{"id":118049,"date":"2024-02-05T15:01:44","date_gmt":"2024-02-05T14:01:44","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118049"},"modified":"2024-02-05T15:01:44","modified_gmt":"2024-02-05T14:01:44","slug":"umstritten-und-unfertig-die-sagrada-familia-in-barcelona","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/umstritten-und-unfertig-die-sagrada-familia-in-barcelona\/","title":{"rendered":"Umstritten und unfertig: die Sagrada Familia in Barcelona"},"content":{"rendered":"<p>Jeden Abend legen Passanten an der Avinguda Gaud\u00ed den Kopf<br \/>\nin den Nacken und z\u00fccken das Handy. Auf einer der Kirchturmspitzen der Sagrada<br \/>\nFamilia strahlt ein zw\u00f6lfzackiger Stern aus Stahl und Glas. F\u00fcnfeinhalb Tonnen<br \/>\nschwer und 7,5 Meter von Spitze zu Spitze 2leuchtet er auf dem j\u00fcngst fertig<br \/>\ngestellten Marienturm \u2013 und das in genau 138 Metern H\u00f6he.<\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eingeweiht mit feierlichem Pontifikalamt und Volksfest am 8.<br \/>\nDezember, dem katholischen Feiertag Maria Empf\u00e4ngnis, soll der Stern der<br \/>\nSagrada Familia etwas von ihrer Strahlkraft zur\u00fcckgeben. Denn die Pandemie hat<br \/>\nBarcelonas Touristen-Attraktion Nummer schwer gebeutelt. Die Einnahmen sanken<br \/>\nvon 100 Millionen Euro 2019 auf 20 Millionen. Die Bauarbeiten mussten zun\u00e4chst<br \/>\ngestoppt, dann auf einen einzigen Abschnitt beschr\u00e4nkt werden, den der Jungfrau<br \/>\nMaria gewidmeten Turm, den jetzt der ungew\u00f6hnliche Aufsatz ziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein Stern f\u00fcr mehr Strahlkraft<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Reiseleiterin f\u00fchrt eine Gruppe US-Amerikaner zum<br \/>\nbesten Foto-Spot, betont wie wichtig der Besuch der Basilika gerade jetzt ist:<br \/>\nOhne Eintrittsgelder kein Weiterbau. Auch auf der Webseite wird um Spenden<br \/>\ngebeten. \u00a0Seit der Grundsteinlegung 1882 wird<br \/>\ndie Sagrada Familia aus privater Hand finanziert. Das ist kein Mangel an<br \/>\n\u00f6ffentlichem Interesse, sondern Kernbestandteil der Ursprungsidee, sagt<br \/>\nChefarchitekt Jordi Faul\u00ed.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Von Anfang an haben Menschen immer wieder f\u00fcr die Sagrada<br \/>\nFamilia gespendet, um wenigstens einen Teil des Bauwerks vollendet zu sehen.<br \/>\nDas ist die gro\u00dfe Vision Gaud\u00eds: Er hat zun\u00e4chst die Krypta gebaut und sich<br \/>\ndann ausschlie\u00dflich der Weihnachtsfassade gewidmet, einem kleinen Teil des<br \/>\nBauwerks. So vorzugehen, war etwas v\u00f6llig Neues. Er hat das getan, damit er,<br \/>\ndamit seine Generation einen Teil der Vollendung sieht. Etwas, was gen Himmel<br \/>\nstrebt.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jordi Faul\u00ed ist seit 2012 zust\u00e4ndig f\u00fcr den Weiterbau der<br \/>\newig Unvollendeten. Nachfragen zu Verz\u00f6gerungen kontert er mit einem Schmunzeln<br \/>\nund verweist auf ein Bonmot von Antoni Gaud\u00ed: \u201eMein Auftraggeber kennt keine<br \/>\nEile.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was den Bau so herausfordernd macht, erkl\u00e4rt Faul\u00ed am<br \/>\nModell. 18 T\u00fcrme sollen die Sagrada Familia einmal kr\u00f6nen: zw\u00f6lf den Aposteln<br \/>\ngewidmet, vier den Evangelisten, einer Maria und der h\u00f6chste Jesus. Jedes<br \/>\nBauteil muss einzeln gefertigt werden, nach komplexen mathematischen Formeln. Sie<br \/>\nleiten sich aus den Modellen und Bauteilen ab, die Gaud\u00ed hinterlassen hat. So<br \/>\nwill man nicht nur dem Modernisme-Meister so treu wie m\u00f6glich zu bleiben. F\u00fcr<br \/>\nFaul\u00ed birgt das Spiel mit Formen und Proportionen auch die eigentliche, die<br \/>\nspirituelle Dimension des Bauwerks.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Das Grundmodul f\u00fcr die Berechnung der Proportionen sind<br \/>\ndie siebeneinhalb Meter Distanz zwischen den S\u00e4ulen des Seitenschiffs. Der Chor<br \/>\nist 15 Meter, also doppelt so breit. Das Seitenschiff ist 30 Meter, also vier<br \/>\nMal so hoch. Die Vierung sechzig Meter, die Apsis 75 Meter hoch \u2013 alles<br \/>\nVielfache der gleichen Zahl. Das Kreuz des Hauptturms wird sich auf einer Hohe<br \/>\nvon 172,50 Meter befinden. Das sind 23 Mal siebeneinhalb Meter \u2013 und immer noch<br \/>\netwas niedriger als der Berg Montj\u00fcic, der mit 180 Metern 24 Mal siebeneinhalb<br \/>\nMetern entspricht. Alles ist miteinander verbunden. Alles f\u00fcgt sich.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kein menschengemachtes Werk d\u00fcrfe Barcelonas Hausberg<br \/>\nMontj\u00fcic \u00fcberragen, postulierte Gaud\u00ed. Denn der sei von Gott geschaffen. Auch<br \/>\ndie schr\u00e4gen St\u00fctzen, die sich gegeneinander drehen und nach oben verzweigen,<br \/>\nfolgen religi\u00f6s inspirierten, mathematischen Regeln: Die strengen Linien<br \/>\ntreffen an der Kuppel kreisf\u00f6rmig aufeinander, als Symbol f\u00fcr die<br \/>\ng\u00f6ttliche Unendlichkeit.<\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Architektur als theologischer Bedeutungstr\u00e4ger<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Besucher und Besucherinnen, die in Kleingruppen durch<br \/>\nden lichtdurchfluteten Innenraum der Sagrada Familia ziehen, sind fasziniert<br \/>\nvon solchen Erkl\u00e4rungen. Juanjo Lahuerta \u00e4rgert sich dar\u00fcber. Der Architekt und<br \/>\nKunsthistoriker forscht seit drei Jahrzehnten zum Werk Antoni Gaud\u00eds. Wer sich<br \/>\nallein auf die mystische Dimension konzentriere, verf\u00e4lsche die<br \/>\nEntstehungsgeschichte der Sagrada Familia. Gaud\u00ed konzipierte den Bau im sp\u00e4ten<br \/>\n19. Jahrhundert, als sich auf Barcelonas Stra\u00dfen Anarchisten und Arbeiter<br \/>\nblutige Gefechte mit Polizei und Milit\u00e4r lieferten. Lahuerta deutet auf ein<br \/>\nFigurenensemble in der Rosenkranzkapelle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Wir sehen hier eine Darstellung der Versuchung. Aber die<br \/>\nSchlange beziehungsweise der Teufel verf\u00fchrt nicht Eva, sondern einen Arbeiter<br \/>\n\u2013 und er reicht keinen Apfel, sondern eine Orsini-Bombe, eine Granate. Dieser<br \/>\nKragstein wurde gemei\u00dfelt, nachdem es in Barcelona zwei ber\u00fchmte Anschl\u00e4ge mit<br \/>\nOrsini-Bomben gegeben hatte: das Attentat im Liceu, dem Opernhaus, und das<br \/>\nAttentat auf die Fronleichnamsprozession. Gaud\u00ed \u00fcbertr\u00e4gt die Genesis in seine<br \/>\nGegenwart, mit einer \u00fcberraschenden Eindeutigkeit. Er macht die Zeitgeschichte<br \/>\nso zur heiligen Geschichte, inklusive des Versprechens auf Erl\u00f6sung.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Detail zeigt, wie sehr Antoni Gaud\u00ed vom kirchlichen<br \/>\nDenken seiner Zeit und den Ideen seiner Auftraggeber gepr\u00e4gt war. Die<br \/>\nVereinigung des Heiligen Josef, eine Laien-Vereinigung, wollte mit der Sagrada<br \/>\nFamilia einen S\u00fchnetempel errichten: gedacht als Wiedergutmachung f\u00fcr die aufst\u00e4ndischen<br \/>\nArbeiter, die sich gegen eine g\u00f6ttliche Gesellschaftsordnung rebelliert<br \/>\nh\u00e4tten. Die ersten Spenden stammten von wohlhabenden B\u00fcrgern, von<br \/>\nTextil-Fabrikanten und Gro\u00dfh\u00e4ndlern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;F\u00fcr die herrschenden Klassen, also f\u00fcr die Bourgeoisie,<br \/>\nwar der Katholizismus ein Instrument, mit dem sie \u00fcber Schulen, Krankenh\u00e4user,<br \/>\nWohlfahrtseinrichtungen eine ganz bestimmte Ideologie verbreiten konnten: Die<br \/>\nGesellschaft hatte wie eine gro\u00dfe, patriarchalisch strukturierte Familie zu<br \/>\nfunktionieren: Der Gro\u00dfbourgeoisie kommt dabei die Rolle des Vaters zu, der<br \/>\nArbeiterschaft die der Angeh\u00f6rigen, f\u00fcr die er zu sorgen hat. \/\/ Es ist die<br \/>\nVision einer Gesellschaft ohne Konflikte. Die Sagrada Familia war die physische<br \/>\nRepr\u00e4sentation dieser Idee.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die katholische Kirche und der Klassenkampf<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gaud\u00ed war auch \u00fcber die Kirche hinaus der Lieblingsarchitekt<br \/>\nder Reichen und M\u00e4chtigen in Barcelona. Sie lie\u00dfen sich von ihm nicht nur<br \/>\nWohnh\u00e4user mit ornamentalen Fassaden verzieren, sondern engagierten den<br \/>\nModernisme-Meister auch f\u00fcr Modellprojekte jenseits der Stadtgrenzen: etwa die<br \/>\nColonia G\u00fcell, in der Arbeiter mit ihren Familien direkt neben der Fabrikanlage<br \/>\nleben sollten, fernab der s\u00fcndigen Gro\u00dfstadt, daf\u00fcr aber mit eigener Kirche und<br \/>\nSchule. F\u00fcr Juanjo Lahuerta, der im Nationalmuseum f\u00fcr katalanische Kunst derzeit<br \/>\neine viel beachtete Ausstellung \u00fcber Gaud\u00ed und seine Zeit kuratiert, gipfelt<br \/>\ndiese Verschmelzung von Religion und Politik in der Sagrada Familia.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Joaquim Mirs \u00d6lgem\u00e4lde \u201eDie Kathedrale der Armen\u201c zeigt<br \/>\ndie Sagrada Familia nicht nur als Kirche der gl\u00e4ubigen Arbeiter, sondern als<br \/>\nOrt, an dem Bettler, Arme, eben alle, die auf Erl\u00f6sung hoffen, willkommen sind.<br \/>\nDas ist Teil einer damals initiierten Propaganda-Strategie. Gaud\u00ed ist in ihr<br \/>\nder Mei\u00dfel Gottes: Er widersetzt sich dem nicht. Im Gegenteil: Auch er ist<br \/>\ndavon \u00fcberzeugt, der Auserw\u00e4hlte f\u00fcr diesen Bau zu sein. Gleichzeitig wetterte<br \/>\ndie republikanische, antiklerikale Presse gegen ihn und seine Geldgeber und<br \/>\nzeigte ihn vor dem Bauwerk satirisch als Vertreter der Macht.&#8221;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Gaud\u00eds Meisterwerk entzweit noch heute. Kopfsch\u00fcttelnd bahnt<br \/>\nsich Salvador Barroso den Weg zwischen Reisegruppen und fliegenden H\u00e4ndlern,<br \/>\ndie Kastagnetten und mexikanische Sombreros verscherbeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Kaum ein vern\u00fcnftiges Lebensmittelgesch\u00e4ft gibt es mehr in<br \/>\nder Umgebung&#8221;, schimpft der Sprecher der Nachbarschaftsvereinigung des Viertels.<br \/>\nDazu der Verkehrsl\u00e4rm, die vielen Menschen, der Dreck. Am meisten aber \u00e4rgert<br \/>\nsich Barroso aber \u00fcber die Baupl\u00e4ne: Geht es nach der Sagrada Familia, f\u00fchrt<br \/>\nirgendwann eine riesige Vortreppe zum noch nicht gebauten Hauptportal. Mehrere<br \/>\nH\u00e4userbl\u00f6cke m\u00fcssten daf\u00fcr abgerissen werden, 3000 Menschen umziehen. Eine<br \/>\nLizenz f\u00fcr den Bauplan gibt es nicht, aber die hielt man auch bisher nicht f\u00fcr<br \/>\nnotwendig. Mit offizieller Genehmigung baut die Sagrada Familia erst seit 2019.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Das ist die Arroganz und \u00dcberheblichkeit einer m\u00e4chtigen<br \/>\nund reichen Organisation. Aber es gibt ja in der Bibel auch diese Geschichte<br \/>\nvon David und Goliath, Sie wissen ja, wie die ausging: also Vorsicht!&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Barroso hat gegen Pl\u00e4ne und Baugenehmigung geklagt. Der<br \/>\nAusgang des Verfahrens ist offen. Was die einen als Gesamtkunstwerk bewundern,<br \/>\ndessen besondere Ausstrahlung in ihrem theologischen Programm begr\u00fcndet liegt,<br \/>\ngilt anderen als kommerzieller Kitsch oder Ausdruck von Arroganz und Macht. An<br \/>\ndiesen gegens\u00e4tzlichen Lesarten der Sagrada Familia hat sich in den letzten 140<br \/>\nJahren nicht viel ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118049","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118049","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118049"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118049"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118049"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}