{"id":118050,"date":"2024-02-05T14:48:22","date_gmt":"2024-02-05T13:48:22","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118050"},"modified":"2024-02-05T14:48:22","modified_gmt":"2024-02-05T13:48:22","slug":"ausgangssperren-in-spanien-frenar-la-curva","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/ausgangssperren-in-spanien-frenar-la-curva\/","title":{"rendered":"Ausgangssperren in Spanien: &#8220;Frenar la curva&#8221;"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Abends um acht stehen \u00fcberall in wieder Menschen auf den Balkonen und klatschen in die Nacht. Der abendliche Applaus ist eine Hommage an \u00c4rztinnen und Pfleger, an das gesamte Personal im Gesundheitswesen und ist bereits am zweiten Tag des nationalen Notstands ein lieb gewordenes Ritual. &#8221; Bravo&#8221; und &#8221; si, se puede&#8221;, &#8220;wir schaffen das&#8221; t\u00f6nt es von den hell erleuchteten Fensterrahmen gegen\u00fcber. Wir rufen zur\u00fcck. Und haben f\u00fcr einen kurzen Augenblick das Gef\u00fchl, der Situation tats\u00e4chlich gewachsen zu sein. Als wir unsere Balkont\u00fcr schlie\u00dfen und zur\u00fcck in unserer Wohnung sind, ist es vorbei. Ich habe keine Ahnung, ob wir &#8220;das schaffen&#8221;. Ich wei\u00df nicht einmal, was &#8220;das&#8221; eigentlich ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit Samstagabend gilt in Spanien wegen der Ausbreitung des Coronavirus der Alarmzustand, die drittst\u00e4rkste Stufe des Ausnahmezustandes. Soweit m\u00f6glich, sollen 47 Millionen Spanierinnen und Spanier zu Hause bleiben. Nur wer einkaufen, zum Arzt oder zur Arbeit oder \u00c4hnliches muss, darf auf die Stra\u00dfe. Caf\u00e9s, Restaurants, Museen sind zu, nur Lebensmittell\u00e4den, Apotheken und eine kleine Liste anderer Gesch\u00e4fte f\u00fcr den &#8220;t\u00e4glichen Bedarf&#8221; d\u00fcrfen \u00f6ffnen. S\u00e4mtliche Verwaltungen sind der Zentralregierung unterstellt, sie darf in Industrie, Handel und Produktion eingreifen und Lebensmittel rationieren. Zug- und Flugverkehr wurden um die H\u00e4lfte reduziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Szenario war absehbar. Und trotzdem ist niemand richtig vorbereitet. Egal wie viele Klopapier- und Reispackungen man gebunkert hat. Egal wie viele Film- und Spieletipps, wie viele &#8220;Links gegen die Langeweile&#8221; man in diversen WhatsApp-Gruppen ausgetauscht hat. Wir sitzen zu Hause und wundern uns. Bei jeder aktualisierten Zahl &#8211; knapp 8.000 Covid-19-Kranke und 292 Todesf\u00e4lle sind es inzwischen in Spanien (Sonntagabend) &#8211; kommt der Gedanke: Warum haben Politik und Gesellschaft so sp\u00e4t reagiert? Und warum reagieren manche immer noch nicht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div><em>Fr\u00f6hliche Jogger, spazierende Rentner<br \/>\n<\/em>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Tag eins der Quarant\u00e4ne kursieren Videos von Senioren, die in der Fr\u00fchlingssonne Boule spielen, oder von Touristen, die sich weigern, in ihre Apartments zur\u00fcckzugehen. Vor unserem Fenster in Barcelona drehen auf der autofreien Stra\u00dfe fr\u00f6hlich ein paar Jogger ihre Runden, ein paar Rentner schlendern mit Brot und Zeitung unterm Arm den B\u00fcrgersteig entlang, ein Radfahrer winkt hoch zu unserem Balkon. Gegen Mittag berichten Kollegen aus anderen Stadtvierteln von den ersten patrouillierenden Polizeiautos, die Passanten per Lautsprecher nach Hause schicken. Die katalanische Regionalpolizei schlie\u00dft bis zum Abend 300 Vergn\u00fcgungslokale. Ab heute werden Sanktionen verh\u00e4ngt: Zwischen 100 und 600 Euro muss zahlen, wer Absperrungen nicht beachtet, zwischen 601 und 30.000 Euro, wer sich nicht an Anweisungen der Sicherheitskr\u00e4fte h\u00e4lt. In Madrid, Valencia, Le\u00f3n, Zaragoza, Sevilla und Teneriffa patrouilliert das Milit\u00e4r, um, so hei\u00dft es, kritische Infrastrukturen zu sichern und bei Desinfektionsma\u00dfnahmen zu helfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie alle europ\u00e4ischen Regierungen hat auch die spanische Linkskoalition radikale Schritte wochenlang gescheut und sich dann mit der Umsetzung schwergetan. Premier Pedro S\u00e1nchez k\u00fcndigte erst am Freitag den Alarmzustand an. In Madrid, einem der Zentren der Epidemie, waren da bereits seit Tagen Kinderg\u00e4rten, Schulen und Universit\u00e4ten zu, Katalonien folgte am Freitag. Bekannt gegeben wurden die Ma\u00dfnahmen des nationalen Alarmzustands aber erst am Samstag &#8211; nach einer siebenst\u00fcndigen Sitzung des Ministerinnenrates. Die Zeit nutzten Tausende Hauptst\u00e4dter, um noch schnell in ihr Wochenend-Apartment an der K\u00fcste zu fahren. Als am Samstag das Land dann schon \u00fcber das geleakte Ma\u00dfnahmenpaket f\u00fcr den Alarmzustand debattierte, zankten sich die Parteien PSOE und Podemos hinter verschlossener T\u00fcr \u00fcber Hilfsma\u00dfnahmen f\u00fcr die Wirtschaft. Nat\u00fcrlich sind die dringend notwendig &#8211; in vielen Restaurants, Theatern, Hotels in Barcelona wurde den Mitarbeitern bereits betriebsbedingt gek\u00fcndigt, Selbstst\u00e4ndige aus allen Branchen stehen vor dem Aus &#8211; aber vielleicht h\u00e4tte das auch bis Dienstag Zeit gehabt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Kluft zwischen Wissen und Handeln<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch eigenartiger wirkt der Streit zwischen der Madrider Regierung und dem katalanischen Regionalpr\u00e4sidenten Quim Torra. Die separatistische Regionalregierung f\u00fcrchtet um ihre Kompetenzen im Gesundheitswesen. Statt die Verfassung &#8220;als Impfung&#8221; zu benutzen, h\u00e4tte S\u00e1nchez die Region Katalonien und Madrid abriegeln lassen sollen, so Torra am Samstag. Nat\u00fcrlich kann man hinterfragen, warum Spanien nicht bereits die Grenzen geschlossen hat, aber hinter den Krisenma\u00dfnahmen als Erstes eine &#8220;versteckte Zwangsverwaltung&#8221; zu wittern, wirkt reichlich bizarr. Spanien war in den vergangenen Tagen ein gutes Beispiel daf\u00fcr, das zwischen dem Wissen, was eigentlich zu tun ist, und dem entsprechenden Handeln eine eigenartige Verz\u00f6gerung klafft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das merken wir auch an uns selbst. Denn nat\u00fcrlich wissen wir, dass es vor allem darum geht, die Kurve mit den bisher exponentiell ansteigenden Infektionen zu senken: &#8221; Flatten the curve&#8221;, &#8221; frenar la curva&#8221;. Nur so k\u00f6nnen Risikogruppen gesch\u00fctzt, nur so kann das trotz massiver Einsparungen w\u00e4hrend der Krisenjahre immer noch solide spanische Gesundheitssystem vor dem Kollaps bewahrt werden. Dazu m\u00fcssen wir nichts anderes tun, als mit unserem achtj\u00e4hrigen Sohn zu Hause zu bleiben. Ganz einfach, theoretisch. Und praktisch ziemlich schwer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Samstagmittag, als ganz Spanien auf die konkreten<br \/>\nMa\u00dfnahmen des Alarmzustandes wartet, will mein Lebensgef\u00e4hrte noch mal schnell raus,<br \/>\nin den Supermarkt unter uns, Joghurts kaufen. Wir haben unseren ersten gro\u00dfen Zoff.<br \/>\nIch finde es verantwortungslos, weil man sich oder andere im Gedr\u00e4nge anstecken<br \/>\nkann. Er findet es unverantwortlich, den Einkauf zu verschieben. Wer wei\u00df,<br \/>\nvielleicht sind die Schlangen in ein paar Tagen noch l\u00e4nger, das Risiko gr\u00f6\u00dfer?<br \/>\nBrauchen wir \u00fcberhaupt Joghurts? Schlie\u00dflich bleibt er zu Hause. Und tippt sich<br \/>\nam n\u00e4chsten Tag an die Stirn, als ich nachmittags nur mal kurz \u00fcberpr\u00fcfen will,<br \/>\nob Spielpl\u00e4tze, Parks und der Stadtstrand Barceloneta tats\u00e4chlich vorschriftsm\u00e4\u00dfig<br \/>\nabgesperrt sind, mit Pressejacke, rein aus Recherchegr\u00fcnden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p>Was macht es eigentlich so kompliziert, Entscheidungen nicht<br \/>\nnach dem erhofften individuellen Nutzen zu treffen, sondern nach ihrer<br \/>\nBedeutung f\u00fcr die Gesellschaft? Vermutlich, weil wir eigentlich nicht aufs<br \/>\nKollektiv vertrauen. Was bringt es denn, wenn ich zu Hause bleibe, die Nachbarin<br \/>\nsich aber sowieso zum letzten Vor-Quarant\u00e4ne-Bier verabredet? Dazu kommt, dass die Corona-Krise eben keine Zombie-Viren-Apokalypse ist, mit dramatischen L\u00e4hmungserscheinungen<br \/>\nsofort nach einer Infektion, sondern ich erst nach zwei Wochen wei\u00df, ob ich heute<br \/>\nvielleicht versehentlich als Virenschleuder unterwegs war. Und der Anreiz, unser<br \/>\nVerhalten zu \u00e4ndern und zu Hause zu bleiben, scheint erst mal gering: Gegen das<br \/>\nsch\u00f6ne Wetter drau\u00dfen hat &#8220;<em>flatten the curve<\/em>&#8221; im spontanen Moment der<br \/>\nEntscheidungsfindung schlechte Karten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Statt beim Spaziergang Absperrungen zu \u00fcberpr\u00fcfen, entwerfe<br \/>\nich mit meinem Sohn einen Stundenplan f\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen: Acht Uhr<br \/>\naufstehen. Sport machen. Dann anziehen und fr\u00fchst\u00fccken. Zwei Stunden Unterricht<br \/>\nmit Mama, Mittagspause, zwei Stunden Unterricht mit Papa. Feste Wochentage f\u00fcr<br \/>\nVideospiele, Heimkino und virtuelle Treffen mit Freunden. Gekocht wird<br \/>\ngemeinsam. Mein Partner ist selbstst\u00e4ndiger Tragwerksplaner. Da wir seit Jahren<br \/>\nR\u00fccken an R\u00fccken im Homeoffice arbeiten, sind wir geschult in gegenseitiger Toleranz.<br \/>\nTrotzdem graut mir vor den kommenden Wochen. Wir beschlie\u00dfen, dass sich jeder<br \/>\nvon uns bei Bedarf im Schlafzimmer verbarrikadieren und Kissen gegen die W\u00e4nde<br \/>\nwerfen darf. Das finden wir beide ziemlich albern. Noch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Arm in Arm beim Feierabendbier<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine befreundete Krankenschwester aus Teneriffa klagt, dass<br \/>\nbereits acht Mitarbeiter aus ihrem Team in Quarant\u00e4ne sind und sie nicht wei\u00df,<br \/>\nwie sie in den n\u00e4chsten Wochen den Betrieb in ihrem Gesundheitszentrum<br \/>\norganisieren soll. Ihr Mann hatte am Freitagabend noch ein paar Fotos<br \/>\ngepostet, die ihn und einen gerade aus Madrid zur\u00fcckgekehrten Freund Arm in Arm<br \/>\nbeim Feierabendbier zeigten. Ein paar regten sich damals f\u00fcrchterlich dar\u00fcber<br \/>\nauf \u2013 und ernteten Unverst\u00e4ndnis in der WhatsApp-Gruppe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p>Die<br \/>\nVorstellung von dem, was richtig und was falsch ist, hat<br \/>\nsich rasend schnell verschoben. Vor einer Woche schien es unm\u00f6glich, von<br \/>\nder<br \/>\nDemonstration zum Weltfrauentag abzuraten \u2013 oder gar eine Absage zu<br \/>\nerw\u00e4gen.<br \/>\nWie k\u00f6nnte eine linke Regierung, die eine feministische Politik<br \/>\npropagiert, so etwas rechtfertigen? Heute sch\u00fcttelt man dar\u00fcber den<br \/>\nKopf: Von denjenigen, die am 8. M\u00e4rz in Madrid in der ersten Reihe<br \/>\nmarschierten, wurden drei positiv auf das Coronavirus getestet, darunter die<br \/>\nGleichstellungsministerin Irene Montero und die Ehefrau von Premier Pedro S\u00e1nchez.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend bekommen wir einen Anruf von einem besorgten Freund<br \/>\naus Mexiko-Stadt. Er hat in den Nachrichten von der Ausgangssperre geh\u00f6rt. Das<br \/>\nsei doch bestimmt total \u00fcbertrieben? Uns gehe es gut, beruhigen wir, wir seien<br \/>\ngesund und h\u00e4tten alles, aber die Lage sei ernst. Er lacht irritiert. Dabei ist<br \/>\nes vermutlich genau das: Es ist nicht schlimm. Aber die Lage ist ernst.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118050","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118050"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}