{"id":118044,"date":"2024-02-05T14:38:15","date_gmt":"2024-02-05T13:38:15","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118044"},"modified":"2024-02-05T14:38:15","modified_gmt":"2024-02-05T13:38:15","slug":"jordi-cuixart-der-rebell","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/jordi-cuixart-der-rebell\/","title":{"rendered":"Jordi Cuixart: Der Rebell"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Jeden Abend versammeln sich ein paar Dutzend Menschen auf einer kleinen Anh\u00f6he gegen\u00fcber des Gef\u00e4ngnisses Lledoners. Scheinwerfer tauchen die Anlage eine knappe Autostunde n\u00f6rdlich von in taghelles Licht. P\u00fcnktlich um 20.45 Uhr hebt ein junger Mann ein Megafon in den Abendhimmel und w\u00fcnscht jedem der sieben hier verhafteten M\u00e4nner eine gute Nacht. Der Ruf &#8221; Bona nit, Jordi Cuixart&#8221; kommt an dritter Stelle. &#8220;Ich will den Gefangenen so meine Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung zeigen&#8221;, sagt Joan, der Mann mit dem Megafon. &#8220;Dass sie im Gef\u00e4ngnis sind, ist eine gro\u00dfe Ungerechtigkeit. Wir alle f\u00fchlen uns dadurch eingeschlossen.&#8221;<\/p>\n<p>Fast anderthalb Jahre ist es nun her, dass die katalanische Regionalregierung mit ihrer Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von scheiterte. Der katalanische Ex-Pr\u00e4sident Carles Puigdemont lebt in Br\u00fcssel im Exil, das <a title=\"Link: https:\/\/www.zeit.de\/2018\/50\/carles-puigdemont-katalonien-unabhaengigkeit-separatismus-auslieferung-richterin\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2018\/50\/carles-puigdemont-katalonien-unabhaengigkeit-separatismus-auslieferung-richterin\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">juristische Gezerre um seine Auslieferung nach Spanien ist beendet<\/a>. Die Weltnachrichten haben sich l\u00e4ngst anderen Themen zugewandt. Doch der Unabh\u00e4ngigkeitskonflikt in Katalonien ist nicht ausgestanden, er bestimmt weiter die Politik der Region und des gesamten Landes. Die sieben Millionen Menschen starke Region um Barcelona ist <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2018-09\/referendum-katalonien-spanien-jahrestag\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">gespalten bei der Frage, ob sie weiterhin eine Unabh\u00e4ngigkeit will<\/a>. Und die spanische Justiz ist mit H\u00e4rte gegen die Anf\u00fchrer der Separatisten vorgegangen: Neun Politiker und Unabh\u00e4ngigkeitsaktivisten sitzen zum Teil schon \u00fcber ein Jahr in Untersuchungshaft.<\/p>\n<p>Der Besuchersaal im Gef\u00e4ngnis Lledoners hat drei gl\u00e4serne Sprechkabinen, darin jeweils drei Plastikst\u00fchle und eine leicht scheppernde Gegensprechanlage. Jordi Cuixart, in Jeans und schwarzem Pulli, legt zur Begr\u00fc\u00dfung die rechte Hand auf die Trennscheibe. Er strahlt \u00fcbers ganze Gesicht, erz\u00e4hlt von seinem T\u00f6pferkurs, vom japanischen Autor <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/haruki-murakami\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Haruki Murakami<\/a>, den er im Gef\u00e4ngnis entdeckt hat &#8211; und davon, wie er lernte, sich hinter Gittern heimisch zu f\u00fchlen. &#8220;Ich habe meine Frau Txell gebeten, mir Hausschuhe ins Gef\u00e4ngnis zu bringen. Ich muss die Zelle als mein Zuhause betrachten &#8211; das ist die einzige M\u00f6glichkeit geistig integer zu bleiben, um meine politischen \u00dcberzeugungen zu bewahren&#8221;, sagt er.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Rechtsextremen fordern 65 Jahre Haft f\u00fcr ihn<\/p>\n<p>Seit 15 Monaten sitzt der Pr\u00e4sident des katalanischen Kulturvereins \u00d2mnium in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Rebellion vor und fordert 17 Jahre Haft. Laut Anklageschrift hat <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-10\/katalonien-haftbefehl-gegen-separatisten\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Cuixart gemeinsam mit Jordi S\u00e0nchez<\/a>, dem <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2018-04\/katalonien-seperatismus-carles-puigdemont-nachfolger-jordi-sanchez-haft\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Ex-Pr\u00e4sidenten des prosezessionistischen Vereins Assemblea Nacional<\/a>, immer wieder zu Demonstrationen und Protesten f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/katalonien\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Kataloniens<\/a> von Spanien aufgerufen, dabei das Risiko gewaltt\u00e4tiger Aktionen in Kauf genommen und die Arbeit der Polizei bewusst behindert.<\/p>\n<p>Besonderes Gewicht misst die Staatsanwaltschaft den Ereignissen am 20. und 21. September 2017 in Barcelona zu. Damals protestierten Zehntausende vor dem katalanischen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/bmwi\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Wirtschaftsministerium<\/a>, das von der spanischen Guardia Civil durchsucht wurde. Die Zivilgardisten waren auf der Suche nach Dokumenten und Informationen in Zusammenhang mit dem Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum, das die Regionalregierung f\u00fcr den 1. Oktober angek\u00fcndigt hatte &#8211; unabh\u00e4ngig davon, dass das Verfassungsgericht eine solche Abstimmung verboten hatte.<\/p>\n<p>In den Fernsehberichten zu den Demonstrationen vor dem Wirtschaftsministerium sind Bilder zu sehen, auf denen Cuixart und S\u00e0nchez auf einem v\u00f6llig zerbeulten Einsatzwagen der Guardia Civil, der Nationalgendarmerie stehen &#8211; in der Hand das Mikrofon, vor sich die Menge. Bereut er, damals auf den Wagen gestiegen zu sein? Cuixart sch\u00fcttelt energisch den Kopf. &#8220;Die spanische Gesellschaft sollte sich fragen, warum bei diesen Bildern nie die Untertitel laufen. Wir haben damals gegen Mitternacht die Demonstration offiziell beendet und die Leute aufgerufen, nach Hause zu gehen.&#8221;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist der Vorwurf der Rebellion der gro\u00dfe Schwachpunkt der Anklage gegen Cuixart. Laut spanischem Strafgesetz ist daf\u00fcr der Einsatz von Gewalt notwendig. Aber ist ein zerst\u00f6rtes Auto, sind Rangeleien und ein &#8220;feindseliges Klima&#8221; schon Gewalt? Im Fall der beiden Jordis kommt dazu, dass keiner der beiden politische Verantwortung f\u00fcr die Organisation des Unabh\u00e4ngigkeitsreferendums oder m\u00f6gliche Abspaltungspl\u00e4ne hatte, sondern beide als Aktivisten, als Anf\u00fchrer von B\u00fcrgerbewegungen handelten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat deswegen mehrfach ihre Freilassung gefordert.<\/p>\n<p>&#8220;Ich habe lediglich das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit verteidigt &#8211; und das auf Selbstbestimmung&#8221;, sagt Cuixart. &#8220;Mein Ziel ist nicht, so schnell wie m\u00f6glich aus dem Gef\u00e4ngnis zu kommen, sondern die politischen Grundrechte in diesem Land zu verteidigen.&#8221; Cuixart ist \u00fcberzeugt davon, dass der Staat im Umgang mit den katalanischen Separatisten autorit\u00e4re Tendenzen zeige, die noch aus der Franco-Diktatur r\u00fchren. Auch das <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2018\/51\/rechtspopulismus-rechtsextremismus-vox-spanien-katalonien-abspaltung\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Erstarken von rechtsextremen Parteien wie Vox<\/a> erkl\u00e4rt er damit. &#8220;Die rechten Populismen sind doch nichts anderes als Faschismus in einem neuen Gewand.&#8221; Viele politische Kommentatoren dagegen glauben, dass die Rechtsnationalisten in erster Linie durch das sture Agieren der Unabh\u00e4ngigkeitsparteien Auftrieb erhalten haben.<\/p>\n<p>Cuixart, Jahrgang 1975, ist Sohn eines Mechanikers und einer Fleischerin &#8211; aus dem s\u00fcdspanischen Murcia, wie er mehrfach betont. &#8220;Ich f\u00fchle mich einem Republikaner aus der Provinz Kastilien enger verbunden als einem katalanischen Monarchisten.&#8221; Im Gef\u00e4ngnis hat er in den vergangenen Monaten viel \u00fcber zivilen Widerstand gelesen. Seine Anw\u00e4ltin will unter anderem den Philosophen Noam Chomsky und Friedensnobelpreistr\u00e4gerin Jody Williams in den Zeugenstand rufen, um sein Vorgehen zu verteidigen. Dar\u00fcber muss noch das Gericht entscheiden.<\/p>\n<p>Zwei Kabinen weiter hat an diesem Tag H\u00e4ftling Jordi Turull von der b\u00fcrgerlich-nationalistischen Partei PdeCat Besuch von vier Abgeordneten der linksradikalen Partei CUP erhalten. Cuixart entschuldigt sich kurz, um Hallo zu sagen. Im katalanischen Parlament sind die verschiedenen Parteien des Unabh\u00e4ngigkeitsblocks zerstritten, das Misstrauen zwischen den eher pragmatischen Linksrepublikanern von Esquerra Republicana und der Puigdemont-Liste Junts pel S\u00ed sitzt tief. Auch im Gef\u00e4ngnis seien solche Animosit\u00e4ten sp\u00fcrbar, hei\u00dft es. &#8220;Nat\u00fcrlich gibt es unterschiedliche Strategien, aber wir verstehen uns alle gut&#8221;, widerspricht Cuixart. Als Pr\u00e4sident von \u00d3mnium tue er das, was er auch drau\u00dfen getan habe \u2013 sich um Konsens bem\u00fchen.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<p>Als einziger Gefangener ohne Parteibuch und parlamentarisches Amt sagt Jordi Cuixart frei heraus, was er denkt: &#8220;Man kann ein Land nicht aus dem Gef\u00e4ngnis oder dem Exil regieren \u2013 oder nicht nur&#8221;, gab er k\u00fcrzlich dem katalanischen Radio zu bedenken. Die Forderung nach neuen K\u00f6pfen in der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung d\u00fcrfte nicht allen Mitgefangenen gefallen haben. Kataloniens Ex-Vizepr\u00e4sident Oriol Junqueras von den Linksrepublikanern kandidiert bei den Europawahlen, Ex-Innenminister Joaquim Forn \u2013 f\u00fcr das B\u00fcrgermeisteramt in Barcelona. Beide sitzen wie er in\u00a0<a title=\"Link: https:\/\/www.zeit.de\/thema\/untersuchungshaft\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/untersuchungshaft\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Untersuchungshaft<\/a>, beiden drohen wie ihm hohe Haftstrafen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Puigdemont hat sich rechtzeitig abgesetzt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn nun Anfang Februar nach langer Untersuchungshaft die Strafprozesse gegen die Separatisten starten, wird ausgerechnet einer fehlen: Carles\u00a0<a title=\"Link: https:\/\/www.zeit.de\/thema\/katalonien\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/katalonien\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Puigdemont<\/a>, f\u00fcr viele das Gesicht der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, hat sich vor seiner Festnahme aus Spanien absetzen k\u00f6nnen. Nachdem Deutschland im Juli eine Auslieferung wegen des Tatbestands der Rebellion verweigert hat, zogen die spanischen Richter den europ\u00e4ischen Haftbefehl zur\u00fcck. Damit ist er glimpflich davongekommen: In Spanien droht ihm weiter das Gef\u00e4ngnis, aber auf der Anklageschrift steht der Name des Chefs nicht. Er wird den Prozess von seinem belgischen Domizil aus verfolgen.<\/p>\n<p>Als Puigdemont sich wenige Tage\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-10\/katalonien-konflikt-unabhaengigkeit-carles-puigdemont-artikel-155\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">nach der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung im Oktober 2017<\/a>\u00a0gemeinsam mit ein paar Mitstreitern\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2017\/45\/carles-puigdemont-belgien-katalonien-unabhaengigkeit\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">nach Belgien absetzte<\/a>, war Cuixart bereits in Untersuchungshaft. \u00dcberrascht habe ihn Puigdemonts Flucht, sagt er nach ein paar Sekunden Nachdenken, f\u00fcgt dann hinzu: &#8220;Immerhin hat uns das Exil das Urteil aus Schleswig-Holstein eingebracht.&#8221; Das stellt den Tatbestand der Rebellion, wegen dem auch Cuxiart angeklagt ist, infrage.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<p>Man d\u00fcrfe keinem der geflohenen Separatisten einen Vorwurf machen, findet der H\u00e4ftling: &#8220;Die Repression war zwar unvermeidbar. Aber mit diesem Ausma\u00df hat keiner gerechnet.&#8221;<\/p>\n<p>Jordi Cuixart hat einen kleinen Sohn. Er hat die Stunden zusammengerechnet, die er den fast zweij\u00e4hrigen Amat seit seiner Haft gesehen hat und ist auf ganze f\u00fcnf Tage gekommen. Cuixart ist \u00fcberzeugt davon, die Vater-Sohn-Zeit auch k\u00fcnftig nach Besuchszeiten und Telefonminuten berechnen zu m\u00fcssen. Nat\u00fcrlich schmerze ihn das, aber das gr\u00f6\u00dfte Geschenk, das man einem Kind machen k\u00f6nne, sei doch, ihm Beispiel zu sein.<\/p>\n<p>Die Gef\u00e4ngnisw\u00e4rterin klopft an die Glasscheibe, gew\u00e4hrt zehn Minuten Extrazeit. Irgendwann in den n\u00e4chsten Tagen werden er und weitere elf Angeklagte an den Obersten Gerichtshof in Madrid reisen, sechs Politikern wird in Barcelona der Prozess gemacht. Gibt es einen Moment, vor dem er sich besonders f\u00fcrchtet? Cuixart sch\u00fcttelt den Kopf. Im Gegenteil, er sei froh, sich erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Und er glaube an eine politische L\u00f6sung f\u00fcr den Unabh\u00e4ngigkeitskonflikt: &#8220;Ich bin mir sicher, dass das alles irgendwann am Verhandlungstisch enden wird \u2013 vielleicht in f\u00fcnf, vielleicht in zehn oder 15 Jahren.&#8221;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118044","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118044","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118044"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118044"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118044"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}