{"id":118035,"date":"2024-02-05T14:22:58","date_gmt":"2024-02-05T13:22:58","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118035"},"modified":"2024-02-22T17:00:12","modified_gmt":"2024-02-22T16:00:12","slug":"kampf-um-kunstfreiheit-im-katalonienkonflikt","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/kampf-um-kunstfreiheit-im-katalonienkonflikt\/","title":{"rendered":"Kampf um Kunstfreiheit im Katalonienkonflikt"},"content":{"rendered":"<p>Die Kunstmesse ARCO neigt sich ihrem Ende zu \u2013 und Santiago Sierras<br \/>\ngeschasstes Werk hat l\u00e4ngst einen neuen Besitzer. F\u00fcr 80.000 Euro<br \/>\nerstand ein katalanischer Medienunternehmer die 24-teilige<br \/>\nPortrait-Serie. Er will sie jedem zu Verf\u00fcgung zu stellen, der<br \/>\n&#8220;Zeitgen\u00f6ssische politische H\u00e4ftlinge&#8221; zeigen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Die ersten<br \/>\nInteressenten haben sich gemeldet: Alle aus Katalonien. Das ist kein<br \/>\nZufall. Denn in der Region im Nordosten Spaniens hat man den Streit um<br \/>\ndas Werk besonders intensiv verfolgt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es<br \/>\nist nicht gut bestellt um die Beziehungen zwischen Barcelona und<br \/>\nMadrid. Der j\u00fcngste ARCO-Skandal gie\u00dft noch mehr \u00d6l ins Feuer: Den<br \/>\nR\u00fcckzug des Werkes interpretierten viele als einen Akt des<br \/>\nvorauseilenden Gehorsam \u2013 auch angesichts der Welle von Strafanzeigen,<br \/>\ndie es seit des verbotenen Unabh\u00e4ngigkeitsreferendums gab.<\/p>\n<p>Gegen<br \/>\nSatiriker wie Eduard Biosca zum Beispiel. In einer Radioshow verglich<br \/>\ndessen Kunstfigur &#8220;Sr. Bohiguas&#8221; die w\u00e4hrend des verbotenen<br \/>\nUnabh\u00e4ngigkeitsreferendum auf einem Schiff stationierten Polizisten mit<br \/>\nden dort aufgefundenen Ratten.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;In Spanien ist man besessen<br \/>\nvon der Idee der Einheit, das \u00fcberdeckt alles: Themen wie soziale<br \/>\nGerechtigkeit sind zweitrangig. In einer Demokratie bekommt man \u00c4rger,<br \/>\nwenn man \u00fcber die Schwachen herzieht. In Diktaturen oder defizienten<br \/>\nDemokratien wie der unseren dagegen, wenn man die M\u00e4chtigen kritisiert.&#8221;<\/em><\/p>\n<h2><\/h2>\n<p>Das<br \/>\nVerfahren gegen ihn wurde inzwischen eingestellt, Dutzende andere sind<br \/>\nnoch offen. Die Satire-Zeitschrift El Jueves etwa erhielt Strafanzeige<br \/>\nwegen eines Witzes \u00fcber den m\u00f6glichen Kokainkonsum von Polizisten. Seit<br \/>\ndem Hickhack ums verbotene Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum herrsche in Spanien<br \/>\nein Klima der Verfolgung, sagt Chefredakteur Guillermo Mart\u00ednez-Vela:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>&#8220;Die<br \/>\nPolizei, der spanische Staat wurden f\u00fcr ihr Vorgehen hart kritisiert:<br \/>\nVor der Welt\u00f6ffentlichkeit waren sie die B\u00f6sen. Diese Anzeigen sind ein<br \/>\nVersuch das Image aufzupolieren oder zumindest die Deutungshoheit \u00fcber<br \/>\nden Diskurs wieder zu erlangen. Dazu hat der spanische Innenminister ja<br \/>\nauch ermutigt, als er sagte &#8216;keine Beleidigung wird unverfolgt bleiben&#8217;.<br \/>\nEs ist eine Art Gegenkampagne.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die juristischen Fundamente<br \/>\nsind das 2015 versch\u00e4rfte Strafrecht mit dem ausgeweiteten Strafbestand<br \/>\n&#8220;Verherrlichung des Terrorismus&#8221; und sogenannte Hassdelikte.<\/p>\n<h2><\/h2>\n<p>Sie<br \/>\nwurden nicht nur im Fall der w\u00fcst aggressiven Texte des zu 3,5 Jahren<br \/>\nHaft verurteilten Rappers Valtonyc herangezogen, sondern auch bei eher<br \/>\nanekdotischen Episoden \u2013 etwa der um einen katalanischen Stadtrates, der<br \/>\nsich w\u00e4hrend einer Demo mit Clownsnase neben einen Polizisten stellte.<br \/>\nFast obsessiv durchforste die Polizei inzwischen das Netz nach<br \/>\nsogenannten Hassdelikten, kritisiert der Philosoph Josep Ramoneda.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>&#8220;Diese<br \/>\nEntwicklung ist Ergebnis eines politischen Konflikts, der zu einem<br \/>\nalles dominierenden Kampf zwischen zwei Nationalismen geworden ist, dem<br \/>\nkatalanischen und dem spanischen Nationalismus. Der Kampf gegen die<br \/>\nUnabh\u00e4ngigkeitsbewegung ist f\u00fcr viele B\u00fcrger inzwischen der einzige<br \/>\nMobilisierungsgrund. F\u00fcr ihn nimmt man auch Einbu\u00dfen in Sachen Meinungs-<br \/>\nund Kunstfreiheit hin.&#8221;<\/em><\/p>\n<h2><\/h2>\n<p>Der<br \/>\n1978 gegr\u00fcndeten, noch relativ jungen spanischen Demokratie fehle es an<br \/>\nSelbstbewusstsein, um souver\u00e4n mit dem Katalonienkonflikt umzugehen,<br \/>\nsagt Ramoneda. Das wirkt tief in das kulturelle Schaffen: Etwa, wenn<br \/>\nSatiriker wie Biosca offen gestehen, ihre Kritik inzwischen lieber<br \/>\nzwischen die Zeilen zu legen. Oder wenn renommierte Galerien auf<br \/>\nSpaniens Vorzeigemesse freiwillig Selbstzensur \u00fcben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>&#8220;Beim<br \/>\nARCO-Skandal hat ein Anruf an eine Galerie gereicht, um ein Werk<br \/>\nzur\u00fcckzuziehen. Das ist eine sehr bedenkliche autorit\u00e4re Entwicklung:<br \/>\nAuf der einen Seite Institutionen, die alles tun, um der Regierung zu<br \/>\ngefallen, auf der anderen eine Kunstszene, die darauf fast gar nicht<br \/>\nreagiert hat &#8211; weil sie wirtschaftliche Interessen \u00fcber das der Freiheit<br \/>\nder Kunst stellt.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Aus Angst, nicht mehr eingeladen zu<br \/>\nwerden, schweige man lieber. Das ist laut Ramoneda zwar kein spezifisch<br \/>\nspanisches Ph\u00e4nomen, aber in Folge des Katalonienkonflikts ist es dort<br \/>\nbesonders sichtbar geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Foto: Galeria Helga de Alvear)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/nach-skandal-um-santiago-sierra-kampf-um-kunstfreiheit-im.1013.de.html?dram:article_id=411655\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/nach-skandal-um-santiago-sierra-kampf-um-kunstfreiheit-im.1013.de.html?dram:article_id=411655<\/a><\/p>","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118035","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118035","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118035"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118035"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118035"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}