{"id":118040,"date":"2024-02-05T14:42:15","date_gmt":"2024-02-05T13:42:15","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118040"},"modified":"2024-02-05T15:32:12","modified_gmt":"2024-02-05T14:32:12","slug":"kuestenerosion-am-spanischen-mittelmeer-wie-katalonien-um-seine-straende-kaempft","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/kuestenerosion-am-spanischen-mittelmeer-wie-katalonien-um-seine-straende-kaempft\/","title":{"rendered":"K\u00fcstenerosion am spanischen Mittelmeer &#8211; Wie Katalonien um seine Str\u00e4nde k\u00e4mpft"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<div><audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-118040-2\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/weltreporter.net\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/kuestenerosion_am_spanischen_mittelmeer_wie_katalonien_um_dlf_20220306_1840_0282794d.mp3?_=2\" \/><a href=\"https:\/\/weltreporter.net\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/kuestenerosion_am_spanischen_mittelmeer_wie_katalonien_um_dlf_20220306_1840_0282794d.mp3\">https:\/\/weltreporter.net\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/kuestenerosion_am_spanischen_mittelmeer_wie_katalonien_um_dlf_20220306_1840_0282794d.mp3<\/a><\/audio><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u201eDie Entwicklung hier ist brutal. Ich arbeite seit sieben Jahren an dieser Segelschule.<br \/>\nAls ich angefangen habe, war der Strand noch doppelt so gro\u00df und doppelt<br \/>\nso lang: Es gab bestimmt 60, 70 Meter mehr.\u201c Xavi Ferrer steht auf dem<br \/>\nschmalen St\u00fcck Strand, das das Meer \u00fcbriggelassen hat: ein zwanzig Meter<br \/>\nbreiter Streifen Sand in Masnou, einem K\u00fcstenst\u00e4dtchen in der Provinz<br \/>\nBarcelona. Ein paar Meter hinter ihm ragt das Stahlbetonskelett einer<br \/>\nTreppe zur Promenade in die Luft: Brandung, Wind und St\u00fcrme haben sie<br \/>\nst\u00fcckchenweise mitgerissen.<\/div>\n<div>Das Wasser r\u00fcckt jedes Jahr ein St\u00fcckchen n\u00e4her. Weil der Meeresspiegel<br \/>\nsteigt. Weil Unwetter an der K\u00fcste nagen. Weil der dicht bebaute Strand<br \/>\nsich nicht mehr erholen kann. In den Nachbarorten sieht es \u00e4hnlich aus.<br \/>\nNach einer Studie des katalanischen Instituts f\u00fcr Klimaresilienz k\u00f6nnten<br \/>\nbis 2034 neun Prozent der katalanischen Str\u00e4nde komplett verschwunden<br \/>\nsein. 54 Prozent w\u00e4ren dann so schmal, dass kaum noch Platz f\u00fcr<br \/>\nBadet\u00fccher und Sonnenschirme bleiben w\u00fcrde.<\/div>\n<div>\u201eDas Problem hier in Maresme ist, dass die Str\u00e4nde k\u00fcnstlich angelegt sind:<br \/>\nWir haben \u00fcberall H\u00e4fen und Molen gebaut, um den Sand zu fixieren. Aber<br \/>\nsie bringen das nat\u00fcrliche Gleichgewicht durcheinander.\u201c Das ist ein<br \/>\nTeil des Problems. Der andere: Der Nachschub an Sand fehlt. 90 Prozent<br \/>\ndes Sandes an der K\u00fcste werden von den Fl\u00fcssen angesp\u00fclt. Doch Staud\u00e4mme<br \/>\nim Landesinneren verhindern, dass Sedimente, dass Sand, Mineralien,<br \/>\nPartikel von Pflanzen, ins Meer gelangen. Das kann in der Klimakrise<br \/>\ndramatische Folgen haben.<\/div>\n<div><\/div>\n<h2>Str\u00e4nde sch\u00fctzen Stra\u00dfen, H\u00e4user, Landwirtschaft und Industrie<\/h2>\n<div>Sandstr\u00e4nde haben eine wichtige Funktion beim K\u00fcstenschutz: Sie bilden eine<br \/>\nnat\u00fcrliche Grenze zum Meeresspiegel, der aufgrund der Erderw\u00e4rmung,<br \/>\nschmelzender Pole und Gletscher steigt. Str\u00e4nde sch\u00fctzen Stra\u00dfen,<br \/>\nH\u00e4user, Landwirtschaft und Industrie. Wenn sie verschwinden und der<br \/>\nMeeresspiegel steigt, dann wird das vor allem am Mittelmeer zur<br \/>\nBedrohung. Denn w\u00e4hrend am Atlantik die Gezeiten seit jeher die Menschen<br \/>\ndazu gezwungen haben, mehr Abstand zum Wasser zu wahren, sind weite<br \/>\nTeile der Mittelmeerk\u00fcste bebaut.<\/p>\n<p>Der Biologe Carles Iba\u00f1ez spricht von einem \u201eTsunami im Zeitlupentempo\u201c. Er leitet das<br \/>\nkatalanische Institut f\u00fcr Klimaresilienz. Es hat seinen Sitz im Delta<br \/>\ndes Ebro, 200 Kilometer s\u00fcdwestlich von Barcelona. Hier, an der M\u00fcndung<br \/>\neines der l\u00e4ngsten Str\u00f6me der iberischen Halbinsel, wird das zerst\u00f6rte<br \/>\nGleichgewicht zwischen Fluss und Meer und die Versch\u00e4rfung des Problems<br \/>\ndurch die Klimakrise, besonders deutlich.<\/p>\n<p>\u201eDeltas sind dynamische Systeme. Die Sedimente, die der Fluss an die K\u00fcste sp\u00fclt, werden mit<br \/>\nder Zeit zusammengepresst, der Boden sinkt. Fr\u00fcher wurde das<br \/>\nausgeglichen, weil der Fluss \u00fcber die Ufer trat und immer wieder neue<br \/>\nSedimente ins Delta sp\u00fclte. Ein steigender Meeresspiegel w\u00e4re damals<br \/>\nkein Problem gewesen, der Nachschub h\u00e4tte Kompression und Erosion<br \/>\nausgeglichen. Aber jetzt kommen keine Sedimente mehr, der Meeresspiegel<br \/>\nsteigt und nichts gleicht die Senkung aus. Die K\u00fcste weicht zur\u00fcck.\u201c<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<p>Seit den 1950er-Jahren wird der Ebro aufgestaut \u2013 um Strom zu erzeugen, zur<br \/>\nSpeicherung von Trinkwasser und um die Landwirtschaft mit Wasser zu<br \/>\nversorgen. Dadurch fehlen laut Berechnungen der Polytechnischen<br \/>\nUniversit\u00e4t Katalonien jedes Jahr 300.000 Tonnen Sand. Das Delta ist vom<br \/>\nVerschwinden bedroht. \u201eWir haben einfach zu sp\u00e4t reagiert. Der Strand<br \/>\nist so fragil, dass jeder Sturm ihn zerst\u00f6ren kann, die Reisfelder<br \/>\n\u00fcbersp\u00fclt und Infrastrukturen gesch\u00e4digt werden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<div>Als im Januar 2020 das Sturmtief Gloria \u00fcber das Delta zog, floss das Wasser<br \/>\ndrei Kilometer \u00fcber die Landzunge. H\u00e4user, Landwirtschaftsbetriebe,<br \/>\nK\u00fcstenwege, \u00c4cker wurden \u00fcberflutet: Von einer \u201eKatastrophe historischen<br \/>\nAusma\u00dfes\u201c sprachen Wissenschaftler.<\/div>\n<div>\n<p>Auch Juan Carlos Cirera hat die Folgen damals gesp\u00fcrt. Er ist Direktor der<br \/>\nFinca Riet Vell, eines Landwirtschaftsprojekts der<br \/>\nUmweltschutzorganisation SEO Birdlife. Auf den Feldern wird seit etwa 20<br \/>\nJahren \u00f6kologischer Reis angebaut, an einer Lagune k\u00f6nnen Ornithologen<br \/>\nFlamingos und Kommodore beobachten. Cirera f\u00fchrt zu einem Messpunkt,<br \/>\n\u00fcber den Satelliten die Absenkung des Bodens ermitteln. Drei bis vier<br \/>\nMillimeter sind es j\u00e4hrlich, dazu kommt ein steigender Meeresspiegel von<br \/>\nvier Millimetern.<\/p>\n<p>\u201eDas ist fast ein Zentimeter pro Jahr! Und wir sind hier gerade einmal einen knappen Meter \u00fcber dem Meeresspiegel.<br \/>\nDas bedeutet, dass wir in 10, 15, 20 Jahren dem Meer ein Drittel n\u00e4her<br \/>\nsind \u2013 mit allem, was das mit sich bringt: salzigere B\u00f6den, Wasser, das<br \/>\nvon den St\u00fcrmen auf unser Land gedr\u00e4ngt wird. Das ist eine astronomische<br \/>\nGeschwindigkeit.\u201c<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div>Wird die Entwicklung nicht gestoppt, k\u00f6nnte in 50 Jahren in der fruchtbaren Ebene keine Landwirtschaft mehr m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>\u201eWir brauchen mehr Sedimente, wir brauchen ausreichend organische Materie,<br \/>\ndamit sich neuer Boden bilden kann und so nat\u00fcrliche Barrieren gegen das<br \/>\nMeer geschaffen werden. Dem kann man nur mit langfristigen L\u00f6sungen<br \/>\nbegegnen. Eine riesige Staumauer zu bauen, bringt nichts. Das ist nicht<br \/>\nnur teuer und wegen des Untergrunds technisch unm\u00f6glich, sondern<br \/>\nzerst\u00f6rt auch die Landschaft, die Feuchtgebiete und mindert den Wert<br \/>\ndieser Landschaft.\u201c<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<h2>Talsperren werden weltweit von Sedimenten verlandet<\/h2>\n<div>In einem Pilotprojekt will die katalanische Regionalregierung 40 Millionen<br \/>\nKubikmeter Sand zur\u00fccktransportieren, die das Sturmtief Gloria mit sich<br \/>\ngerissen hat. So soll eine nat\u00fcrliche Barriere gebaut werden. Eine<br \/>\nReparaturma\u00dfnahme, die nur kurzfristig Abhilfe schaffen soll.<br \/>\nLangfristig gel\u00f6st werden soll das Problem Hunderte Kilometer weiter<br \/>\nwestlich, im Landesinneren.<\/p>\n<p>\u00dcber 100 Stauseen gibt es entlang des Ebro. Viele von ihnen sind Prestigeprojekte aus der Franco-Zeit und<br \/>\nhatten einst ein enormes Fassungsvolumen. Jahrzehntelang war es kein<br \/>\nProblem, dass sich Pflanzenreste, Erde, Sand auf dem Grund der Becken<br \/>\nabsetzten. Es war ja Platz genug. Doch inzwischen hat sich das<br \/>\nFassungsvolumen so verringert, dass die Wirtschaftlichkeit auch f\u00fcr die<br \/>\nBetreiber gesunken ist, sagt Alberto Gonzalo Carracedo von der<br \/>\nspanischen Kommission f\u00fcr Talsperren Spancold.<\/p>\n<p>\u201eWie viele Sedimente tats\u00e4chlich in den Stauseen liegen, wei\u00df niemand so genau.<br \/>\nLaut dem Studienzentrum f\u00fcr \u00f6ffentliche Infrastrukturen haben wir zw\u00f6lf<br \/>\nProzent der Wasserspeicherkapazit\u00e4t verloren. Aber das ist regional sehr<br \/>\nunterschiedlich: In S\u00fcdspanien geht man von 30 Prozent aus, beim Ebro,<br \/>\neinem der wichtigsten Fl\u00fcsse, ist es ein Viertel. Das Problem ist aber,<br \/>\ndass die Messmethoden nicht genau sind.\u201c<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<div>Der Stausee La Baells in Katalonien (Spanien) hat nur noch 56 Prozent seines Fassungsverm\u00f6gens. (picture alliance \/ abaca)<\/div>\n<\/div>\n<div>Die Verlandung gro\u00dfer Talsperren ist weltweit ein Problem: Laut Studien der<br \/>\ntechnisch-naturwissenschaftlichen Hochschule ETH in Lausanne geht pro<br \/>\nJahr ein Prozent an Stauraumvolumen verloren. Auch hier versch\u00e4rft der<br \/>\nKlimawandel die Lage. Wenn Gletscher schmelzen, die Erde austrocknet,<br \/>\ngelangen mehr Sedimente in die Stauseen. Das gef\u00e4hrdet die<br \/>\nTrinkwasserversorgung, die nachhaltige Nutzung von Wasserkraft \u2013 und die<br \/>\nStr\u00e4nde an den K\u00fcsten. Die Weltbank z\u00e4hlt Verlandung daher zu den<br \/>\ngr\u00f6\u00dften globalen Herausforderungen. Nach Jahrzehnten des Laissez-faire<br \/>\nversprechen die spanischen Betreiber nun einen Paradigmenwechsel.<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber sehr lange Zeit hat man die Sedimente einfach als Dreck betrachtet, als<br \/>\nAbfallprodukt, das in den Talsperren h\u00e4ngen bleibt. Wir haben zwar<br \/>\nversucht, den Sedimenten einen Nutzwert zu geben und daraus D\u00fcngemittel<br \/>\nhergestellt \u2013 aber am wertvollsten sind sie eben an der K\u00fcste. Au\u00dferdem<br \/>\nwar das Ausleiten von Sedimenten sehr teuer, aber inzwischen haben wir<br \/>\nMethoden entwickelt, die die Kosten massiv senken.\u201c<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<h2>Der schwierige Weg der Sedimente aus den Talsperren<\/h2>\n<div>Bisher wurden die Sedimente mit Diesel-betriebenen Motorpumpen an die<br \/>\nOberfl\u00e4che gef\u00f6rdert. Ein energie-aufwendiges und havarieanf\u00e4lliges<br \/>\nVerfahren, denn gr\u00f6\u00dfere Pflanzenteile wie Zweige oder Baumst\u00e4mme k\u00f6nnen<br \/>\ndie Mechanik besch\u00e4digen. Jetzt will man die Sedimente \u00fcber ein mit<br \/>\ndruckluftbetriebenes Schlauchsystem nach oben treiben, dann \u00fcber ein<br \/>\nSiphonsystem oder \u00d6ffnungen in der Staumauer ausleihen. Das System<br \/>\nkomme, so Gonzalo Carracedo von der spanischen Kommission f\u00fcr<br \/>\nTalsperren, mit einem Sechstel der Energie aus. Nach Modellversuchen<br \/>\nsoll die Methode jetzt im gro\u00dfen Stil eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Auch die Politik will sich des Themas Verlandung annehmen. Das spanische<br \/>\nKlimaschutzgesetz schreibt zwar \u201eeffektive Ma\u00dfnahmen\u201c vor, die<br \/>\ngew\u00e4hrleisen sollen, dass die Sedimente ihren Weg von den Talsperren an<br \/>\ndie K\u00fcste finden. Doch die Vorschriften seien zu schwammig, klagen<br \/>\nUmweltsch\u00fctzer \u2013 und die Talsperren-Betreiber sprechen von gesetzlichen<br \/>\nL\u00fccken. Alberto Gonzalo Carracedo:<\/p>\n<p>\u201eDas Problem ist, dass bei Ausleitungen oft Umweltsch\u00fctzer protestieren oder eine Gruppe von<br \/>\nFischern, weil das Wasser ja \u201eschmutzig\u201c ist. Uns fehlt es einfach an<br \/>\neiner ganzheitlichen Vision \u2013 und an einem klaren gesetzlichen Rahmen.<br \/>\nBei einem Hochwasser protestiert niemand, wenn das Wasser braun ist.<br \/>\nAber wehe es kommt aus einem Staudamm. Solange ein Fischer einen<br \/>\nTalsperrenbetreiber verklagen kann, weil das Wasser braun ist, wird der<br \/>\nseine Abfl\u00fcsse nicht \u00f6ffnen.\u201c<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<h2>Lokaler Umweltschutz versus globaler K\u00fcstenschutz<\/h2>\n<div>Lokaler Umweltschutz st\u00f6\u00dft auf globalen K\u00fcstenschutz: Auch Carles Iba\u00f1ez vom<br \/>\nkatalanischen Zentrum f\u00fcr Klimaresilienz h\u00e4lt das f\u00fcr ein Problem. Im<br \/>\nLauf der Zeit sind rings um die Stauseen Feuchtgebiete entstanden.<br \/>\nSeltene Vogel- und Pflanzenarten haben sich angesiedelt, viele von ihnen<br \/>\nstehen unter Naturschutz.<\/p>\n<p>\u201eWir schaffen rings um die Stauseen k\u00fcnstliche Deltas und zerst\u00f6ren die nat\u00fcrlichen an der K\u00fcste. Im<br \/>\nSzenario des Klimawandels, in dem wir den Strand als nat\u00fcrliche<br \/>\nVerteidigungslinie brauchen, ist das eine echte Katastrophe. Die<br \/>\nVerwaltung m\u00fcsste Sedimentmanagement in den Einzugsgebieten der Fl\u00fcsse<br \/>\nzur obersten Priorit\u00e4t erkl\u00e4ren. Denn wenn k\u00fcnstliche Feuchtgebiete<br \/>\nwegen der dort lebenden Vogel- und Pflanzenarten zu Naturschutzgebieten<br \/>\nerkl\u00e4rt werden, k\u00f6nnen Sedimente von dort nicht mehr abgef\u00fchrt werden.<br \/>\nDas macht einfach keinen Sinn.\u201c<\/p>\n<p>Solche Interessenskonflikte erschweren den Kampf gegen Erosion auch an der katalanischen K\u00fcste.<br \/>\nKnapp 60 Prozent des K\u00fcstenstreifens sind auf den ersten hundert Metern<br \/>\nbebaut. Dabei hat auch dort das Sturmtief Gloria im Januar 2020 gezeigt,<br \/>\nwie fragil die Infrastrukturen an der katalanischen K\u00fcste sind. Die<br \/>\nWellen zerst\u00f6rten Hafenanlagen und untersp\u00fclten die Strandpromenaden.<br \/>\nDie Folgen der Klimakrise so hautnah zu erleben, war f\u00fcr die<br \/>\nLokalpolitik ein Schock. In der Provinz Tarragona schlossen sich 18<br \/>\nGemeinden zusammen, um gemeinsam L\u00f6sungen zu entwickeln.<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<h2>Sturmtief Gloria offenbarte Folgen der Kimakrise \u2013 und L\u00f6sungen<\/h2>\n<div>Aron Marcos ist einer der Initiatoren. Er ist Stadtrat f\u00fcr urbane \u00d6kologie<br \/>\nund Sicherheit im K\u00fcstenort Calafell. Die Gemeinde hat 30.000 Einwohner,<br \/>\nim Sommer k\u00f6nnen es schon einmal 120.000 werden. Calafell lebt vom<br \/>\nTourismus und von Gro\u00dfst\u00e4dtern, die hier ihre Zweit- oder Sommerresidenz<br \/>\nhaben. Am Meer ziehen sich achtst\u00f6ckige Neubauten entlang.<\/p>\n<p>\u201eGloria war eine Lehrstunde f\u00fcr uns. Das Sturmtief hat uns gezeigt, welche<br \/>\nFolgen die Klimakrise haben kann. Gloria hat uns aber auch L\u00f6sungen<br \/>\naufgezeigt. Denn dort, wo es noch D\u00fcnen gibt, war das Ausma\u00df der<br \/>\nZerst\u00f6rung sehr viel geringer als dort, wo sie verschwunden sind.\u201c<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Aron Marcos f\u00fchrt zum Stadtstrand. Bereits 2018 hat die Gemeinde an der<br \/>\nPromenade eine k\u00fcnstliche D\u00fcne angelegt: zwei mit Pfosten und Seilen<br \/>\nabgegrenzte Parzellen, zwischen acht und zehn Metern breit. Vor zwei<br \/>\nWochen wurde die Anlage erweitert, Paravents aus Stroh sch\u00fctzen die<br \/>\nfrisch angepflanzten Gr\u00e4ser vor Winden, bis sie selbst stark genug sind,<br \/>\num das Terrain zu stabilisieren. Finanziert hat das Pilotprojekt das<br \/>\nspanische Umweltministerium. In den n\u00e4chsten Jahren soll es \u00fcber die<br \/>\ngesamte, knapp f\u00fcnf Kilometer lange K\u00fcstenlinie der Gemeinde ausgeweitet<br \/>\nwerden. Zwei k\u00fcnstliche Molen wurden im Gegenzug entfernt.<\/p>\n<p>\u201eSolche Molen sind teuer, sowohl beim Bau wie auch bei der Herstellung. Und vor<br \/>\nallem: Sie l\u00f6sen das Problem nicht, reduzieren es allenfalls, aber auf<br \/>\nKosten der Nachbarn, die weniger Sand bekommen. Au\u00dferdem mindern Molen<br \/>\nauf lange Sicht den Sauerstoffgehalt im Wasser und zerst\u00f6ren so den<br \/>\nLebensraum der Unterwasser-Fauna. Wenn wir aber D\u00fcnen anlegen, dann<br \/>\nrespektieren wir die nat\u00fcrlichen Verl\u00e4ufe und helfen so, das nat\u00fcrliche<br \/>\nGleichgewicht wieder herzustellen.\u201c<\/p>\n<p>Aron Marcos hofft, dass die D\u00fcnen den Strand nachhaltig sichern. Nicht nur aus Gr\u00fcnden des<br \/>\nKlimaschutzes, sondern auch aus wirtschaftlichen Interessen.<\/p>\n<p>\u201eWenn wir den Strand verlieren, verliert Calafell eine wichtige<br \/>\nEinnahmequelle: Das gesamte Dorf lebt vom Tourismus. Und der Rohstoff<br \/>\ndes Tourismus ist nun einmal der Sand. Wir haben in den letzten zehn<br \/>\nJahren zwar die H\u00e4lfte der Oberfl\u00e4che eingeb\u00fc\u00dft, aber das war ein<br \/>\nStrand, den wir in den 1990er-Jahren k\u00fcnstlich aufgesch\u00fcttet haben.<br \/>\nJetzt ist er Strand wieder in seinem nat\u00fcrlichen Zustand. Den k\u00f6nnen wir<br \/>\nerhalten, wenn wir bestimmte Ma\u00dfnahmen einhalten.\u201c<\/p>\n<p>Dass sich die Nutzfl\u00e4che ihres Stadtstrands nicht nur durch die Erosion, sondern<br \/>\nauch durch die Renaturierung verkleinert hat, st\u00f6rt \u2013 so sagt Aron<br \/>\nMarcos \u2013 weder Besucher noch Touristen. Ein paar Anwohner h\u00e4tten zwar<br \/>\n\u00fcber die Kunstd\u00fcnen mitten im Ort gemurrt, insgesamt aber hielten sich<br \/>\ndie Klagen in Grenzen.<\/p>\n<p>\u201eWir haben weniger Beschwerden bekommen,<br \/>\nals wir erwartet haben, aber mehr als wir uns w\u00fcnschen. Aber tats\u00e4chlich<br \/>\nbeeinflussen solchen Ma\u00dfnahmen ja nur einen Teil des Strandes,<br \/>\nschr\u00e4nken also seine Verwendung nicht ein. Alle wollen so nah wie<br \/>\nm\u00f6glich ans Wasser. Au\u00dferdem hat es uns geholfen, dass die<br \/>\nNachbargemeinden \u00e4hnliche Strategien befolgen: Wir entfernen<br \/>\nbeispielsweise alle nicht mehr die Algen und Tangreste, die im Winter<br \/>\nangesp\u00fclt werden. Denn auch sie helfen, das Gleichgewicht zu bewahren.<br \/>\nWenn der Strand des Nachbarn genauso aussieht wie deiner, beschwert sich<br \/>\nauch niemand.\u201c<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<h2>Infrastruktur zur\u00fcckbauen \u2013 um Strand als Schutzwall zu erhalten<\/h2>\n<div>Das hat die Stadtverwaltung ermutigt, noch einen Schritt weiter zu gehen und<br \/>\nnicht nur am Strand, sondern auch an der Bebauung selbst Hand<br \/>\nanzulegen. Im Ortskern von Calafell schl\u00e4gt die Promenade einen Bogen<br \/>\n\u00fcber den Strand. Doch die Erosion hat die Promenade untersp\u00fclt. Will man<br \/>\nden Strand als Schutzwall vor dem steigenden Meeresspiegel erhalten,<br \/>\nmuss abgerissen werden.<\/p>\n<p>\u201eWir haben hier einen B\u00fcrgersteig, einen Parkstreifen, zwei Fahrbahnen, noch einen B\u00fcrgersteig \u2013 und die<br \/>\nPromenade. Das ist alles Strand. Wenn wir einen Kanal reparieren, sto\u00dfen<br \/>\nwir auf Sand. Das ist gut, denn es zeigt, dass wir \u2013 unter der<br \/>\nInfrastruktur \u2013 noch Strand haben, der uns vor dem steigenden<br \/>\nMeeresspiegel sch\u00fctzt. Und Stra\u00dfen und Promenaden sind ja r\u00fcckbaubar.<br \/>\nProblematischer w\u00e4re es, wenn es H\u00e4user w\u00e4ren.\u00a0 Das Meer stellt uns vor<br \/>\ndie Wahl: Entweder Wasser oder Strand. Und wir wollen Strand.\u201c<\/p>\n<p>Die Promenade in Calafell ist nur ein kleines Beispiel f\u00fcr die<br \/>\nHerausforderungen, die auf Anwohner und Verwaltung in den n\u00e4chsten<br \/>\nJahren zurollen. Im Maresme, n\u00f6rdlich von Barcelona, f\u00e4hrt die<br \/>\nRegionalbahn direkt neben der K\u00fcste. Angelegt im Jahr 1848 ist sie die<br \/>\n\u00e4lteste Spaniens und noch heute mit mehr als 100.000 Nutzern eine der<br \/>\nmeist befahrenen Strecken. Aber jetzt schlagen hier bei St\u00fcrmen die<br \/>\nWellen \u00fcber die Gleise, der Boden erodiert. Es ist nur eine Frage der<br \/>\nZeit, bis die Gleise ins Hinterland verlegt werden m\u00fcssen. Anfang des<br \/>\nJahrtausends wurde erstmals \u00fcber eine Verlegung diskutiert, aber das<br \/>\nProjekt verschwand in der Schublade: zu teuer, ergo unpopul\u00e4r.<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr Carles Iba\u00f1ez vom Zentrum f\u00fcr Klimaresilienz ist es an der Zeit, diese<br \/>\nPl\u00e4ne wiederhervorzuholen. \u201eEs ist es sowohl politisch wie auch<br \/>\nwirtschaftlich absurd, jetzt nicht zu handeln. Denn nichts zu tun, macht<br \/>\nalles nur noch teurer. Wenn wir nicht jetzt in den Umbau investieren,<br \/>\nwerden wir f\u00fcr Reparationen und Entsch\u00e4digungen aufkommen und dann<br \/>\ntrotzdem neu bauen, trotzdem investieren m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Der Wissenschaftler fordert einen partei\u00fcbergreifenden Pakt f\u00fcr K\u00fcstenschutz<br \/>\nin ganz Spanien \u2013 und zwar f\u00fcr die n\u00e4chsten 30 bis 40 Jahre<\/p>","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[1304,1305,1303,841],"kategorie":[],"class_list":["post-118040","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry","tag-erosio","tag-klimakrise","tag-kueste","tag-spanien","medien-radio"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118040","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118040"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118040"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118040"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}