{"id":118019,"date":"2024-02-22T17:03:10","date_gmt":"2024-02-22T16:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118019"},"modified":"2024-04-19T20:53:45","modified_gmt":"2024-04-19T19:53:45","slug":"die-rebellion-der-zimmermaedchen","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/die-rebellion-der-zimmermaedchen\/","title":{"rendered":"Die Rebellion der Zimmerm\u00e4dchen"},"content":{"rendered":"<p>TAGESWOCHE 23. M\u00e4rz 2016 Spaniens Tourismusbranche boomt, doch die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter. Das bekommen vor allem die Zimmerm\u00e4dchen zu sp\u00fcren. Sie machen jetzt gegen ihre Arbeitsbedingungen mobil.<\/p>\n<p>Bevor Ver\u00f3nica Dom\u00ednguez* morgens zur Arbeit geht,<br \/>\nfr\u00fchst\u00fcckt sie einen Milchkaffee und eine 800-mg-Tablette Ibuprofen.<br \/>\nOhne Medikamente w\u00e4re schon das erste Drittel ihres Sieben-Stunden-Tages<br \/>\n unertr\u00e4glich. Die Mittvierzigerin mit den langen dunklen Haaren<br \/>\narbeitet seit 2002 als Zimmerm\u00e4dchen in einem Vier-Sterne-Hotel an der<br \/>\nCosta Daurada: Sieben Stunden Betten machen oder neu beziehen, M\u00f6bel<br \/>\nr\u00fccken, Boden wischen, Toilette, Waschbecken, Badewanne putzen,<br \/>\nHandt\u00fccher wechseln. <\/p>\n<p>Vom Matratzenheben schmerzt der R\u00fccken, die<br \/>\n Handgelenke sind chronisch entz\u00fcndet, das linke Knie schwillt abends<br \/>\nauf Handballgr\u00f6sse an. \u00abDas kommt vom Badewannenputzen\u00bb, sagt Ver\u00f3nica;<br \/>\nihren 20 Kolleginnen geht es \u00e4hnlich. \u00abManche schleppen eine richtige<br \/>\nApotheke mit sich herum und versorgen damit die anderen je nach Bedarf.\u00bb<br \/>\n Zum Arzt gehen? Sich krankschreiben lassen? \u00abDann heisst es gleich: Die<br \/>\n will bloss nicht arbeiten.\u00bb Ver\u00f3nica lacht sarkastisch.&nbsp;<\/p>\n<p>Spaniens Urlaubsbranche boomt. Seit Mittelmeerl\u00e4nder wie die T\u00fcrkei, Tunesien und Marokko als unsicher<br \/>\n gelten, bucht die sonnenhungrige Klientel wieder bevorzugt auf der<br \/>\niberischen Halbinsel. \u00dcber 83 Prozent der Tourismusunternehmen<br \/>\nverbesserten 2015 ihr Jahresgesch\u00e4ft. Doch Spaniens Zimmerm\u00e4dchen, etwa<br \/>\n100&#8217;000 sind es im ganzen Land, sp\u00fcren nichts vom Aufschwung. Im<br \/>\nGegenteil: Ihre Arbeitsbedingungen verschlechtern sich seit Jahren. <\/p>\n<p>War<br \/>\n Ver\u00f3nica fr\u00fcher f\u00fcr 16 Zimmer verantwortlich, stehen heute bis zu 24<br \/>\nauf ihrer Liste. 15 bis 20 Minuten bleiben ihr pro Zimmer; ganz gleich,<br \/>\nob dort am Abend vorher Partytouristen gew\u00fctet oder bloss<br \/>\nGesch\u00e4ftsreisende ihren Laptop aufgeklappt haben. \u00abDas schafft man nur,<br \/>\nwenn man von der ersten bis zur letzten Minute den Turbo anwirft\u00bb, sagt<br \/>\nVer\u00f3nica, w\u00e4hrend sie in ihren weissen Arbeitskittel schl\u00fcpft und die<br \/>\nZimmerliste \u00fcberfliegt, die ihr die Etagen-Gouvernante ausgeh\u00e4ndigt hat.<\/p>\n<p>Elf G\u00e4ste bleiben, neun reisen ab: Da m\u00fcssen die Zimmer<br \/>\nbesonders gr\u00fcndlich gereinigt, die Betten neu bezogen werden. Das<br \/>\nbedeutet mindestens eine \u00dcberstunde, unbezahlt nat\u00fcrlich. Neues Personal<br \/>\n stellen die Hotels kaum mehr ein. Um Kosten zu sparen, lagern immer<br \/>\nmehr H\u00e4user die Arbeit auf Service-Agenturen und Zeitarbeitsfirmen aus.<br \/>\nSeit den Arbeitsrechtsreformen 2010 und 2012 sind diese nicht an die<br \/>\ntarifvertraglichen L\u00f6hne f\u00fcr Hotelfachkr\u00e4fte gebunden.<\/p>\n<p><\/p>\n<p>Mit einem Kopfnicken begr\u00fcsst Ver\u00f3nica eine Kollegin, die einen der<br \/>\n160 Kilogramm schweren W\u00e4schekarren \u00fcber den Gang schiebt. Auch Manuela<br \/>\narbeitet ganztags als Zimmerm\u00e4dchen. Weil sie aber \u00fcber eine<br \/>\nZeitarbeitsfirma angestellt ist, bekommt sie daf\u00fcr bloss 700 Euro im<br \/>\nMonat, 300 Euro weniger als Ver\u00f3nica. Ihr Lohn ist an ein Zimmer-Minimum<br \/>\n gekoppelt. Schafft sie das Pensum nicht, bleibt sie l\u00e4nger; ein, zwei<br \/>\nStunden am Tag. Planungssicherheit gibt es nicht. <\/p>\n<p>\u00abIch hatte mir<br \/>\n f\u00fcr den Geburtstag meiner Tochter extra frei genommen \u2013 am Vorabend<br \/>\nrief mich die Chefin an und ich musste alles liegen lassen.\u00bb<br \/>\nResigniertes Schulterzucken: \u00abAndere Jobs gibt es nicht, mein Mann hat<br \/>\nfr\u00fcher auf dem Bau gearbeitet \u2013 jetzt muss ich das Geld f\u00fcr uns drei<br \/>\nalleine verdienen.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abDer spanische Tourismussektor hat sich in den letzten Jahren massiv prekarisiert\u00bb, sagt der Soziologe Ernest Canada.&nbsp;<br \/>\n \u00abDas betrifft den Low-Cost-Bereich ebenso wie das Luxussegment. Der<br \/>\nForscher, der f\u00fcr ein Buchprojekt Hotelarbeiterinnen aus ganz Spanien<br \/>\nbefragt hat, sieht in den Externalisierungen den Hauptgrund f\u00fcr die<br \/>\nverschlechterten Arbeitsbedingungen. \u00abZimmerm\u00e4dchen machen zwanzig bis<br \/>\nvierzig Prozent des Personals aus. Sie tragen mit ihrer Arbeit ganz<br \/>\nwesentlich zum Charakter des Hotels bei. Es macht keinen Sinn, diesen<br \/>\nKernbestand des Hotelwesens an Dritte auszulagern.\u00bb Langfristig<br \/>\nschade sich die Tourismusbranche damit selbst. \u00abIrgendwann wird sich die<br \/>\n Lage in Nordafrika stabilisieren, die Touristen werden wieder dorthin<br \/>\nzur\u00fcckstr\u00f6men. In Spanien aber wird die Service-Qualit\u00e4t massiv<br \/>\ngesunken, der Sektor entprofessionalisiert sein \u2013 einfach, weil f\u00fcr<br \/>\nProfessionalit\u00e4t keine Zeit mehr bleibt.\u00bb<\/p>\n<p><\/p>\n<p>Das Doppelbett in Zimmer 204 ist frisch bezogen; Ver\u00f3nica packt die<br \/>\nSchmutzw\u00e4sche auf den Wagen, f\u00e4hrt dann noch kurz mit dem Feudel rings<br \/>\nums Bett. Um auch darunter und hinter dem Schreibtisch zu putzen, bleibt<br \/>\n keine Zeit. \u00abWenn die Kunden in die Ecken gucken w\u00fcrden, hielten sie<br \/>\nmich bestimmt f\u00fcr schlampig. Dabei habe ich meine Arbeit wirklich gerne<br \/>\ngemacht\u00bb, sagt Ver\u00f3nica und erz\u00e4hlt, wie ihr fr\u00fcher noch Zeit blieb, die<br \/>\n Kleidung der G\u00e4ste ordentlich aufzuh\u00e4ngen oder die Handt\u00fccher h\u00fcbsch<br \/>\nzusammenzufalten. <\/p>\n<p>\u00abDas habe ich w\u00e4hrend meiner Ausbildung<br \/>\ngelernt. Die Frauen, die wir heute anlernen, laufen einfach mit und<br \/>\nm\u00fcssen manchmal schon vom ersten Tag an das gleiche Pensum schaffen wie<br \/>\nwir.\u00bb Sie seufzt. Urspr\u00fcnglich sollte auch ihr Arbeitsplatz<br \/>\nexternalisiert werden. Die Konditionen des neuen Arbeitgebers waren aber<br \/>\n so miserabel, dass sie \u00fcber die Gewerkschaft klagte, dem Dienstleister<br \/>\nder Zuschlag gerichtlich aberkannt wurde und sie wieder zu alten<br \/>\nBedingungen eingestellt wurde.<\/p>\n<p>Zwar haben die grossen spanischen Gewerkschaften immer wieder auf die<br \/>\n eklatantesten Missst\u00e4nde aufmerksam gemacht. Spaniens \u00d6ffentlichkeit<br \/>\nhat von der Schattenseite des Urlaubsbusiness&#8217; erst durch die Facebook-Gruppe Las Kellys Notiz genommen. In der 2014 von Eul\u00e0lia Corralero, einem Zimmerm\u00e4dchen<br \/>\naus Lloret del Mar, gegr\u00fcndeten Gruppe tauschen sich Festangestellte und<br \/>\n Zeitarbeitskr\u00e4fte \u00fcber ihre Arbeitsbedingungen aus. Etwa 3000<br \/>\nMitglieder hat die Gruppe derzeit; aus Angst vor Repression bleiben<br \/>\nviele anonym. <\/p>\n<p>Die Frauen berichten von Praktikavertr\u00e4gen, die<br \/>\nimmer wieder verl\u00e4ngert werden; von Firmen, die ehemalige H\u00e4ftlinge<br \/>\neinstellen, von Agenturen, die bei Ausschreibungen grosser Hotelketten<br \/>\nmit Zimmerpreisen von 2,50 Euro gegeneinander konkurrieren, inklusive<br \/>\neines 50-prozentigen Rabatts f\u00fcr das erste Jahr: \u00abWas da f\u00fcr das<br \/>\nZimmerm\u00e4dchen \u00fcbrig bleibt, kann man sich ja ausrechnen.\u00bb Auch Ver\u00f3nica<br \/>\nhat sich eine Zeit lang bei \u00abLas Kellys\u00bb engagiert: \u00abEs ist wichtig,<br \/>\ndass die \u00d6ffentlichkeit von unseren Arbeitsbedingungen erf\u00e4hrt.\u00bb<\/p>\n<p>Inzwischen haben Spaniens rebellische Zimmerm\u00e4dchen \u00fcber Parteien und<br \/>\n Gewerkschaften einige ihrer Forderungen auf die politische Tagesordnung<br \/>\n gebracht: Auf den Kanarischen Inseln werden die innerbetrieblichen<br \/>\nTarifvertr\u00e4ge von Hotelketten und Servicefirmen \u00fcberpr\u00fcft; auf den<br \/>\nBalearen will man k\u00fcnftig bei der Zertifizierung von Hotels auch die<br \/>\nArbeitsbedingungen ber\u00fccksichtigen. Auch die sch\u00e4rfere Definition des<br \/>\nBegriffs Berufskrankheiten und die Herabsetzung des Rentenalters auf 58<br \/>\nJahre wird diskutiert. <\/p>\n<p>Vielleicht, w\u00fcnscht sich Ver\u00f3nica,<br \/>\nerreicht die Debatte auch irgendwann diejenigen, denen sie t\u00e4glich das<br \/>\nBett macht. \u00abIch tr\u00e4ume von dem Tag, an dem ein Gast vor dem Buchen<br \/>\nnicht nur nach dem Pool, sondern auch nach unseren Arbeitsbedingungen<br \/>\nfragt.\u00bb Dann massiert sie sich kurz die Handgelenke und schiebt den<br \/>\nW\u00e4schekarren weiter zur n\u00e4chsten T\u00fcr.<em><br \/>(Die Namen der Zimmerm\u00e4dchen wurden von der Redaktion ge\u00e4ndert.)<br \/><\/em><br \/><\/p>","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118019","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118019","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118019"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118019"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118019"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}