{"id":118051,"date":"2024-02-05T14:52:49","date_gmt":"2024-02-05T13:52:49","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118051"},"modified":"2024-02-05T14:52:49","modified_gmt":"2024-02-05T13:52:49","slug":"corona-krise-in-spanien-wer-eingeliefert-wird-rechnet-damit-zu-sterben","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/corona-krise-in-spanien-wer-eingeliefert-wird-rechnet-damit-zu-sterben\/","title":{"rendered":"Corona-Krise in Spanien: &#8220;Wer eingeliefert wird, rechnet damit zu sterben&#8221;"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Normalerweise kennt man Bilder, wie sie gerade in den spanischen Nachrichten liefen, aus Weltuntergangsfilmen: Bei Desinfektionsarbeiten finden Soldaten in einem Altersheim mehrere Leichen, die offenbar schon seit l\u00e4ngerem in ihren Betten lagen . Das \u00fcberforderte Personal hatte keine Zeit, sie w\u00fcrdevoll zu bestatten. Wie lange und um wieviele Menschen es sich handelte, ist nicht ganz klar. Aber die Bilder werfen ein Schlaglicht auf die <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2020-03\/ausgangssperren-spanien-coronavirus-quarantaene-infektionsschutz\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">dramatischen Zust\u00e4nde in Spanien<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/coronavirus.jhu.edu\/map.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Fast 40.000 Menschen (Stand Dienstagabend)<\/a> sind in mit dem Coronavirus infiziert, 2.800 Erkrankte gestorben &#8211; h\u00f6her sind die Zahlen innerhalb der EU nur noch in Italien. Mit mehr als 12.300 Infektionen ist Madrid das Epizentrum. 1.050 Patienten m\u00fcssen derzeit dort auf der Intensivstation behandelt werden, 1.535 sind bereits gestorben. Medien berichten von Erkrankten, die auf den Klinikfluren behandelt werden, weil es keinen anderen Platz f\u00fcr sie gibt. Im Netz zirkulieren unter dem Hashtag #Ningunaenfermasinbata, &#8220;Keine Krankenschwester ohne Kittel&#8221; Anleitungen, die zeigen, wie man aus ein paar M\u00fclls\u00e4cken Schutzkleidung n\u00e4ht. Und weil auch in den Leichenschauh\u00e4usern die Pl\u00e4tze knapp werden, hat man die Eislaufhalle Palacio de Hielo zur Totenhalle umfunktioniert.<\/p>\n<p>Zu wenig Personal, zu wenig Ausr\u00fcstung<\/p>\n<p>Solche Zust\u00e4nde h\u00e4tte man bis vor Kurzem eher in Entwicklungsl\u00e4ndern vermutet. Aber in Spanien? Das (steuerfinanzierte) <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/gesundheitssystem\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Gesundheitssystem<\/a> des Landes galt als robust und solide, die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft es als siebtbestes der Welt ein. Wie kann das sein?<\/p>\n<p>Nieves Contreras arbeitet in der Notaufnahme des Madrider Krankenhauses Ram\u00f3n y Cajal Doppelschichten. Die 51-j\u00e4hrige Krankenschwester klingt ersch\u00f6pft. Die Zahl der eingelieferten Patienten wachse t\u00e4glich, sagt sie am Telefon. Inzwischen habe man zwei Drittel der Sprechzimmer der Fach\u00e4rzte in Behandlungszimmer umfunktioniert und in jedes Doppelzimmer ein zus\u00e4tzliches Bett geschoben. Demn\u00e4chst werde man auch auf die Flure zur\u00fcckgreifen m\u00fcssen. &#8220;Wir erleben Situationen, die wir nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tten&#8221;, sagt Contreras. &#8220;Die Notaufnahme ist voll, aber es herrscht absolute Totenstille. Wer eingeliefert wird, rechnet damit zu sterben.&#8221; Kein Gesundheitssystem der Welt sei auf einen so rasanten Anstieg und auf so dramatische Verl\u00e4ufe vorbereitet.<\/p>\n<p>Elena G\u00f3mez Garc\u00eda aus dem benachbarten Universit\u00e4tsklinikum La Paz pflichtet ihr bei. Die 48-J\u00e4hrige ist eigentlich Gesichts- und Kieferchirurgin, doch wie fast alle \u00c4rztinnen und \u00c4rzte k\u00fcmmert sie sich jetzt fast ausschlie\u00dflich um Covid19-Patienten. Noch ist es in Spanien nicht so schlimm wie in Italien, wo teils strikt nach Alter entschieden wird, ob ein Patient ans Beatmungsger\u00e4t angeschlossen wird oder nicht &#8211; doch G\u00f3mez f\u00fcrchtet, dass sich das bald \u00e4ndert. Um die Erkrankten behandeln zu k\u00f6nnen, nutzen die Kliniken inzwischen auch Beatmungsger\u00e4te aus den Operationss\u00e4len und haben alle nicht lebensnotwendigen Operationen verschoben. Aber die Ressourcen &#8211; sowohl die personellen wie auch die materiellen &#8211; sind knapp.<\/p>\n<p>Jes\u00fas Padilla sagt,<br \/>\ndas sei eine direkte Folge der schweren Wirtschaftskrise, die das Land<br \/>\nvor einigen Jahren im Griff hatte. Padilla, ein Hausarzt aus dem<br \/>\nMadrider Norden, gilt als profilierter Kritiker der spanischen<br \/>\nGesundheitspolitik. Er hat ein Buch geschrieben mit dem plakativen Titel<br \/>\n<em>Wen werden wir als n\u00e4chstes sterben lassen?<\/em> und keinen Zweifel<br \/>\ndaran, wer haupts\u00e4chlich f\u00fcr die dramatische Situation in den<br \/>\nKrankenh\u00e4usern verantwortlich ist: die Regierung. Sie habe w\u00e4hrend der<br \/>\nWirtschaftskrise ab dem Jahr 2010 versucht, das Land mit rigiden<br \/>\nSparma\u00dfnahmen im Sozialbereich krisenfit zu machen \u2013 mit fatalen Folgen,<br \/>\nsagt Padilla. &#8220;Das Virus hatte hier ein leichtes Spiel, weil es auf ein<br \/>\ngeschw\u00e4chtes System traf.&#8221;<\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p>Um<br \/>\nPersonal zu sparen, wurden damals Stellen im Gesundheitswesen nicht neu<br \/>\nbesetzt. Allein in Madrid seien in sieben Jahren 3.000 Stellen<br \/>\nweggefallen, sagt Padilla. Noch heute gibt die Hauptstadtregion, eine<br \/>\nder wohlhabendsten des Landes, nur 3,7 Prozent ihres<br \/>\nBruttosozialprodukts f\u00fcr das Gesundheitssystem aus, im spanischen Mittel<br \/>\nsind es 5,4 Prozent. Padilla nennt das einen Skandal.<\/p>\n<p>Zwar<br \/>\nwurde der Einstellungsstopp im Gesundheitswesen seit 2017 sukzessive<br \/>\nzur\u00fcckgenommen, aber der Standort Spanien ist f\u00fcr \u00c4rztinnen und \u00c4rzte<br \/>\nwenig attraktiv. 5.400 \u00c4rzte, \u00c4rztinnen, Krankenpfleger fehlen. Mit<br \/>\neinem durchschnittlichen Nettoverdienst von 2.500 Euro liegt der<br \/>\nDurchschnittslohn im europ\u00e4ischen Vergleich am unteren Ende der Skala,<br \/>\ndas Durchschnittsalter dagegen ist hoch. &#8220;Junge und ehrgeizige<br \/>\nAbsolventen sind in letzter Zeit massiv ins Ausland abgewandert&#8221;, sagt<br \/>\nPadilla. &#8220;Auch das f\u00fchrt dazu, dass die \u00c4rzte in Spanien vergleichsweise<br \/>\nalt sind \u2013 das r\u00e4cht sich jetzt.&#8221; Denn mit hohem Alter steigt auch das<br \/>\nInfektionsrisiko, zw\u00f6lf Prozent der Covid19-Patienten sind Menschen, die<br \/>\nim Gesundheitssektor arbeiten.<\/p>\n<h2>Drei Masken f\u00fcr f\u00fcnf Pflegende<\/h2>\n<p>Hinzu<br \/>\nkommt der Materialmangel. Bei ihrem letzten Sp\u00e4tdienst h\u00e4tte es f\u00fcr<br \/>\ndrei Krankenschwestern und zwei Pfleger im Krankenhaus Ram\u00f3n y Cajal,<br \/>\neiner der spanischen Vorzeigekliniken, lediglich drei<br \/>\nFFP2-Atemschutzmasken gegeben, sagt die Krankenschwester Contreras. Die<br \/>\nKittel desinfiziere man einmal t\u00e4glich selbst. &#8220;Diese Hygienebedingungen<br \/>\nmachen uns alle nerv\u00f6s: Schlie\u00dflich haben viele von uns \u00e4ltere Menschen<br \/>\nzu Hause \u2013 und das Letzte, was wir wollen, ist, sie anzustecken.&#8221; F\u00fcr<br \/>\ndie \u00c4rzte sehe das Protokoll, das die Erstdiagnose von Halsschmerzen und<br \/>\n\u00e4hnlichen Erkrankungen regelt, inzwischen gar keinen Mundschutz mehr<br \/>\nvor. &#8220;Ich habe den Eindruck, dass das Hauptkriterium f\u00fcr die Protokolle<br \/>\ninzwischen das Material ist \u2013 und nicht die tats\u00e4chlichen<br \/>\nErfordernisse.&#8221;<\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p>Wurde<br \/>\nwegen der knappen Ressourcen in Spanien zu wenig und zu sp\u00e4t getestet?<br \/>\nWurde das Personal zu sp\u00e4t aufgestockt? Der Alarmzustand zu z\u00f6gerlich<br \/>\nverh\u00e4ngt? Elena G\u00f3mez Garcia seufzt am Telefon. &#8220;Wir wissen es einfach<br \/>\nnicht&#8221;, sagt die \u00c4rztin. &#8220;Uns fehlen noch zu viele Daten f\u00fcr eine<br \/>\neindeutige Diagnose.&#8221; Noch steigt die Epidemiekurve rapide an. Allein<br \/>\nf\u00fcr den Dienstag vermeldete das Gesundheitsministerium 514 Todesf\u00e4lle.<br \/>\nEs ist ein neuer Rekord.<\/p>\n<p>Greifen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2020-03\/ausgangssperren-spanien-coronavirus-quarantaene-infektionsschutz\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">die Ma\u00dfnahmen der Regierung gegen die Pandemie<\/a>,<br \/>\nwird die Kurve in den n\u00e4chsten Wochen abflachen. Doch \u00fcberstanden sei<br \/>\ndie Corona-Krise damit noch lange nicht, glaubt Nieves Contreras. Die<br \/>\nSzenen, die sie in ihrer Klinik erlebt, gehen ihr nicht mehr aus dem<br \/>\nKopf. Sie f\u00fcrchtet einen drastischen Anstieg von Depressionen und<br \/>\nanderen psychischen Krankheiten. &#8220;Es gibt so viele Menschen, die sich<br \/>\nnicht von ihren Angeh\u00f6rigen verabschieden konnten und allein mit Trauer,<br \/>\nAngst, Verzweiflung zurechtkommen m\u00fcssen.&#8221; Die Wirtschaft werde sich<br \/>\nirgendwann erholen, aber die gesundheitlichen Langzeitfolgen k\u00f6nnten<br \/>\nSpanien noch lange besch\u00e4ftigen \u2013 in der Gesellschaft und in der<br \/>\nPolitik.<\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p>Jes\u00fas<br \/>\nPadilla versucht sich derweil in Zweckoptimismus. &#8220;Wenn die akute Phase<br \/>\nder Krise vorbei ist, m\u00fcssen wir alles tun, um unser Gesundheitssystem<br \/>\nauszubauen und robuster zu machen&#8221;, sagt der Gesundheitsexperte. &#8220;Nur<br \/>\ndann werden wir f\u00fcr die Zukunft gewappnet sein.&#8221; Denn die n\u00e4chste<br \/>\nPandemie kommt bestimmt.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118051","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118051","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118051"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118051"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118051"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}