{"id":118046,"date":"2024-02-05T14:53:46","date_gmt":"2024-02-05T13:53:46","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118046"},"modified":"2024-02-05T14:53:46","modified_gmt":"2024-02-05T13:53:46","slug":"proteste-in-katalonien-wir-wollen-unsere-wut-brennen-sehen","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/proteste-in-katalonien-wir-wollen-unsere-wut-brennen-sehen\/","title":{"rendered":"Proteste in Katalonien: &#8220;Wir wollen unsere Wut brennen sehen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Neu ist zum Beispiel diese Szene, beobachtet in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag: Vor einem brennenden Container an der Gran V\u00eda in machen ein paar junge M\u00e4nner Selfies von sich in Siegerpose. Zuvor haben sich auf der sechsspurigen Stra\u00dfe etwa zwei Stunden lang gut 1.000 Demonstranten und ein paar Dutzend Bereitschaftspolizisten der spanischen und katalanischen Polizei gegen\u00fcbergestanden. Es sind Pflastersteine geflogen, Glasflaschen, Feuerwerksk\u00f6rper, sogar Teile von Bauger\u00fcsten. Die Polizei hat mit Gummigeschossen gefeuert und sich dann zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n<p>Seit vier Tagen kommt es in Barcelona und anderen katalanischen St\u00e4dten zu Krawallen. Barrikaden brennen, Demonstranten liefern sich Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei. Es sind fast ausschlie\u00dflich junge Leute, zwischen 17 und Anfang 20, die in dieser Nacht unterwegs sind. Die meisten haben sich ein Tuch ums Gesicht gebunden, viele tragen Motorrad- oder Bergsteigerhelme. Manche sind im Netz den Aufrufen der CDR, den sogenannten Komitees zur Verteidigung der Republik gefolgt, andere mit Freunden mitgekommen. Die Proteste der katalanischen Separatisten gegen die hohen Haftstrafen f\u00fcr neun Politiker und Aktivisten haben eine neue Qualit\u00e4t erreicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Wir wollen unsere Wut brennen sehen&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8221; Som gent de pau&#8221;, katalanisch f\u00fcr: &#8220;Wir sind friedliche Leute&#8221;: Das war bis vor Kurzem einer der Slogans der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung im Nordosten . Tats\u00e4chlich gab es w\u00e4hrend der Gro\u00dfdemonstrationen der vergangenen Jahre, zu denen manchmal Hunderttausende Menschen kamen, kaum Zwischenf\u00e4lle, der Protest wurde \u00fcberwiegend mit Kerzen, Mahnwachen und inbr\u00fcnstig vorgetragenen Liedern aus dem antifranquistischen Widerstand inszeniert.<\/p>\n<p>Doch seit das oberste Gericht Spaniens am Montag hohe Haftstrafen von 9 bis 13 Jahren gegen neun katalanische Politiker und Aktivisten verh\u00e4ngt hat, hat sich die Stimmung auf den katalanischen Stra\u00dfen deutlich zugespitzt. Jeden Abend posten beide Seiten neue Fotos und Filme, die die Proteste zeigen sollen: In Barcelona wird ein Bekleidungsgesch\u00e4ft gepl\u00fcndert, eine Bankfiliale zerst\u00f6rt. In Tarragona f\u00e4hrt die katalanische Polizei Demonstranten an, die Ermittlungen laufen. Demonstranten schleudern Molotowcocktails und mit S\u00e4ure gef\u00fcllte Flaschen auf die Polizei.<\/p>\n<p>&#8220;Bisher kannte man brennende Barrikaden und Stra\u00dfenk\u00e4mpfe in Barcelona vor allem im Rahmen von Generalstreiks oder Studierendenmobilisierungen&#8221;, sagt der Sozialwissenschaftler Jordi Mir Garcia von der Universit\u00e4t Pompeu Fabra. Am Freitag findet in <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/katalonien\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Katalonien<\/a> wieder ein solcher Generalstreik statt. Am Flughafen Barcelona, beim Autohersteller Seat und zahlreichen weiteren Firmen im Land legen Menschen die Arbeit nieder. Der letzte Generalstreik war Anfang Februar dieses Jahres. Damals wurde der Aufruf kaum befolgt, es blieb weitgehend ruhig. Nach dem Urteil ist die Stimmung deutlich angespannter. Wegen der Randale wurde nun sogar das Aufeinandertreffen des FC Barcelona mit seinem Rivalen Real Madrid am kommenden Wochenende in Barcelona abgesagt.<\/p>\n<p>Sozialwissenschaftler Mir spricht von einer tief sitzenden Frustration bei den rund zwei Millionen Anh\u00e4ngern der Unabh\u00e4ngigkeit und deren Erkenntnis, dass es gewaltige Bilder braucht, um in internationalen Medien Aufmerksamkeit f\u00fcr die katalanische Sache zu schaffen. Die Proteste in Barcelona seien zwar weder zielgerichtet noch strategisch geplant, bedienen aber das Bed\u00fcrfnis nach Aufmerksamkeit. &#8220;Wir wollen unsere Wut brennen sehen&#8221;: So formuliert es am Mittwochabend einer der vermummten Demonstranten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Katalanische Polizei gegen katalanische Demonstranten<\/p>\n<p>An einer Stra\u00dfenecke in Barcelona tritt am n\u00e4chsten Morgen ein Anwohner aus dem Eingang und l\u00f6scht mit dem hauseigenen Feuerl\u00f6scher die Reste eines brennenden Containers. Bereitet es ihm Sorge, dass sich sein Viertel jede Nacht in ein Schlachtfeld verwandelt? Der Mann, Anfang 50, guckt verst\u00e4ndnislos. Nicht die Krawalle, sondern die hohen Haftstrafen f\u00fcr die katalanischen Politiker und Aktivisten wegen der Organisation eines illegalen Unabh\u00e4ngigkeitsreferendums machten ihn w\u00fctend. &#8220;Sie haben friedliche Mobilisierungen organisiert und werden daf\u00fcr wegen Aufruhrs verurteilt: Dann kann man auch gleich richtig Rabatz machen&#8221;, antwortet er. &#8220;W\u00e4re ich 25 Jahre j\u00fcnger, w\u00e4re ich auch dabei.&#8221;<\/p>\n<p>Ganz anders sieht das eine Anwohnerin eine Stra\u00dfenecke weiter. &#8220;Die zetteln hier noch einen B\u00fcrgerkrieg an&#8221;, schimpft sie. &#8220;Das kommt davon, wenn man \u00fcber Jahre die Jugendlichen politisch indoktriniert.&#8221; Sie sei Katalanin, f\u00fcgt sie hinzu, &#8220;mit acht katalanischen Vorfahren&#8221;. Aber was gerade in der Stadt passiere, sei nicht mehr tragbar. Die Regionalregierung m\u00fcsse sofort zur\u00fccktreten.<\/p>\n<p>Doch der separatistische Regionalpr\u00e4sident Quim Torra hat die Gewalt erst am dritten Tag der Ausschreitungen verurteilt.\u00a0Zuvor hatte er immer wieder den Demonstranten sein Verst\u00e4ndnis versichert, selbst zu Protesten aufgerufen &#8211; und gleichzeitig die katalanische Regionalpolizei Mossos gegen die Demonstranten geschickt. Er erkenne den Widerspruch, aber solange Katalonien kein eigener Staat sei, m\u00fcsse er sich den gesamtstaatlichen Sicherheitsvorschriften beugen, sagte er auf einer exklusiv f\u00fcr die internationale Presse einberufenen Konferenz. Einige Journalisten reagierten mit irritiertem Kopfsch\u00fctteln.<\/p>\n<div>\n<p>Quim Torra, von Beruf Anwalt und Verleger, gilt als ideologischer Hardliner. Der abgesetzte Regionalpr\u00e4sident Carles Puigdemont\u00a0hat ihn im Fr\u00fchjahr 2018 zu seinem Stellvertreter gek\u00fcrt, nachdem andere Kandidaten am Veto Madrids oder juristischen Querelen scheiterten. Torra hat sich seitdem nie um ein eigenes politisches Profil bem\u00fcht, sondern handelt als Aktivist im Sinne Puigdemonts.<\/p>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<p>W\u00e4hrend in Barcelona der Geruch verbrannten Plastiks in der Luft lag und das Rattern der Polizeihelikopter den rauschenden Verkehr \u00fcbert\u00f6nte, spazierte Torra auf einem der f\u00fcnf Protestm\u00e4rsche mit, die am heutigen Freitag in Barcelona eintreffen sollen. Sp\u00e4ter schlug er dem katalanischen Parlament vor, noch in der laufenden Legislaturperiode erneut das &#8220;Recht auf Selbstbestimmung&#8221; auszu\u00fcben, sprich, ein neues Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum zu veranstalten. Der Vorsto\u00df war mit niemandem aus seinem Kabinett abgesprochen, die Linksrepublikaner distanzierten sich umgehend von dem Plan, lassen es aber noch nicht auf einen Regierungsbruch ankommen.<\/p>\n<p>Wie sehr die Tatenlosigkeit der Politik inzwischen den Spielraum f\u00fcr Aktivisten\u00a0vergr\u00f6\u00dfert hat, zeigte sich bereits am Tag der Urteilsverk\u00fcndigung. Wenige Stunden nach Bekanntgabe besetzten mehrere Tausend Menschen die Zufahrtswege des Flughafens in Barcelona. \u00dcber Hundert Fl\u00fcge fielen aus. Inspiriert war der Protest ganz offensichtlich durch die Bewegung in Hongkong.<\/p>\n<p>Organisiert hat ihn eine Plattform namens Tsunami Democr\u00e0tic. Bereits Anfang September hatte sie sich \u00fcber den Nachrichtendienst Telegram zur zentralen Koordinatorin der Proteste erkl\u00e4rt und 150.000 Abonnenten geworben. Man solle sich f\u00fcr den Tag der Urteilsverk\u00fcndigung mit bequemem Schuhwerk und ausreichend Wasser r\u00fcsten, hie\u00df es in den ersten Nachrichten. In sp\u00e4teren Nachrichten wurde ein Treffpunkt bekannt gegeben: die zentrale Plaza Catalunya in Barcelona. Erst dort gab man die Devise &#8220;Zum Flughafen!&#8221; aus und ver\u00f6ffentliche ein paar Hundert gef\u00e4lschte Bordkarten im Kanal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Widerstand, aber wie?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer hinter der Plattform steckt, wei\u00df keiner genau. Laut der spanischen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.eldiario.es\/catalunya\/politica\/trabajo-intentar-colapsar-aeropuertos-Tsunami_0_952955003.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Onlinezeitung\u00a0<em>eldiario.es<\/em><\/a>\u00a0handelt es sich dabei um eine Gruppe, die bereits im Vorfeld des Referendums zusammengearbeitet hat und sich eine Blockchain-Philosophie zu eigen gemacht hat. Wie bei einem Puzzle besteht jede Aktion aus vielen Einzelteilen, die unabh\u00e4ngig voneinander entwickelt werden \u2013 unter maximaler Geheimhaltung. Nur wenige wissen, was der andere gerade tut. Das Prinzip solle auch bei den k\u00fcnftigen Aktionen beibehalten werden. Daf\u00fcr gebe es eine eigene App, f\u00fcr Android-Ger\u00e4te. Um sie zu aktivieren, sei ein separater Quellcode notwendig. Den gibt es nur \u00fcber ein Netzwerk von Vertrauten. &#8220;Das Land kann nicht weiter auf eine politische F\u00fchrung warten, die es so nicht gibt&#8221;, zitiert die\u00a0<em>eldiario.es<\/em>\u00a0einen der Organisatoren. Allerdings waren offensichtlich sowohl die gro\u00dfen Pro-Unabh\u00e4ngigkeitsplattformen\u00a0wie auch f\u00fchrende Politiker in die Pl\u00e4ne des Tsunami Democr\u00e0tic eingeweiht. Sie haben die Plattform auf Twitter popul\u00e4r gemacht,\u00a0indem sie die Webseite kurz nach ihrer Entstehung an ihre Follower retweeteten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jordi Mir ist Tsunami Democr\u00e0tic eine klassische Organisationsform des zivilen Widerstands. Sie\u00a0sei\u00a0in gewisser Weise die Fortentwicklung der sorgsam choreografierten Massenproteste, mit denen die katalanische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung regelm\u00e4\u00dfig am katalanischen Nationalfeiertag auf sich aufmerksam gemacht habe. Diese Klientel habe nach neuen Protestformen gesucht.\u00a0&#8220;Lange Zeit war es undenkbar, dass W\u00e4hler von konservativen katalanischen Parteien so etwas wie zivilen Ungehorsam guthei\u00dfen&#8221;, sagt der Sozialwissenschaftler, &#8220;inzwischen aber ist das Common Sense.&#8221;<\/p>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<p>Die Inspiration f\u00fcr die Blockade des Flughafens stammt von den Protesten in Hongkong \u2013 doch manchen geht das nicht weit genug:\u00a0Am Streiktag verteilen Aktivisten\u00a0ein Flugblatt\u00a0mit dem Titel &#8220;Luftbr\u00fccke Hongkong Barcelona&#8221;. Auf Schaubildern wird erkl\u00e4rt, wie man mit Topfdeckeln oder Verkehrsh\u00fcten Gaspatronen erstickt.\u00a0Aber auch die franz\u00f6sischen Gelbwesten werden immer wieder als Vorbild genannt: Gerade die schwer kontrollierbaren Krawallmacher, die von der Macht der in Frankreich entstandenen Bilder fasziniert sind, be\u00e4ugen\u00a0Instrumente wie Tsunami Democr\u00e0tic kritisch. Denn die App verr\u00e4t alles \u00fcber Standort und das pers\u00f6nliche Netzwerk der Nutzer.\u00a0Wer sich nachts Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei liefert oder Sabotageakte plant,\u00a0will sich\u00a0naturgem\u00e4\u00df\u00a0nicht in die Karten gucken lassen.<\/p>\n<p>Wird die Lage in Katalonien weiter eskalieren? Jordi Mir ist vorsichtig mit Prognosen. &#8220;Der Mehrheit der katalanischen Gesellschaft gefallen die Bilder von den brennenden Barrikaden nicht&#8221;, glaubt er. W\u00e4hrend Katalonien streikte, stellte sich Ex-Regionalpr\u00e4sident Puigdemont am Freitag der belgischen Polizei. Er reagierte damit auf einen neuen Haftbefehl der spanischen Justiz. Diesen weise er zur\u00fcck und wolle sich nicht nach Spanien ausliefern lassen, sagte er. Schon im vergangenen Jahr hatte er in Deutschland in Haft gesessen und das monatelange Hin und Her, die zeitweilige \u00dcberforderung der Justiz mit seinem Fall, auch geschickt f\u00fcr eines genutzt: gute \u00d6ffentlichkeitsarbeit.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118046","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118046","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118046"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118046"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118046"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}