_zwei_Gesichter_der_Benediktiner.mp3?_=2\" \/><a href=\"https:\/\/weltreporter.net\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Aus_Religion_und_Gesellschaft_Die_zwei_Gesichter_der_Benediktiner.mp3\">https:\/\/weltreporter.net\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Aus_Religion_und_Gesellschaft_Die_zwei_Gesichter_der_Benediktiner.mp3<\/a><\/audio> Das Benediktinerkloster Montserrat liegt in der N\u00e4he von Barcelona. Gerade mal sechs Stunden braucht man mit dem Auto, um ins \u201eTal der Gefallenen\u201c zu fahren: in die Benediktinerabtei im Valle de los Ca\u00eddos. Doch die beiden Kl\u00f6ster trennen Welten \u2013 gerade was das Erbe der Franco-Diktatur betrifft. Die zwei Gesichter der Benediktiner: W\u00e4hrend das Valle de Los Ca\u00eddos Vorzeige- und Lieblingsprojekt des Generals Francisco Franco war, wurde Montserrat zum Symbol des Widerstandes gegen jenen Mann, der Spanien fast vier Jahrzehnte mit harter Hand regierte, von 1939 bis 1975.<\/p>\n<p>Das Valle de los Ca\u00eddos 50 Kilometer nordwestlich von Madrid: Ein 155 Meter hohes Betonkreuz weist den Weg. Darunter: Eine in den Berg gesprengte Basilika. Am 1. April 1959 weihte General Francisco Franco das Valle de los Ca\u00eddos ein: als Denkmal seines Sieges im spanischen B\u00fcrgerkrieg.<\/p>\n<p>Im Bericht der spanischen Wochenschau hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201eHeute, zum 20. Jahrestag des nationalen Triumphs, wird die Gro\u00dfe Basilika des Heiligen Kreuzes im Valle de los Ca\u00eddos eingeweiht. Sie wird der Zeit trotzen. In ihr werden die kommenden Generationen jenen danken, die ihnen ein besseres Spanien hinterlie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Am Bau der Basilika waren auch politische Gefangene beteiligt. Heute ist sie die Grabst\u00e4tte des Diktators &#8211; und Massengrab von vermutlich 30 bis 70 Tausend B\u00fcrgerkriegsopfern beider Seiten. Santiago Cantera ist der Prior des Klosters, das sich um dieses umstrittene nationale Erbe k\u00fcmmert:<\/p>\n<p>&#8220;Wir w\u00fcnschen uns, dass das Denkmal vor allem als Ort geistlichen Lebens wahrgenommen wird. Es wird \u00fcberragt vom Kreuz, dem Symbol der Erl\u00f6sung und Vers\u00f6hnung. Nat\u00fcrlich hat es eine besondere Dimension, wegen seiner Entstehungszeit. Aber die lesen wir als Auftrag zur Vers\u00f6hnung aller Spanier, ungeachtet aller Polemik, die sich um dieses Monument rankt.&#8221;<\/p>\n<p>Ortswechsel: das Kloster von Montserrat, 60 Kilometer nordwestlich von Barcelona. Es ist Marienheiligtum und Wallfahrtsort. Seit Jahrhunderten wird die schwarze h\u00f6lzerne Darstellung der Jungfrau verehrt und besungen.<\/p>\n<p>Rose im April, kleine Braune der Berge,<br \/>\nStern des Montserrat,<br \/>\nerleuchte das katalanische Land<br \/>\nund leite uns in den Himmel.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Franco-Diktatur fanden hinter den Klostermauern auch Regime-Kritiker Zuflucht. Bernabeu Dalmau, Historiker und M\u00f6nch von Montserrat.<\/p>\n<p>&#8220;Montserrat hat seinen einzigartigen Charakter wegen der geographischen Lage und weil die \u201eMoreneta\u201c, die schwarze Jungfrau von Montserrat, seit 1881 Schutzpatronin aller katalanischen Di\u00f6zesen ist. Die Gemeinschaft der Benediktinerm\u00f6nche ist fest verwurzelt mit Katalonien. Das verleiht Montserrat auch eine politische Dimension.&#8221;<\/p>\n<p>Montserrat und das Valle de los Ca\u00eddos. Der Zufluchtsort f\u00fcr Regimekritiker &#8211; und das Totenmahnmal. Zwei Kl\u00f6ster, wie sie unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>In beiden leben und beten Benediktinerm\u00f6nche: ein kontemplativ ausgerichteter Orden, f\u00fcr den jede T\u00e4tigkeit der Verherrlichung Gottes dient. Ora et Labora! Bete und arbeite!<br \/>\nIn der Geschichte der ungleichen Glaubensbr\u00fcder spiegeln sich die K\u00e4mpfe eines \u2013 bis heute &#8211; zerrissenen Landes wider. Dabei ist ihre Historie eng miteinander verwoben. Gegenseitig haben sie sich zu dem gemacht, was sie heute sind.<\/p>\n<p>&#8220;Franco hat hier in Montserrat unsere herrliche Liturgie kennengelernt. Deswegen wollte er gerne auch f\u00fcrs Valle de los Ca\u00eddos eine Benediktinergemeinschaft.\/\/ Zuerst fragte er also beim damaligen Abt von Montserrat. Doch unser Abt lehnte ab.&#8221;<\/p>\n<p>Nach der Absage aus Montserrat wandte sich Franco an ein Benediktinerkloster in Burgos.<br \/>\nDort stie\u00df der Vorschlag des Generalissimus auf offene Ohren. Und so zog im Sommer 1958 eine 20-k\u00f6pfige Delegation in die Sierra vor Madrid. Justo P\u00e9rez de Urbel, ein der faschistischen Falange nahe stehender M\u00f6nch, war ihr Kopf. Santiago Cantera vom Kloster im Valle de los Ca\u00eddos beschreibt die Stimmungslage seiner Vorg\u00e4nger so:<\/p>\n<p>&#8220;Die gr\u00f6\u00dften Bedenken kamen nicht aus Montserrat, sondern aus unserer Gemeinschaft selbst. Dem Kloster kamen Aufgaben zu, die mit unserem kontemplativen Charakter nur schwer zu vereinbaren waren: die Gr\u00fcndung einer Chorschule, eines Studienzentrums, die Pilgerbetreuung. Und nat\u00fcrlich f\u00fcrchtete man, bei so einem exponierten Denkmal k\u00f6nnten sich die Beziehungen zum Staat kompliziert gestalten. Doch wir haben als Benediktiner eine 1500-j\u00e4hrige Geschichte. Wir bleiben ruhig und gefasst \u2013 jenseits von politischem Auf und Ab.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Vereinbarung zwischen der Stiftung des Heiligen Kreuzes des Valle de los Ca\u00eddos und der Benediktinerabtei von Silos.<br \/>\nDie zu gr\u00fcndende Abtei hat im Einzelnen Folgendes zu leisten:<br \/>\nJeden Tag eine heilige Messe und weitere liturgische Gebete f\u00fcr das Wohlergehen und den Frieden in Spanien zu feiern.<br \/>\nAm 20. November in einer Totenmesse der Gefallenen unseres Kreuzzuges gedenken&#8230;.&#8221;<\/p>\n<p>Die Aufgabenbeschreibung ist eindeutig: Das Valle de los Ca\u00eddos soll das Denkmal des spanischen National-Katholizismus werden. Hier will Franco die Verbindung von Religion und Nation zelebrieren: jene Idee, nach der Spanien seinem Wesen nach katholisch ist und dazu berufen, den rechten Glauben in die Welt zu tragen.<br \/>\nDie Kirche reicht Franco die Hand. Schon kurz nach 1936 stellte sich die Mehrheit der Bisch\u00f6fe hinter die Generale, die gerade gegen die demokratisch gew\u00e4hlte republikanische Regierung geputscht hatten. Die Kirche bezeichnete den Milit\u00e4rputsch als \u201eVerteidigung der christlichen Zivilisation gegen die Gottlosen\u201c und erhob die sieben bis acht Tausend Priester, Nonnen und M\u00f6nche, die im B\u00fcrgerkrieg von Anh\u00e4ngern der Republik ermordet wurden, zu M\u00e4rtyrern. Der B\u00fcrgerkrieg, der 1939 mit Francos Sieg endete, wird zum heiligen Krieg, zum Kreuzzug.<\/p>\n<p>In die Felsenkirche im Valle de los Ca\u00eddos dringt kein Tageslicht. \u00dcber 270 Meter zieht sich das gewaltige Tunnelgew\u00f6lbe in den Berg, an den Seiten: Marienkapellen, den Schutzpatroninnen der spanischen Heere gewidmet. \u00dcber dem Altar zeigt ein Deckengem\u00e4lde Christus auf dem Thron, zu seiner Rechten steigen Geistliche gen Himmel auf, zu seiner Linken Soldaten und Zivilisten. Am Bildrand sind eine spanische Fahne und das Rutenb\u00fcndel der faschistischen Falange zu sehen.<br \/>\nFranco, dessen \u00dcberreste heute hinter einer schlichten Granitplatte vor dem Altar liegen, kam gern und oft ins Valle de los Ca\u00eddos. Die Idee, in den Seitenkapellen die Gebeine von Gefallenen beider Seiten zu bestatten, stammt nicht von Franco, sondern vermutlich aus dem Vatikan. Die Basilika sollte ein Mahnmal aller Toten sein, das gigantische Kreuz zum Symbol der Vergebung und der Vers\u00f6hnung werden. Doch ein Vierteljahrhundert nach dem B\u00fcrgerkrieg \u2013 in den 1960er Jahren &#8211; konnte von Vers\u00f6hnung keine Rede sein. Die Unterst\u00fctzung der Republik galt noch immer als Delikt, und Zehntausende lebten im Exil, als dieses Interview erschien.<\/p>\n<p>\u201eSpanien, und das ist das gro\u00dfe Problem, ist immer noch in zwei Seiten gespalten. Hinter uns liegen nicht 25 Jahre Frieden, sondern 25 Jahre Sieg. Die Sieger &#8211; und dazu z\u00e4hlt auch die Kirche, die sich gezwungen sah, auf Francos Seite zu k\u00e4mpfen &#8211; sie haben nichts getan, um die Spaltung in Sieger und Besiegte zu \u00fcberwinden. Das ist einer der bedauerlichsten Misserfolge eines Regimes, das sich christlich nennt, aber einem der grundlegenden christlichen Gebote nicht Folge leistet.\u201c<\/p>\n<p>Das Interview, das Aureli Mar\u00eda Escarr\u00e9, der Abt von Montserrat, im November 1963 der franz\u00f6sischen Tageszeitung \u201eLe Monde\u201c gibt, sorgt f\u00fcr ein kleines Erdbeben. Noch nie hatte ein spanischer Kirchenvertreter so massiv Kritik am Regime ge\u00fcbt. Die scharfen Worte des Abts von Montserrat stellen das Selbstverst\u00e4ndnis des Staates in Frage. Justo P\u00e9rez de Urbel, der Abt aus dem Valle de los Ca\u00eddos, verurteilt seinen Ordensbruder:<\/p>\n<p>\u201eAls M\u00f6nch und Benediktiner protestiere ich gegen die verbitterte Einstellung des Abtes von Montserrat. Sein Verhalten gegen\u00fcber der Regierung Spanien, die den Glauben der Spanier bewahrt, ihre Kirche unterst\u00fctzt und f\u00fcr Frieden und Fortschritt arbeitet, ist schlicht emp\u00f6rend.<\/p>\n<p>Die Gr\u00e4ben zwischen den beiden Benediktinerkl\u00f6stern sind tief. Im Valle de los Ca\u00eddos versteht man sich als St\u00fctzpfeiler des Staates; Montserrat entwickelt sich zum F\u00fcrsprecher einer sich formierenden Opposition.<\/p>\n<p>Der rebellische Abt muss Montserrat verlassen. Aureli Escarr\u00e9 kehrt erst als Todkranker wieder nach Barcelona zur\u00fcck. Bei seinem Begr\u00e4bnis ist der Platz vor der Basilika voller Menschen.<\/p>\n<p>Der Mann, der als \u201eAbt von Katalonien\u201c zu Grabe getragen wird, war kein geborener Widerst\u00e4ndler: Als traditioneller Katholik begegnete er Franco zun\u00e4chst mit Sympathien, nutzte seine Kontakte, um den Wallfahrtsort ausbauen zu k\u00f6nnen. Erst in den 60ern \u00fcbte er zunehmend Kritik. Das war kein Zufall.<\/p>\n<p>&#8220;Zwischen Kirche, Montserrat und Franco-Regime gab es keinen Bruch, sondern eine fortschreitende Distanzierung. Francos Regime geriet ins Wanken \u2013 und auch die Beziehungen zur Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte bedeutende Neuerungen verk\u00fcndet: zur Religionsfreiheit, zur \u00d6kumene und zur Beziehung zur Welt. Es stand f\u00fcr eine \u00d6ffnung der Kirche \u2013 und diametral zur Ideologie des Franco-Regimes.&#8221;<\/p>\n<p>Das Zweite Vatikanische Konzil war f\u00fcr Franco der gr\u00f6\u00dfte R\u00fcckschlag seiner Herrschaft, schreibt sein Biograph Ricardo de la Cierva. Mit Johannes XXIII. und Paul VI. auf dem Heiligen Stuhl \u00e4nderte sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Vatikan und Spanien grundlegend. Das bedeutete R\u00fcckenwind f\u00fcr Montserrat \u2013 und brachte die Glaubensbr\u00fcder vom Valle de los Ca\u00eddos ins Abseits.<br \/>\nIn der Enzyklika \u201ePacem in Terris\u201c war vom Respekt vor den kulturellen und politischen Rechten nationaler Minderheiten die Rede. Gedanken, die man gerade in Katalonien begierig aufnahm: In ihnen konnten sich alle wiederfinden, die sich von den Ideologen einer unverbr\u00fcchlichen Einheit von Nation und Religion ausgeschlossen f\u00fchlten. Gl\u00e4ubige, die sich auch \u00fcber ihre Kultur und ihre Sprache definierten: das Katalanische. \u00dcbersetzt von M\u00f6nchen aus Montserrat fand die Enzyklika rei\u00dfenden Absatz. Seit dem 19. Jahrhundert hatte sich das Kloster als H\u00fcter der katalanischen Kultur und Sprache verstanden. Durch sein Engagement f\u00fcrs Katalanische wird das Kloster Schritt f\u00fcr Schritt zur Anlaufstelle f\u00fcr Regimekritiker.<\/p>\n<p>Am 12. Dezember 1970 versammelten sich 300 katalanische Intellektuelle in Montserrat, darunter renommierte K\u00fcnstler wie Joan Mir\u00f3 oder Antoni T\u00e0pies Sie fordern die Aufhebung von Todesurteilen gegen mutma\u00dfliche ETA-Terroristen.<br \/>\nDie Guardia Civil umstellt das Kloster. Nach zwei Tagen will die Polizei das Geb\u00e4ude st\u00fcrmen. Unter der Bedingung, dass die Intellektuellen Montserrat frei verlassen d\u00fcrfen, handelt Abt Cassi\u00e0 Just das Ende des Treffens aus.<\/p>\n<p>Als sich die schweren Holzt\u00fcren \u00f6ffnen, f\u00fchrt er gemeinsam mit zwei anderen M\u00f6nchen den Auszug aus dem Kloster an. Das ist mehr als eine politische Geste. Medien aus aller Welt berichten.<\/p>\n<p>&#8220;Ich war damals als M\u00f6nch in Stra\u00dfburg. Sogar die lokale Zeitung hatte ein Foto von der Versammlung auf der Titelseite. Einen Monat sp\u00e4ter reiste der Abt nach Rom: Cassi\u00e0 Just hatte Angst, der Papst w\u00fcrde ihn zur Rede stellen. Aber Paul VI. breitete die Arme aus und rief: \u201cDer ber\u00fchmte Cassi\u00e0, bekannt in der ganzen Welt\u201c. Dann sagte er ganz ernst: \u201eNehmt alle auf, nehmt alle auf. Nehmt alle auf.\u201c<\/p>\n<p>Die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Jetzt schweigt man im Valle de los Ca\u00eddos Die Franco-\u00c4ra geht zu Ende.<\/p>\n<p>Am 20. November 1975 stirbt General Francisco Franco. Drei Tage sp\u00e4ter wird er im Valle de los Ca\u00eddos begraben. Der Erzbischof von Toledo h\u00e4lt die Trauerrede. Doch einen Gottesdienst mit allen spanischen Bisch\u00f6fen verweigert der Vorsitzende der Bischofskonferenz. In Zeiten des Wandels bem\u00fcht man sich um Neutralit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Getreuen des Diktators jedoch versammeln sich jahrzehntelang zu seinem Todestag im Valle de los Ca\u00eddos. Anh\u00e4nger der faschistischen Falange singen auf dem Vorplatz der Basilika mit erhobenem, rechten Arm ihre Parteihymne. Erst seit 2007 sind politische Kundgebungen auf dem Gel\u00e4nde verboten. Die Totenmesse f\u00fcr Franco wird immer noch gelesen, was Prior Santiago Cantera so einordnet:<\/p>\n<p>&#8220;Ja, Francos Anh\u00e4nger betrachten das Valle de los Ca\u00eddos als Symbol, aber genau das gleiche tun seine Gegner. F\u00fcr jeden Katholiken m\u00fcssen auf Wunsch Totenmessen gelesen werden. Aber dieses politische Beiwerk, das man als Franco-Hommage verstehen k\u00f6nnte, das existiert heute nicht mehr. Im Gegenteil: Es ist eher so, dass das Denkmal d\u00e4monisiert wird: als Symbol einer Zeit der Unterdr\u00fcckung. Auch das sollte man \u00e4ndern.&#8221;<\/p>\n<p>Was tun mit dem Valle de los Ca\u00eddos? Was tun mit Francos Erbe? Diese Frage besch\u00e4ftigt Spanien seit Jahren. Ein Vorschlag: Francos \u00dcberreste exhumieren, um so den politischen Charakter des Mahnmals zu entsch\u00e4rfen. Unn\u00f6tig, findet Prior Cantera:<\/p>\n<p>&#8220;Die Grabst\u00e4tte selbst ist doch betont schlicht. Das ist ja kein Mausoleum. Ja, vielleicht w\u00fcrde man die politische Polemik dadurch entsch\u00e4rfen. Aber das Monument ist doch nur polemisch, weil bestimmte Personen Interesse an dieser Polemik haben und sie in Gang gesetzt haben.&#8221;<\/p>\n<p>Wer die Vergangenheit aufw\u00fchlt, wolle alte Wunden \u00f6ffnen, sagt Cantera.<\/p>\n<p>Als das Valle de los Ca\u00eddos 2010 &#8211; angeblich wegen Bauf\u00e4lligkeit &#8211; vor\u00fcbergehend geschlossen wird, h\u00e4lt die Benediktinergemeinschaft jeden Sonntag Feldmessen auf der Wiese vor dem Kloster ab. Ein privater Fernsehsender \u00fcbertr\u00e4gt. In seinen Predigten wertet der Priester die Schlie\u00dfung als Angriff auf die Religionsfreiheit, erinnert an die Katholikenverfolgung w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges, an die \u201eZeit der M\u00e4rtyrer\u201c.<\/p>\n<p>Im Valle de los Ca\u00eddos versteht man sich auch noch 40 Jahre nach Francos Tod als Gralsh\u00fcter des National-Katholizismus. Allerdings unter umgekehrten Vorzeichen: Nun sieht man sich als Ort des Widerstands, als letzte Bastion gegen die Moderne.<\/p>\n<p>Wie viele Benediktinerkl\u00f6ster unterh\u00e4lt das Valle de los Ca\u00eddos einen Knabenchor. Die Jungs singen t\u00e4glich eine gregorianische Messe. Wer beim Gottesdienst nicht aufmerksam ist oder im Hof schubst, muss mit gekreuzten Armen Strafe stehen. Die Chorschule verspricht eine \u201echristliche Erziehung mit traditionellen Werten wie Ordnung, Disziplin, Respekt\u201c: \u201eWir streben danach, die kindliche Unschuld vor den Verderbnissen der modernen Welt zu bewahren\u201c. So steht es auf der Homepage.<\/p>\n<p>Auch Montserrat hat einen Knabenchor. Wenn die Jungs um 12 das Salve Regina und das Virolai singen, ist die Basilika meist bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt. Der Chor gibt Konzerte in Frankreich, China, den USA. Sergi d&#8217;As\u00eds ist Direktor der Chorschule:<\/p>\n<p>&#8220;Zum Salve kommen Christen, aber auch Menschen anderer Religionen und Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch der Chor spricht eine Sprache, die alle verstehen, die Sprache der Musik, der Sch\u00f6nheit. Ja, Religion ist Teil der Erziehung. Unsere Schule befindet sich schlie\u00dflich in einem Kloster. Aber abgesehen davon, spielt Religion keine besondere Rolle. Wir wollen, dass unsere Sch\u00fcler mit offenen Augen durch die Welt gehen und am Weltgeschehen teilnehmen.&#8221;<\/p>\n<p>In den Chorschulen wird deutlich, wie sehr sich die beiden Benediktinerkl\u00f6ster bis heute unterscheiden. Hier pflegt man das Ur-Eigene, das, was weitergegeben werden soll. Das Kloster im Valle de los Ca\u00eddos und das Kloster Montserrat \u2013 sie werden ungleiche Br\u00fcder bleiben.<\/p>\n<p>Der Knabenchor aus dem Valle de los Ca\u00eddos singt Stella Splendens, ein Marienlied aus dem Gesangsbuch des Klosters Montserrat. Sehr freundschaftlich seien die Beziehungen zwischen den beiden Kl\u00f6stern, sagt Santiago Cantera. Korrekt seien sie, sagt Bernabeu Dalmau. Aber:<\/p>\n<p>&#8220;Um ins Valle de los Ca\u00eddos einzutreten, muss man schon aus einem besonderen Holz geschnitzt sein (lacht). Das ist so \u00e4hnlich wie bei uns: Es kommt ja auch keiner nach Montserrat, der sich nicht der katalanischen Kultur und Sprache verbunden f\u00fchlt.&#8221;<\/p>\n<p>Die Wahl des Klosters als Glaubensbekenntnis: Darin sind sich beide Kl\u00f6ster gleich. Das verbindet. W\u00e4hrend der Debatte um die Zukunft von Francos Totenmahnmal war kurzzeitig von der Aufl\u00f6sung des einen Klosters die Rede. Dass die Idee fr\u00fchzeitig fallen gelassen wurde, sei, so sagt man, dem Einsatz der M\u00f6nche aus Montserrat zu verdanken. Ein vers\u00f6hnlicher Bruderkuss in einer komplizierten Beziehung.<\/p>\n<p>(gesendet am 8.Juli 2015 im Deutschlandfunk, Aus Religion und Gesellschaft)<\/p>","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118009","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118009","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118009"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118009"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118009"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}