{"id":118039,"date":"2024-02-05T14:35:19","date_gmt":"2024-02-05T13:35:19","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118039"},"modified":"2024-02-05T14:35:19","modified_gmt":"2024-02-05T13:35:19","slug":"spanien-zehn-jahre-nach-der-krise-alles-wieder-gut","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/spanien-zehn-jahre-nach-der-krise-alles-wieder-gut\/","title":{"rendered":"Spanien zehn Jahre nach der Krise &#8211; Alles wieder gut?"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Ein Kopfnicken Richtung T\u00fcr, dann dreht Jacinto den Siebtr\u00e4ger in die Espressomaschine. Carlos&#8217; Besuch hat er schon erwartet. Jeden Tag, p\u00fcnktlich um halb elf, kommt der Nachbar von gegen\u00fcber in die kleine Bar, zum Lagebericht. Jacinto schiebt seinem Stammgast ein Glas mit dampfendem Milchkaffee \u00fcber den Tresen.<\/p>\n<p>Letzte Nacht habe er den Rettungsdienst angerufen, erz\u00e4hlt Carlos. Auf dem M\u00fcllcontainer vor seinem Haus lag ein lebloser K\u00f6rper, 20 Minuten h\u00e4tten die Not\u00e4rzte gebraucht, um ihn wiederzubeleben. Danach sei der Mann aufgestanden und habe nach dem n\u00e4chsten Schuss gefragt. Jacinto lacht trocken auf. Solche Drogengeschichten kennt er zur Gen\u00fcge. In einem Lokal in der Nachbarschaft fertigt ein Dealer seine Kunden im Minutentakt ab.<\/p>\n<p>Drogen und Kriminalit\u00e4t &#8211; f\u00fcr die Menschen im Altstadtviertel Raval geh\u00f6ren sie l\u00e4ngst zum Alltag. Vor einem Jahr titelten die Zeitungen: &#8220;Das Heroin ist zur\u00fcck in Barcelona&#8221;. Dabei ist der Konsum seit Jahren gleich. Aber statt in den Au\u00dfenbezirken auf der Stra\u00dfe oder am Hafen werden die Drogen jetzt mitten in der Altstadt verkauft, in den Wohnungen, die seit der Krise leer stehen. &#8220;Narco-Pisos&#8221;, &#8220;Narco-Wohnungen&#8221; nennt man in Spanien die illegalen Fixerstuben und Verkaufsstellen. Jacinto l\u00e4sst ein paar schmutzige Teller ins Sp\u00fclbecken gleiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit der Bankenkrise stehen drei Millionen Wohnungen leer<\/p>\n<p>&#8220;Das Problem ist doch, dass w\u00e4hrend des Booms alle wie verr\u00fcckt gekauft haben. Dann kam die Krise, die Leute konnten ihre Hypothek nicht mehr bedienen, die Wohnungen fielen zur\u00fcck an die Bank und standen leer. Fr\u00fcher gab es hier 20 Gesch\u00e4fte, kleine L\u00e4den, Schreinereien, einen Videoclub. Jetzt gibt es nur noch uns: diese Bar. Das einzige Gesch\u00e4ft, was wirklich gut l\u00e4uft, ist das Bordell nebenan und die Drogen.&#8221;<\/p>\n<p>Als 2008 die Immobilienpreise fielen, zog das die gesamte spanische Wirtschaft mit sich &#8211; und auch unser Viertel ging den Bach runter, seufzt Jacinto. Carlos hat allein in den Stra\u00dfenz\u00fcgen des Ravals 40 &#8220;Narco-Pisos&#8221; ausfindig gemacht. Seit seine kleine Tochter beim Spielen eine Spritze gefunden hat, hat sich der arbeitslose Webdesigner ganz dem Kampf gegen die Drogenkriminalit\u00e4t verschrieben, Nachbarn zusammengetrommelt und eine B\u00fcrgerinitiative gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die leeren Wohnungen &#8211; drei Millionen sind es in ganz Spanien &#8211; sind nicht das einzige Erbe der Krise. Carlos deutet mit dem Kinn auf eine Bankfiliale an der Ecke. &#8220;Ladrones&#8221;, &#8220;Diebe&#8221; hat jemand mit roter Farbe auf das Schaufenster gespr\u00fcht. Das Vertrauen in das spanische Finanzsystem ist tief ersch\u00fcttert. Immer noch. Auch im Zentrum der Macht. In Madrid.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drogendealer nutzen Wohnungen als Fixerstuben<\/p>\n<p>Die Plaza de las Cortes. Vor dem spanischen Kongressgeb\u00e4ude richtet ein \u00dc-Wagen des spanischen Fernsehens seine Satelliten-Sch\u00fcssel aus. In den Stra\u00dfencaf\u00e9s gegen\u00fcber machen Angestellte aus den umliegenden Banken und Verwaltungen Fr\u00fchst\u00fcckspause: Patricia Su\u00e1rez residiert in ihrem B\u00fcro in bester Lage.<\/p>\n<p>Die selbstbewusste Frau mit dem kurzen, wei\u00dfblonden Haar und den knallroten Lippen ist Pr\u00e4sidentin von Asufin. Die Gr\u00fcnderin der Verbraucherorganisation ber\u00e4t seit 2009 Menschen, die eine Hypothek aufnehmen, einen Fonds, eine Versicherung kaufen wollen. Oder sich bereits Geld geliehen haben &#8211; und sich betrogen f\u00fchlen. In den hellen, freundlichen R\u00e4umen sitzt ein halbes Dutzend Mitarbeiterinnen. Das Headset auf dem Kopf, die Finger auf der Tastatur beantworten sie Finanzfragen der fast 15.000 Mitglieder, nehmen Beschwerden auf. Patricia Su\u00e1rez l\u00e4sst sich auf einen Drehstuhl fallen und f\u00e4hrt den Computer hoch.<\/p>\n<p>Kopfsch\u00fcttelnd klickt sie sich durch die Nachrichten von damals: Der B\u00f6rsencrash im Oktober 2008. Die insgesamt 120 Milliarden Euro teure Umstrukturierung des spanischen Finanzwesens. Die Gr\u00fcndung der Gro\u00dfbank Bankia und die Skandale um die von ihr herausgegebenen Vorzugsaktien, die mindestens 300.000 Rentner um ihre Ersparnisse gebracht haben. F\u00fcr sie ist klar: Das spanische Bankwesen hat die Krise verursacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>300.000 Rentner wurden um ihre Ersparnisse gebracht<\/p>\n<p>&#8220;Wenn ich in einen Klamottenladen gehe, will man mir dort nat\u00fcrlich etwas verkaufen. Aber sie werden mir das Kleid verkaufen, das ich m\u00f6chte &#8211; im schlimmsten Fall komme ich mit einem Kleid und einer Jacke aus dem Gesch\u00e4ft. Aber das Problem bei den Banken war &#8211; und das ist es immer noch &#8211; dass sie den Kunden etwas ganz anderes verkauft haben &#8211; oder die gew\u00fcnschten Produkte mit anderen verkn\u00fcpfen, mit Kreditkarten, Lebensversicherungen oder Kreditkarten.&#8221;<\/p>\n<p>Patricia wei\u00df, wovon sie spricht. Auch ihre Bank hat ihr etwas angedreht, was sie gar nicht haben wollte: einen Swap. Das spekulative Tauschgesch\u00e4ft sollte sie gegen die steigenden Zinsen ihrer Hypothek absichern.<\/p>\n<p>&#8220;Das wurde verkauft wie eine Art Versicherung. Im September 2008, Lehmann Brothers hatte bereits pleite gemacht, sind wir zur Bank und sagten: Die Zinsen sinken, wir wollen diese Versicherung aufl\u00f6sen. Da hie\u00df es: Warte doch noch einen Moment, du bekommst doch noch ein bisschen Geld. Als ich dann im Dezember endg\u00fcltig k\u00fcndigen wollte, weil die Zinsen tats\u00e4chlich weiter fielen, erwartete ich eine Kommission von 100, 200 Euro. Die Frau am Telefon meinte, es seien 8000 Euro. Da brach eine Welt f\u00fcr mich zusammen.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verbraucherorganisation Asufin setzt Klagewelle in Gang<\/p>\n<p>Patricia Su\u00e1rez arbeitete damals als freiberufliche Webdesignerin und hatte gerade ihr zweites Kind bekommen. 8000 Euro war viel Geld f\u00fcr die Familie. Doch schwerer als die Summe ersch\u00fctterte sie die Erkenntnis, dass die Bank sie hintergangen hatte: Niemand hatte sie dort ordnungsgem\u00e4\u00df \u00fcber die Risiken aufgekl\u00e4rt. Nachgehakt hatte sie allerdings auch nicht. Su\u00e1rez recherchierte im Internet, stie\u00df auf Dutzende \u00e4hnlicher F\u00e4lle. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Anwalt, studierte sie Gesetze zum Aktienmarkt und W\u00e4hrungshandel und setzte so eine Klagewelle in Gang.<\/p>\n<p>&#8220;Ich sitze hier nicht, weil man mir auf der Stra\u00dfe die Handtasche geklaut hat &#8211; so etwas passiert -. Ich sitze hier, weil ein tragender Pfeiler des Systems, meine Bank, mich bestohlen hat! Die Bank hat das System lange beherrscht, niemand hat sich gegen sie aufgelehnt. Und die Verbraucher haben sich nicht getraut, etwas zu unternehmen.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Wonder Woman&#8221; haben Spaniens Medien Patricia Su\u00e1rez wegen ihres erfolgreichen Kampfes getauft. &#8220;Sie war schon als Kind meine liebste Superheldin&#8221;, lacht Su\u00e1rez, schl\u00fcpft in eine schwarze Lederjacke und braust auf ihrer Vespa durch den Madrider Vormittagsverkehr.<\/p>\n<p>Jeden Mittag beantwortet Su\u00e1rez in einem privaten Radiosender H\u00f6rerfragen zu Finanzen. Ein kurzes Sch\u00e4kern mit dem Moderator, dann setzt sie sich den Kopfh\u00f6rer auf und h\u00e4lt ein energisches Pl\u00e4doyer: Klagen, klagen, klagen &#8211; und steten \u00f6ffentlichen Druck aus\u00fcben. Nur dann werde sich in diesem Land irgendwann etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p>&#8220;In den USA sind alle Verantwortlichen f\u00fcr die Lehmann-Brothers-Pleite und f\u00fcr den Madoff-Skandal kalt gestellt. Keiner von ihnen wird jemals wieder in der Finanzbranche arbeiten k\u00f6nnen. Hier hat Bankia pleite gemacht und der verantwortliche Manager Rodrigo Rato hat vor seinem Gang ins Gef\u00e4ngnis noch bei der Bank Santander Asyl bekommen. Das System ist einfach wahnsinnig tr\u00e4ge.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Krise l\u00f6ste in vielen St\u00e4dten Massenproteste aus<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Patricia Su\u00e1rez spricht, l\u00e4uft auf dem Bildschirm in der Senderegie ein Bericht von einer Gro\u00dfdemo der Rentner. Pension\u00e4re, Beamte, Lehrer. \u00c4rzte und Krankenpfleger, Studierende. Kaum ein Kollektiv, das seit Ausbruch der Krise nicht auf die Stra\u00dfe gegangen ist.<\/p>\n<p>Einer dieser Proteste machte als &#8220;Spanische Revolution&#8221; weltweit Schlagzeilen: Am 15. Mai 2011 besetzten Tausende \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze. Auf der Puerta del Sol schlugen junge Leute Zelte auf, organisierten Suppenk\u00fcchen und Workshops, in denen \u00fcber Demokratie Wirtschafts- und Sozialreform diskutiert wurde. &#8220;System Error&#8221; oder &#8220;Wir wollen keine Ware in den H\u00e4nden der Banker sein&#8221; stand auf den selbstgemachten Schildern.<\/p>\n<p>Wenn Gemma Candela an die Bilder von damals denkt, beginnen ihre braunen Augen zu funkeln. F\u00fcr die 32-j\u00e4hrige mit der halblangen Lockenm\u00e4hne ist der &#8220;15 M&#8221;, der 15. Mai, ein Schl\u00fcsseldatum. Die Journalistin sitzt in einem Restaurant im Norden Madrids, macht Mittagspause. Sie arbeitet in einem B\u00fcro in der N\u00e4he, das Newsletter f\u00fcr gro\u00dfe Firmen erstellt.<\/p>\n<p>&#8220;Seit dem 15. Mai, dem 15 M, wird in Spanien viel mehr \u00fcber Politik diskutiert. Das sehe ich an meinem Bruder, der hat fr\u00fcher nie \u00fcber Politik gesprochen, nur \u00fcber Fu\u00dfball. Aber mich hat der 15 M im Ausland erwischt. Als ich die Nachrichten von den Protesten gesehen habe, w\u00e4re ich am liebsten gestorben!&#8221;<\/p>\n<p>So lange hatte sie sich nach einem politischem Aufbruch gesehnt, und dann erwischte sie die &#8220;Spanish Revolution&#8221; elf Flugstunden entfernt, in Bolivien. Dorthin war Gemma 2011 mit Sack und Pack gezogen, um als Redakteurin bei einer Tageszeitung zu arbeiten. In Spanien einen solchen Job zu finden, war damals unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>300 Euro im Monat f\u00fcr einen Praktikantenjob<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Damals kam man bei den Medien h\u00f6chstens als Praktikantin unter. Selbst wenn man wie ich mit dem Studium fertig war, hie\u00df es: &#8216;Studier doch noch mal was&#8217;, &#8216;mach einen Master&#8217;: Einfach irgendwas, nur um wieder als Praktikantin irgendwo acht Stunden lang f\u00fcr 300 Euro im Monat zu arbeiten. 300 Euro! Das reicht zum Leben nicht einmal in einem Dorf, geschweige denn in Madrid. Das ist einfach l\u00e4cherlich.&#8221;<\/p>\n<p>Die Arbeitslosenquote erreichte damals 27 Prozent, bei jungen Menschen lag sie sogar \u00fcber 50 Prozent. Kein Wunder, dass rund 823.000 junge Menschen das Land verlie\u00dfen. Viele von ihnen sind inzwischen zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Am Abend steht Gemma Candela vor den bunt bemalten Toren einer ehemaligen Tabakfabrik und dreht sich eine Zigarette. Alle zwei Wochen trifft sie sich im alternativen Kultur-und Sozialzentrum &#8220;Tabacalera&#8221; mit anderen R\u00fcckkehrern. Eine halbe Stunde f\u00e4hrt Gemma daf\u00fcr durch die Stadt. Der Austausch mit den anderen ist ihr wichtig.<\/p>\n<p>In der kleinen Bibliothek sitzen f\u00fcnf Frauen auf Flohmarktm\u00f6beln, alle Akademikerinnen, alle um die 30. Sara, die Psychologin der Selbsthilfegruppe, schl\u00e4gt vor, eine Art Diagramm zu erstellen. Um sich noch einmal gemeinsam \u00fcber die Gr\u00fcnde des Weggangs und denen der R\u00fcckkehr klar zu werden.<\/p>\n<p>Hunderttausende junge Menschen verlie\u00dfen das Land<\/p>\n<p>Nach und nach kleben immer mehr Notizzettel auf dem zum Flipchart umfunktionierten B\u00fccherschrank. Bei der Auswertung muss Sara schmunzeln. Bei den &#8220;Gr\u00fcnden, warum wir gegangen sind&#8221;, steht unter der Rubrik Arbeit gleich zwei Mal: Frust.<\/p>\n<p>&#8220;Ich hab noch &#8216;Entt\u00e4uschung&#8217; dazu geschrieben. Man hat uns allen doch immer gesagt: Lernt, studiert, dann k\u00f6nnt ihr machen, was ihr wollt, aber das war nicht so. Die ersten Entt\u00e4uschten waren meine Eltern, aber ich auch. Wenn ich hier geblieben w\u00e4re, h\u00e4tte ich wahrscheinlich bis an mein Lebensende Praktika gemacht.&#8221;<\/p>\n<p>Richtig w\u00fctend auf ihr Land sei sie gewesen, erg\u00e4nzt Sara.<\/p>\n<p>&#8220;Ich hab mich einfach nicht wertgesch\u00e4tzt f\u00fchlt. Und in Argentinien f\u00fchlte ich mich wertgesch\u00e4tzt &#8211; weil ich in einen Beruf hatte und daf\u00fcr sogar bezahlt wurde. Dann habe ich entschlossen: Wenn mein Land mich nicht will, will ich es eben auch nicht mehr.&#8221;<\/p>\n<p>Bei der Auswertung der Gr\u00fcnde f\u00fcr die R\u00fcckkehr springt Gemma Sara bei.<\/p>\n<p>&#8220;Zukunft, an der Seite von den meinen. Das habe ich geschrieben. Als ich damals nach Bolivien ging, war der Hauptgrund der Job. Bei der R\u00fcckkehr war mir der Job egal. Ich bin ein sehr famili\u00e4rer Mensch und wollte wegen meiner Freunde und meiner Familie zur\u00fcck.&#8221;<\/p>\n<p>Wieder zustimmendes Nicken. Heimweh, die Liebe, ein Todesfall in der Familie &#8211; das waren Gr\u00fcnde, zur\u00fcckzukehren. Nicht das Ende der Krise. Seit 2014 w\u00e4chst die Wirtschaft wieder. Doch wenn das Gespr\u00e4ch darauf oder auf die sinkende Arbeitslosenrate kommt, winken die Frauen m\u00fcde ab: Was nutzt es, wenn es kaum Stellen gibt, von denen man leben kann? Die Arbeitsmarktreform der konservativen Regierung l\u00e4sst den Unternehmen viel Spielraum f\u00fcr Teilzeit und Kurzarbeit. L\u00f6hne k\u00f6nnen nach Auftragslage gesenkt und Arbeitnehmer blitzschnell entlassen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Wirtschaft w\u00e4chst &#8211; trotzdem gibt es kaum rentable Jobs<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tte nie erwartet, dass die Jobsuche so schwer sein w\u00fcrde, sagt Roc\u00edo. Nach f\u00fcnf Jahren als Kulturmanagerin in Brasilien arbeitet sie jetzt f\u00fcr ihre ehemaligen brasilianischen Kunden als freiberufliche \u00dcbersetzerin und bereitet sich auf die Pr\u00fcfungen im \u00f6ffentlichen Dienst vor. Auch Sara klagt \u00fcber ihre Jobaussichten:<\/p>\n<p>&#8220;In Argentinien war ich Psychologin. Und hier habe ich eine Halbtagsstelle als Mediatorin &#8211; keine Ahnung, was das eigentlich ist. Ich f\u00fchle mich auf der Arbeit sehr eingeengt, kann nichts selbst entscheiden. Das ist frustrierend. Eigentlich dachte ich, dass ich &#8211; wenn ich einmal ein Niveau erreicht habe &#8211; da auch bleibe, aber stattdessen bin ich mehrere Stufen runtergerutscht.&#8221;<\/p>\n<p>Bei den Kommunalwahlen im Fr\u00fchsommer 2015 w\u00e4hlten viele B\u00fcrger in Madrid, Barcelona und anderen Gro\u00dfst\u00e4dten linksalternative Listen. &#8220;Von den Pl\u00e4tzen in die Rath\u00e4user&#8221; war das Motto. Eine von denen, die heute Regierungsverantwortung tragen ist Gala Pin, Bezirksb\u00fcrgermeisterin von Barcelonas Altstadt.<\/p>\n<p>Die 37-j\u00e4hrige Frau mit den kurzen schwarzen Haaren und dem Piraten-Halstuch wirkt immer noch etwas fremd zwischen den Sicherheitsbeamten und den gesch\u00e4ftigen Sekret\u00e4rinnen. Gemeinsam mit Barcelonas B\u00fcrgermeisterin Ada Colau hat Pin w\u00e4hrend der Krisenjahre Zwangsr\u00e4umungen verhindert und das Recht auf soziale Hausbesetzungen verteidigt. Als Stadtr\u00e4tin muss sie sich heute mit ganz anderen Besetzern besch\u00e4ftigen: der Drogen-Mafia, die die leeren Wohnungen in Narco-Pisos verwandelt, in Heroin-Verkaufsstellen und illegale Fixerstuben.<\/p>\n<p>Gala Pin setzt sich an die Ecke des gro\u00dfen, ausladenden Tischs im Empfangszimmer. Dort sa\u00df sie auch mit den Anwohnern der Carrer Roig, mit Vertretern von der Polizei und vom Gesundheitsamt &#8211; um gemeinsam einen Notfallplan zu entwickeln. Die Stadt hat die \u00d6ffnungszeiten der st\u00e4dtischen Fixerstube verl\u00e4ngert, mehr Polizisten und Gesundheitserzieher auf Streife geschickt. Das Problem mit den Narco-Pisos besteht weiter.<\/p>\n<p>&#8220;Der Richter braucht eben erst eine Reihe von Beweisen, bevor die Polizei in eine Wohnung darf &#8211; so ist das Gesetz &#8211; und daf\u00fcr braucht die Polizei Zeit. Nat\u00fcrlich ver\u00e4ndern die H\u00e4ndler ihre Methoden, das ist dynamisch. Aber immerhin bekommen wir richterliche Anweisungen jetzt schon viel schneller.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>60 Prozent der leeren Wohnungen geh\u00f6ren Immobilienfonds<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die Eigent\u00fcmer meist schwer zu kontaktieren sind. Gala Pin bl\u00e4ttert in ihren Unterlagen. 60 Prozent der leerstehenden Wohnungen geh\u00f6ren Banken oder Immobilienfonds, mit Sitz in Steuerparadiesen. F\u00fcr die ist der Wohnraum in erster Linie Spekulationsobjekt.<\/p>\n<p>&#8220;Es ist doch ein Unding, dass es elf Jahre nach der Immobilienkrise die Gesetze immer noch nicht ver\u00e4ndert wurden. Man muss doch verhindern k\u00f6nnen, dass jemand eine Wohnung kauft und dann jahrelang leer stehen l\u00e4sst, noch dazu, wo so viele aus Zwangsr\u00e4umungen stammen.&#8221;<\/p>\n<p>Sanktionieren kann die Verwaltung nur, wenn die H\u00e4user verfallen und somit zum Sicherheitsrisiko werden.<\/p>\n<p>Den Anwohnern des Stadtviertels Raval reicht das nicht. Sie haben die Presse zur &#8220;Narco-Tour&#8221; geladen. Vor einem schmalen grauen Haus dr\u00e4ngeln sich etwa 60 Fernsehjournalisten, Fotografen, Reporter. Carlos, der Wortf\u00fchrer der k\u00e4mpferischen Anwohner-Initiative, verschafft sich mit einem Megaphon Geh\u00f6r.<\/p>\n<p>Dieses Haus sei ein Symbol f\u00fcr den Kampf gegen die Narco-Pisos, sagt Carlos. Nach wochenlangem Protest und den Hinweisen der Anwohner konnte die Polizei zwei Drogenwohnungen r\u00e4umen. Die soll die Presse jetzt sehen.<\/p>\n<p>Im Licht der Kameras tastet sich die Menge durch das schmale Treppenhaus. Die W\u00e4nde sind bekritzelt. Eine Tonne M\u00fcll haben st\u00e4dtische Angestellte aus beiden Wohnungen getragen. Ein Anwohner klopft stolz auf ein Stahlblech vor einer Eingangst\u00fcr. Als die Dealer zwei Tage nach der R\u00e4umung zur\u00fcckkehrten, haben die Nachbarn in Eigenregie Fenster zugemauert, T\u00fcren verschlossen. Die TV\u00ad-Kameras schwenken auf die andere Stra\u00dfenseite, filmen ein \u00e4lteres Ehepaar, das mit Plastiktaschen bepackt vor der T\u00fcr wartet. Ein Sozialarbeiter beobachtet die Szene.<\/p>\n<p>&#8220;Wie sie die Armut kriminalisieren&#8221;, schimpft er. Zehn Jahre sind seit Beginn der spanischen Krise vergangen. Ein Rezept gegen ihre Folgen hat man immer noch nicht gefunden.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118039","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118039","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118039"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118039"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118039"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}