{"id":118041,"date":"2024-02-05T14:25:26","date_gmt":"2024-02-05T13:25:26","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118041"},"modified":"2024-02-05T14:25:26","modified_gmt":"2024-02-05T13:25:26","slug":"architekt-ricardo-bofill-jedes-meiner-werke-ist-als-teil-einer-stadt-konzipiert","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/architekt-ricardo-bofill-jedes-meiner-werke-ist-als-teil-einer-stadt-konzipiert\/","title":{"rendered":"Architekt Ricardo Bofill: \u201eJedes meiner Werke ist als Teil einer Stadt konzipiert&#8221;"},"content":{"rendered":"<div>\nJulia Macher: Ricardo Bofill, der Weg zu Ihnen f\u00fchrt wortw\u00f6rtlich durch Ihr Werk &#8211; und zwar durch eines, das immer noch zu den ber\u00fchmtesten z\u00e4hlt: &#8220;La F\u00e1brica&#8221;, die alte Zementfabrik, die Sie 1973 gekauft und umgebaut haben. Ist das Werk noch heute repr\u00e4sentativ f\u00fcr Ihre Arbeit?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ricardo Bofill: Ja, zu hundert Prozent. Ich lebe und arbeite in dieser Fabrik. An diesem Schreibtisch, in diesem fast leeren, wei\u00dfen Raum, habe ich alle Projekte meines Lebens begonnen. Hier f\u00fchle ich mich am wohlsten, kann mich zur\u00fcckziehen, isolieren und mein M\u00f6nchsleben f\u00fchren: mit Disziplin und strengen Arbeitszeiten. Sogar als wir in Paris und anderswo Studios hatten, entstanden die Ausgangsprojekte f\u00fcr die Ideen immer hier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: Als man mich in Ihr B\u00fcro gef\u00fchrt hat, hatte ich das Gef\u00fchl, einen eigenst\u00e4ndigen Organismus, eine abgeschlossene Welt zu betreten&#8230;.<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p>Japanische Sauna und Lustgarten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bofill: Die Fabrik ist ein unvollendetes Werk, in der viele unterschiedliche Stile zusammen treffen. Sie ist ein St\u00fcck dekonstruierte, traiditionelle Industriearchitektur. Wir haben mit ganz unterschiedlichen \u00c4sthetiken und Stilen gearbeitet, die das Ergebnis meiner Reisen, meiner Entwicklung sind. Es gibt surrealistische Elemente und romantische, wie die \u00fcberall wuchernden Pflanzen. Es gibt klassizistische und historizistische Elemente. Jeder Raum hat seinen eigenen Charakter. Wir haben eine japanische Sauna und einen Garten der L\u00fcste, einen kubischen Raum und die Kathedrale, in der wir arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: In &#8220;Visions of Architecture&#8221;, dem Buch, das der Gestalten Verlag \u00fcber Ihr Lebenswerk herausgibt, steht, Sie seien ein Nomade.<\/p>\n<p>Bofill: Dieses Etikett klebt seit 1975 an mir. Weil ich einer der ersten spanischen Architekten war, die gereist sind und im Ausland gearbeitet haben, in Kanada, in China, in Russland, in Indien. Unsere Architektur aber kann immer einem Ort zugeordnet werden und ist fest an ihm verankert. Ich mache keine &#8220;internationale Architektur&#8221;, bei der an einem Schreibtisch in London oder Frankfurt ein Projekt f\u00fcr Saudiarabien entsteht. Ich muss in das Land fahren, das Land kennen, es verstehen. Ganz egal, was in den Zeitschriften steht: Im Land selbst wird man f\u00fcr das Werk beurteilt, das man dort hinterlassen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: In Frankreich und Spanien haben Sie Siedlungen entworfen, die sich immer auf die Stadt, auf das mediterrane Verst\u00e4ndnis von Stadt beziehen&#8230;<\/p>\n<p>Verbindung von Geb\u00e4ude und Umgebung<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bofill: Mein Vater war ein gro\u00dfb\u00fcrgerlicher, katalanischer Architekt, meine Mutter eine italienische J\u00fcdin aus Venedig. Meine Kultur ist das Mittelmeer, in ihr bin ich aufgewachsen. Ich bin auf das Lyc\u00e9e Francais gegangen, habe in Paris und Italien gelebt. Meiner Meinung nach ist die wirklich gute Architektur bis ins 18. Jahrhundert am Mittelmeer entstanden, genauso wie Kunst und Malerei. Die traditionelle, die Volksarchitektur &#8211; und die gehobene Architektur des Mittelmeers: Das sind die beiden Architekturtypen, die mich interessiert und gepr\u00e4gt haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: Ausgehend von der Architektur des Mittelmeers, von der mediterranen Stadt haben Sie immer wieder \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von privaten und \u00f6ffentlichem Raum nachgedacht. Wie versuchen Sie das, auf Ihre Projekte zu \u00fcbertragen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bofill: Es gab in der Architekturtheorie den Ansatz, nach der der \u00f6ffentliche Raum das Ergebnis des Privaten ist und er da beginnt, wo die Fassade endet. Ich dagegen habe immer versucht, beides miteinander zu verschr\u00e4nken und beim Entwurf immer beides gleichzeitig zu gestalten &#8211; das Geb\u00e4ude und die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: Gegen\u00fcber Ihrem B\u00fcro steht das Walden 7, eine Ihrer ber\u00fchmten Wohnburgen. Spielt dieser Gedanke da auch eine Rolle?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bofill: Das Walden ist ein Sonderfall. Da geht es um die Utopie einer ganzen Stadt in einem Geb\u00e4ude. Wir haben nicht nur mit neuen Wohnmodellen, sondern auch mit neuen Eigentumsmodellen, mit neuen Familienmodellen experimentiert. Dem wollten wir mit einem Modulmodell, bei dem Bewohner zwei, oder drei Module horizontal oder vertikal bewohnen k\u00f6nnen, Rechnung tragen. Jede Wohnung ist anders.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: Wissen Sie, wer heute in dieser Utopie lebt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bofill: Heute ist das sehr b\u00fcrgerlich. Das ist eine sehr eingeschworene Gemeinschaft von Menschen, die stolz darauf sind, in diesem Denkmal zu wohnen, die sich aber in sich selbst eingeschlossen haben. Heute w\u00e4re ein Walden nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: Warum?<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p>&#8220;Ruhm interessiert mich nicht&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bofill: Das war ein Projekt des sozialen Wohnungsbaus, da sind die Vorgaben heute ganz andere. Beim Walden habe ich mich um alles gek\u00fcmmert &#8211; Finanzierung, Bau, Preis und Verkauf der Wohnungen. Manchmal kommen Leute und sagen zu mir, sie h\u00e4tten gerne ein Walden &#8211; aber das geht heute nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: Auf Instagram ist das Walden 7 immer noch eine der meist fotografierten Bauten &#8211; ebenso wie Ihr pinker Apartmentkomplex &#8220;La Muralla Roja&#8221; in Calp. Das brutalistische &#8220;Les Espaces d&#8217;Abraxas&#8221; war ein halbes Dutzend Mal Filmkulisse &#8211; unter anderem f\u00fcr die Verfilmung der Romantriologie &#8220;Tribute von Panem&#8221;. Dass Ihre Bauten vor allem f\u00fcr ihre visuelle Monumentalit\u00e4t, f\u00fcr ihre spektakul\u00e4re \u00c4sthetik bekannt sind &#8211; \u00e4rgert Sie das oder macht Sie das stolz?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bofill: Ich bin in einer Lebensphase in der das Ego nicht mehr z\u00e4hlt und mich Ruhm nicht mehr interessiert. Als junger Mann war ich ber\u00fchmt, danach habe ich einfach weitergemacht, meinen eigenen Stil, meine eigenen Prinzipien verfolgt &#8211; aber immer mit der Idee der Stadt dahinter. Jedes meiner Werke ist als Teil einer Stadt konzipiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: Im Dezember werden Sie 80 Jahre alt &#8211; haben Sie \u00fcber Ruhestand nachgedacht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Ich glaube an Sterbehilfe&#8221;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bofill: Nein, ich werde nicht in Rente gehen. Ich habe eine Zeitlang mal versucht weniger zu arbeiten, aber das hat nicht funktioniert. Wenn man als Archtiekt seine Arbeit liebt, will man Projekte machen &#8211; eins nach dem anderen. Ich habe mein ganzes Leben lang Ideen entwickelt, Projekte gezeichnet &#8211; das werde ich bis zum Ende machen, bis zur Euthanasie &#8211; ich glaube an Sterbehilfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Macher: Ihr B\u00fcro RBTA soll ganz traditionell Familienunternehmen weitergef\u00fchrt werden, von Ihren zwei S\u00f6hnen und Ihrer Frau. Eine beruhigende Perspektive?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bofill: Es ist ein Versuch, Kontinuit\u00e4t zu schaffen &#8211; aber Ruhe schafft das nicht. Man wei\u00df nie was passiert. Und um kreativ zu sein, braucht man Anspannung, braucht man kontrollierte Angst &#8211; sie sorgt f\u00fcr die notwendige Vitali\u00e4t, um etwas Neues schaffen zu k\u00f6nnen. Der Sch\u00f6pfer muss immer an der Grenze zwischen Normalit\u00e4t und Wahnsinn stehen. Absolute Normalit\u00e4t und Ruhe ist f\u00fcr einen Kreativen unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Buch:<\/p>\n<p><strong>Ricardo Bofill<\/strong><\/p>\n<div><strong>Visions of Architecture<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Herausgeber: gestalten<br \/>\n&amp;<br \/>\nRicardo Bofill<\/div>\n<div>Ausstattung: Vollfarbig, Hardcover, in Leinen gebunden, 300 Seiten, 24,5<br \/>\n\u00d7<br \/>\n33<br \/>\ncm<\/div>\n<div>Sprache: Englisch<\/div>\n<div>Preis: \u20ac<br \/>\n49,90<br \/>\n(D)<\/div>\n<div>ISBN: 978-3-89955-940-8<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118041","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118041","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118041"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118041"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118041"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}